„Ich schmiede den rächenden Ring … so verfluch ich die Liebe!“

Von 8. April 2018 Aktualisiert: 8. April 2018 17:31
"Wann mir zum ersten Mal konkrete Zweifel an der offiziösen Lesart kamen, ist nicht mehr nachvollziehbar." Es sei eine seltsame Erfahrung, plötzlich aus der staatlich verschriebenen Demenz aufzuwachen, schreibt Manfred von Pentz.

DIE HERREN DES RINGS

Ein Ring, sie zu finden
Ein Ring, sie zu knechten
Ein Ring, sie alle in der Dunkelheit zu binden
In Mordor, dem Land der Schatten.

JRR. Tolkien DER HERR DER RINGE

Es ist eine seltsame Erfahrung, wenn man Jahrzehnte lang als gutgläubiger Tölpel durch eine angeblich heile Welt gestolpert ist, eingefärbtes Abwaschwasser für reinen Wein und taube Nüsse für Pralinen gehalten hat, und schließlich an sich selbst und anderen das ganze Ausmass einer staatlich verschriebenen Demenz erkennt.

Wann mir zum ersten Mal konkrete Zweifel an der offiziösen Lesart kamen, ist nicht mehr nachvollziehbar. Es war sicherlich kein linearer Prozess mit einer stetig ansteigenden Kurve, die plötzlich in einem lauthalsen Eureka! kulminierte, sondern eine Ansammlung scheinbar zusammenhangloser Situationen, in deren Verlauf undeutliche Echos aus den tieferen Verliesen des Herzens herauf hallten. Echos, die sich erst viel später als Lebenszeichen der reinen Wahrheit entpuppten, welche da mit den Ketten gerasselt und Auslass begehrt hatte.

Ich erinnere mich lebhaft an einen dieser Momente, in dem ein Gedankengang plötzlich beunruhigende und nur instinktiv erfühlbare Daseinsdefinitionen aufwarf, die weit über meinen damaligen intellektuellen Horizont hinauszureichen schienen.

Es geschah während der glorreichen Siebziger, als Zufall oder auch Schicksal mich an die frivolen Gestade Amsterdams geschwemmt hatten. Flowerpower hieß das unbeschwerte Ideal der damaligen Jugend, unterfaßt von freier Liebe und einer angeblich fantastisch expandierenden Wahrnehmung, die allerdings selten von tieferen Einsichten, wohl aber bekifften Sèancen und ausgeflippten Nächten im Milky Way verursacht wurde.

Konform mit den strikten gesellschaftlichen Vorgaben jener Zeit trug ich bunte Gewänder vom Flohmarkt und meine Locken lang, frequentierte ausgiebig die psychedelischen Knotenpunkte der Stadt, hielt meistens einen Joint in einer Hand und unterstrich sacht mit der anderen mein neuestes und unwiderlegbares Konzept für den sofortigen Weltfrieden.

Was meine befreundeten Freaks und Hippies betraf, so hatten die sich überwiegend dem einfachen Leben verschrieben und existierten, zumindest finanziell gesehen, am Rande des Minimums. Beinahe alle besaßen Haustiere, häufig benannt nach einer Klasse von Helden, die besonders en vogue waren in diesen unschuldigen Zeiten. Für Katzen stand Galadriel ganz oben auf der Tabelle, gefolgt von Arwen und Legolas.

Meine Nachbarin, eine übergewichtige Dame unbestimmbaren Alters mit hennagefärbten Haaren, wallenden Kleidern und klingelnden Glöckchen an einer fetten Ferse, besaß einen ungewöhnlich großen Kater namens Gollum. Als der eines Tag von einem Lastwagen überfahren wurde, kam sie und heulte ganz bitterlich in mein Hemd. Ich versuchte alles, um sie zu trösten, jubilierte aber im Geheimen, denn der hinterhältige Meuchelmörder, nomen est omen, war ein wahrer Fluch für die lokalen Spatzen und Amseln, und schon längst hatte ich vor, ihn an einem weit entfernten Ort auszusetzen ohne in Verdacht zu geraten.

Was Hunde anbelangt, erinnere ich mich mit großer Klarheit an Frodo, Bilbo oder Pippin, auch an einen gewissen Boromir, letzterer ein mächtiger Leonberger und der sanfteste Bursche, den ich je getroffen habe.

All dies vermittelt eine Vorstellung davon, wie sehr uns JRR Tolkiens kolossales Epos DER HERR DER RINGE während dieser glücklichen Jahre beeindruckte und beeinflusste. Wen auch immer man besuchte, in den Bücherregalen aus Kartons oder Orangenkisten fand sich mindestens eine Kopie, in der Regel ein gewichtiges Taschenbuch mit Eselsohren und zerfallenden Seiten vom vielen Gebrauch. An den Wänden hingen farbige Karten von Middle-Earth, und Gandalf war ein Haushaltsname für alle möglichen Unterfangen, von einer Untergrund-Postille bis hin zu einem kurzlebigen künstlerischen Verein.

Je nach Phantasie und Vorstellungskraft, und wohl auch beflügelt vom täglichen Cannabiskonsum, identifizierte sich eine erstaunliche Anzahl von Menschen mit einem Mitglied der Fellowship, oder wünschte inbrünstig die Rückkehr des Königs herbei, oder wäre problemlos und für immer in die Shire ausgewandert.

Allerdings gab es auch solche, mich eingeschlossen, die das Buch zwar beeindruckend fanden, andererseits aber ein Mindestmaß an psychologischer Tiefe vermissten. Denn es handelte sich ja um eine gewaltige Leinwand weitgehendst in schwarz und weiß bemalt, mit Protagonisten entweder erstaunlich tapfer, schön und edel, oder aber dem absoluten Gegenteil, nämlich unsagbar hässlich und böse. Ein Konzept also, das die Handlung vorhersehbar machte und einer komplexeren emotionalen Note beraubte, die vielleicht einen Weg in das Herz gefunden hätte.

Dennoch soll Tolkiens Vorstellungskraft in keiner Weise geschmälert werden, und zu seiner Verteidigung mag gesagt sein, dass er vieles aus den großen germanischen Sagen wie Edda oder den Nibelungen übernommen hat, die ja den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse besingen. Ein Kampf, in dem sublime intellektuelle Verzierungen nicht am Platz gewesen wären.

Andererseits versteckte sich unter der ganzen heroischen Einfalt ein Aspekt, der mich und einige meiner Freunde außerordentlich faszinierte, nämlich die tiefere Bedeutung hinter der monumentalen Phantasie. Denn, und darüber waren wir uns alle einig, es musste eine geben, war die ganze Geschichte doch viel zu gut durchdacht, um ganz ohne sie auskommen zu können.

Es tat nichts zur Sache, dass der schreckliche Sauron, Titelfigur und Hauptschurke mit dem Ziel, die Menschheit restlos und unwiderruflich zu versklaven, während der Handlung persönlich nie auftauchte. Aber seine Präsenz wird ganz überwältigend empfunden, dazu seine Machenschaften und Strategien, und gerade die letzteren legten nahe, dass Tolkien ein vergleichbarer Unmensch der jüngeren Geschichte vorgeschwebt haben musste. Einer, der überzeugte und einen Namen hatte.

Ganz vorn im Pandemonium stand natürlich Adolf Hitler, anfangs furchtloser Retter eines von den Versailler Siegern ausgeraubten, ruinierten und hungernden Deutschlands, der sich dann aber, angeblich im Auftrage einer nicht näher definierten Gottheit, zum Messias einer entschieden un-christlichen Ariervereinigung hoch schaukelte und schließlich mitsamt der letzteren in einem Feuersturm von unvorstellbarer Grausamkeit zugrunde ging.

Nächstens kam Josef Stalin nè Dugashwili, Oberhäuptling einer blutdürstigen Mörderbande, die von Alexandr Solschenizyn in „Zweihundert Jahre zusammen“ ausgiebig beschrieben wurde. Dann der fabelhafte Vorsitzende und Steuermann Mao Tse Tung, wahrscheinlich Guinness-Rekordhalter für akkumulierte Leichen weltweit. Und schließlich die Erbauer der Atombombe, angeführt vom feingefingerten Robert Oppenheimer, der seine Sünden bereits zu Lebzeiten mit Lungenkrebs und einem langsamen und schmerzhaften Tod bezahlen musste.

Aber was auch immer wir versuchten, wie sehr wir die Verdachtspersonen drehten und wendeten, keiner passte in unser Kalkül. Ein Grund dafür war sicherlich der, dass Tolkien den Herrn der Ringe bereits in den frühen dreißiger Jahren begonnen hatte, zu einer Zeit also, in der die möglichen Kandidaten medial noch nicht voll erblüht waren.

Als wir eines Abends wieder einmal das alte Thema aufgriffen, sah einer meiner Freunde plötzlich stirnrunzelnd vor sich hin und sagte langsam: „Unsinn! Sauron ist nicht nur eine Person! Er ist viel mehr. Er ist etwas… Riesiges!“

Gefragt, wie dies gemeint sei, schüttelte er nur den Kopf und zuckte mit den Schultern. Und auch ich hatte nicht die leiseste Ahnung, was er wohl im Sinn haben könnte. Aber die Worte verursachten einen dunklen Nachhall in meiner Seele, seltsam beklemmend und ganz anders als jene gelegentlichen Anwandlungen von Paranoia, die mit gepanschtem Stoff einhergingen.

Ein Gefühl vielleicht, und um bei den Sinnbildern der Epoche zu bleiben, wie das Erwachen aus einem Albtraum, in dem ein böser Magier während einer mondhellen Nacht gewaltige Heerscharen von grauen Wölfen herbeiruft, die alle seiner Befehle harren. Und einer, der die Macht hat, Einbildung und Wirklichkeit ganz nahtlos verschmelzen zu lassen.

Mein Verständnis von Tolkiens politischen Präferenzen ist dürftig. So weit ich weiß, hat er sich geweigert, irgendwelche Äußerungen in dieser Hinsicht zu machen. Aber es gibt Andeutungen. Zum Beispiel die, dass er General Franco ganz uneingeschränkt als Retter des katholischen Spaniens ansah, sehr im Widerspruch zu einem anderen berühmten Zeitgenossen, dem herzlosen Jäger und impotenten Säufer Ernest Hemingway.

Einer von Tolkiens engeren Freunden, der Schriftsteller und Dichter Roy Campbell, war ein Zeuge der entsetzlichen Grausamkeiten, die von marxistischen Todesschwadronen an Priestern und Nonnen in Cordoba verübt wurden und hatte sie detailliert beschrieben. Tolkien wird fraglos hiervon gewusst haben. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass Campbell auch Artikel für The European verfasste, ein von Lady Diana Mosley und Sir Oswald herausgegebens politisches Journal. Und in welchem, nebenbei bemerkt, Ezra Pound ebenfalls Beiträge veröffentlichte.

All dies hätte einige Glocken läuten lassen müssen, tat es aber nicht. Fast zwanzig Jahre vergingen, bis zwei Ereignisse jener seltsam bedrückenden Bemerkung meines Freundes Sinn und Form verliehen. Eines war eine Gemäldeausstellung, das andere eine Aufführung von Wagners Ring.

Die Gemäldeausstellung wurde in einer von Frankfurts gehobenen Schikimiki-Galerien zelebriert und ließ hoffen, dass am Abend der Eröffnung mit anständigem Schampus, französischer Pastete und ein paar interessanten Leuten aufgewartet wurde. Dies war der Grund, von einiger Neugier abgesehen, warum ein alter Freund mich mitnahm, als ich rein zufällig durch die Stadt driftete.

Wir haben beide nichts mit modern art am Hut und kannten den Maler nur vage seines Namens wegen. Lucien Freud war es, Enkel des Wiener Hochstaplers, und seine Schinken etwa so erhebend wie eine tote Ratte unter der Badewanne.

Als wir vor einem der Werke standen, ein unappetitlicher männlicher Akt auf einem schmuddeligen Bett mit einem schwarzen Socken am Fuß, rötlichen Genitalien und einem höhlenartigen Anus, warf mein Freund einen vorsichtigen Blick umher und sagte:

„Großmächtiger Ork der Klappskunst-Mischpoke! Hatte nie einen Sinn für Schönheit und wird ihn nie haben!“

Die unerwartete Erwähnung von Tolkiens abscheulicher Kreatur, schon halb vergessen, erweckte sofort die Erinnerung an eine sonnigere und unschuldigere Vergangenheit, ließ mich aber auch von einem Kommentar absehen. Denn dies war schließlich Deutschland, noch immer eine de facto Kolonie seiner einstigen Eroberer, in dem öffentliche Äußerungen politisch inkorrekter Überzeugungen oder generelle Zweifel an der offiziellen Geschichtsschreibung zu empfindlichen Strafen führen konnten.

Einige Zeit später sah und hörte ich Richard Wagners Ring des Nibelungen.

Ich habe nicht vor, und verfüge nicht über die geistigen Kapazitäten, diesem Meisterwerk sein gebührendes Lob zu zollen. George Bernhard Shaw, in seinem Essay The Perfect Wagnerite, hat es so resümiert:

Nur diejenigen mit einem weiteren Bewusstsein können ihm atemlos folgen, dabei die Tragödie der Menschheitsgeschichte erkennen und dergestalt den ganzen Schrecken des Dilemmas, vor dem die Welt heute zurückweicht.

Dilemma? Schrecken?!

Shaw bietet keine präzisen Erklärungen, aber der Komponist selbst war mehr zuvorkommend.

„Und so platzte ich denn endlich einmal los: es scheint schrecklich eingeschlagen zu haben, und das ist mir recht, denn solch einen Schreck wollte ich ihnen eigentlich nur machen. Denn – dass sie Herren bleiben werden, ist so gewiss, als dass jetzt nicht unsere Fürsten, sondern die Bankiers und die Philister die Herren sind.“ (Briefwechsel zwischen Wagner und Liszt, Bd. I, S. 145, 18/4/1851)

Was den gewaltigen Schreck betrifft, so braut der sich in den Tiefen von Deutschlands mächtigstem Strom zusammen, dem Rhein. Dort liegt ein Goldschatz eingebettet in ein Riff und glänzt geheimnisvoll im Sonnenlicht, das durch die zeitlosen Wellen filtert. Schöne Wassernixen bewachen ihn auf Befehl ihres Vaters, genießen seinen schillernden Glanz, drehen und wenden die lieblichen Körper im leuchtenden Widerschein.

Bis eines Tages Alberich aus der Dunkelheit herauf kriecht, ein verkrüppelter Nibelung und Sohn der Nacht, der die Mädchen mit gierigen Augen verfolgt. Als er versucht, sie zu verführen, lachen sie ihn nur aus, ziehen an seinem Bart und verspotten ihn. Erbost fragt er nach der Bedeutung des Goldes.

Leichthin sagen sie ihm, unbegrenzte Macht sei jenem gegeben, der einen Ring aus dem edlen Metall schmieden kann. Aber sie warnen ihn auch, dass dieses Kunststück nur möglich ist, wenn er für immer auf die Macht der Liebe verzichtet. Alberich braucht nur einen Moment, um sich zu entscheiden.

Der Welt Erbe gewänn ich zu eigen durch dich!
Erzwäng ich nicht die Liebe
doch listig erzwäng ich mir Lust?
Das Licht lösch ich euch aus;
entreiße dem Riff das Gold
schmiede den rächenden Ring:
dann hör es die Flut –
So verfluch ich die Liebe!

Er reißt das Gold aus dem Fels und schmiedet den Ring, um die Welt mit List und brutaler Gewalt zu regieren… und natürlich ohne die Liebe.

„Wagners Ring und mein Ring sind rund, aber da hört die Ähnlichkeit auch auf!“ spottete Tolkien eher abfällig, nachdem sein Buch Mitte der fünfziger Jahre veröffentlicht worden war. Das jedoch ist eine derartig transparente Verfälschung der Tatsachen, die fast schon lächerlich erscheint. Shaws Essay, beinahe von Buchlänge, viel gefeiert und viel gelesen, muss auch Tolkien bis in das letzte Detail bekannt gewesen sein. Denn sein Ring und Wagners sind in Thema und Wesen identisch, Zwillinge in der Tat, und unterscheiden sich nur in Form und Qualität ihrer äußeren Aufmachung.

Mit anderen Worten, der erstere ist im Vergleich zu Wagners unvergleichlichem magnum opus zwar übergroß und höchst unterhaltsam, aber nicht wirklich ein Meisterwerk der Literatur im klassischen Sinn.

Als interessant wäre vielleicht noch zu erwähnen, dass Tolkien Eigennamen wie Mordor oder Sauron verwendet, die sich klanglich anlehnen an deutsche Worte wie Mord oder Sau. Dasselbe trifft auf Gollum und Golem zu, allerdings in einem anderen Kontext. Was jedoch den etwas selbst verherrlichenden Anspruch betrifft, sein eigener Name leite sich vom deutschen tollkühn ab, so scheint dies unwahrscheinlich, denn meines Wissens hat es nie eine Familie solchen Namens gegeben.

Was den einen und alleinigen Ring der Macht und seine tiefere Bedeutung in beiden Werken betrifft, so ist festzuhalten, dass er keine magischen Kräfte im Sinne klassischer Überlieferung besitzt. Er kann keine feindlichen Armeen auf Anordnung seines Trägers vernichten. Er kann ihm keine Flügel verleihen. Er kann den Lauf der Zeit nicht anhalten oder gar rückgängig machen. Er kann nicht verhindern, dass man nass wird, wenn es regnet. Er kann, einziger Vorteil, seinen Besitzer unsichtbar machen. Aber der würde immer noch nass werden, hätte er keinen Regenschirm. Was also ist der Ring dann wirklich?

Er ist wirklich nur GOLD!

Und ist das nicht genug, um die Welt zu beherrschen?!

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