Absurd: Der Verkäufer bezahlt den Kunden – Windenergie vom Sturm „Herwart“

Während Sturm "Herwart" über Land und Meer tobte, gab es ein deutliches Überangebot an Windstrom. Energie wird an der Strombörse gehandelt - und dann bezahlt der Verkäufer einen Kunden dafür, dass er diesen "überschüssigen Strom" abnimmt.

Neben umgefallenen Bäumen und festsitzenden Bahnfahrern bewirkte Sturm „Herwart“ ein in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommenes Chaos am deutschen Energiemarkt, schreibt die „Welt“.

Was geschah? Der Sturm erzeugte an Windrädern binnen sehr kurzer Zeit so viel Energie, dass an der Energiebörse EEX in Leipzig die Preise für Elektrizität ins Minus fielen. Das heißt, wer seinen Strom verkaufte, musste Geld dafür zahlen, dass die Käufer diesen abnahmen. So musste für eine Megawattstunde Strom in Spitzenzeiten minus 83,06 Euro bezahlt werden, im Durchschnitt minus 52,11 Euro.

Normalerweise liegt der Preis bei rund 37 Euro, die der Käufer für eine Megawattstunde bezahlt.

Zum Vergleich: Auch wenn ein Mensch keinen Hunger hat, wird er gezwungen zu essen

Negative Preise am Strommarkt kommen öfter vor; wenn Solaranlagen oder Windkraftwerke mehr Energie produzieren als benötigt wird, stürzen die Preise ab.

Im Erneuerbare-Energien-Gesetz ist festgelegt, dass die Ökostrom-Erzeuger diesen in das Netz einspeisen dürfen – völlig unabhängig von der Nachfrage. Die Netzbetreiber müssen diese Energie zu einem festgelegten Betrag abnehmen und den überschüssigen Strom an der Strombörse vermarkten.

Netzbetreiber zahlen den Energieerzeugern einen festen Betrag und bezahlen an der Strombörse – wie bei „Herwart“ – in Spitzenzeiten weitere 83,06 Euro pro Megawattstunde Energie, damit der Strom von einem Käufer abgenommen wird. Letztendlich bezahlen die Verbraucher diese Kosten ebenfalls über die EEG-Umlage.

Ein Beispiel: Auch wenn ein Mensch keinen Hunger hat wird er gezwungen, zu essen – und das auch noch zu bezahlen.

Damit sind die „Marktkräfte systematisch ausgeschaltet“, formuliert die „Welt“.

Tobias Struck, Leiter des Bereiches Energiespeicher beim norddeutschen Versorger Wemag erklärt in der „Welt“:

Das liegt daran, dass es noch immer nicht genug Möglichkeiten gibt, überschüssige Energie zu speichern oder umzuwandeln.“

Denn:

Strom lässt sich nicht entsorgen. Er muss Abnehmer finden – um jeden Preis. Sogar für einen negativen“, sagt Struck.

In Deutschland werden konventionelle Kraftwerke bei negativen Strompreisen eher nicht vom Netz genommen, obwohl sie Verluste erwirtschaften. Eine Agora-Studie von 2014 nennt dafür drei Ursachen (Zitat):

  1. „Braunkohle- und Kernkraftwerke lassen sich bei einem hohen Angebot von Strom aus Windkraft und Photovoltaik nicht für wenige Stunden ausschalten. Das An- und Abfahren wäre für die Kraftwerksbetreiber teurer als die Inkaufnahme von negativen Strompreisen, bei denen die Kraftwerksbetreiber dann für die Abnahme des Stroms zahlen.
  2. Kraftwerke, die neben Strom auch Wärme für Industrie und Haushalte liefern, können bislang auch bei einem Überangebot von Strom nicht vom Netz genommen werden, weil damit die Wärmelieferungen gefährdet würden.
  3. Für die Zuverlässigkeit des Stromsystems wichtige Systemdienstleistungen – etwa Regelenergie [Energie, die für die Steuerung der Kraftwerke benötigt wird] – fallen derzeit in konventionellen Kraftwerken quasi als Nebenprodukte der Stromerzeugung an. Etliche Kraftwerke laufen daher aus Gründen der Systemstabilität selbst dann, wenn der von ihnen erzeugte Strom vom Markt gar nicht gebraucht wird.“

Wer profitiert?

Die Nachbarländer Deutschlands profitieren, wenn sich die Preise derartig entwickeln. Vor allem Österreich und die Schweiz nehmen den Strom ab:

Sie nehmen unseren überschüssigen Strom gern ab und fahren gleichzeitig ihre eigenen Kraftwerke runter“, sagt Branchenexperte Struck.

In den Hochgebirgen können mit diesem „Umsonst-Strom“ die Stausseen mittels Pumpspeicherwerken gefüllt werden. Paradox wird es dann, wenn später der Strom aus diesen Kraftwerken zu guten Preisen nach Deutschland zurückverkauft wird.

Auch zu Weihnachten 2012 mussten die Stromkunden zusätzlich zahlen, weil das Energieangebot zu hoch war. So kam es zwischen Dezember 2012 und Dezember 2013 an 97 Stunden zu negativen Strompreisen. Dafür zahlten die Stromverbraucher rund 90 Millionen Euro mehr für die Förderung der Erneuerbaren Energien. (ks)

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