Eine verzweifelte Schülerin beim Lernen während des Fernunterrichts.Foto: iStock

Experten-Team empfiehlt abgespeckte Lehrpläne im neuen Schuljahr: Kosinussatz streichen – Lyrik verkürzen

Von 9. Juni 2020 Aktualisiert: 9. Juni 2020 14:53
Homeschooling, Online-Unterricht, Kontaktverbot zu Freunden. Während der Corona-Krise wurde die Bildung aus der Schule verlagert. Der Präsenzunterricht wurde für viele Wochen aufgrund eines vermuteten Infektionsrisikos ausgesetzt. Und auch im neuen Schuljahr wird es keinen normalen Schulbetrieb geben. Davon geht ein Experten-Team der Friedrich-Ebert-Stiftung aus.

Wie das Schuljahr 2020/21 in Zeiten der Pandemie gestaltet werden könnte, darüber haben sich 22 Expertinnen und Experten aus Bildungswissenschaften, Didaktik, Schulrecht, Medizin, Schulpsychologie, Schulverwaltung und kommunalen Vertretungen, Schulleitern, Lehrkräften, Schülern und Eltern Gedanken gemacht. Ihr Ergebnis fassten sie in einer Stellungnahme der Friedrich-Ebert-Stiftung zusammen.

Abhängig vom Infektionsgeschehen seien weitergehende Schulöffnungen, ein Mix aus Präsenz- und Fernunterricht, aber auch erneute Schulschließungen im neuen Schuljahr möglich. Fest stehe, dass dieses kein „normales“ Schuljahr werde.

Es gebe bereits jetzt zahlreichen Lehrer, die sich „hervorragend“ während der Corona-Krise eingebracht und die Schüler nicht nur mit Arbeitsmaterialien versorgt, sondern beim Lernen begleitet hätten. Gleichzeitig habe man auch erlebt, dass einige Kinder „auf sich allein gestellt“ seien. Aufgrund von fehlenden oder nur sehr vereinzelten Kontakten sei insoweit eine zunehmende Vereinsamung im Rahmen des Corona-Geschehens zu sehen.

Es gebe Kinder aus „sozial privilegierten Familien“, die zu Hause zusätzliche Unterstützung erfahren hätten und über eine entsprechende Ausstattung verfügten, und anderseits diejenigen, die aus mangelnder Unterstützung immer weiter zurückfielen. „Die digitale Spaltung vergrößert die Bildungsungerechtigkeit“, heißt es in dem Papier.

Für das neue Schuljahr gilt es nun, eine „Balance zwischen Stabilität und Flexibilität“ zu halten, die von Politik, Schulaufsicht, Schulträgern und den Schulen neben Professionalität eine frühzeitige und vorausschauende Planung abverlangen. Neben Hygienekonzepten und medizinischen Standards müsse der Wechsel von Präsenz- und Abwesenheitszeiten sowohl pädagogisch als auch psychosozial vertretbar sein. Darüber hinaus sollen die notwendigen Vorkehrungen für eine leistungsfähige digitale Infrastruktur getroffen werden, die alle Schüler in die Lage versetzt zu lernen.

Unterricht ist Lehrersache

Die Gestaltung und Begleitung des Fernunterrichts, das folgt aus dem staatlichen Bildungs- und Erziehungsauftrag nach Artikel 7 Abs.1 Grundgesetz, ist die originäre Aufgabe der Schule sowie der Lehrkräfte.

„Zurzeit werden wesentliche Bestandteile dieses Auftrags wie selbstverständlich weitgehend auf die Eltern und Erziehungsberechtigten übertragen“, schreibt das Expertengremium. Dabei könne das Delegieren dieser Verantwortung zu innerfamiliären Problemen und psychischen Belastungen führen, die vermieden werden sollten. Insoweit müsse die Vereinbarkeit von Familie und Beruf grundsätzlich gewährleistet sein. Aber von einer Wiederkehr zum gewohnten „schulischen Regelbetrieb“ dürfe nicht ausgegangen werden.

Mit steigendem Alter der Schüler soll der Präsenzunterricht ab- und der Fernunterricht zunehmen. Bei nötigen Entscheidungen, welche Klassenstufen in Präsenz unterrichtet werden, gelte, den jüngeren Jahrgängen Vorrang vor älteren zu lassen. So lautet eine Empfehlung der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Auf der Basis verbindlicher Stunden- und Wochenpläne soll der Fernunterricht durchgeführt und die Teilnahme nachgewiesen werden. Schüler ohne entsprechendes Equipment sollen leihweise mit digitalen Endgeräten durch Schulen oder Schulträger ausgestattet werden.

Kürzungen im Lehrplan

Stundenplankürzungen zu Lasten der Nebenfächer soll es nach Ansicht des Gremiums nicht geben. In der Grundschule müssen die mathematischen und sprachlichen Kompetenzen „besonders gefördert“ werden, heißt es weiter.

Gleichzeitig werden für das kommende Schuljahr „Kürzungen in den Lehrplänen bzw. in den erwarteten Leistungszielen aller Fächer“ empfohlen. Dies solle nicht zu Lasten der Qualität schulischer Bildung führen, „sondern den Lehrkräften die notwendigen Freiräume für den pädagogisch-konstruktiven Umgang mit den hygienebedingten Einschränkungen der Lehr-Lernmöglichkeiten ermöglichen“.

Die Kultusministerkonferenz solle insoweit mit den Ländern rechtzeitig vor Schuljahresbeginn konkrete Kürzungsvorschläge benennen. Als Beispiel führt die Friedrich-Ebert-Stiftung die Streichung des Kosinussatzes in Mathematik in der Mittelstufe und die wiederkehrenden Inhalte in unterschiedlichen Jahrgangsstufen – wie Lyrik im Deutschunterricht – an.

Schuljahr ohne Noten und ohne Sitzenbleiben empfohlen

Auch Klassenarbeiten und Tests sollen reduziert werden. Schüler sollen „häufiger und differenzierter“ als bisher die Möglichkeit bekommen, ihren Lernprozess zu korrigieren und anzupassen.

Weiterhin ist von „alternativen Prüfungsformen, alternativen Formen der Leistungsfeststellung und anderen Formen der Leistungsbewertung – anstelle von Noten – die Rede. Auf das „klassische Sitzenbleiben“ könne verzichtet und die Vergabe von Abschlüssen von Zensuren „entkoppelt“ werden.

Begründet wird dies damit, dass ein Großteil der Leistungen momentan ausschließlich im häuslichen Umfeld erbracht wird. Insoweit fehle eine Einsichtsmöglichkeit, um den Anteil selbstständigen Arbeitens gegenüber dem Anteil elterlicher oder sonstiger Unterstützung klar abzugrenzen. Zwar gelte dies bei den üblichen Hausarbeiten ebenfalls, durch die Ausweitung auf den Großteil des regulären Unterrichts werde es jedoch deutlich verschärft.

Aus rechtlicher Sicht sei es zudem ausgeschlossen, eine Ermittlung und Bewertung der Leistungen der Schüler allein auf der Grundlage schriftlicher Arbeiten vorzunehmen, da auch die mündlichen und sonstigen Leistungen bei der Gesamtbewertung angemessen berücksichtigt werden müssten.

Für den Präsenzunterricht bevorzugt das Expertenteam einen Verzicht auf Klassenteilung, soweit eine „effektive Kontaktnachverfolgung“ bei geringem Infektionsgeschehen möglich ist. Bei höherer Infektionstätigkeit sollten kleinere, unveränderliche Lerngruppen gebildet werden, die das Abstandsgebot von 1,5 Meter in den Klassenräumen ermöglichen.

Kontakt zu Mitschülern

Bei einem zu hohen Infektionsaufkommen wird von einem Präsenzunterricht abgeraten. In diesem Fall hält das Gremium unter medizinischen und psychologischen Gesichtspunkten die Sicherung eines Tages- und Wochenrhythmus durch kontinuierlichen Fernunterricht, z.B. mit digitaler Anwesenheitspflicht auf der Basis eines Stundenplans sowie die Förderung sozialer Kontakte zu Mitschülern für besonders wichtig.

Schülern mit psychosozialen Belastungen sollten „niedrigschwellige Beratungen“ angeboten werden, bei denen die Förderung der psychischen Gesundheit im Fokus stehe. Insoweit komme den Schulpsychologen und sonderpädagogischen Beratern eine besondere Rolle zu. Durch die Einrichtung von Kommunikations- und Kooperationsstrukturen könne ein Austausch zwischen Lehrern, pädagogischem Personal, Schülern und Eltern ermöglicht werden.

Digitalisierung im Fokus

„Unverzichtbare Voraussetzung für die Umsetzung von Konzepten des Fernunterrichts ist eine leistungsfähige technische Infrastruktur an den Schulen – möglichst Breitbandanbindung, WLAN – sowie die bedarfsgerechte Ausstattung mit Endgeräten“,  schreiben die Experten weiter. Insoweit sei eine Verständigung von Ländern und Schulträgern auf Ausstattungsstandards notwendig.

Eine große Rolle kommen insoweit dem Digital-Pakt und dem 500 Millionen Euro-Bundesprogramm zu, die notwendige Mittel bereitstellen; sowohl für Schüler als auch für Eltern.

Lehrer, die zur Risikogruppe zählen und vom Präsenzunterricht befreit sind, sollten „anderweitig und zu einer pädagogischen Tätigkeit, beispielsweise im Fernunterricht, eingesetzt werden.

Schülerbeförderung und Ganztagsbetreuung

Bei der Beförderung der Schüler müssten insbesondere Abstandsregel und ausreichendes Lüften der geschlossenen Fahrgasträume Anwendung finden. Weiterhin wird den Schulen empfohlen, die Nutzung von Fahrrädern und alternativen Verkehrsmitteln zu unterstützen und in ihre pädagogische Arbeit einzubeziehen.

Zur Vermeidung psychosozialer Probleme und wirtschaftlicher Schwierigkeiten berufstätiger Eltern könnten ganztätige Betreuungsangebote bereit gestellt werden, soweit Hygiene- oder Schutzmaßnahmen dies ermöglichen.

Nach Auffassung der Friedrich-Ebert-Stiftung liege es in der Hand der Schulen, schuleigene Konzepte für auf ihre individuelle Situation angepasste Lernsettings zu entwickeln. Diese Konzepte sollen sowohl den Lehrkräften als auch den Eltern und Schülern als Orientierung dienen. „Dazu ist dringend ein konkretes Unterstützungsangebot der Schulaufsicht zu empfehlen“, raten die Experten.

Wissenschaftler kritisiert Zustände

„Jenseits der Bewertung eventueller gesundheitlicher Gefahren, denen Kinder oder ihre Angehörigen laut Virologen im normalen Schulbetrieb möglicherweise ausgesetzt sind, kommt eine Dimension in der aktuellen Diskussion zu kurz: Schule ist mehr als die Wissensvermittlung, von der man glaubt, dass sie durch digitale Endgeräte übernommen werden könnte.“ Mit diesen Worten kritisierte der Erziehungswissenschaftler Heiner Barz die aktuellen Schulprobleme.

Elektronisch verschickte Lückentexte und Arbeitsblätter, mit denen Eltern, Schülerinnen und Schüler alleine gelassen werden – das sei kein Homeschooling, das sei noch nicht einmal Fernunterricht. In den Augen des Bildungsforschers ist das „eine bildungspolitische Bankrotterklärung und eine pädagogische Zumutung!“

Selbst, wenn die Mütter oder Väter nichts Anderes zu tun hätten, als ihre Kinder in den eigenen vier Wänden zu unterrichten, so Barz, „wäre es eine Überforderung – denn dafür sind sie weder fachlich noch didaktisch ausgebildet.“

„Und wenn dann in den höheren Klassen auch noch erwartet werde, dass die Schülerinnen und Schüler sich die Inhalte im Selbststudium erarbeiten, sie übend anwenden und dann das Problemlösen und den Lerntransfer selbstständig hinbekommen – um anschließend über entsprechende fachliche und überfachliche Kompetenzen zu verfügen … dann frage ich mich, ob eigentlich die gesamte Bildungsforschung der letzten Jahrzehnte und sämtliche Lehrerbildungskurse nur Selbstzweck gewesen sind – denn offenbar geht Schule auch ganz ohne all das“, kritisierte der Erziehungswissenschaftler

Er betonte: „Aus Sicht der Bildungssoziologie ist sonnenklar, dass die Schule eben nicht nur ein Ort des Kenntniserwerbs ist, sondern ein sozialer Organismus, der in der Gesellschaft aber auch für die einzelnen Heranwachsenden ganz bestimmte Funktionen erfüllt, die weit darüber hinaus gehen.“

Corona-Krise als Chance

„Wir halten die Schule für den Ort, an dem Kindern alles beigebracht wird, was sie später für ein gelingendes Leben brauchen und schreiben ihr damit immense Bedeutung zu. Dabei vermittelt Schule in ihrer jetzigen Form keine der Fertigkeiten, derer es in der veränderten Welt von morgen bedarf“, erklärte der Hirnforscher und Professor für Neurobiologie Gerald Hüther.

Für ein gelingendes Leben brauche es vor allem eins: „Ein neues Bildungskonzept!“ Denn Wissen und Können würden die Bildungseinrichtungen nicht vermitteln – im Gegenteil: Sie „verhindern [sie] oft sogar“. Aus diesem Grund brauche es jetzt die ganze Zivilgesellschaft und ein Ende der Bildung, wie wir sie kennen.

Die Stellungnahme der Friedrich-Ebert-Stiftung kann hier eingesehen werden: Schule in Zeiten der Pandemie Empfehlungen für die Gestaltung des Schuljahres 2020/21


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