Eine zweite Chance im Leben mit „Halbstark e. V.“ und im Boxsportverein

„Zweite Chance“ Unter diesem Motto stellt der Förderverein „Was wirklich zählt im Leben“ Menschen vor, die sich aus eigener Kraft aus einem Alltag voll sinnloser Gewalt, Ohnmacht, Wut und Drogen ihren Weg zurück ins normale Leben erkämpft haben und die heute für andere da sind.

Ein warmer Sommertag Ende August 2015: Ich sitze in einem gemütlichen Café am Mexicoplatz in Berlin Steffen Andritzke gegenüber, einem sympathischen Mann, der seine zweite Chance im Leben genutzt hat und sichtlich in sich ruht: Da ist nichts Gehetztes, nichts Hektisches, nichts Angstvolles oder gar Wütendes in seinem Blick, sondern er strahlt eine geradezu herzliche Zugewandtheit aus, weil er mit sich und seinem Leben zufrieden ist.

Steffen Andritzke ist heute, in seinem „zweiten Leben“, für die "Aktion Mensch" in einem Boxverein in Weimar tätig und hat den Verein „Halbstark e. V.“ gegründet. Als Sportsozialarbeiter setzt er sich für Kinder und Jugendliche ein, die aus sozial schwachen Familien und den Brennpunkten unserer Gesellschaft kommen – mehr als drei Viertel von ihnen haben einen Migrationshintergrund. Vielen von ihnen fällt es schwer, sich in ihrer neuen Heimat zu integrieren, sie können sich nicht auf Deutsch verständigen, kapseln sich ab und halten mit großer Beharrlichkeit an gewohnten Rollenbildern, überkommenen Traditionen und Verhaltensweisen fest.
Und gerade hier setzt Steffens Arbeit an: Er unterstützt diese Kinder und Jugendlichen beim Erlernen der deutschen Sprache, um ihnen die Möglichkeit zu geben, sich zu integrieren und er gibt ihnen in seinem Boxverein eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung. „Mit unseren Sportangeboten holen wir diese Kinder von der Straße und kümmern uns auch um den sozialen Bereich.
"Edison boxen" – das war alles
Vor einiger Zeit kam beispielsweise der 12-jährige Edison mit seinem Vater in den Boxsportverein. Der Kleine wehte wie ein Wetterfähnchen hinten an den Armen seines Vaters zur Tür herein“, erzählt Steffen. „Als ich die beiden frage, was ich für sie tun könne, antwortete der Vater nur: ‚Edison, boxen‘ – und das war alles. Weder er noch sein Sohn sprachen Deutsch. Aber Edison musste ja irgendwie geholfen werden. Also dachte ich mir, ich biete einen Sprachkurs an, doch dann stellte sich schon die nächste Frage, nämlich: Welche Sprache spricht er eigentlich? Ich hab mir dann eine Europakarte geschnappt und Edison gebeten, mir zu zeigen, wo er herkommt und er tippte auf Mazedonien.
Dann hab ich mich an meinen Computer gesetzt, ein Übersetzungsprogramm „Mazedonisch – Deutsch“ gesucht und mit ihm solange Vokabeln geübt,  bis er die wichtigsten Basics drauf hatte. Irgendwann hatten wir auch das Thema ‚Haare‘ und ich sagte schmunzelnd zu ihm ‚Ich habe keine Haare‘ und zeigte auf meine Glatze und Edison lachte ‚Nein, aber hier‘ und zeigte auf meine Nasenhaare. Inzwischen darf Edison in die Schule gehen, weil er sich verständigen kann“.
Die Arbeit mit "seinen Jungs"
Es ist diese Arbeit mit „seinen Jungs“, erzählt Steffen, die ihm so viel Freude bereitet, dass er hin und wieder von seinen Gefühlen überwältigt wird. Aber natürlich ist es auch anstrengend, „weil ich mir jedes Mal ein neues Konzept erarbeiten muss für das, was am dringendsten benötigt wird. Ich kann den Kindern natürlich teure Schulbücher kaufen, aber ich muss ihnen doch erst einmal grundlegende Dinge beibringen, damit sie im Leben klarkommen.
In seinem Verein „Halbstark e. V.“ geht es Steffen vor allem darum, den Kindern und Jugendlichen Werte zu vermitteln: „Vor allem Toleranz. Natürlich versuchen wir die Kinder auch zu Gutherzigkeit und Hilfsbereitschaft anzuhalten. Das heißt, wir vermitteln ihnen, dass es wichtig ist, dem anderen zu helfen, wenn der Hilfe braucht. Aber es geht auch um Ehrlichkeit und vor allem um Gewaltfreiheit. Wir sagen unseren Kindern immer, dass sie nicht kämpfen müssen.“
Steffens beherztes Engagement ist beeindruckend. Aber mindestens genauso sehr imponiert mir der Mensch, den ich in ihm kennengelernt habe: Ein Mensch, der ausgesprochen emotional ist, keine Scheu hat, Tränen zuzulassen und sich mit Herz und Seele seinem sozialen Engagement und ganz besonders den Flüchtlingskindern verschrieben hat. Natürlich will ich von ihm wissen, was es aus seiner Sicht bedarf, damit hier in Deutschland wieder eine bessere Stimmung herrscht, gerade gegenüber Flüchtlingen. „Dass jeder bereit ist, von seinen vorgefertigten Meinungen abzurücken“ sagt er und klingt dabei ungeheuer engagiert und kraftvoll, „und nicht glaubt, nur die eigene Wahrheit sei die einzig wahre. Goethe sagte einmal: ‚Wenn jeder vor seiner eigenen Haustür kehrt, ist die ganze Welt sauber‘. Genau das denke ich auch: Wenn jeder von uns bei sich selbst beginnt ’sauberzumachen‘, wenn jeder versucht, nicht mehr so egoistisch, arrogant und besserwisserisch zu sein, und jeder von uns bereit ist, auch einfach mal was Gutes zu tun, dann wird unsere Welt ein besserer Ort.“
Vieles von dem, was Steffen sagt, klingt einfach, und doch sind es gerade diese einfachen Dinge – Eigenschaften wie Mitmenschlichkeit – die uns gerade in der heutigen Zeit immer mehr abhanden kommen. Und dabei ist es doch gerade die Mitmenschlichkeit, die unser Leben lebens- und liebenswert macht. „Meine Kinder“, erzählt Steffen, „fragen mich oft, warum ich das alles für sie mache, und ich antworte dann: ‚Wenn du groß bist, machst du das für andere Kinder. Und dann wird unsere Welt ein Stück schöner.’"  
Prügeln mit den Hooligans
Nicht immer verlief Steffens Leben in solch geordneten Bahnen, nicht immer war er mit sich und der Welt, in der er lebte, so im Reinen wie heute. Es gab auch dunkle Zeiten, in denen Fanatismus und Gewalt sein Leben bestimmten, Zeiten, in denen die Hooligan-Szene sein Zuhause war, ein Zufluchtsort, den ihm die DDR nicht verwehren konnte. Und so flüchtete er in die Welt der radikalen Fußballfans, eine Welt mit scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten, eine Welt, die ihm zumindest für einen Moment Freiheit versprach, wenn auch zu einem sehr hohen Preis. Wie oft er damals mit seinen Hooligan-Freunden auf gegnerische Fans eingeprügelt hat, weiß er nicht mehr, auch nicht, was er damals dabei empfand.
„Damals“, so erzählt er mir, „stellte ich mir solche Fragen nicht, ich zog einfach los mit meinen Kumpels, wir tranken uns Mut an und prügelten uns nach dem Spiel mit anderen gewaltbereiten Fußballfans“. „Nie“, so versichert er mir, „haben wir dabei Frauen oder Kinder verletzt“ – doch wie viele junge Männer ernsthaft bei diesen „Auseinandersetzungen“ verletzt wurden, bei denen sie wenig zimperlich mit Tritten und Faustschlägen aufeinander losgingen, weiß er nicht zu sagen.
Die Gründe, warum er in dieses Milieu abgedriftet ist, sieht er heute sehr klar: „Es waren vor allem Wut und Ohnmacht. Ich wusste einfach nicht, wohin damit. Irgendwann hat mich dann mal jemand mit nach Jena genommen, zum Fußball. Und da erlebte ich das erste Mal so ein befreiendes Gefühl, weil ich auf Menschen traf, die sich ihren Freiraum im Stadion nahmen. Es war ein ganz starkes Zusammengehörigkeitsgefühl, das ich sofort spürte. Ich wusste, dass es von jetzt an in meinem Leben Menschen gibt, die zu mir halten, und dieses Gefühl war unbeschreiblich. Mein ganzes Leben bestand ja nur aus Wut, Misstrauen und Angst davor, verraten zu werden.
Und dann auch noch die Stasi
Steffen erzählt mir, dass er einen Ausreiseantrag gestellt hatte und seither von der Stasi überwacht wurde. Ständig lebte er in Angst und mit der Unsicherheit, nicht zu wissen, was die mit ihm machen würden. „Oft bekam ich Post“, berichtet er, „eine Karte, auf der stand, dass ich mich in 14 Tagen in der Abteilung Inneres einzufinden hatte. Und da machst du dir schon Gedanken, was in den nächsten 14 Tagen wohl alles passiert. Und jedes Mal, wenn ich dann aus der Abteilung Inneres wieder raus bin, haben die zu mir gesagt, ich soll mich schon mal drauf einstellen, das nächste Mal eine Zahnbürste mitzubringen, denn es könnte länger dauern. Jedes Mal haben sie mit mir und meiner Angst gespielt. Nie wusste ich, wer gerade auf mich angesetzt war und wem von meinen Freunden ich wirklich noch vertrauen kann“.
Was Steffen bei diesen ständigen Verhören empfunden hat, schildert er so: „Man geht hin und zittert am ganzen Körper. Dann öffnet man die Tür und trifft auf einen Mann, der einen verhört. Und dieser Mann stellt dir dann jedes Mal die gleichen Fragen, hält die gleiche Ansprache: ‚Setz dich doch hin. Möchtest du einen Kaffee?‘, beginnt er betont freundlich und dann kommen die bohrenden Fragen: ‚Warum bist du gegen unseren Staat?‘, ‚Bei uns gibt es keine Verfolgung.‘,  ‚Wieso willst du denn hier weg?‘, ‚Alles ist doch nur eine Erfindung vom imperialistischen Klassenfeind.‘ Und zwischendurch hat er mich dann immer gefragt: ‚Willst du eine Zigarette?‘ und ich hab geantwortet: ‚Danke, ich rauche nicht, das wissen Sie doch ganz genau.‘ Und so ging es immer weiter. Er versuchte, dich solange zu reizen, bis du etwas sagst, das dich reinreitet und sie dich einsperren können. Aber ich hatte mich ja im Griff und so kam es dann, dass er irgendwann sagte: ‚Du kannst jetzt wieder gehen.‘ und das Verhör war vorbei.
„Welche Gefühle“, frage ich Steffen, „gingen dir dabei durch den Kopf?“ „Man fühlt nichts, ist einfach nur leer, taub, ohnmächtig, fühlt sich komplett ausgeliefert. Du weißt nicht, ob sie dich gehen lassen, dich irgendwann einsperren oder jemanden auf dich ansetzen, der dich zu etwas verleiten soll.“
Die Verlockung der Drogen
Eigentlich könnte man meinen, dass Steffens Probleme, sein Leben mit der Angst und der ständigen Unsicherheit, mit dem Mauerfall der Vergangenheit angehört hätten. Schließlich gab es niemanden mehr, der ihm vorschrieb, was er zu denken hatte, der sein Leben vorbestimmte und ihm sagte, was er zu tun und was zu lassen hatte. Plötzlich hatte Steffen das, wonach er sich all die Zeit so sehr gesehnt hatte: Er war frei, das erste Mal in seinem Leben konnte er tun und lassen, was er wollte. Und doch, erzählt er mir, beeinflussten gerade in jener Zeit nach dem Mauerfall Drogen sein Leben, denn „die Wut, die mich jahrzehntelang bestimmt und geleitet hatte, die verschwindet ja nicht von jetzt auf gleich“. Bei Steffen hat dieser Prozess Jahrzehnte in Anspruch genommen.
Dass er den Ausstieg schaffte, ist vor allem seiner Starrköpfigkeit zu verdanken. „Ich hab mir irgendwann gesagt: ‚Jetzt will ich nicht mehr!‘ Natürlich war das schwer, vor allem, wenn sich dein Umfeld ja nicht geändert hat und du immer wieder aufs Neue verführt wirst, Drogen zu nehmen. Doch mir war vollkommen klar: Wenn ich meinen Vorsatz breche, werde ich es nie schaffen von den Drogen, die meinen Körper und den Geist kaputt gemacht haben, loszukommen." Jedes Wochenende hat er sich vollgepumpt „mit allem möglichen Zeug, mit Kokain, Extasy und LSD. Und dann am Montag und meist noch am Dienstag war ich völlig ausgebrannt und ausgelaugt, denn die Nächte vorher habe ich durchgemacht. Irgendwann hab ich schließlich überlegt: ‚Wenn du so weitermachst, bist du in kurzer Zeit tot.’“
Kindermund: ‚Das war der schönste Tag in meinem Leben!‘
Steffen kämpfte sich zurück in ein Leben ohne Drogen, ohne Alkohol und ohne Gewalt. Was heute für ihn wichtig ist, will ich von ihm wissen: „Ich möchte mit meinem schlechten guten Beispiel anderen Menschen zeigen, dass man auch aus dem größten Mist wieder rauskommen kann. Ich will  jungen  Menschen etwas mitgeben, damit sie die Fehler, die ich gemacht habe, nicht auch machen.“
„Heute“, so erzählt er mir, „habe ich keine persönlichen Ziele mehr. Denn ich bin angekommen. Natürlich werden Sozialarbeiter nicht besonders gut bezahlt, aber was ich von den Kindern zurückbekomme, ist mehr wert als alles Geld der Welt! Es sind Momente, die nicht mit Geld zu bezahlen sind. Wir fahren beispielsweise von einem Borussia-Spiel nach Hause und ich denke: ‚Verdammt, es war so ein schlechtes Spiel!‘ Aber die Kinder auf der Rückbank sind fröhlich und sagen: ‚Das war der schönste Tag in meinem Leben!‘ Puh, dann sitzt du da und bist völlig überwältigt.“ Heute ist er für „seine Jungs“ ein Vorbild. Denn „heute habe ich die richtigen Werte – und das ist ein verdammt gutes Gefühl.“
Über sein Leben und seine persönliche "Wende" hat Steffen Andritzke ein Buch geschrieben.

Steffen Andritzke
Kulturstadtbanause – Rückblick eines Weimarer Jungen
Trolsen Verlag
ISBN 978-3-9816198-0-5
Broschiert, 430 Seiten
Euro 14,90
Ein Teil der Einnahmen wird einem gemeinnützigen Projekt gespendet.

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