Springer-CEO Döpfner warnt vor „Herdenjournalismus“ und „Intoleranz gegenüber Freidenkern“

Von 11. Februar 2019 Aktualisiert: 11. Februar 2019 14:48
Im Interview mit der "Neuen Zürcher Zeitung" mahnt Axel-Springer-CEO Mathias Döpfner deutsche Journalisten, Lehren aus dem Skandal um Claas Relotius zu ziehen. Die Antwort auf enthemmte Sprache in sozialen Netzwerken könne zudem keine radikalisierte Political Correctness sein.

Mit kritischen und mahnenden Worten an seine eigene Branche hat der Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger und Axel-Springer-CEO Mathias Döpfner in der „Neuen Zürcher Zeitung“ (NZZ) aufhorchen lassen.

Zunehmendes Misstrauen der Bevölkerung gegenüber Medien sei vielfach den deutschen Journalisten selbst zuzuschreiben. Viele Journalisten, so betont Döpfner, verhielten sich „zutiefst unjournalistisch“. Sie wollten „das Juste Milieu ihrer eigenen Branche bedienen, anstatt nonkonformistisch die andere Seite der Medaille zu beleuchten“. Dies sei eine Konsequenz des hohen Maßes an Eitelkeit, das diese Berufsgruppe kennzeichne.

Man will der eigenen Crowd gefallen, und das führt zu Herdenverhalten, Mainstream-Denken, Konformismus in der journalistischen Darstellung und immer mehr auch zu Intoleranz gegenüber Freidenkern.“

Wenn dann, wie es selbst in der „Welt“ der Fall sei, der überwiegende Teil der Journalisten einseitig dem linksliberalen Meinungsspektrum zuzuordnen sei und die Grenze zwischen Journalismus und Aktivismus nicht einhalte, verschärfe sich dieses Problem, zumal der Zuspruch zu solchen Ansichten unter den Bürgern deutlich geringer sei.

Wenn Medien politische Positionen der Bevölkerung so verzerrt repräsentieren, führt das auf die Dauer zu einer Entkoppelung.“

Ein Fall wie jener des früheren preisgekrönten „Spiegel“-Reporters Claas Relotius, der im Dezember des Vorjahres der mehrfachen Erfindung wesentlicher Elemente seiner Reportagen überführt wurde, sei „mit Sicherheit kein Einzelfall, der isoliert betrachtet werden darf“, sondern habe „etwas Systemisches, das mit dem ‚Spiegel‘ zu tun hat“. Darüber hinaus sei er auch ein Indiz dafür, was in der Branche schieflaufe.

Wahrheitssuche statt Aktivismus

„Relotius hat einen Sound und eine Haltung geliefert, die seine Chefs wollten und die die Jurys der Journalistenpreise toll finden. Am Ende war es für ihn leichter, solche Geschichten zu erfinden, als jedes Mal aufwendig zu recherchieren. Denn die Welt sieht nicht immer so aus, wie man sie sich wünscht.“

Seine „oft amerikakritisch, wenn nicht antiamerikanisch“ ausgerichteten Texte und pathetische Manifestationen im Sinne der Willkommenskultur wie von Angela Merkel träumende Flüchtlingskinder würden „nicht per Zufall erfunden, sondern bedienen eine ideologische Erwartungshaltung“.

Die Konsequenz daraus müsse eine sehr gründliche und selbstkritische Aufklärung in eigener Sache sein, nicht nur beim „Spiegel“, sondern von allen Medienhäusern. Relativierungen, falsche Branchensolidarität oder Selbstgefälligkeit seien fehl am Platze. Zwar rühme sich der „Spiegel“, die Angelegenheit selbst aufgeklärt und aus der Welt geschafft zu haben, doch hätte er dies unterlassen, hätte jemand anderes diesen Part übernommen.

Wir müssen uns nun alle fragen, wie wir wieder mehr Authentizität und Glaubwürdigkeit herstellen können. Auch die Jurys der Journalistenpreise müssen in sich gehen. Wenn das nicht geschieht, wird der Fall Relotius als ein Glaubwürdigkeitsverlust ersten Ranges für die gesamte Branche in die jüngere Mediengeschichte eingehen. Wer ‚Lügenpresse‘ schreit, hat hier ein gefundenes Fressen.“

Journalisten sollten sich als Wahrheitssucher begreifen, nicht als Aktivisten. Im Hause Springer wolle man Fehlentwicklungen, wie sie einen Fall Relotius möglich gemacht hatten, über die hauseigene Akademie gegensteuern.

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„Unser Ziel ist es nicht, junge Leute auf irgendeine politische Linie zu bringen, das wäre ja furchtbar. Wir legen Wert auf Handwerk, Recherche und ideologische Unbefangenheit. Neugier auf die Wirklichkeit ist der wichtigste Leitsatz in unserer Ausbildung.“

Einem Journalisten müsse alles Aktivistische zuwider sein, betont Döpfner. Dies beziehe auch und vor allem auf eine vermeintlich „gute Sache“:

Es darf keinen intentionalen Journalismus geben, der darauf abzielt, die Welt nach dem eigenen Gusto zu verbessern. Wer antritt, um die AfD zu verhindern, ist schon auf dem Holzweg. Er wird damit vor allem eines erreichen: die AfD zu stärken.“

Ziel soll nicht Erziehung sein, sondern Horizonterweiterung

Journalisten, so Döpfner, befinden sich auf der Suche nach Wahrheit, aber sie kennen sie nicht. Es könne auch lediglich der Anspruch sein, ein möglichst wahrheitsgetreues Bild zu zeichnen. Aber auch das entstehe nur im Wettbewerb möglichst vieler Erkenntnisse und Ansichten.

„Die Gesamtheit all dieser Darstellungen, kritischen Fragen, investigativen Rechercheergebnisse und Kommentare kommt im besten Fall der Wirklichkeit nahe. Genau deshalb ist übrigens auch journalistischer Wettbewerb so wichtig.“

Zweck des Journalismus müsse es sein, ein Qualitätsversprechen zu erfüllen, nämlich dem Leser jeden Tag eine Horizonterweiterung zu ermöglichen. Dies verlange nach relevanten Themen, neuen Erkenntnissen und unterhaltsamer Aufmachung, auch durch angemessene Sprache. Die Welt der Big Data biete hier unschätzbare Chancen, die die Branche nutzen müsse.

Döpfner warnte darüber hinaus vor einer zunehmenden Polarisierung und Radikalisierung, die aus einer Geschlossenheit von Diskurssystemen herrühre. Eine nicht für möglich gehaltene Verrohung und Enthemmung der Sprache in sozialen Medien auf der einen Seite gehe Hand in Hand mit einem immer strikteren Tugendterror und Tugendzwang im Sinne der Political Correctness, der unter Wirtschaftseliten, Künstlern, Journalisten und Intellektuellen herrsche.

Während das Land eigentlich mehr Freiheit brauche, um auch unkonventionelle und unbequeme Gedanken zu ertragen, radikalisiere die eine Seite ihre Ressentiments, die andere hingegen ihre Political Correctness. Dass auf politischer Ebene die ehemaligen Großparteien CDU/CSU und SPD an Boden verlieren, sei eine logische Konsequenz:

Die Gewinner sind die zwei neuen Volksparteien: die AfD, die Partei für die bösen, zornigen Modernisierungsverlierer, und die Grünen, die Partei für privilegierte Modernisierungsgewinner – das sind die zwei erfolgreichsten Zeitgeistbewegungen der Gegenwart.“

Döpfner hofft auf „neuen Politikertypus“

Perspektivisch gehe Döpfner jedoch davon aus, dass eine Gegenbewegung zu beiden, eine „echte Freiheitsbewegung“ geben werde, die aus der „demokratischen Mitte“ käme. Dies müsse nicht in Form einer neuen Partei stattfinden.

„Vielleicht entsteht aus der heutigen Situation ein neuer Politikertypus, der authentischer und glaubwürdiger ist; ein Politikertypus, der nicht auf alles sofort die richtigen Antworten hat, aber die richtigen Fragen stellt. Der sagt, was er denkt, und tut, was er sagt. Alles schreit nach Veränderung und Bewegung.“

Das Beharren des Axel-Springer-Verlages darauf, seine Mitarbeiter auf bestimmte inhaltliche Grundüberzeugungen wie die transatlantische Solidarität und jene mit Israel zu verpflichten, hält Döpfner für wichtiger denn je.

Dies begründet er nicht nur mit dem Überdauern antisemitischer Einstellungen von rechts, sondern auch mit der immer größeren Bedeutung und Aggressivität von linkem und islamistischem Antisemitismus. Zudem gehöre in vielen Teilen der Bevölkerung Antiamerikanismus zum guten Ton:

„Ich verstehe nicht, was los ist. Die Deutschen verdanken den Amerikanern, dass sie nach dem Nationalsozialismus keine Kolonie wurden, sondern ein freies, selbstbestimmtes Land. Wir verdanken den Amerikanern so viel, und als Schutzmacht der Demokratie – allen aktuellen Entwicklungen zum Trotz – bleibt Amerika ein Leuchtturm. Würde man die Deutschen heute aber fragen, ob sie lieber eine Allianz mit Putin als mit Trump hätten, würden viele einer Allianz mit Putin den Vorzug geben. Mich wundert diese Stimmung – gerade auch, was Israel anbelangt. Das Land ist der Brückenkopf der Demokratie in einer demokratiefeindlichen Region. Es spricht so viel dafür, Israel zu unterstützen. Ich bin verwundert und – das muss ich zugeben – auch sprachlos.“

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