Ist das Böse weiblich? Gerichts-Psychiaterin auf der Suche nach den „Schuldigen“

Verblüffende Einblicke bei der psychiatrischen Begutachtung von Verbrechen öffnen Hanna und Nora Ziegert in ihrem Buch „Die Schuldigen“. Sie nennen es einen Bericht über „Wahre Verbrechen. Echte Täterinnen. Und das, was sie menschlich macht.“

Die 1953 in Berlin geborene Psychiaterin und Lehranalytikerin Dr. Hanna Ziegert arbeitet seit Jahrzehnten in eigener Praxis in München und als Gutachterin bei Gerichtsprozessen. Aus der Fülle ihrer empathischen Begegnungen mit Strafgefangenen hat sie gemeinsam mit ihrer Tochter Nora Ziegert, promovierte Juristin und angehende Notarin, ein Buch zusammengestellt, das dem Leser Einblick geben soll in das Leben von schicksalhaften Tätern und Opfern.

Hanna Ziegert: „Das Buch ist insofern etwas Besonderes, als wir es als Mutter und Tochter gemeinsam gestalten konnten. Wir finden es insbesondere spannend, dass wir in dieser Konstellation über die Destruktivität von Frauen berichten. Außerdem erzählt erstmals eine psychiatrische Gutachterin aus ihrem beruflichen Alltag.

Der Beitrag, den Frauen zu Verbrechen leisten, findet oft nicht ausreichend Beachtung. Unsere Gesellschaft mag vordergründig männer-dominiert sein – hintergründig ist sie männer-feindlich. Nicht nur im Umgang mit Straftätern wird deutlich, dass wir allzu oft Mann und Frau in bewährte Täter- und Opferrollen einordnen, ohne ihr Handeln im Einzelnen zu hinterfragen.“

Sprungbrett in die Gedankenwelt einer Seelenkundigen

Wahre Verbrechen. Echte Täterinnen. Und das, was sie menschlich macht. Dies sind die in großen roten Lettern zu lesenden Worte im Innenteil des Bucheinbands. In der Tat ein wenig reißerisch à la Tatort-Krimi. In der Einleitung wird man direkt mit der Überschrift konfrontiert: „Ist das Böse weiblich?“ Eine sehr gewagte Mutmaßung.

„Wenn Sie sich mit uns auf der Suche nach den Hintergründen von Straftaten begeben, wird Ihnen möglicherweise auffallen, dass das Innere unseres Buches andere Begrifflichkeiten verwendet als sein Äußeres. ‚Schuld’ und ‚Unschuld’, ‚gut’ und ‚böse’ – das sind Maßstäbe, die Juristen, Journalisten und eine von Verbrechen faszinierte Öffentlichkeit an Straftäter anlegen. Mir als Psychiaterin sind diese Kategorien fremd …

Mein Anliegen und meine Aufgabe ist es, ausschließlich Zusammenhänge zu verstehen, Ursachen im Sinne einer psychischen Erkrankung zu erkennen und die erkannten Gefahren im Idealfall zu bannen. Dennoch haben wir uns entschlossen, Titel und Werbung für dieses Buch mit den uns fremden Kategorien ‚Schuld’ und ‚böse‘ zu versehen. Wir verstehen diese Begriffe als eine Art Treffpunkt mit unseren Lesern und bieten sie ihnen als Sprungbrett in unsere Gedankenwelt …“

Frauen – die Grundursache vieler Verbrechen?

Seit über dreißig Jahren macht Dr. Hanna Ziegert Gutachten für Strafprozesse. Sie besucht die Angeklagten in den Gefängnissen und führt lange Gespräche, vermittelt Empathie und Vertrauen, um ihr Gegenüber besser zu verstehen. Acht Geschichten aus ihrem Berufsleben werden in dem Buch ausführlich erzählt. Alle Geschichten verbindet, dass auf irgendeine Art und Weise eine Frau erheblichen Einfluss auf das Geschehen ausübt.

„Man ist sogar versucht, in einigen der Frauen ausschließlich ‚Opfer’ zu sehen. Tatsächlich aber tragen sie alle ihren Teil zur Entstehung des Verbrechens bei. Thesen dieser Art habe ich in der Vergangenheit immer wieder vertreten – gegenüber meinen juristischen Auftraggebern, gegenüber den von einer Tat betroffenen Personen und gegenüber Medienvertretern. Dabei habe ich festgestellt, dass sich die Menschen schwertun mit dem Gedanken, eine Frau könne mit emotionalen Mitteln eine Straftat gefördert haben …

Im Umgang mit den Geschichten in diesem Buch ist es uns wichtig, unsere Bedeutung als Frauen, die wir Söhne haben oder noch bekommen wollen, im Hinterkopf zu behalten. Wir alle schicken mögliche Täter ins Leben hinaus. Möge diese Sammlung von Fallgeschichten dazu beitragen, die Debatte um die Rolle der Frauen im Kontext von Verbrechen, die ich seit vielen Jahren im Gerichtssaal führe, nun auch auf einer anderen gesellschaftlichen Ebene fortzusetzen. Schauen Sie mit uns den Menschen in die Seele – und entscheiden Sie selbst, was Sie darin entdecken.“

Die bayerische Justiz auf Distanz zu Hanna Ziegert

Ich weiß nicht, ob ich mich jemals begutachten lassen würde“, sagte Dr. Hanna Ziegert am 15. August 2013 in der TV-Talkrunde bei Reinhold Beckmann. Weil sie sich in einer Fernsehsendung zum Fall Gustl Mollath kritisch über die bayerische Justiz und die psychiatrische Begutachtung von Straftätern geäußert hatte, bekam sie in München berufliche Probleme.

Die Staatsanwaltschaft München I hatte Dr. Hanna Ziegert in mehreren Verfahren „wegen Besorgnis der Befangenheit“ abgelehnt. Die Staatsanwaltschaft habe „Grund zu der Annahme, dass die Sachverständige eine innere Haltung hat, die ihre Unparteilichkeit und Unvoreingenommenheit störend und nachhaltig beeinflussen kann“, heißt es in der von Staatsanwalt Bernhard Pichl unterzeichneten Ablehnungsverfügung.

Viele Gutachter seien darauf angewiesen, Aufträge von der Staatsanwaltschaft zu bekommen, und achteten deshalb darauf, „nicht in Ungnade zu fallen“. Das seien „Dinge, die jedem, der in der Szene arbeitet, ganz genau bekannt sind … Ich habe das Gefühl, dass die Bedingungen, der Maßregelvollzug in Bayern, vielleicht doch etwas anders ist als in anderen Teilen Deutschlands. Ich habe manchmal das Gefühl, es geht um Mailand und Sizilien, und Bayern wäre dann Sizilien.“

Die Süddeutsche Zeitung vom 5. September 2013 schrieb:

Als forensische Gutachterin wird die Psychiaterin Ziegert von der Münchner Staatsanwaltschaft seit Jahren regelrecht boykottiert. Die Wurzeln dafür liegen in den 1990er-Jahren, als der mittlerweile pensionierte Richter Jürgen Hanreich Vorsitzender des Münchner Schwurgerichts war. Hanreich war dafür bekannt, dass er äußerst ungehalten auf Gutachter reagierte, die einem Angeklagten eine verminderte oder fehlende Schuldfähigkeit attestierten. 1996 hatte Hanreich deshalb in einem spektakulären Mordprozess Ziegert wegen angeblicher Befangenheit abgelehnt.

Die Staatsanwaltschaft hatte daraufhin sogar ein Ermittlungsverfahren gegen Ziegert wegen des Verdachts der versuchten Strafvereitelung eingeleitet. Mehrere renommierte Gerichtspsychiater und Strafrechtler kamen allerdings zu dem Ergebnis, dass Ziegert tadellos gearbeitet hatte. Das Ermittlungsverfahren wurde mangels Tatverdacht eingestellt, aber Hanna Ziegert bekam fortan von der Münchner Staatsanwaltschaft keine Gutachtenaufträge mehr.

Für das Mysterium PSYCHE gibt es keine verbindlichen Maßstäbe

Erinnert sei an den Psychotherapeuten Martin Miller, der seine Mutter Alice Miller entmystifizierte mit seinem autobiographischen Buch: „Das wahre Drama des begabten Kindes“, Untertitel: „Die Tragödie Alice Millers – wie verdrängte Kriegstraumata in der Familie wirken“.

Die Kinderpsychologin Alice Miller (1923 – 2010) setzte sich zeitlebens für geschlagene Kinder ein, schützte ihren Sohn aber nicht vor dem gewalttätigen Vater. Dennoch wollte Martin Miller, 1950 in Zürich geboren und dort als Therapeut beruflich tätig, mit seiner Mutter nicht abrechnen. Sprachlich differenziert und distanziert, ohne Triumph über die Tote, die sich am 14. April 2010 in Saint-Rémy-de-Provence das Leben nahm, nähert sich Miller den Ursachen der Verstrickung von Mutter und Sohn, die zeitweise ungeheuerliche, nahezu psychotische Dimensionen erreichte.

Im Jahr 1979 war im Frankfurter Suhrkamp-Verlag das sensationelle Buch erschienen, „Das Drama des begabten Kindes“, der polnisch-jüdischen Psychologin Alice Miller – seither in Dutzenden von Auflagen in mehr als 30 Sprachen verbreitet – ein Weltbestseller.

Hanna & Nora Ziegert

Die Schuldigen

Broschiert: 272 Seiten

Penguin Verlag (13. Juni 2017)

ISBN-10: 3328101047

Euro 13,–