Selbstzensur: Angst vor Pekings Sanktionen – Hotelkette Marriott entfernt Organraub-Bücher aus Hotel in China

Die internationale Hotelkette Marriott geriet in der letzten Woche zwei Mal in Verlegenheit gegenüber der chinesischen Regierung. Neben "falschen" Büchern in der Lobby, hatten sie auch noch Tibet und Taiwan als eigenständige Länder bezeichnet.

Die internationale Hotelkette Marriott entschuldigte sich erst letzte Woche bei der chinesischen Regierung, weil sie auf ihrer Webseite Tibet und Taiwan als eigenständige Länder aufgeführt hatte. Am Sonntag schlitterte das Unternehmen erneut in einen Fauxpas mit den Herren von Peking.

Im „Westin Hotel“ in Chongli, einem Skigebiet etwa drei Stunden nordwestlich der chinesischen Hauptstadt, lagen einige Kopien des Buches „Bloody Harvest“ (Blutige Ernte) in der Lobby. Das Buch beinhaltet einen detaillierten Bericht darüber, dass Falun Gong-Praktizierende in China für ihre Organe getötet werden. Die Meditationsbewegung ist seit 1999 in China verboten und wird schwer verfolgt. Die Kommunistische Partei verleumdete die Bewegung als „bösen Kult“, nachdem ihre Anhängerschaft in den Neunziger Jahren größer wurde, als die der KP Chinas selbst.

Nachdem die Hotelleitung durch einen „Bloomberg“-Artikel von der Anwesenheit des Buches erfahren hatte, ließ sie das Buch entfernen und benachrichtigte darüber das örtliche Büro für öffentliche Sicherheit, heißt es in einer Stellungnahme per E-Mail gegenüber dem Nachrichtenmagazin Bloomberg.

„Da man dem Sicherheitsbüro Auskunft erteilte, werde man dies nicht weiter kommentieren“, teilte ein Vertreter der Marriott-Hotelgruppe mit.

Die Bücher in englischer Sprache können an vielen Touristenstandorten sowie Hotels, Restaurants und bei Einzelhändlern außerhalb Chinas gefunden werden. Wie die Bücher ausgerechnet in das Marriott Hotel in China, das als Olympiagebäude ausgebaut wird, gelangen konnte, ist unklar.

Chinas Nationale Tourismusbehörde hat bisher nicht auf eine Anfrage reagiert, berichtet Bloomberg.

Der Vorfall veranschauliche ganz deutlich, welchen Herausforderungen multinationale Konzerne in China gegenüber stehen, wenn sie politische Kontroversen mit China vermeiden wollen, schreibt Bloomberg weiter.

Tibet und Taiwan als Teil von Chinas Hoheitsgebiet

Der globale Beherbergungsbetrieb entschuldigte sich letzte Woche dafür, Tibet und Taiwan auf seiner chinesischsprachigen Website als „Länder“ aufgeführt zu haben. China betrachtet beide als Teil seines Hoheitsgebiets.

Ermutigt durch seine wachsende wirtschaftliche und geopolitische Kraft, verstärke China die Kontrolle ausländischer Unternehmen und zeige wenig Toleranz gegenüber Verletzungen politischer roter Linien, heißt es weiter.

Die Behandlung Tibets und Taiwans auf der Website von Marriott stieß im Internet auf heftige Kritik und veranlasste das Unternehmen, die Souveränität Chinas zu respektieren.

China hat auch Delta Air Lines Inc. und Inditex SA’s Zara Bekleidungslinie gebeten, ähnliche „illegale“ Inhalte von ihren Seiten zu entfernen. Qantas Airways Ltd. sagte am Montag, dass es einige Webseiten änderte, auf denen einige „chinesische Territorien fälschlicherweise als Länder aufgelistet“ wurden.

Systematischer Organraub

Die Chongli-Immobilie ist eines von neun Häusern der „Westin Hotels“ in China. Die Kette gehört zu Starwood Hotels & Resorts Worldwide LLC, einem Unternehmen, das 2016 von Marriott übernommen wurde. Das Gebiet der Provinz Hebei wird als Skigebiet für die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking ausgebaut, die von der Regierung als Chance gesehen werden, China einmal mehr auf der Weltbühne zu präsentieren.

Hotelgäste werden die Lektüre des Buches „Blutige Ernte“ wohl kaum als angenehm empfinden. Das Verbrechen gegen die Menschlichkeit, dass es in dieser Art nur in China gibt, ist an Grausamkeit kaum zu überbieten.

Im Jahr 2006 wurden daraufhin der ehemalige kanadische Parlamentsabgeordnete David Kilgour und der kanadische Anwalt für Menschenrechte, David Matas, gebeten, Untersuchungen zu den Anschuldigungen durchzuführen, dass inhaftierten Falun Gong-Praktizierenden in China bei lebendigem Leib Organe entnommen werden, was zudem von der chinesischen Regierung gebilligt werden würde.

Die Organe würden ohne vorherige Einwilligung der Opfer an verschieden Orten und im Zuge systematischer Politik in großer Anzahl entnommen, heißt es in der deutschen Übersetzung des Berichtes „Bloody Harvest“, der noch im selben Jahr erschienen ist und die Untersuchungsergebnisse der beiden kanadischen Menschenrechtler zusammenfasst.

Falun Gong „auslöschen“

Der ehemalige Staatschef Chinas, Jiang Zemin, setzte die Verfolgung der Falun Gong-Praktizierenden 1999 in Gang. Damals gab er dem eigens dafür eingerichteten „Büro 610“ den Auftrag, Falun Gong „auszulöschen“.

Nach Beginn der Verfolgung ließ sich ein rasanter Anstieg von Transplantationszentren in China erkennen. Heute ist China führend in der Transplantationsindustrie mit einer geschätzten Zahl von rund 100.000 Transplantationen jährlich. Und das, obwohl es bis 2015 kein Organspendensystem nach westlichen Standards gab. Selbst das derzeit im Entwicklungsstadium befindliche Spendensystem kann auf keinen Fall die enorme Nachfrage nach gesunden Organen decken.

Während die Gesundheitsbehörden aus China erklärten, dass das Entnehmen von Organen von Gefangenen seit Januar 2015 „nicht erlaubt“ ist, konnten sie ihre Behauptungen aber durch keinerlei Rechtsvorschriften oder Parteirichtlinien, die sie verbieten würden, belegen. Die Bestimmungen von 1984, die die Organentnahme von hingerichteten Gefangenen erlaubten, wurden nicht abgeschafft.

Erweiterte Untersuchungen und Recherchen des Enthüllungsjournalisten Ethan Gutmann legen offen, dass in den letzten 15 Jahren jährlich zwischen 60.000 und 100.000 Organtransplantationen in China durchgeführt wurden. Die Zahl der Transplantationen ist sechs bis zehn Mal höher, als die angegebenen offiziellen Schätzungen der KP Chinas.

Eines der modernsten Krankenhäuser der Volksrepublik ist das Generalhospital der Volksbefreiungsarmee – eine Elite-Klinik für Chinas Partei- und Armee-Adel. Die Zahl der Transplantations-OPs ist hier Militärgeheimnis – doch eines ist sicher: Seit den frühen Nuller-Jahren macht genau dieser Zweig die meisten Profite.

„In den vergangenen Jahren entwickelte sich das Transplantationszentrum zur profitabelsten Abteilung, von einem Bruttoumsatz von 30 Millionen Yuan im Jahr 2006 zu 230 Millionen Yuan im Jahr 2010 – innerhalb von fünf Jahren war das fast eine Verachtfachung“, berichtet die Website der Klinik (umgerechnet in US-Dollar war das ein Sprung von 4,5 auf 34 Millionen).

Mehr dazu:

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