Ohne Rundfunkbeitrag keine Kultur mehr? Streit um Finanzierung von 24 anstaltseigenen Orchestern

Von 31. Januar 2019 Aktualisiert: 31. Januar 2019 13:05
Nicht weniger als 24 anstaltseigene Musikensembles des öffentlich-rechtlichen Rundfunks werden aus den Rundfunkbeiträgen finanziert. Ihre Aufgaben könnten jedoch auch von den Kulturetats der Länder abgedeckt werden. Kritiker sehen ein erhebliches Einsparungspotenzial.

Wenn aus Parteien wie AfD oder PdV oder aus überparteilichen Initiativen gegen den Rundfunkbeitrag Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk und dessen Finanzierung kommt, zielt diese meist auf überhöhte Gehälter von Redakteuren oder Intendanten, Vorwürfe politischer Manipulation und Stimmungsmache oder auf fragwürdige Programminhalte.

Selten kommen hingegen der Betrieb und die Finanzierung von Rundfunkorchestern zur Sprache – möglicherweise weil Rundfunkgebührengegner, die politisierte Kindersendungen und Fernsehkrimis oder sexuell anzügliche Inhalte des „funk“-Videokanals beklagen, in den Bestrebungen zur Pflege klassischer Musik immerhin einen Beitrag zur Pflege realer Kultur erblicken.

Peter Steinkirchner hat nun in der „Wirtschaftswoche“ diesen in der Debatte bislang nur am Rand thematisierten Aspekt der Rundfunkgebühr aufgegriffen und über Strukturen berichtet, die aus seiner Sicht weder in ihrer gegebenen Form alternativlos noch bezüglich der Finanzierung zwingend auf Rundfunkbeiträge angewiesen wären. Er sieht in diesem Bereich, in den allein 41 Cent der 17,50 Euro fließen, die monatlich von jedem Haushalt eingehoben werden, ein erhebliches Einsparungspotenzial.

Maximaler Widerstand gegen Zusammenlegung der SWR-Orchester

Derzeit, so schreibt Steinkirchner, seien es 24 anstaltseigene Musikensembles, die den öffentlich-rechtlichen Sendern zur Verfügung stehen und die von Symphonieorchestern und Bands bis hin zu Chören reichen. Diese zeichnen sich jeweils auch durch ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein und Identitätsgefühl aus: Als etwa der SWR 2012 sein Radio-Sinfonieorchester Stuttgart und das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg zusammenlegen wollte, versprachen sich die Betroffenen davon keine positiven Synergieeffekte.

Im Gegenteil: Allein schon aus den Reihen der 148 Komponisten und 160 Dirigenten wurden die Führungsetagen des Senders mit wütenden Protestschreiben eingedeckt. Es dauerte vier Jahre, ehe es dem Südwestrundfunk gelang, sein Vorhaben tatsächlich umzusetzen. Die Wucht des Widerstands, die auch weit über die Grenzen der Reichweite des Senders hinaus registriert wurde, hat jedoch augenscheinlich dazu beigetragen, dass man ähnliche Pläne in anderen Anstalten bis auf Weiteres gar nicht erst auf den Tisch legte.

Zudem scheint der nach zähem Ringen erfolgreiche Schritt des SWR auch die öffentlich-rechtliche Musikwelt im Rest der Republik hellhörig gemacht zu haben. Der Deutsche Musikrat appelliert vorsorglich an alle Bundesländer, allfällige Sparvorschläge nicht auf Kosten der Musikensembles gehen zu lassen, die „entscheidend das Unverwechselbarkeitsprofil des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“ prägten. Generalsekretär Christian Höppner sah in möglichen Kürzungen bei den Ensembles gar „den Anfang vom Ende des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“.

Rundfunkbeitrag nötig, um Kinder an klassische Musik heranzuführen?

Die ARD-Anstalten sehen es als Teil ihres Auftrages, auch als Kulturveranstalter aufzutreten. Eigene Orchester oder Bigbands seien da unabdingbar. Einige Orchester ziehen sogar die Trumpfkarte der deutschen Vergangenheit, um ihre öffentlich-rechtliche Finanzierungswürdigkeit zu unterstreichen. Die WiWo schreibt:

Einige der Orchester sehen zudem eine quasi historische Aufgabe und fühlen sich der Tradition jener modernen Komponisten verpflichtet, die während der Nazi-Diktatur verfemt, ins Exil gezwungen oder ermordet worden waren.“

Die Finanzierung über den Rundfunkbeitrag ermögliche es zudem, auch Werken öffentliche Wahrnehmung zu verschaffen, deren kommerzielle Verwertbarkeit trotz inhaltlicher Substanz infrage stünde – vor allem aber arbeiteten die ARD-Musikensembles mit Kindern und Jugendlichen und führten diese an klassische Musik heran.

Diese Aufgabe nehmen jedoch auch musikbegeisterte Familien, Musikschulen, diverse öffentliche und private Einrichtungen oder Vereine wahr, sowohl auf regionaler als auch auf überregionaler Ebene, entgegnen Kritiker. Da auch Bund, Länder und Gemeinden über steuerfinanzierte Kulturetats verfügten, wäre die musikalische Nachwuchsförderung auch abseits öffentlich-rechtlicher Pflichtbeiträge gewährleistet.

Unter anderem der Düsseldorfer Ökonomieprofessor Justus Haucap sieht darin nicht die Aufgabe des Gebührenzahlers. Er ist davon überzeugt, dass der Rundfunkbeitrag durch sinnvolle Einsparungen auf maximal zehn Euro im Monat gesenkt werden könnte.

Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise der Epoch Times Deutschland wiedergeben.
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