Ein Mitarbeiter von Gazprom nahe der ukrainischen Grenze: Künftig soll russisches Gas über die Türkei und Griechenland nach Europa kommen.Foto: Maxim Shipenkov/Archiv/dpa

Neue Studie: Gasembargo treibt Wirtschaft in historische Krise

Von 13. Mai 2022 Aktualisiert: 13. Mai 2022 16:09
Eine neue Studie zum umstrittenen Gasembargo belegt die schwerwiegenden Folgen für die gesamte EU und untermauert die Bedenken verschiedener Experten. Prof. Tom Krebs der Uni Mannheim warnt: Es „könnte auch zu einer Wirtschaftskrise führen, wie sie (West-)Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg nicht erlebt hat". Laut Präsident der Bundesnetzagentur sind die Speicher so gut wie leer. Eon-Chef Birnbaum schätzt: Deutschland bräuchte drei Jahre, um unabhängig von russischen Energieimporten zu sein.

In einer am Montag veröffentlichten Studie untersucht der Wissenschaftler Professor Tom Krebs von der Universität Mannheim die Folgen eines sofortigen Lieferstopps russischen Erdgases für Deutschland und liefert genaue Zahlen. Sein Fazit: Ein abrupter Versorgungsstopp russischer Gaslieferungen würde die deutsche Wirtschaft stärker treffen als die Corona- oder die Finanzkrise.

„Schließlich würde ein sofortiges Erdgasembargo auch dauerhafte wirtschaftliche Schäden verursachen, weil es Produktionspotenziale reduziert und Wachstumskräfte schwächt. Die Berechnungen der wirtschaftlichen Folgen eines Erdgasembargos sind mit großer Unsicherheit verbunden, die über das normale Maß an Unsicherheit ökonomischer Studien hinausgeht.“

Die Produktion in Deutschland würde in den ersten zwölf Monaten um 114 bis 286 Milliarden Euro einbrechen, was einem Verlust von rund 3 bis 8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts entspräche.

Sechs Industriezweige sind stark abhängig von Erdgas

In der deutschen Industrie seien sechs Industriezweige von Erdgas abhängig, die wiederum Schlüsselprodukte herstellen: Chemie, insbesondere Grundstoffchemie, Metallerzeugung und – bearbeitung sowie Gießerei, Glas und Keramik, Steine und Erden, Ernährung, das Papiergewerbe und der Maschinen- und Fahrzeugbau.

Für diese Industriezweige ist Erdgas ein essenzieller und schwer ersetzbarer Inputfaktor im Produktionsprozess“, schreibt Krebs.

Ein Produktionsrückgang beziehungsweise Stillstand beispielsweise in der Grundstoff- oder Metallindustrie würde zu Unterbrechungen in den nachgelagerten Produktionsketten führen und so auf die gesamte Wirtschaft ausstrahlen.

Die deutsche Wirtschaft stehe nach zwei Pandemie-Jahren und globalen Lieferkettenproblemen ohnehin unter Stress. Auch die sozialen Folgen einer derart zugespitzten Energiekrise wären mit hoher Wahrscheinlichkeit gravierender als 2009 oder 2020, schätzt Prof. Krebs. Denn die höheren Energiepreise und die allgemeine Unsicherheit würden dafür sorgen, dass die Verbraucher weniger Geld für andere Güter ausgeben könnten.

Ex-Eon-Chef: „Wir müssen den Menschen die Wahrheit sagen!“

Jurist, Volkswirt und Ex-Eon-Chef Johannes Teyssen hält ein Gasembargo zum jetzigen Zeitpunkt für „hochgefährlich“ und „unverantwortlich“. Es ginge nicht um kleine Einsparungen oder Einschnitte wie beispielsweise weniger zu heizen, weniger Auto zu fahren oder 10 Cent mehr an der Säule zu zahlen, sondern um einen weitgehenden Zusammenbruch der industriellen Grundstruktur.

Laut Teyssen ist Gas ein nicht ersetzbarer Rohstoff für bestimmte Produkte und könne nicht, wie erhofft, aus Amerika oder dem Mittleren Osten in beliebigen Mengen ersetzt werden, erklärt er in einem Interview mit „Mission Money„. „Die Mengen sind einfach nicht vorhanden.“ Auch beim Strom sieht er Engpässe und damit verbundene Preissteigerungen für die nächsten 5 bis 6 Jahre. „Wir haben in Europa einfach nicht die Kapazität.“

Bisher seien die Preiserhöhungen, die in der Industrie bereits um ein Vierfaches gestiegen sind, noch nicht in den Privathaushalten angekommen. Eine längerfristige Preiswelle komme auf alle Bereiche zu. „Wir müssen den Menschen die Wahrheit sagen: Wir reden von längerfristigen höheren Preisen, von spürbar höheren Preisen.“ Für die sozial Schwächeren sei dies eine enorme Belastung.

Die Energiekrise findet nach Aussagen des Ex-Eon-Chefs „präzise nur in Europa statt“. „Es ist eine europäische und zum Teil hausgemachte Krise“, die im vierten Quartal 2021 begonnen hat. „Der Ukraine-Krieg hat die Dinge verschärft, die Energiekrise hat völlig unabhängig davon begonnen.“ Teyssen sieht eine Zeitenwende, die eine ganze Generation prägen wird.

Durch Einsparungen „Putin ein Schnippchen schlagen“

Präsident der Bundesnetzagentur Klaus Müller ruft zum Sparen auf: „Die Frage, ob man tatsächlich noch siebenmal die Woche warm duschen müsste, mit einer Gasheizung, die müsste man sich dann noch einmal neu stellen“, sagte er in der Sendung „Frühstart“ bei RTL.

Denn selbst mit den derzeitigen Speichermengen und den Alternativen aus Norwegen würde Deutschland nur bis Ende des Sommers oder Anfang Herbst auskommen. Dann wären die Speicher komplett leer. Deshalb müsse man jetzt schon deutlich einsparen. „Alles, was heute einen Kubikmeter Gas spart, ist gut – das gilt sowohl für private Haushalte als auch für die Industrie“.

Jeder ist also heute schon dazu aufgerufen, Gas zu sparen und wenn man das nicht aus Klimaschutzgründen tun möchte, dann um den Geldbeutel zu schonen oder aber um Putin und dem russischen Gas ein deutliches Signal, ein Schnippchen zu schlagen, sagte Müller bei RTL. Eine klare Ansage an alle Bürger: Spart beim Heizen! 17 oder 18 Grad müssen derzeit zu Hause reichen!

Habeck: „Wir werden uns aber natürlich selbst schaden.“

Habeck erklärt: „Wir werden uns aber natürlich selbst schaden. Das ist ja völlig klar.“ Und weiter „Der Sinn von Sanktionen ist es, dass eine Gesellschaft, in diesem Fall die europäische Gesellschaft, Lasten trägt. Die Wirtschaft, die Verbraucher, die Konsumenten. Alle werden einen Beitrag leisten müssen.“

Es sei undenkbar, dass Sanktionen ohne Folgen für die eigene Volkswirtschaft beziehungsweise die eigenen Preise sind. „Wir werden höhere Inflation, höhere Energiepreise und eine Belastung der Wirtschaft haben. Und wir sind als Europäer dazu bereit, die zu tragen, um der Ukraine zu helfen. Aber kostenlos ist es nicht möglich, das hinzubekommen. Es wird Härten geben und die Härten werden getragen werden müssen.“

Bystron: „Scheitern der Russland-Politik und Bruch des Amtseides“

Zu den Äußerungen von Wirtschaftsminister Robert Habeck erklärt der außenpolitische Sprecher der AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag, Petr Byston: „Die Aussagen von Habeck sind eine Bankrotterklärung der Regierung. Der Wirtschaftsminister gesteht damit nicht nur das Scheitern seiner Russland-Politik ein, sondern auch den Bruch seines Amtseides, der ihn dazu verpflichtet, zum ‚Wohle des deutschen Volkes‘ zu arbeiten, ‚seinen Nutzen mehren und Schaden von ihm abzuwenden.‘“

Weiterhin erklärt Byston „Der Sinn von Sanktionen sollte sein, dass man das sanktionierte Land dazu zwingt, sein Verhalten zu ändern.“ Russland sollte also gezwungen werden, den Krieg in der Ukraine zu beenden. Doch laut Bystron seien die Sanktionen dazu völlig untauglich.

Russland substituiere die Importe aus anderen Ländern, es könne seine Exporte umleiten in andere Länder und die Umstellung der Wirtschaft könne das Land auch stemmen, weil es riesige Finanzreserven habe. „Die Sanktionen erreichen überhaupt nicht das bezweckte Ziel und das ist genau das, was die AfD von Anfang an gesagt hat.“

Eon-Chef Birnbaum: „Ein Gasembargo könnte Europa zerreißen“

Ein Gasembargo würde nicht nur Deutschland hart treffen, Europa hätte ein massives Problem, gibt Eon-Chef Leonhard Birnbaum in einem Interview mit „Handelsblatt“ zu bedenken. „Zum Beispiel ist die Slowakei komplett abhängig vom russischen Gas, und Länder wie Tschechien und Österreich beziehen heute den größten Teil ihres Erdgases aus Russland.“ In vielen anderen Ländern der EU sei es mindestens ein gewichtiger Anteil.

„Wenn wir glauben, wir könnten die deutsche Versorgung sicherstellen, ohne uns auch gemeinsam um die anderen Staaten zu kümmern, dann wird das die EU zerreißen.“ Seiner Einschätzung nach bräuchte Deutschland drei Jahre, um unabhängig von russischen Energieimporten zu sein.



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