Köthen: Die Stadt, eine Widerspiegelung Deutschlands – Was sagen uns die Menschen?

Von 18. September 2018 Aktualisiert: 19. September 2018 14:09
Chemnitz ist mit dem Tod von Daniel H. noch ganz wach im Bewusstsein der Öffentlichkeit, da gibt es erneut einen Vorfall. Diesmal passierte es in Köthen. Wieder sind junge Migranten darin verwickelt, wieder stirbt ein junger Mann. Und wieder wirken die Politik und die Behörden in ihrer Art zu informieren und sich dazu zu positionieren zurückhaltend und widersprüchlich.

Es ist Sonntag, ein sonniger Sonntag. Eine friedliche Ruhe erfüllt die Straßen der kleinen Kreisstadt Köthen (Sachsen-Anhalt). Anwohner gehen mit ihrem Hund spazieren, sitzen auf der Bank und genießen die Sonne oder gönnen sich ein Eis in der Innenstadt mit ihren engen Gassen. Wenn nicht in einigen Straßen und auf dem Marktplatz mit der spätgotischen Kirche St. Jakob mit ihrem Doppeltürmen und dahinter leicht versetzt dem alten Rathaus im Neorenaissance-Stil Polizeiautos und Absperrgitter wären – könnte man denken es wäre ein Tag wie jeder andere auch.

Auf einer Sitzbank direkt am Marktplatz kommen wir mit einem Mann ins Gespräch, es stellt sich heraus, dass er Schulleiter an einer Hauptschule in Halle (a. d. Saale) ist. Er ist einem Aufruf gefolgt, heute hier ein Zeichen zu setzen gegen den Aufmarsch Rechter. Mit seiner Anwesenheit möchte er diesem Aufmarsch etwas entgegensetzen, was er auch für wichtig hält. Er erkennt die Unzufriedenheit der Menschen an, die heute nach Köthen zur Demo kommen „aber wir wollen auch zeigen, dass wir mit demokratischen und friedlichen Mitteln präsent sind“.

Auf die Frage, ob er wisse, warum die Menschen heute hier auf die Straße gehen, sagt er, dass die Menschen aufgeregt wären nach dem Vorfall um Markus B., wo anscheinend Flüchtlinge involviert waren. „Das macht die Menschen unruhig, weil Flüchtlinge ein Thema sind, das in Deutschland die Menschen bewegt und unruhig macht, deswegen sind sie auf der Straße“.

Köthens Bürgermeister: „Von auswärts kommende Demonstrierende möchten wir in Köthen gar nicht haben“

Dann öffnen sich die Türen der St. Jakobs Kirche. Ein Friedensgebet ist gerade vorbei,  an dem auch der Oberbürgermeister Bernd Hauschild (SPD) teilnahm. Wir fragen ihn, warum er heute in der Kirche war. Er erklärt, dass vor einer Woche ein Mensch, ein Köthener gestorben sei, egal unter welchen Umständen „das ist eine Geschichte, die die Staatsanwaltschaft untersuchen wird, die sie aufklären wird. „Aber wir möchten gern mitfühlen mit der Familie und wir möchten nicht nur Mitgefühl zeigen, sondern als wir gehört haben wer alles nach Köthen kommen will, möchten wir auch zeigen, dass wir für den Frieden sind und dass wir von auswärts Demonstrierende in Köthen gar nicht haben wollen. Das sind Dinge die wir heute in einem Friedensgebet in der Kirche versucht haben darzustellen“.

Wir fragen nach, ob er wisse, warum die Menschen heute nach Köthen kommen und demonstrieren. Der Oberbürgermeister antwortet, dass er zwar eigentlich der Bürgermeister von Köthen ist, aber man ihm praktisch die Stadt genommen hätte und sie jetzt von der Polizei und den Demonstranten beherrscht würde. Und zu solchen Fragen, wie den Motiven für solch eine Demonstration könne er gar keine Antwort geben. Wir fragen nach, ob er das Motto der Demo kennt? „Ich hab‘s mir mal durchgelesen, aber ich hab das auch ganz schnell wieder vergessen, weil ich mir die Frage gestellt habe ‚Was soll das hier in Köthen?‘.“

Können Sie nicht nachvollziehen, dass Menschen hier auf die Straße gehen? „Ich kann das nachvollziehen, dass Menschen, die unzufrieden sind, auch auf die Straße gehen. Was ich aber nicht nachvollziehen kann, was ich sogar als pietätlos bezeichnen möchte, dass man einfach den Tod eines jungen Menschen dazu zum Anlass nimmt. Auch wir möchten unsere Gefühle ausdrücken, wir Köthener, aber doch nicht zu diesem Zeitpunkt.“

Wir erzählen ihm, wie wir die Demo verstehen, dass die Menschen, die heute hierherkommen, die Todesfälle als Symptome dafür sehen, dass hier in Deutschland etwas schief läuft. Die Menschen zu der Demo kommen sehen die Ursache für die Todesfälle in der Massenmigration nach 2015 und der Migrationspolitik der Bundesregierung. Aufgrund der Todesfälle sehen diese Menschen die öffentliche Sicherheit und Ordnung in Deutschland negativ verändert. Das wollen sie dadurch, dass sie auf die Straße gehen, zum Ausdruck bringen. Dann fragen wir ihn, ob nicht die Bürger seiner Stadt dies ähnlich sehen könnten und diese Veranstaltung möglicherweise unterstützen und ähnliche Bedenken und eine ähnliche Haltung hätten? Hauschild antwortet, dass er verstehen kann, dass man da Bedenken haben kann oder haben muss, „damit bin ich einverstanden“.

Für ihn sei auch einiges, was die Einwanderung betrifft, schief gelaufen. Er möchte auch ein vernünftiges Einwanderungsgesetz und das sehr schnell. „Aber ich nehme das ganz einfach nicht zum Anlass, dass ich jetzt, weil jemand in Köthen ums Leben gekommen ist, dass ich dann deswegen auf die Straße gehe, das ist für mich der verkehrte Weg. Wir möchten auch nicht nur Schweigen, wir wollen auch etwas sagen, aber wir müssen sehen, wann die Zeit dafür ist und die ist dann gegeben, wenn der junge Mann beerdigt ist.“

Berndt: „Mitverantwortlich ist die Regierung und ihre heuchlerischen Helfer“

Kurze Zeit später trifft der Veranstalter auf dem Marktplatz ein, Christoph Berndt, Pressesprecher und Mitbegründer des Vereins „Zukunft Heimat“, einer brandenburgischen Bürgerinitiative. Wir fragen ihn, wie die Initiative entstanden ist. Er erklärt, dass Bürger in kleinen brandenburgischen Orten die Erfahrung gemacht haben, dass ihre Interessen nicht mehr durch die etablierten Parteien vertreten werden und sie dann den Eindruck hatten: „Wir müssen uns um unsere eigenen Angelegenheiten kümmern, wir müssen uns einmischen in die Dinge, die uns bewegen“.

 

Aber warum ist die Bürgerinitiative heute in Köthen, wollen wir wissen. Dazu meint Berndt: „Wir haben zur heutigen Demonstration aufgerufen, weil wir denken, fühlen und wissen, dass der Tod des jungen Menschen hier ein Ereignis von überregionaler Bedeutung ist. Und wir wollen nicht hinnehmen, dass die einheimischen Opfer, Opfer zweiter Klasse sind, die nicht in das Bild der Ideologie der Regierung passen. Wir wollen an diese Opfer erinnern und wir werden wieder einmal fordern, dass die Regierungspolitik sich ändert.“ Später auf dem Podium äußert er noch: „Schuld haben die Täter, die erkennbar nicht in unser Land gehören aber mitverantwortlich ist die Regierung und ihre heuchlerischen Helfer in den Medien und in der sogenannten Zivilgesellschaft.“ so der Veranstalter.

Ärztin: „Es passiert ja jede Woche etwas, mehrmals jede Woche sogar“

Danach treffen wir eine Ärztin aus Berlin. Auch sie fragen wir, warum sie heute hier ist: „Ich hab mir immer gesagt, du guckst nur zu, du liest ganz viel im Internet, du denkst nach, du versuchst irgendwie was zu schreiben, was zu bewegen, aber man muss manchmal auch einfach Präsenz auf der Straße zeigen. Der junge Mann ist zwar an einem Herzinfarkt verstorben aber Herzinfarkte kann man auch durch Stress bekommen und er hatte glaube ich den größtmöglichen Stress, den ein Menschen haben kann: Er wurde bedroht an Leib und Leben.“

Und sie erklärt weiter: „Es passiert ja jede Woche etwas, mehrmals jede Woche sogar. Ich find das einfach schlimm – man muss da einfach mal Gesicht zeigen – und einfach sagen: ‘Ja es reicht uns, wir möchten wieder sicher leben, wir möchten in unserem Land wieder als Frau abends und nachts auf die Straße gehen können und wir möchten auch nicht, dass unsere jungen Männer zusammengestochen, zusammengetreten, zusammengeprügelt und getötet werden.‘“ Und sie ergänzt: „Es heißt, er wäre ein sehr umgänglicher Mensch gewesen“. Und zeigt sich erschüttert darüber, „dass die Menschen die die Gesellschaft am meisten braucht, dass die so schändlich behandelt werden und auch von der Politik so alleingelassen werden – das geht gar nicht“, so die Ärztin, die als gläubige Christin auch für eine Veränderung bete, wie sie uns erklärt.

Bevor die Kundgebung startet, will unser Reportage-Team zum Spielplatz – dem Ort, wo Markus B. den Berichten zur Folge zu einem Streit zwischen zwei Afghanen kam, um zu Schlichten. Der Streit soll sich um die Vaterschaft eines noch ungeborenen Kindes einer deutschen jungen Frau gedreht haben, die auch dort am Spielplatz war. Was dann geschah, ist noch nicht gesichert bekannt. Lärm von sich schlagenden Männern, dann ein Ruf – „er bekommt keine Luft“ – soll zu hören gewesen sein. Als die Schwägerin von Markus B. dazukommt, liegt Markus B. schon in stabiler Seitenlage auf dem Boden, ein Passant leistet erste Hilfe.

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Dann trifft die Polizei ein, schließlich der Notarzt, schreibt die „Mitteldeutsche Zeitung“. In dieser Zeit soll noch ein Puls zu spüren gewesen sein. Schließlich verstirbt der 22-Jährige an Herzversagen, dem ein Herzinfarkt voranging. Er war von Geburt an herzkrank. Der Mediziner, der die Leiche von Markus B. obduzierte, war Rechtsmediziner Rüdiger Lessig. Er spricht aufgrund der Fehlbildung von Markus seinem Herzen von einem „versagensbereiten“ Herzen, berichtet die „Mitteldeutsche Zeitung“.

Junge Köthener: Von Ausländern bedrängt, bedroht und überfallen

Auf dem Spielplatz treffen wir zwei Mädchen 17 und 18 und einen jungen Mann 25 Jahre alt. Wir fragen sie, ob sie öfter hier sind. „Eigentlich gar nicht mehr, früher jeden Tag“, heißt es von den Dreien einstimmig. Seit wann geht ihr hier nicht mehr her? Ungefähr seit drei Jahren, sagt der junge Mann. Ein Mädchen sagt, „seit einem Jahr.“ Warum, fragen wir? Sie machen deutlich, dass es mit den Ausländern, die sich hier oft aufhalten, zu tun hat. Das 18-jährige Mädchen erzählt, das sie selber schon erlebt hat, dass man sie hinter ein Gebüsch ziehen wollte. Ein Afghane wollte sie Küssen, obwohl sie dass nicht wollte.

Auch die 17-Jährige berichtet, dass sie von einem Ausländer im Bus bedrängt wurde. Der 25-jährige Mann erzählt, dass er zusammen mit Freunden erst kürzlich von einer achtköpfigen Gruppe von Ausländern überfallen wurde. Einer hatte ein Messer dabei. „Sie zogen uns die Handys ab“, erklärt der junge Mann. Einer der Freunde konnte sich nach seinen Schilderungen mit einem Mädchen zusammen aus der Gruppe lösen und die Polizei alarmieren. Auf die Frage, ob so etwas Einzelfälle wären, machen sie deutlich, dass dies schon länger ein Problem sei und dass so was immer wieder passiere.

Köthener zeigen Unverständnis für die Asylpolitik

Gefilmt werden wollen sie nicht. Wir verabschieden uns und wir machen uns auf den Weg zurück zum Marktplatz. Unterwegs dorthin sehen wir am Straßenrand zwei Frauen und ein kleines Mädchen. Die beiden Frauen unterhalten sich. Wir wollen mit ihnen ins Gespräch kommen und fragen sie, ob sie heute zu der Demo auf dem Marktplatz gehen. Ein entschiedenes „Nein“ kam von der älteren Dame, einer Rentnerin, wie sich später herausstellt. Warum nicht?, fragen wir nach. „Dann hält man mich nachher noch für eine Rechte. „Nein das will ich nicht“. Und sie erzählt weiter: „Wir hatten früher in der DDR auch Ausländer hier, Studenten aus Kuba und andere, aber die waren ganz anders.“ Die andere Frau ergänzt, „Gucken sie hier in der Straße, dort wohnen viele Ausländer. Gehen sie einfach mal durch die Straße und schauen sie, wie es dort aussieht.“

Wir schauen kurz von Weitem in die Straße und sehen auffällig viele ausländische Kinder auf dem Bürgersteig und der Straße spielen – dazwischen ausländische Erwachsene. Tatsächlich wirkt die Straße anders, als die Köthener Straßen, die wir zuvor gesehen haben – allesamt sehr gepflegt und ordentlich. Die Rentnerin zeigt auf ihr Fahrrad: „Das habe ich mir selbst von meiner Rente kaufen müssen und was ist mit so manchem Ausländer? Von Sozialleistungen leben sie hier.“ Sie berichtet von ihrem Sohn, der um Arbeit zu haben auf Montage gehen musste. Das zerrüttete seine Ehe. Nun leidet er unter Depressionen und die Ausländer bekämen eine rundum Unterstützung.

„Und was ist, wenn sie später Rentner sind“, führt die Rentnerin weiter aus. „Sie haben ja nie etwas eingezahlt.“ Ihr Unverständnis darüber ist unübersehbar. Und sie macht deutlich, dass sie sich als Köthenerin in der Stadt nicht mehr so sicher fühlt. „Aber was soll ich machen“, erzählt die Rentnerin weiter. Was hätte sie schon an Briefen geschrieben an die Kanzlerin, an den Landrat – nichts hätte das gebracht. Sie wirkt enttäuscht. Wir verabschieden uns und gehen weiter.

Köthener bleibt zu Hause aus Angst vor Ausschreitungen

Ein Mann fegt vor seinem Haus gerade ein paar Pferdeäpfel von der Straße vor seinem Haus auf – eine Hinterlassenschaft der Reiterstaffel der Polizei. Auch ihn sprechen wir auf die Demo vom Marktplatz an, ob er noch vorhätte, dorthin zu gehen. Das würde er, lautete die Antwort. Aber er wolle nichts mit dieser Gewalt zu tun haben. Wenn die Linken dann kämen und es dann losginge. Nein, das ist ihm nichts, damit wolle er nichts zu tun haben. Ansonsten kann er gut verstehen, dass die Menschen auf die Straße gingen.

Aussage von Demo-Teilnehmer stellt Hetzjagd in Chemnitz in Frage

In dem Trauermarsch lernen wir einen Angestellten in einem mittelständischen Unternehmen aus Leipzig kennen. Er hat auch an dem Trauermarsch in Chemnitz teilgenommen und war Augenzeuge von der „Jagdszene“, die in einem 19-Sekunden-Clip zu sehen ist auf die sich anscheinend die Aussagen der Kanzlerin und ihres Sprechers zu „Hetzjagden auf Menschen anderer Herkunft beziehen“ und deren Echtheit in Bezug auf die Darstellung einer „Hetzjagd“ Verfassungsschutz-Chef Maaßen bezweifelt. Er berichtete uns, das ausländische Personen bei dem Trauermarsch in Chemnitz am 26. August durch den Trauerzug rannten bzw. an den Trauerzug nah heran und dann „Scheiß Deutscher“ riefen. Infolgedessen soll es zu ebensolchen Szenen wie in dem bekannten YouTube-Video gekommen sein.

Nach der Kundgebung auf dem Marktplatz zieht der Demonstrationszug als Trauermarsch durch die Kleinstadt. 1.400 Menschen sollen es laut Polizei sein, die ruhig und friedlich zum Spielplatz laufen, dort wo Markus B. am Boden liegend durch den Notarzt vorgefunden wurde. Es herrscht eine andächtige Stimmung trotz der vielen Menschen. Keine Rufe, keine Störungen durch Gegendemonstranten nur viel Schweigen. Viele Anwohner schauen aus den Fenstern.

Trauermarsch: Viel Schweigen – viel Polizei – ein Durchbruchsversuch der Gegendemonstranten

Die Polizeieskorte bestehend aus vielen Polizisten wirkt skurril anhand der Ruhe und Friedfertigkeit, die der Trauerzug ausstrahlt. Mit mehr als 1.000 Polizisten aus sieben Bundesländern plus Bundespolizeikräfte und Beamte der Landesbereitschaftspolizei ist man vor Ort. Dazu sehen wir in der Seitengasse zwei Wasserwerfer stehen und eine bereits erwähnte Reiterstaffel ergänzt das Aufgebot. Am Spielplatz gibt es die Möglichkeit Kerzen aufzustellen, dann geht es weiter, zurück zum Marktplatz.

Eine kurze Unruhe, als der Demonstrationszug am Marktplatz eintrifft. Gegendemonstranten versuchen, zu den Demonstranten, die vom Trauermarsch zurück zum Marktplatz kommen zu gelangen – die Polizei stellt sich rechtzeitig dazwischen. Unter lautstarkem Protest der Gegendemonstranten findet die Abschlusskundgebung statt. Mit dem gemeinsamen Singen der Deutschlandhymne endet die Veranstaltung und die Teilnehmer machen sich auf den Weg nach Hause.

Gegen 21.00 Uhr fragen wir bei der Polizei nach. Es heißt, die gesamten Demonstrationen liefen weitestgehend störungsfrei ab. Die Gegenveranstaltung am Bahnhof ist noch im Gange. Wir machen uns auf den Heimweg.