Shoppen um jeden Preis? Neu, schick und doch verseucht?

Unmengen von Bakterien und Viren von Hepatitis A, Ruhr und Streptokokken wurden in den sauber und schick wirkenden Kleidungsstücken gefunden. Auch Salmonellenbakterien hingen in den Fasern...

Spätestens nach dem eindrucksvollen Dokumentarfilm „The true cost“, „Der wahre Preis“, von Andrew Morgan, sollte einem als Verbraucher bewusst sein, dass die Kleiderindustrie mehr als unsauber arbeitet. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn Sie zu den Menschen gehören, die das schön gebügelte T-Shirt, das luftig wirkende Kleid oder die stone washed blue Jeans gleich nach dem Einkauf überziehen, dann sollten Sie sich nicht wundern, wenn ihre Haut darauf irgendwann merkwürdig reagiert.

In dem Film wird deutlich, dass die Fashionbranche nicht nur mit unmenschlichen Methoden arbeitet, sondern auch aus ökologischer Hinsicht ein Desaster ist. Der Microologe und Immunologe Philip Tierno aus New York hat sich die Arbeit gemacht, verschiedenste Kleidungsstücke weltweit zu testen. Es gab kaum ein Kleidungsstück, das nicht mit Chemikalien, Bakterien und anderen unappetitlichen Dingen kontaminiert war. Sogar Läuse konnte er zwischen den einzelnen Fasern finden.

In einer groß angelegten Studie wurden nicht nur die Billigmarken sondern auch die sogenannten Top Marken untersucht. Und was hier in den Fasern zu finden war, ist mehr als gruselig. Hier die Ergebnisse:

Schleimfetzen der Atemwege, tote Hautpartikel, Fäkalien, Vaginalbakterien, Chemikalien, toxische Stoffe, Formaldehyd.

Die Umkleidekabine – ein Ort des Grauens

Am erschreckendsten waren die Erkenntnisse, dass vor allen Dingen Badesachen, Unterwäsche und andere intime Kleidungsstücke am meisten kontaminiert waren.

Und hier geht es nicht darum, die Arbeiterinnen und Arbeiter aus Indien und China oder Afrika zu diffamieren, sondern man sollte darüber nachdenken, unter welchen Umständen die Kleidungsstücke hergestellt werden müssen. 16 Stunden, teilweise ohne Pause, ohne Klimaanlage, unter den unhygienischsten Bedingungen, so sind die Arbeitsbedingungen in den Ländern, die für uns die Kleider herstellen. Und nicht selten sind die ArbeiterInnen krank und müssen dennoch in die Fabrik gehen, weil sie sonst keinen Lohn bekommen. Für zwei Dollar pro Tag ist das mehr als beschämend. Und wir sind auf den Run nach dem letzten Schnäppchen. Das auf Kosten anderer Menschen und letztendlich auch auf unsere eigene Gesundheit.

Unmengen von Bakterien und Viren von Hepatitis A, Ruhr und Streptokokken wurden in den sauber und schick wirkenden Kleidungsstücken gefunden. Auch Salmonellenbakterien hingen in den Fasern und jeder sollte sich auch genau überlegen, welche Kleidungsstücke man in den Umkleidekabinen ausprobiert. Denn natürlich werden die Sachen von mehreren Leuten angefasst und teilweise auch auf nackter Haut übergezogen. Die Bakterien können sozusagen vor Ort in die Faser gelangt sein und werden beim Anprobieren übertragen.

Über die Chemikalien, die in den Kleidungsstücken zu finden sind, könnte man eine ganze Chemiestunde abhalten. Natürlich wurden auch Formalehydreste gefunden, aber es gibt weit mehr chemikalische und toxische Stoffe, die ebenfalls entdeckt wurden.

Gerade in dem Film „The true cost“ wird auf sehr eindrucksvolle Weise demonstriert, unter welchen miserablen Umständen Lederschuhe hergestellt werden, aber auch das Procedere des Wäsche- und Kleidungsfärbens. Und in den Farbbottichen schwimmen genug Chemikalien, um die Farbe auch resistent und haltbar zu machen. Diese schön leuchtenden Farben können natürlich Hautirritationen auslösen. Gerade wer eine besonders sensible Haut hat, sollte unbedingt seine neu gekauften Kleidungsstücke mehrmals waschen. Gerade im Bereich von Hals, Armbeugen, Taille und Innenschenkel ist die Irritation am häufigsten.

Formaldehyd Harze werden sehr oft bei der Kleidungsherstellung genutzt, um Falten zu vermeiden und um die Stoffe weicher zu bekommen. Natürlich ist Formaldehyd dafür bekannt Krebs zu erzeugen, und dennoch gibt es hier nicht genügend Kontrollen. Die Gier nach dem Profit und einer hohen Rendite wirkt stärker als die Angst vor Krankheiten.

Das Problem bei all den Chemikalien ist, dass sie unweigerlich auch ins Grundwasser dringen. Und manche dieser Chemikalien sind nicht abbaubar und können auch nicht gänzlich von der Kläranlage ausgefiltert werden. D.h., dass wir das alles mit unserem Trinkwasser wieder zu uns nehmen. Ein Teufelskreislauf.

Triclosan weit verbreitet

Auch die im Moment neu umstrittene Chemikalie Triclosan wird in hoher Dosis genutzt, um möglichst Bakterien in den Stoffen und Schuhen abzutöten. Es soll unangenehme Gerüche vermeiden und die Ausbreitung von Bakterien verhindern. Es steckt aber ebenso in Zahnpasta, Seifen und Shampoos, in Waschmitteln und Haushaltsreinigern. Aus Kliniken sind Desinfektionsmittel mit Hauptbestandteil Triclosan nicht mehr wegzudenken, denn es gibt kaum ein Reinigungsmittel, das nicht diesen Bakterien abtötenden Stoff enthält, wenn es um eine klinisch saubere Umgebung geht. Die Chemikalie Triclosan ist so allgegenwärtig, dass Messlabore sie in Blut, Urin und der Muttermilch von Menschen fanden.

Nur hat man jetzt festgestellt, dass Triclosan den Hormonhaushalt stören kann und mittlerweile wird diese Chemikalie in vielen Produkten verboten, da sie als krebsverdächtig eingestuft wird.

Nach vierzig Jahren haben die Gesundheitsbehörden jetzt endlich eingelenkt. So darf Triclosan in vielen Kosmetika nicht mehr als Konservierungsmittel verwendet werden. wie zum Beispiel in all den Cremes und Abdeckstiften gegen Hautunreinheiten. Sprich, vor allen Dingen die mittlere Generation hat über Jahrzehnte hinweg diese Chemikalie auf der Haut getragen.

In Produkten, die abgewaschen, ausgespuckt oder nicht großflächig aufgetragen werden, hält die EU-Kommission den Einsatz allerdings für unbedenklich. Was mehr als paradox ist, denn die Haut ist das größte Organ, das wir besitzen. Über jede Hautpore gelangen sämtliche Stoffe in unsere Blutbahn. Egal wie groß oder klein die Hautfläche ist. Was heißt denn da „nicht großflächig aufgetragen“ wäre kein Problem? Die Kommission beruft sich dabei auf die Bewertung eines  Expertengremiums, das alles unter die Lupe genommen hatte, was in der EU unter die Kosmetikverordnung fällt.

In einer anderen Studie setzten Forscher der Universität San Diego dem Futter ihrer Versuchsmäuse geringe Mengen an Triclosan zu. Dies führte zu Vernarbungen der Leber, einer sogenannten Fibrose. Bei weiteren Versuchsreihen reagierten die Tiere stärker auf ein krebserregendes Mittel als jene Mäuse, die kein Triclosan erhalten hatten; bei ihnen kam es häufiger zu Tumoren. Besonders bedenklich: Diese Effekte traten schon bei Mengen auf, die den für Menschen geltenden „Unbedenklichkeitswert“ der EU unterschreiten.

Angeblich soll der größte Teil dieser Chemikalie in unseren modernen Kläranlagen abgebaut werden. Doch ergaben Untersuchungen, dass eine große Menge Methyltriclosan sich im Klärschlamm und in Abflüssen wiederfanden. Auf diese Weise landet der Stoff beispielsweise in der Muskulatur von Fischen und damit in der Nahrungskette, zurück zum Menschen. Und dabei stellt sich doch die zusätzliche Frage, wo gibt es noch überall Kläranlagen, die nicht auf den modernsten Stand sind?

Alternativen? – "Wir sind der Markt"

Es gibt Alternativen, doch der Trend hin zu ökologischer Kleidung steckt noch in den Kinderschuhen. Es gibt einige Unternehmen und Designer, die alles versuchen, faire ökologische Kleidung herzustellen. Sie sind nicht ganz billig, und natürlich ist es immer die Frage, wie etwa eine fünfköpfige Familie sich nicht nur gesundes Essen, sondern auch gesunde Kleider leisten kann. Der Trend, Hauptsache billig, ist einfach zu mächtig geworden. Eben auch in der Kleiderindustrie.

Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte immer überprüfen, was in dem Etikett steht. Mittlerweile gibt es genug Öko Labels, die auch kenntlich machen, dass es sich zum Beispiel um „organic cotton“ handelt. Hier kann man sicher gehen, dass nicht nur die Baumwolle nicht genmanipuliert ist, sondern auch, dass die Verarbeitung mit deutlich weniger Chemikalien auskommt und meistens auch zu fairen Bedingungen hergestellt wurde. Mittlerweile wird auch darauf hingewiesen, ob die Kleider für Allergiker geeignet sind oder nicht.

Aber auch diese Kleidungsstücke sollten gewaschen werden, bevor sie auf der Haut getragen werden. Auch Kleidungsstücke, die in die Reinigung gehören, sollten vorher gereinigt werden. Zudem ist es empfehlenswert, immer Kleidungsstücke anzubehalten, wenn man neue Sachen in den Umkleidekabinen anprobiert.

Eine hundertprozentige Garantie wird es nie geben, aber ein wenig mehr Achtsamkeit, ein genaues Überprüfen, bevor man sich ein Kleidungsstück kauft, stärkt die Sensibilität und Aufmerksamkeit für Dinge, die um uns herum geschehen. Denn „wir sind der Markt“, nicht die Händler.

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