Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) bei einer Pressekonferenz in Berlin.
Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) bei einer Pressekonferenz in Berlin.Foto: Kay Nietfeld/dpa

Habecks „vierstellige Zahlen“ bleiben Deutschland noch länger erhalten

Von 16. September 2022 Aktualisiert: 16. September 2022 16:02
Bundeswirtschaftsminister Habeck hat hohe Mehrbelastungen für die Haushalte angekündigt. Erst für das kommende Jahr rechnet er mit Erleichterungen.

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Die Gasumlage in Höhe von rund 2,4 Cent pro Kilowattstunde wird, wie Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck jüngst in einem Interview mit dem ARD- und ZDF-Format „funk“ erklärte, für einen kurzen Zeitraum aufgeschoben. Die entsprechenden Abschlagszahlungen für die Monate Oktober und November 2022 sollen „nicht vor dem 31. Oktober 2022 fällig“ werden, so der Minister. Insgesamt müssten die Bürger allein beim Gaspreis mit „vierstelligen Zahlen“ rechnen, was Mehrbelastungen für einen durchschnittlichen Haushalt anbelangt.

Habeck sieht „gute Chance“ für Entspannung ab Sommer 2023

Die Gasumlage soll Importeure stützen, die durch die Drosselung russischer Gaslieferungen und die hohen Einkaufspreise ins Schlingern geraten. Um ihre Lieferverpflichtungen erfüllen zu können, müssen sie Gas zu deutlich erhöhten Preisen nachkaufen.

Habeck befürchtet auch beim Strom eine Verdopplung der Preise. Laut einem Bericht der „Zeit“ zeigt er sich jedoch auch optimistisch, dieser zuvorkommen zu können. Der finanzielle Druck sei enorm, aber: „Wenn wir gut sind, reformieren wir das System jetzt und verhindern genau das.“

Gelinge es, den Winter zu bestehen, entstehe eine „gute Chance, im nächsten Sommer und im nächsten Winter deutliche Entspannung in Deutschland hinzubekommen“. Vonseiten der Regierung soll unter anderem eine Strompreisbremse, eine Senkung der Mehrwertsteuer, Heizkostenzuschüsse oder die Energiepreispauschale in Höhe von 300 Euro für alle Beschäftigten für Entlastungen bezüglich der explodierenden Energiekosten sorgen.

Unsicherheit in der Bevölkerung

In der Bevölkerung vermögen diese Ankündigungen noch nicht jedermann zu beruhigen.

Mehr als jeder dritte Erwachsene in Deutschland (39 Prozent) rechnet einer Umfrage zufolge damit, im nächsten Winter Energierechnungen nicht oder nur mit erheblichen Schwierigkeiten bezahlen zu können. Vor allem Menschen mit geringerem Einkommen und Jüngere sorgten sich wegen ihrer Energierechnungen, wie der aktuelle Deutschlandtrend für das ARD-„Morgenmagazin“ ergab.

58 Prozent derjenigen, die über ein geringes monatliches Haushaltsnettoeinkommen (unter 1.500 Euro) verfügen, rechnen demnach mit Zahlungsschwierigkeiten. Bei Haushalten mit monatlichem Netto-Einkommen zwischen 1.500 und 3.500 Euro sei es fast die Hälfte (47 Prozent). Jeder zweite Befragte unter 35 Jahren glaube, dass die Energiekosten des Winters große Probleme bereiteten.

Die meisten Menschen in Deutschland (59 Prozent) rechnen auch damit, dass es in den Wintermonaten zu keinen Ausfällen in der Strom- und Gasversorgung kommt. Gut ein Drittel (36 Prozent) befürchte jedoch ein solches Szenario. Mit Ausnahme der AfD-Anhänger rechne eine Mehrheit in den übrigen Parteien nicht damit, dass Versorgungsausfälle in Deutschland bevorstehen. Die Sorge um eine mögliche Rezession und einen Verlust von Arbeitsplätzen ist demgegenüber unter Anhängern aller Parteien verbreitet.

Mehrere Faktoren machen Energie in Deutschland besonders teuer

Das Vergleichsportal Verivox sieht ebenfalls kurz- bis mittelfristig wenig Potenzial für Entspannung bei den Energiepreisen. Für private Kunden hätten sich die Gaskosten im Jahresvergleich bis August 2022 bereits verdreifacht.

Das Problem bleibt die hohe Nachfrage nach Gas, der ein zu geringes Angebot gegenübersteht. Dies betrifft den Weltmarkt insgesamt, da auch Länder wie China in ihrer Energieversorgung im Laufe der vergangenen Jahre von Kohle und Öl auf Erdgas umgestiegen waren. Zudem hatte die Wirtschaft gerade erst nach der Coronakrise wieder angezogen, was der globalen Nachfrage einen weiteren Schub verlieh.

In Deutschland kommt neben der Gasabhängigkeit von Russland noch dazu, dass sich der Umstieg auf regenerative Heizsysteme wie Wärmepumpen gerade in Altbauten wirtschaftlich nicht lohnt und auch die Industrie stark von Erdgas abhängig ist.

Ein zusätzlicher belastender Faktor sind ideologisch begründete Entscheidungen der Politik, die ebenfalls zu einer Verknappung des Angebots geführt hatten. Dazu gehören der Atomausstieg, der mehr Verstromung von Gas erforderlich macht, der stetig steigende CO₂-Preis, den die Regierung Merkel unter dem Eindruck der „Fridays for Future“-Aufmärsche eingeführt hatte, und der Verzicht auf die Erschließung eigener Erdgasvorkommen infolge des 2016 beschlossenen Frackingverbots.

Goldman Sachs erwartet weiteren Rückgang beim Gaspreis

Laut einer Berechnung der Verbraucherzentrale wird im Jahr 2022 eine Beispielfamilie im Einfamilienhaus mit Gasheizung und Auto mit Benzin-Antrieb mit einem CO₂-Preis von 205 Euro belastet, ohne eine Änderung der Regelung würden die Mehrkosten vier Jahre später bereits 451 Euro betragen. Gleichzeitig war importierte Energie im Juli 2022 knapp 132 Prozent teurer als ein Jahr zuvor, zumal die Einkaufspreise beim Gas auf das Dreifache und beim Strom auf das Vierfache gestiegen waren.

Immerhin sieht das Magazin „Capital“ zumindest Licht am Ende des Tunnels. Seit dem Rekord-Gaspreis von 346 Euro pro Megawattstunde für den Terminkontrakt am Referenzpunkt TTF in der letzten Augustwoche sei der Gaspreis im Sinken begriffen. Daran änderte auch der kurzfristige Ausschlag nach dem faktischen Abbruch der Lieferungen über Nord Stream wenig.

Am Montag, dem 12. September, notierte der TTF-Referenzwert nur noch bei unter 190 Euro – und ein aktueller Marktbericht der Investmentbank Goldman Sachs geht von einer weiteren sinkenden Tendenz aus. Im ersten Quartal 2023 werde der Preis nur noch bei etwa 100 Euro liegen, erwarten die Marktanalysten.

Deutschland komme zugute, dass es im Zuge eines Kraftakts gelungen sei, die Gasspeicher für den Winter auf mittlerweile 88 Prozent zu füllen. Das nehme „die erste Krise aus den Köpfen heraus“, meint auch Salomon Fiedler von der Berenberg Bank. „Die Bundesregierung deutet ja damit auch an, dass sie nun nicht mehr jeden Preis auf dem Weltmarkt zahlen wird.“

Gaspreis dauerhaft höher als vor dem Krieg

Zudem habe das Ausbleiben russischer Gaslieferungen an Drohpotenzial verloren. Der Anteil russischen Gases am Aufkommen in der EU sei seit Beginn der russischen Militäroffensive in der Ukraine von 40 auf mittlerweile neun Prozent gefallen.

Gleichzeitig drängen neue Anbieter auf den Markt, was zwar nicht kurzfristig, aber nach Anfangsinvestitionen auf längere Sicht für Entlastung sorgen werde. Länder wie Israel, Aserbaidschan, die USA, Ägypten oder Katar und möglicherweise auch aufstrebende afrikanische Länder könnten als Lieferanten auf den Weltmarkt treten. Allerdings sind die Beschaffungskosten bei Verschiffung verflüssigten Erdgases deutlich höher als bei Gas aus Pipelines. Goldman Sachs bescheinigt den Europäern, „mit einer Kombination aus reduzierter Gasnachfrage in Europa und LNG-Käufen in aller Welt“ zur Entschärfung der Lage beigetragen zu haben.

Allerdings werde sich Deutschland perspektivisch auf langfristige Flüssiggaslieferverträge einlassen müssen. Und selbst ein Gaspreis von 100 Euro sei immer noch fünfmal so hoch wie vor dem Ukrainekrieg. „Wir müssen uns wohl auf Dauer auf ein höheres Preisniveau einstellen“, heißt es bei Berenberg, auch wenn für die Zeit nach der anstehenden Rezession von „technologischen Anpassungen“ und „neuen Quellen“ auszugehen sei.

Ein durchschnittlicher Haushalt benötigt derzeit etwa 85 Prozent seines Gasverbrauchs für die Heizung. Nur etwa 14 Prozent werden für Warmwasser benötigt und ein Prozent zum Kochen. Auch ist die Zeit vorbei, in der Tarifanbieter mit Schleuderpreisen um Kunden geworben hatten. Derzeit ist Marktbeobachtern zufolge eine Situation entstanden, in der Kunden bei den Grundversorgern – in den meisten Fällen die Stadtwerke – besser gegen horrende Preissteigerungen geschützt sind als in Sonderverträgen.

(Mit Material von dpa)



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