Vor den Gas-Terminals der Häfen stauen sich die Gastanker, um möglichst noch preiswert Ladung aufnehmen zu können.Foto: iStock

Einkaufspreise bei Erdgas im Vergleich zu 2020 um 451 Prozent gestiegen

Epoch Times20. September 2021 Aktualisiert: 20. September 2021 18:16
Vergleichsportale warnen vor einer „größeren Gaspreiswelle“ für private Haushalte im Herbst. Die Einkaufspreise für Erdgas sind stark gestiegen. Oliver Krischer (Grüne) vermutet eine russische „künstliche Knappheit“: „Mindestens die Hälfte des gestiegenen Gaspreises geht auf das Konto von Gazprom und Wladimir Putin.“

Haushalte in Deutschland mit einer Gasheizung müssen sich auf steigende Preise einstellen. Die Verbraucherportale Check24 und Verivox warnten am Montag vor einer „größeren Gaspreiswelle“ im Herbst; dutzende Versorger haben demnach bereits ihre Preise erhöht. Die Einkaufspreise für Erdgas sind wegen der hohen Nachfrage und relativ leerer Speicher stark gestiegen. Der Börsenpreis für Gas liegt auf einem Allzeithoch.

Die Gaspreise für private Haushalte sind in den vergangenen Monaten bereits stark gestiegen. Ein Musterhaushalt mit einem Verbrauch von 20.000 Kilowattstunden zahle aktuell im Schnitt 1.516 Euro jährlich für Gas, teilte das Verbraucherportal Check24 am Montag mit. Laut Verivox betrugen die Kosten im September im Schnitt 1.299 Euro – das sei so hoch wie seit Juli 2015 nicht mehr.

Einkaufspreise massiv gestiegen

Grund sind laut den Energieexperten der Verbraucherportale vor allem die stark gestiegenen Einkaufspreise: Der Börsenpreis für Gas liege auf einem Allzeithoch von 44,03 Euro pro Megawattstunde, erklärte Check24: Im September waren es noch 7,99 Euro gewesen. Der Anstieg binnen eines Jahres beträgt 451 Prozent.

Verivox zufolge legten die Einfuhrpreise für Erdgas allein seit Jahresbeginn um 42 Prozent zu. An den Spotmärkten, wo Gas kurzfristig gehandelt wird, hätten sich die Preise demnach seit Jahresbeginn (Januar bis August) mehr als verdoppelt (plus 115 Prozent). Dies geben die Versorger an die Verbraucherinnen und Verbraucher weiter.

50 Gasgrundversorger haben laut Check24 bereits ihre Preise für Verbraucherinnen und Verbraucher erhöht oder Preiserhöhungen angekündigt. Im Durchschnitt betragen die Preiserhöhungen demnach 11,5 Prozent und betreffen gut 310.000 Haushalte. Für einen Musterhaushalt mit einem Verbrauch von 20.000 Kilowattstunden bedeute dies zusätzliche Kosten von durchschnittlich 172 Euro pro Jahr.

Verivox zufolge haben 38 Gasanbieter für September, Oktober und November Preiserhöhungen von durchschnittlich 13 Prozent angekündigt. Bei einem Jahresverbrauch von 20.000 Kilowattstunden entspreche das Mehrkosten von rund 191 Euro pro Jahr. Und: „Kein regionaler Versorger plant, die Gaspreise in den kommenden Monaten zu senken“, erklärte Verivox.

CO2-Abgabe macht es teuer

Der Gaspreis für Verbraucher sei „nicht zuletzt“ wegen der Anfang dieses Jahres eingeführten CO2-Abgabe geklettert, erklärten Check24 und Verivox. Sie steigt von derzeit 25 Euro pro Tonne CO2 auf 30 Euro im nächsten Jahr und bis 2025 auf 55 Euro pro Tonne.

Verivox-Energieexperte Thorsten Storck warnte: „Auch langfristig müssen sich Verbraucher darauf einstellen, dass das Heizen mit Öl und Gas in Deutschland teurer werden wird, denn der nationale CO2-Preis auf fossile Brennstoffe wird sich in den kommenden Jahren mehr als verdoppeln. Diese Kosten geben Gasversorger an ihre Kunden weiter.“

Derartige Preisänderungen treten normalerweise am Jahresende auf und nicht im Sommer. Im Winter ist die Nachfrage nach Erdgas höher und die Erdgasspeicher leeren sich, im Sommer werden sie wieder aufgefüllt. Derzeit sind die durchschnittlichen Füllstände der Gasspeicher ungewöhnlich niedrig. In Deutschland liegt die Auslastung der Gassilos bei rund 64 Prozent.

Die NZZ formulierte es drastisch und titelt: „Spielt Moskau mit der Erdgasknappheit? Im Winter könnte es in Europa zu einem Preisschock am Gasmarkt kommen.“ Dahinter steckt die Beobachtung, dass der russische Staatskonzern Gazprom weniger Erdgas lieferte als erwartet. Spekuliert wird, ob es sich um einen Erpressungsversuch pro Nord Stream 2 handelt.

Hinzu kommen Marktüberlegungen rund um die Bundestagswahl und mögliche Koalitionen: Die Grünen stehen als einzige Partei der Pipeline Nord Stream 2 ablehnend gegenüber und fordern einen Stopp des Projektes. Es sei klima-, energiepolitisch und geostrategisch schädlich (vor allem für die Ukraine).

Eine weitere Ursache vermutet Tom Marcek-Manser, Gasanalytiker für Europa. Gazprom könnte auch in der Lage sein, nicht mehr Erdgas liefern zu können. Ob Russland nun, wie befürchtet, Energie als geopolitische Waffe in Europa nutzt oder nicht – letzten Endes zahlt der Verbraucher mehr für seinen Strom.

Russische „künstliche Knappheit“

Der Grünen-Politiker Oliver Krischer erklärte die hohen Gaspreise auch mit der russischen Politik. Russland exportiere in diesem Jahr 20 Prozent weniger Gas als 2019 nach Deutschland, erklärte er. Es habe den Anschein, dass das eine „künstliche Knappheit“ sei – denn den geringen Exporten nach Deutschland stünden Rekordlieferungen in die Türkei und nach China gegenüber. Hinzu komme die hohe Nachfrage aus Deutschland vor allem seitens der Industrie und der Gaskraftwerke.

„Mindestens die Hälfte des gestiegenen Gaspreises geht auf das Konto von Gazprom und Wladimir Putin. Das ist auch das taktische Begleitspiel, um die Genehmigung der Nord Stream 2 Pipeline durchzudrücken“, erklärte Krischer. Nord Stream 2 soll jährlich bis zu 55 Milliarden Kubikmeter russisches Erdgas durch die Ostsee direkt nach Deutschland liefern.

Deutschland rutsche bei den ausstehenden Genehmigungen für die Pipeline in eine Situation mit Erpressungspotenzial. Normalerweise sei die Versorgungssicherheit im Winter mit den bestehenden Pipelines gewährleistet, wenn auch die Gasspeicher voll sind. Dieses Jahr seien die Speicher aber nicht voll.

Insbesondere die von Gazprom kontrollierten Speicher, die 25 Prozent der Kapazitäten ausmachen, seien so gut wie leer – „und es gibt keine Anzeichen, dass das in den nächsten Monaten anders wird“, erklärte Krischer weiter.

Der wegen seiner Größe besonders bedeutende Gassilo im niedersächsischen Rehden, betrieben von Gazprom, ist mit gerade einmal 4,5 Prozent Auslastung besonders leer und wird mit einem täglichen Plus von 0,06 Prozent derzeit besonders langsam aufgefüllt.

„Wenn es richtig kalt wird im Februar, wichtige Speicher leer sind und die Nord Stream 2 nicht in Betrieb genommen wurde, können regional Engpässe auftreten. Dann bleiben Wohnungen kalt und Gaskraftwerke müssen abgeschaltet werden“, warnte Krischer..

Russland ist für Deutschland die wichtigste Quelle von Erdgas. Zwar veröffentlicht das Bundeswirtschaftsministerium seit 2016 keine nach Herkunftsländern aufgeschlüsselten Zahlen zu Gasimporten mehr. Laut Energie Informationsdienst beliefen sich die Erdgasimporte der Bundesrepublik 2020 nach Abzug der Erdgasexporte auf insgesamt 79,244 Milliarden Kubikmeter. Hinzu kamen 5,155 Milliarden Kubikmeter inländisch gewonnenes Erdgas. Aus Russland stammten demnach 37,23 Milliarden Kubikmeter und somit rund 44 Prozent des in Deutschland verbrauchten Erdgases. Weitere rund 42 Prozent stammten demnach aus Norwegen, 6,5 Prozent aus den Niederlanden.

Großbritannien: Fünf Pleiten von Energieunternehmen

Auch in anderen Ländern Europas steigen die Gaspreise. In Großbritannien stiegen die Preise allein in diesem Jahr um 250 Prozent. Die Steigerung im August betrug 70 Prozent.

Wirtschaftsminister Kwasi Kwarteng berief aus diesem Grund am 20. September einen Dringlichkeitsgipfel mit den Chefs der Gasindustrie ein.

Kwarteng warnte, dass kleine Unternehmen in Konkurs gehen könnten. Ihre Kunden würden an das Unternehmen versteigert, das ihnen den günstigsten Tarif anbieten würde. Hintergrund ist, dass in den vergangenen fünf Wochen fünf kleinere Energieunternehmen Konkurs anmelden mussten. Mehr als eine halbe Million Kunden benötigen einen neuen Anbieter.

Es wird davor gewarnt, dass bis Anfang Oktober weitere vier Unternehmen mit zusammen einer Million Kunden insolvent werden könnten.

Die Engpässe an Erdgas führten bereits zu temporären Schließungen von Düngemittelherstellern. Das führt dazu, dass das Nebenprodukt Kohlenstoffdioxid, CO2, welches bei der Verpackung im Lebensmittelbereich eingesetzt wird, fehlt. Frische Lebensmittel wie Fleisch oder Tiefkühlprodukte verwenden das Gas bei der Verpackung für die Frischhaltung. Daher rechnen Lebensmittelfirmen ihrerseits mit Engpässen und Problemen.

Auch Fleisch- und Geflügelverarbeiter benötigen für die Schlachtung CO2, sie warnen, dass Schlachthöfe möglicherweise in den nächsten zwei Wochen ihren Betrieb einstellen müssen. (afp/ks)



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