Startchancen-Programm: Ein neues Programm für Schulen

Ein neues Programm zur Förderung von Schulen in schwierigen sozialen Brennpunkten soll den Bildungsstand heben. Es soll am Freitag besiegelt werden. Was bringt es – und was nicht?
Bildung ist in Deutschland Länder-Sache, das ist auch im Grundgesetz festgeschrieben.
Bildung ist in Deutschland Länder-Sache, das ist im Grundgesetz festgeschrieben.Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
Epoch Times2. Februar 2024

Die Verhandlungen über das milliardenschwere Startchancen-Programm für Schulen sollen an diesem Freitag in Berlin abgeschlossen werden. Die Politik setzt große Hoffnungen darauf. Experten sehen viele positive Punkte, führen aber auch an, was fehlt.

Was ist die Ausgangslage?

Die beiden Bildungsforscher Nele McElvany und Ulrich Ludewig von der TU Dortmund weisen darauf hin, dass die familiäre Herkunft in Deutschland nach wie vor einen großen Einfluss auf Bildungschancen hat. Zudem gebe es zunehmend Schüler, die besonders gefördert werden müssten, etwa in Deutsch.

Bildungsstudien zeigen eine Abnahme der Kompetenzen. Eine im Dezember veröffentlichte Pisa-Studie dokumentierte, dass die Schüler im Jahr 2022 so schlecht abschnitten wie nie zuvor. Sowohl im Lesen als auch in Mathematik und Naturwissenschaften handelte es sich um die niedrigsten Werte, die für Deutschland jemals im Rahmen von Pisa gemessen wurden.

Was ist das Startchancen-Programm?

Das Programm soll von Bund und Ländern gemeinsam aufgelegt und finanziert werden, um bundesweit rund 4000 allgemeinbildende und berufliche Schulen zu fördern, die einen hohen Anteil sozioökonomisch benachteiligter Schüler haben.

In den im September veröffentlichten Eckpunkten heißt es, dass das Programm den starken Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg aufbrechen soll. Es soll dazu beitragen, dass das Bildungssystem in Deutschland besser und leistungsfähiger wird. Zugleich ist es eines der wichtigsten bildungspolitischen Vorhaben der Ampel-Regierung.

Was ist das konkrete Ziel?

Verbessert werden sollen die Kompetenzen der Schüler vor allem in Lesen, Schreiben und Mathe. „Bis zum Ende der Programmlaufzeit soll die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die die Mindeststandards in Mathematik und Deutsch verfehlen, an den Startchancen-Schulen halbiert werden“, heißt es in den Eckpunkten. Bundesweit sollen rund eine Million Schüler profitieren.

Wann soll das Programm starten?

Startpunkt ist das kommende Schuljahr 2024/2025. Es könnte aber laut der Eckpunkte sein, dass wegen der Planungs- und Vorbereitungszeit zunächst nur rund 1000 Schulen an den Start gehen und dann zum Schuljahr 2026/27 die Zahl von 4000 Schulen erreicht wird.

Wer bezahlt das Programm?

Es ist geplant, dass der Bund jährlich etwa eine Milliarde Euro bereitstellt und die Länder genauso viel beisteuern. Über den geplanten Zeitraum von zehn Jahren – bis zum Ende des Schuljahres 2033/24 – wäre das eine Gesamtsumme von 20 Milliarden Euro. Angesichts knapper öffentlicher Kassen ist das ein Kraftakt. Die Länder können schon bestehende Programme bei der Kofinanzierung anrechnen.

Was beinhaltet das Programm im Detail?

Die Schulen sollen eine bessere und modernere Lernumgebung bekommen. Zudem können sie über ein „Chancenbudget“ selber finanzielle Schwerpunkte setzen. Außerdem soll die Entwicklung von Teams aus Sozialarbeitern, Sozialpädagogen und anderen Fachkräften gefördert werden.

Wie werden die Schulen ausgewählt?

Die Länder benennen die Schulen. Nach den Worten des Bildungsforschers Dirk Zorn von der Bertelsmann Stiftung müssen sie dazu einen „Sozialindex“ für die Schulen einführen, um die Schulen mit dem größten Unterstützungsbedarf auswählen zu können. Laut der Eckpunkte sollen die Kriterien „Armut“ und „Migration“ besonders berücksichtigt werden.

Was bewerten Experten positiv an dem Programm?

Bildungsforscher Zorn spricht von einem „Paradigmenwechsel“ im deutschen Bildungswesen. Das Geld werde nicht mehr nach dem Gießkannenprinzip verteilt, sondern nach dem tatsächlichen Bedarf. Positiv zu werten sei auch, dass unter den 4.000 geförderten Schulen 2.400 Grundschulen sein sollen. Dort seien die Probleme oft besonders groß – dort könne man aber auch die größte Wirkung erzielen.

Die beiden Forscher McElvany und Ludewig sehen das ähnlich: Den Schwerpunkt zu legen auf Schulen in herausfordernden Lagen und dabei insbesondere auch auf Grundschulen, sei ein sehr sinnvoller Ansatz.

Was bewerten Experten kritisch an dem Programm?

Dirk Zorn sagt: „Aus meiner Sicht ist das Programm zu klein dimensioniert.“ Das Geld reiche nicht aus mit Blick auf die Größe der Probleme. Zudem bräuchten die Schulen vor allem auch mehr Stellen für Lehrer. Darauf verweisen auch McElvany und Ludewig: „Am Lehrkräftemangel kann das Programm kurzfristig nichts ändern.“

Und was ist mit dem Digitalpakt?

Der Digitalpakt mit anfangs fünf Milliarden Euro des Bundes – er wurde finanziell mehrfach aufgestockt – ist ein Förderprogramm zum technischen Ausbau der Schulen, etwa mit Wlan oder Tablets. Er läuft im Frühjahr aus. Einen Nachfolgepakt gibt es noch nicht. Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) sagte kürzlich, dass der Bund zum Digitalpakt 2.0 stehe, aber erst die Mittel aus dem ersten Pakt genutzt werden müssten – das sei noch nicht vollständig der Fall.

Bertelsmann-Forscher Zorn sagt klar: „Digitalität gehört heute zur Schule und dafür braucht es eigentlich mehr als einen Pakt.“ Nötig sei eine dauerhafte, tragfähige Finanzierung. „Eine leistungsfähige digitale Ausstattung muss heute so selbstverständlich sein wie früher Tafel und Kreide.“ Es fehle eine einheitliche Reformstrategie für das deutsche Bildungssystem. „Dafür bräuchten wir eine gesamtgesellschaftliche Kraftanstrengung. Davon sind wir derzeit noch weit entfernt.“ (dpa/red)



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