Älteste Operation am menschlichen Ohr in Spanien nachgewiesen
Archäologen fanden in einem spanischen Steingrab den frühesten Nachweis einer OP am menschlichen Ohr. Das Resultat: Operation gelungen, Patientin lebt(e).Foto: Díaz-Navarro, Tejedor-Rodríguez et al. (2022), https://doi.org/10.1038/s41598-022-06223-6/CC BY 4.0

Älteste erfolgreiche Ohren-OP vor mehr als 5.000 Jahren entdeckt

Von 16. März 2022 Aktualisiert: 21. März 2022 15:55
In einem mehr als 5.000 Jahre alten Steingrab in Nordspanien entdeckten Archäologen den frühesten Nachweis für eine Operation am menschlichen Ohr. Der Schädel der jungsteinzeitlichen Frau weist links und rechts mit Steinwerkzeugen gebohrte Löcher auf, sie dienten wahrscheinlich zur chirurgischen Behandlung einer Mittelohrentzündung. Und zwar erfolgreich, die Patientin überlebte.

In dem Steingrab „El Pendón“ in Reinoso (Nordspanien) haben Archäologen den ältesten Nachweis für eine Operation am menschlichen Ohr entdeckt. Seit dem 4. Jahrtausend vor Christus wurden in dem Grab über 1.000 Jahre lang rund 100 Menschen bestattet. Sie alle litten zu ihren Lebzeiten an verschiedenen Krankheiten und Verletzungen. Besonders erstaunlich ist jedoch der Schädel einer älteren Frau. Dieser weist nämlich im Bereich der Ohren jeweils ein gebohrtes Loch im Knochen auf.

Außerdem zeigt der Schädelknochen Heilungsspuren, was darauf hindeutet, dass die Patientin einen längeren Zeitraum nach der Operation noch lebte. Ein Meilenstein in der jungsteinzeitlichen Welt, denn Medikamente, moderne Untersuchungsmethoden und hochpräzise sterile Instrumente gab es noch nicht. Nichtsdestotrotz schaffte es der prähistorische Chirurg, die Krankheit und ihre Ursache zu erkennen und erfolgreich zu behandeln.

In dem Fachblatt „Nature“ berichten die Forscher um Sonia Díaz-Navarro von der Universität Valladolid über ihre aktuelle Entdeckung.

Mittelohrentzündung durch Operation erfolgreich behandelt?

Als die Archäologen im Juli 2018 den stark beschädigten Schädel in Nordspanien bargen, ahnten sie vermutlich noch nichts von der medizinischen Sensation. Bei anschließenden anthropologischen Untersuchungen dann die Überraschung: Der Schädel stammt von einer Frau im mittleren bis hohen Alter (35-50 Jahren) und besaß am linken und rechten Warzenfortsatz (lat. Processus mastoideus) je ein Loch. Diese entstanden jedoch nicht durch Zufall, sondern wurden absichtlich von den Menschen hineingebohrt – eine Praxis, die in der Forschung als Trepanation bezeichnet wird.

Doch was genau machte diesen Eingriff notwendig? Laut den Forschern litt die Frau einst an einer Mittelohrentzündung, die zu einer eitrigen Entzündung des Warzenfortsatzes (sog. Mastoiditis) führte. Im Rahmen der Operation entfernte der prähistorische „Arzt“ diese angegriffenen und eitrigen Bereiche im Knochen, so die Forscher. Wäre diese Infektion unbehandelt geblieben, hätte sie zu Hörverlust und später sogar zu einer Hirnhautentzündung führen können.

Ein riskanter Schritt, denn in Ermangelung von Medikamenten oder angemessenen chirurgischen Bedingungen nahmen derartige Eingriffe in der Vorgeschichte oft ein tragisches Ende. Dies scheint bei der Frau aus El Pendón jedoch nicht der Fall gewesen zu sein. So zeigt der angebohrte Knochen Anzeichen für eine Heilung, da die Ränder der Löcher glatt und rund sind. Der Körper hatte also nach dem Eingriff noch eine längere Zeit, um dem Knochen nachzubilden.

Wie lange die Frau nach der erfolgreichen Operation noch lebte, können die Forscher nicht sagen. Außerdem ist unklar, ob beiden Ohren unmittelbar nacheinander oder in einem Abstand von mehreren Monaten oder gar Jahren operiert wurden.

Krankheit und Behandlung weit bekannt

Mittelohrentzündungen sind häufige Krankheiten des modernen Menschen. So erwähnen Papyrusschriften das Auftreten der Krankheit bereits im alten Ägypten und Mesopotamien. Wesentlich älter seien dagegen Funde aus dem altsteinzeitlichen Kurdistan (Neandertaler „Shanidar 1“) und dem mittelsteinzeitlichen Südafrika (der „Boskop-Mann“). Die meisten Erkrankungen dieser Art entdeckten Archäologen in der folgenden Jungsteinzeit und der Bronzezeit.

Hinweise auf ähnliche chirurgische Behandlungen von akuten Ohrinfektionen (sog. Mastoidektomie) stammen von der griechischen Insel Thassos (4. bis 7. Jahrhundert), aus Kroatien (11. Jahrhundert), Italien und Dänemark (18. bis 20. Jahrhundert). Die erste Beschreibung eines derartigen Eingriffes ist mehr als 1.000 Jahre jünger und stammt von dem französischen Arzt Jean Riolan dem Jüngeren.

Der älteste Nachweis für die chirurgische Praxis der Trepanation stammt ebenfalls aus der Mittelsteinzeit, wie Funde aus der Ukraine, aus Portugal und Nordafrika belegen. Auch hier sind aus den späteren Epochen der Jungsteinzeit und der Bronzezeit bislang die meisten Fälle bekannt. Vergleichbare Ereignisse finden sich jedoch auch bereits ganz in der Nähe von El Pendón. So wurden im 40 Kilometer entfernten Steingrab von Las Arnillas nahe dem Dorf Sedano an fünf Schädeln bis zu sechs Trepanationen nachgewiesen. Eindeutige Hinweise für einen möglichen Grund der Operation gab es in diesen Fällen nicht.

Operation mit glühend-heißem Steinwerkzeug?

Ein Rätsel bleibt jedoch weiterhin, mit welchem Werkzeug der prähistorische „Chirurg“ die Operation durchführte. Angesichts der Tatsache, dass im jungsteinzeitlichen Spanien Metalle und ihre Verwendung noch nicht bekannt waren, musste der Eingriff mit einem kratzenden oder schneidenden Instrument aus Stein durchgeführt worden sein, so die Forscher. Dies belegen die wenige Millimeter kurzen und v-förmigen Schnittspuren auf der linken Schädelseite.

In dem Grab fanden Archäologen tatsächlich mehrere Steinwerkzeuge, die als Grabbeigaben neben den Toten deponiert wurden. Die meisten waren aus Feuerstein unterschiedlicher Herkunft und zu Klingen, Mikrolithen oder Pfeilspitzen gearbeitet worden. Eines dieser Werkzeuge zeigt zudem Spuren von Erhitzung. Ob eine dieser Beigaben als Operationsinstrument diente, können die Forscher nicht mit Sicherheit sagen. Ohne (moderne) Narkose war diese Prozedur jedoch gewiss schmerzhaft.

Ebenfalls möglich sei die Anwendung und Praxis der Kauterisation während der Operation. Die Kauterisation ist ein operatives Verfahren, bei dem mit einem Brenneisen (dem Kauter) schadhaftes Gewebe durch Hitze abgetötet oder Blutungen gestoppt werden konnten. Diese Behandlungsmethode war vor allem im Mittelalter sehr beliebt und ist häufig angewendet worden. Funde aus Frankreich und von den Kanarischen Inseln belegen die Verwendung von Steininstrumenten zum Kauterisieren und zur Durchführung von Trepanationen auch schon in der Jungsteinzeit.

Eingriff ohne Betäubung?

Um diesen chirurgischen Eingriff durchführen zu können, musste die betroffene Person entweder von anderen Mitgliedern der Gemeinschaft gefesselt werden oder ihr zuvor eine psychotrope Substanz verabreicht werden, um die Schmerzen zu lindern oder gar das Bewusstsein zu verlieren. Bereits aus der prähistorischen Zeit gibt es Hinweise auf die Verwendung von Pflanzen mit natürlichen schmerzstillenden und antibiotischen Eigenschaften (u.a. Minze, Baldrian, Rosmarin oder Brennnesseln).

Weiterhin waren die Wirkung und Nutzung von psychoaktiven Drogen wie Opium oder Hyoscyamin bekannt. So berichten mittelalterliche Ärzte beispielsweise davon, dass sie ihren Patienten mit Opium und Alraunensaft getränkte Schwämme verabreichten. Diese sollten sie vor der Operation schläfrig machen und die anschließenden Schmerzen betäuben. Auch die Betäubung mit Alkohol war in dieser Zeit beliebt.

Noch ältere Schriftquellen, die bis in die Römerzeit zurückreichen, beschreiben die Rezeptur eines Beruhigungsmittels namens „Dwale“. Dieses Gebräu besteht aus Ebergalle, Opium, Alraunensaft, Wasserschierling (Cicuta virosa) und Essig – teils tödlichen Substanzen. Auch wenn die jungsteinzeitlichen Menschen wahrscheinlich dieses Rezept nicht kannten, könnten unsere Vorfahren ähnliche Mittel oder Pflanzen durchaus gekannt haben.

Eine der ältesten physischen Möglichkeiten, eine Betäubung herbeizuführen, ist die Technik der Kompression, bei der Druck auf Arterien oder Nerven ausgeübt wird, um jemanden bewusstlos zu machen oder ein Taubheitsgefühl in den Gliedmaßen zu verursachen. Wenngleich diese Technik ihren Ursprung wahrscheinlich im antiken Griechenland hat, könnte diese Technik ebenfalls bereits früher bekannt gewesen sein.

Von Menschen, die Steingräber und Stonehenge hervorbrachten

Bereits seit 2016 graben die Archäologen das Steingrab in Reinoso aus. Die Erbauer dieses Grabes gehörten einst zu einer Gruppe von Menschen, die Archäologen heute der Megalithkultur zuordnen. Neuesten Erkenntnissen zufolge lag der Ursprung dieser Kultur um 5000 vor Christus im heutigen Frankreich und Spanien. Später verbreitete sie sich entlang der Westküste Europas weiter nach Norden bis nach Großbritannien und Südskandinavien. Die Menschen lebten in dieser Zeit als sesshafte Bauern und Viehzüchter.

Besonders bekannt ist die Kultur jedoch für ihre monumentalen, teilweise noch heute stehende Bauten. Denn für diese Zeit und Kultur typisch, bestatteten die Menschen ihre Toten in sogenannten Dolmen, eine Form der Megalithgräber. Meist aus Findlingen gebaut, bestehen sie aus mindestens zwei stehenden und einem liegenden Stein. Das wohl berühmteste und faszinierendste Monument dieser Art steht noch heute in Salisbury (England) und begeistert jährlich Tausende Besucher: Stonehenge. Es zeigt einmal mehr das architektonische, mathematische und astronomische Wissen der jungsteinzeitlichen Menschen.

So verwundert es viele Wissenschaftler nicht, dass die Menschen zu dieser Zeit auch ein erhebliches medizinisches Wissen besaßen. Doch woher hatten die Menschen dieses Wissen? Zwei Forscher vertreten in ihrer 2018 erschienenen Studie die Theorie, dass möglicherweise Tiere als Versuchsobjekte verwendet wurden, bevor derartige Operationen beim Menschen angewendet wurden.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Epoch Times Wochenzeitung, Ausgabe Nr. 36, vom 19. März 2022.



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