Vom Alltag eines Mega-Mörders

Epoch Times14. Oktober 2005 Aktualisiert: 11. September 2018 12:34
Eine Buchrezension von Thomas Weyrauch

Was wurde dem deutschen Leser seit 1966 über Mao Tse-tung geboten? Jeder wusste, Mao ist weise, Mao hat alle Chinesen vom Hunger befreit, Mao will den Weltfrieden. Die Fortgeschrittenen unter den Mao-Kennern ergänzten: Mao ist der größte Marxist-Leninist, ein tiefsinniger Philosoph und ein begnadeter Dichter.

Mao hatte zweifelsohne Bewunderer in Deutschland, insbesondere unter den Linken, die sich zu Recht voller Grauen von einer Generation abwandten, die Hitler gefolgt war. Die erwähnten Aussagen über Maos Qualitäten wurden ebenso wenig hinterfragt, wie einige Dekaden zuvor die Bewunderung des „Genies Hitler“, der Autobahnen bauen ließ, die Grundrisse französischer Kathedralen im Kopf hatte und Schäferhunde liebte.

Die milchgesichtigen Aktivisten von damals haben heute graue Haare, gehören zum Establishment und schämen sich ihrer jugendlichen Unerfahrenheit, die sie zu Mitläufern machte. Heute wissen die meisten der Ex-Maoisten, dass ihr Idol als verlogener Opportunist, Demagoge und Mörder enttarnt ist.

Was soll also noch die Übersetzung einer Mao-Biografie aus der Feder der 1952 in China geborenen erfolgreichen Romanschriftstellerin Jung Chang („Wilde Schwäne“) und ihres Ehemannes Jon Halliday, eines Historikers?

Wer dieses Buch liest, kann verstehen, in welchem Zustand sich China gegen Ende des 19. Jahrhunderts befand, was Mao Tse-tung prägte und was seinen Aufstieg ermöglichte. Er versteht aber auch, auf welche Weise sich die chinesischen Machthaber im Postmaoismus ihre Herrschaft erhalten und dass es im Grunde gar nicht um die kommunistische Ideologie geht.

Bereits in jungen Jahren war Mao von Gewalt fasziniert: „Ungeheure Kriege wird es geben, so lange Himmel und Erde bestehen, sie werden nie aussterben … Die ideale Welt der großen Gleichheit und Harmonie ist ein törichtes Konzept.“ Für die Bevölkerung sei „ein lang anhaltender Frieden unerträglich, daher müssen in diesem friedvollen Zustand immer wieder Wellen der Unruhe geschaffen werden.“

Mao verharrte nicht im Zustand der passiven Freude an der Gewalt. Von 1926 an entdeckte er die Lust, andere Menschen zu quälen und zu töten. Eigenen Schriften zufolge versetzte ihn diese Brutalität „in nie erlebte Ekstase“. Folgerichtig wies er 1927 seine Mitstreiter an, „in jedem Bezirk eine Schreckensherrschaft zu errichten“. Sie hatten mit ihren Opfern unnachsichtig zu sein: „Wenn sie halsstarrig sind, hacken wir ihnen die Sehnen am Fußknöchel durch und schneiden wir ihnen die Ohren ab“.

Diese Schreckensherrschaft lähmte die Gegner. Selbst Gründungsmitglieder der KP waren entsetzt über ihren Genossen Mao und versuchten vergeblich, langfristig seine Macht zu beschneiden. Gerade sie gehörten schließlich zu seinen Opfern, wurden langsam gefoltert und grausam getötet.

Es gelang Jiang Jieshi (Chiang Kaishek) gleichfalls nur mit größter Mühe, Maos Kommunisten zurückzudrängen. Japans Einfall in China machte schließlich Jiangs Pläne zunichte. Mao, der die japanischen Okkupatoren nicht bekämpfte, weitete mit allen Mitteln seine Macht aus, während Jiang einen Zweifrontenkrieg führen musste. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges waren bereits etliche Millionen Menschen Opfer von Maos Terror geworden. Nachdem Japan kapituliert hatte, übergab Stalin den chinesischen Kommunisten schließlich die in der Mandschurei erbeuteten japanischen Waffen, die Mao 1949 zum Sieger über Jiang machten.

Damit konnte Mao ungestört sein eigenes Volk terrorisieren. Den Bauern ließ er das Getreide konfiszieren, um es zum Tausch gegen militärische Güter einzusetzen. Er setzte sie auf eine Kleinstration, die zu mehreren Hungerwellen mit mehreren Zehnmillionen Toten führte: „Es gibt auch noch das Laub von den Bäumen zu essen. Dann soll es eben so sein.“

Schon früh häufte der kommunistische Revolutionär Mao Reichtümer an, die nur privaten Interessen dienten. Dies entsetzte seine engsten Kampfgenossen, die es aber nicht wagten, das Gebaren ihres Führers zu kritisieren. Maos Rücksichtslosigkeit, Grausamkeit und Zynismus waren grenzenlos. Während das Volk hungerte, ließ er sich rund fünfzig hochgesicherte Anwesen mit permanent beheiztem Hallenbad errichten, wo er sich von Militär und Geheimdienst Mädchen für seine sexuellen Ausschweifungen zuführen ließ.

Mao, der einzige Kapitalist in China, beschenkte diese Gespielinnen ab und zu mit ein paar Yuan, wovon diese ihren Familien Lebensmittel kaufen konnten. Selbst das Los eigener Familienangehöriger ließ ihn kalt. Seine zweite Ehefrau Kaihui verließ er und überließ sie ihrem Schicksal, als sie hingerichtet werden sollte. Mao, in der Nähe und in der Lage zu helfen, nahm es lediglich zur Kenntnis, dass sie getötet wurde, während er weitere blutige Taten vorbereitete.

Seine dritte Ehefrau Guiyuan verfiel durch Maos Grausamkeit und Gefühlskälte dem Wahnsinn. Als Mao mitgeteilt wurde, sein Sohn Anying sei im Koreakrieg gefallen, habe er lediglich gemurmelt: „Wie kann es einen Krieg ohne Tote geben?“ Sein Sekretär stellte keine weitere Gefühlsregung fest, während sogar Maos vierte Frau, Jiang Jing, um ihren nicht sonderlich geliebten Stiefsohn weinte.

Maos Herrschaft führte nach Chang und Halliday zu 70 Millionen Toten, unzähligen Verhaftungen und Misshandlungen. Das von dem Autorenpaar gezeichnete Psychogramm Mao Tse-tungs ist durch 2600 Belege untermauert. 48 Seiten der 975-seitigen Biografie machen die Literaturangaben aus, während 13 Seiten die Interviewpartner benennen, von denen Chang und Halliday wertvolle Informationen zu Mao erhielten.

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Setzt man Maos Terror mit den Menschenrechtsverletzungen im heutigen China in Relation, so kann man feststellen, dass Umfang und Intensität der Verfolgung abgenommen haben. Mit den Mitteln Mao Zedongs werden heute zwar nicht mehr einige hundert Millionen unterdrückt und einige Zehnmillionen getötet, doch bleiben politische Unterdrückung und die Tötung von jährlich rund fünfzehntausend Menschen an der Tagesordnung. Verursacher dieser Repression sind weiterhin Personen, die sich maßlos bereichern, während 150 Millionen verarmte Menschen auf der Suche nach Arbeit im Land herumirren.

Das Thema Mao ist damit leider nicht erledigt. Wer aus dem Buch von Chang Jung lernt, wird das gegenwärtige China ebenso kritisch bewerten müssen.

Jung Chang/Jon Halliday: MAO. Das Leben eines Mannes, das Schicksal eines Volkes.

Aus dem Englischen von Ursel Schäfer, Heike Schlatterer und Werner Roller

976 Seiten mit 78 s/w Abbildungen.

München (Karl Blessing Verlag) 2005.

Geb., € 34,00 (D), € 35,00 (A), sFr 58,90.

ISBN-Nr. 3-89667-200