Der Fall Relotius: Spiegel-Redaktion glaubte vorgelegten Beweisen zunächst nicht

Epoch Times30. Dezember 2018 Aktualisiert: 30. Dezember 2018 14:02
"Die haben es bis zum Schluss nicht geglaubt“, so Mirco Taliercio, Fotograf und Freund von Juan Moreno. Moreno war ein Kollege von Relotius beim Spiegel-Magazin. Seine Recherchen waren es, die die Fälschungen von Relotius aufdeckten.

Durch die Recherchen des freien Journalisten Juan Moreno, der auch für das Spiegel-Magazin arbeitet, wurde der einstige „Spiegel“-Star-Reporter Claas Relotius entlarvt, berichtet „w&v“. Doch Moreno stieß beim Spiegel zunächst auf heftigen Widerstand, als er seine Rechercheergebnisse dem Verlagshaus vorstellte. Und das, obwohl er Videobeweise vorweisen konnte.

Sein Fotografen-Kollege und Freund Mirco Taliercio unterstützte Moreno. Er begleitete Moreno bei seinen Nachforschungen in die USA, wodurch die Machenschaften von Relotius letztlich ans Licht kamen.

Die haben es bis zum Schluss nicht geglaubt“, betonte der Münchner Fotograf Taliercio im Magazin „w&v“. „Obwohl wir die Beweise ja auf Video hatten.“

Moreno hatte zunächst aus einem inneren Unbehagen die Zusammenarbeit mit Relotius abgelehnt. Schließlich arbeitete er doch mit Relotius an der Reportage „Jaegers Grenze“ zusammen, über eine Bürgerwehr in Arizona (USA) an der Grenze zu Mexiko. Als Moreno das Manuskript der kompletten Geschichte bekommen hatte, konnte er an vielen Stellen einfach nicht glauben, was da steht. Deshalb hat Moreno sich an die Spiegel-Redaktion gewandt und eine Reihe von Fragen gestellt, erinnert sich Taliercio.

Juan wollte mit so einer Geschichte nicht in Verbindung gebracht werden. Er hatte auch schlichtweg Angst um seinen Job, um seine Existenz.“ Deshalb habe er Fragen an die Redaktion gestellt. „Deshalb hat er versucht aufzuklären“, so der Fotograf zu w&v.

Moreno und Taliercio waren eigentlich in den USA, um eine Geschichte über die Boxlegende Floyd Mayweather zu machen. Doch da den Zweifeln und den Argumenten Morenos an dem Relotius-Teil der gemeinsamen Reportage„Jaegers Grenze“ beim Spiegel niemand Glauben schenken wollte, machten sich beide, Moreno und Taliercio, auf, um vor Ort Beweise zu sammeln. „Juan war sicher, dass die Geschichte irgendwann auffliegt. Und er wollte damit nicht in Verbindung gebracht werden. Deshalb hat er sich gewehrt. Ich habe ihm eigentlich nur geholfen“, so Taliercio.

In Arizona, an dem Ort, von wo der Spiegel-Artikel berichtet und Claas Relotius angeblich die Protagonisten seiner Geschichte gefunden und gesprochen hatte, wurde schnell deutlich, dass an der Geschichte im Grunde nichts stimmte.

Sie sprachen mit den Menschen, die auf den Fotos zu sehen sind, und nahmen die Gespräche auf Video auf. Dabei stellte sich heraus, dass der titelgebende Protagonist „Jaeger“ gar nicht mit Relotius gesprochen hatte, keine deutschen Verwandten und auch keine drogensüchtige Tochter hat. Sein richtiger Name ist „Maloof“, wie er im Video mit Personalausweis belegte.

Foley: „Und eure Bosse haben den Mist gekauft? (…). Habt ihr denn da kein Factchecking?“

Ein anderer Protagonist, Tim Foley, den Relotius mit falschem Namen in eine Geschichte einführte, äußerte gegenüber Moreno und Taliercio: „Das ist doch der Typ, der niemals aufgetaucht ist.“ Als ihm Moreno eine Übersetzung von Relotius’ Text vorlegte, soll dieser gefragt haben: „Und eure Bosse haben den Mist gekauft? (…). Habt ihr denn da kein Factchecking?“, berichtet w&v.

Tatsächlich verfügt der „Spiegel“ über eine 70 Mann starke Dokumentationsabteilung zur Qualitäts- und Faktenkontrolle. Daher wird im w&v Artikel die Frage aufgeworfen, warum die Doku-Abteilung des Spiegels bei vielen Details nicht misstrauisch geworden ist.

So z. B., als es hieß, dass die Bürgerwehrler YouTube-Videos von Donald Trump auf ihren Handys anschauen. Foley erklärt dazu: „Wo wir unterwegs sind, gibt es gar kein Netz“.

Foley soll ihnen auf Video im Detail dargestellt haben, warum der Artikel komplett falsch sei, berichtet Taliercio. Danach recherchierten die beiden zu anderen Geschichten von Relotius in den USA weiter (z. B. über die Geschichte von Colin Kaepernick) und fanden weitere Ungereimtheiten.

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Taliercio: „Das Schwierigste an der ganzen Geschichte war, den Spiegel zu überzeugen“

Doch der vielfach preisgekrönte Relotius genoss einen guten Ruf. Beim „Spiegel“ schenkte man zunächst Relotius und seinen Rechtfertigungen Glauben – nicht Moreno. Und das, obwohl Moreno und Taliercio Videos vorweisen konnten, die den Betrug bezeugen.

Für Taliercio war daher das Schwierigste an der ganzen Geschichte: „den Spiegel zu überzeugen“. Relotius wusste alles, was wir wissen. Und hat daraufhin eine perfekte Rechtfertigungsstory entwickelt“, so Taliercio gegenüber w&v.

Schließlich gab es doch Zweifel an Relotius‘ Versionen. Eine Prüfung seines Email-Accounts erbrachte, dass Mails gefälscht wurden. Schließlich gestand der einstige Star-Journalist die Fälschungen ein.

Der zunächst als freier Journalist, später dann als angestellter Redakteur für den Spiegel schreibende Relotius hat, wie sich nun herausstellte, eine Vielzahl seiner knapp 60 Artikel für den „Spiegel“ und „Spiegel Online“ gefälscht – Dialoge, Szenen und Biografien waren zum Teil frei erfunden. Vorsätzlich und mit „hoher krimineller Energie“ sei er vorgegangen, teilte der Spiegel-Verlag mit. Doch der Spiegel war nicht das einzige Medium, wo Relotius Artikel veröffentlichte. (er)