Die gesellschaftszerstörende Droge ist die vom Neid angetriebene Gleichmacherei

Von 29. Juni 2019 Aktualisiert: 15. Juli 2019 14:43
Der Neid entsteht in jenem Spannungsfeld zwischen dem, was die Menschen befriedigt und dem, was sie unbefriedigt lässt. Dass diese Spannung Neid erzeugt, ist aber nicht zwingend. Das Unbefriedigt-Sein, kann auch zum Ansporn werden, selbst schöpferisch und erfinderisch zu werden…

Was haben Ökonomie und Neid miteinander zu tun? Auf den ersten Blick sehr wenig, denn das Laster des Neides ist derart allgegenwärtig, dass man nicht in erster Linie an dessen rationelle und planvolle wirtschaftliche Nutzung denkt. Die Eindämmung und Vermeidung steht gegenüber einem haushälterischen Umgang im Vordergrund.

Die Ökonomie in einem engeren Sinn befasst sich als Disziplin mit der Befriedigung materieller Bedürfnisse. Diese lassen sich aber nie klar vom inneren Haushalt menschlicher Emotionen abkoppeln. Was individuell und von Fall zu Fall als befriedigend, erwünscht und knapp empfunden wird, und welchen Preis man bereit ist, dafür zu entrichten, lässt sich nicht unabhängig von emotionalen Befindlichkeiten ermitteln.

Der Neid entsteht in jenem Spannungsfeld zwischen dem, was die Menschen befriedigt und dem, was sie unbefriedigt lässt. Dass diese Spannung Neid erzeugt, ist aber nicht zwingend. Das Unbefriedigt-Sein, kann auch zum Ansporn werden, selbst schöpferisch und erfinderisch zu werden und dadurch die eigene Lage durch Leisten, Lernen, Sparen und Tauschen befriedigender zu gestalten. Das weit verbreitete Gefühl, im Vergleich zu andern schlechter gestellt zu sein und zu kurz zu kommen, trägt also nicht automatisch den Keim des destruktiven Neides in sich, sondern kann auch zum Ansporn für ökonomischen Fortschritt und für Wettbewerb und Wachstum sein..

Trotzdem zählt der Neid in den meisten Religionen und Kulturen zu den Lastern, und dies, wie zu zeigen sein wird, völlig zu Recht. Alles was im Vergleich des schlechter Gestellten mit dem besser Gestellten positive Impulse auslöst, wird gelegentlich als „helle, kreative Seite“ des Neides bezeichnet, als Motor des Wetteiferns und als Ansporn zur Leistungssteigerung, die auf eine individuelle und kollektive Verbesserung der Lebensumstände abzielt und als Richtschnur für die Herstellung einer gerechteren Sozial- und Wirtschaftsordnung dienen kann.

Der Neid ist ein Laster

Zu dieser positiven sozialen und ökonomischen Funktion des Neides bekennt sich auch der deutsche Soziologe und Neidforscher Helmut Schoeck. Er knüpft dabei an die bis heute herausfordernde These des Niederländischen Arztes und Sozialtheoretikers Bernhard Mandeville an, dass private Laster im Rahmen einer anonymen Grossgesellschaft zu öffentlichen Tugenden werden können.

Wer nicht von soziologischen Theorien, sondern von den Erfahrungen des Alltags und vom allgemeinen Sprachgebrauch ausgeht, wird vor allem mit den negativen Auswirkungen des Neides konfrontiert. Der Neid ist ein Laster, das sich für die Neider und für die Beneideten und für die ganze Gesellschaft letztlich destruktiv auswirkt, indem es die falschen Anreize zur Überwindung von Ungleichheiten setzt.

Immanuel Kant beschreibt den Neid als „den Hang, das Wohlergehen anderer mit Schmerz wahrzunehmen, obzwar dem eigenen dadurch kein Abbruch geschieht.“ Der typische Neider konzentriert sich auf den Wunsch, dass es dem Beneideten schlechter gehe als bisher und er nimmt dabei sogar oft im Kauf, dass dabei das allgemeine Wohlstandsniveau sinkt. „Mancher gäb‘ ein Auge drum, dass der andere blind wäre“, so ein entlarvendes Schweizer Sprichwort. Missgunst, Undank und Schadenfreude bilden – so Kant – zusammen mit dem Neid „eine schreckliche Familie“.

Zwangsweise Umverteilung konnte den Neid noch nie beseitigen

Im Bereich der Ökonomie hat dieser – leider – vorherrschende dunkle Aspekt des Neides keine produktivitätsfördernde Wirkung. Die Politik, eine andere Disziplin, die sich mit menschlichen Emotionen befasst, hat aber die Sprengkraft des Neides schon sehr früh erkannt. Für den griechischen Philosophen Demokrit sind die politischen Parteien durch unterschiedliche Bewirtschaftungen des Neides entstanden, die einen durch Anstachelung, die andern durch Beschwichtigung.

Dies verhindert, so Demokrit, jene Eintracht, die zur Lösung der grossen politischen Probleme erforderlich wäre. Neid sät und erntet Zwietracht. Konstruktive Politik ist aus dieser Sicht eine Strategie der gemeinsamen Neidüberwindung.

Diesem Grundsatz werden sich auch heutige Politiker aller Parteien nicht widersetzen. Die Lösungsansätze der Neidbekämpfung, der Neidprophylaxe und der allgemeinen Ent-Neidung einer Gesellschaft klaffen aber weit auseinander. Wer etatistisches, egalitaristisches und sozialistisches Gedankengut vertritt, wird den Neid durch zwangsweise Umverteilung bekämpfen wollen, d.h. er wird jenen, die als „Bevorzugte“ beneidet werden zwangsweise etwas wegnehmen oder vorenthalten um es an jene, die als „Benachteilgte“ Neid empfinden zu verteilen.

Ob es dabei je gelingt, das Phänomen des Neides einzudämmen oder zu überwinden, ist aufgrund der bisherigen Erfahrungen höchst fragwürdig, denn jede zwangsweise Umverteilung und jeder noch so ausgeklügelte Verteilungsschlüssel bringt neue gewollte und ungewollte, erwartete und unerwartete Ungleichheiten mit sich, die durch keinen staatlichen Zwangs- und Kontrollaufwand beseitigt werden können. Wer eine marktwirtschaftliche, liberale Ordnung anstrebt, wird sich dafür einsetzen, dass sich die Verteilung und Umverteilung von Gütern und Dienstleistungen durch freie Vereinbarungen aufgrund von vielfältigen Angeboten und Nachfragen ohne staatlichen Verteilungszwang spontan entwickeln.

Dass es in einer solchen offenen Ordnung zu Ungleichheiten kommt, nehmen die Befürworter der Marktwirtschaft als „Preis der Freiheit“ in Kauf. Für die Vermeidung von Exzessen wird an jene Vernunft der Beteiligten appelliert, eine Erwartung, die niemals lückenlos funktioniert, aber den Neid und die damit verbundenen Aggressionen doch auf wenige Ausnahmen beschränkt. Die auch in offenen Gesellschaften vorhandenen Neidgefühle lassen sich weitgehend in die Bahnen des Wetteiferns lenken. Wirtschaftlicher Erfolg wird in einem solchen Umfeld zum Ansporn und nicht zur Quelle rein destruktiver Missgunst.

Nicht „Wohlfahrtsstaat“ sondern „Neidstaat“

Die unter Konservativen weit verbreitete kulturpessimistische These, dass steigender Wohlstand wie eine Droge notwendigerweise zu Sittenzerfall und zur unbezähmbaren „Gier nach mehr“ führe, ist höchst fragwürdig. Die wirklich gesellschaftszerstörende Droge ist die vom Neid angetriebene Gleichmacherei, die fehlende Bereitschaft, den Unterschied zwischen „reich“ und „arm“ zu akzeptieren.

Das suchterzeugende Medikament heisst Umverteilung, und es müsste konsequenterweise nicht vom „Wohlfahrtsstaat“ die Rede sein, sondern vom Umverteilungsstaat, bzw. vom „Neidstaat“. Die sogenannte „Schere zwischen arm und reich“ ist ein vielbeschworenes Problem das mit dem politischen Slogan „Die Reichen werden immer reicher und die Armen werden immer ärmer“ zum Ausdruck gebracht wird.

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Möglicherweise ist aber die erwähnte „Schere“ eine notwendige Begleiterscheinung oder gar eine Voraussetzung für den grundlegenden technisch-zivilisatorischen Wandel, der sich eben  –  künftige Entwicklungen vorwegnehmend – zunächst auf den Finanzmärkten abspielt. Unmittelbar und personenbezogen wahrgenommen werden vor allem die grossen Gewinne, während die grossen Verluste nur mittelbar in Erscheinung treten. Nur wenn die Risiken grosser Verluste durch die Chance von Gewinnen aufgewogen werden, kommt es zu jenen Investitionen, welche -mittel- und langfristig das materielle Wohlstandsniveau für alle anheben. Reiche und Superreiche sind gewissermassen das Polster bzw. die „Knautschzone“ des Risikokapitals.

Die Armen in Europas Wohlfahrtsstaaten sind wirtschaftlich gut dran

Was in der Öffentlichkeit ebenfalls zu wenig kommuniziert wird, ist die Tatsache, dass die sogenannte „Verarmung der Ärmeren“ nur in Relation zu einem allgemein gestiegenen Lebensstandard feststellbar ist. Verglichen mit den Armen früherer Zeiten und anderer Weltgegenden, sind die heutigen Armen in Europas Wohlfahrtsstaaten wirtschaftlich gut dran. Die Schere hat sich also möglicherweise geöffnet, aber auch der Lebensstandard der Ärmsten ist gestiegen und zwar nicht trotz der Öffnung der Schere, sondern wegen dieser Öffnung.

Die linke Politik konzentriert sich auf die Verteilungs- bzw. Umverteilungsfrage, kümmert sich aber nicht oder zu wenig um die Produktivität und um die Produktivitätssteigerung, welche den Fundus speist, der verteilt bzw. umverteilt werden soll. Das populistische Rezept „Schicken wir doch die Rechnung den Reichen bzw. den Wohlhabenden“ – oder , ohne es zu definieren, den „andern“ scheint sich, wenigstens als Wahlprogramm, zu bewähren. In der Zwischenzeit, bis das Problem dann durch irgend ein Wunder gelöst sein wird, behilft man sich mit Verschuldung, garniert mit einem bisschen Steuererhöhung, etwas Protektionismus und mit Interventionismus à la carte.

Die Probleme der Schweiz mit der Umverteilung und der Finanzierung des Wohlfahrtsstaats manifestieren sich auf einem hohen Niveau des Lebensstandards. Dies erleichtert ihre Lösbarkeit nicht. Wir sind sozial abgesichert, verwöhnt und wenig flexibel. Dies ist im Hinblick auf die Bereitschaft zum Umdenken und Umstellen auf neue Technologien und auf globale Herausforderungen mehr als nur ein Handicap. Der Reiche (auch der reiche Staat) kann sich ein ökonomisches Fehlverhalten länger leisten als der Arme, er wird später aber um so härter getroffen.

Unser Haupttrumpf ist und bleibt die Kleinheit in Verbindung mit Vielfalt: die Konkurrenz der Gebietskörperschaften, welche die politisch-adminstrativen Systeme unter Leistungsdruck setzt und durch Vergleichsmöglichkeiten Transparenz schafft und erhöht. Nicht zu unterschätzen ist auch die legale und zu Unrecht kritisierte dauernde und auch kleinräumig und innerstaatlich offen stehende Möglichkeit der Verlegung des Wohn- und Geschäfts- und Steuerdomizils, die Freizügigkeit für eine „Abstimmung mit den Füssen“ bzw. mit dem Zügelwagen, die durch keine „Berliner-Mauer“ verhindert wird.

„Limited government“ plus „limited taxation“

Die Kombination von unbegrenzter repräsentativer Demokratie und Wohlfahrtsstaat ist auf die Dauer verheerend. Eine Mehrheit von Nutzniessern versucht das staatliche Leistungs- und Versorgungsangebot zu ihren Gunsten auszuweiten und die Bezahlung einer hoch und progressiv besteuerten Minderheit anzulasten. Beide Rezepte sind fast grenzenlos populär. Umverteilungsfreundliche Volksbeglücker feiern mit dieser „Solidarität durch das Geld der andern“ ihre Wahlerfolge.

Die derart fremdbestimmte und massiv steuerbelastete Minderheit der finanziell Leistungsfähigen kann sich letztlich nur noch durch Steuerwiderstand zur Wehr setzen oder absetzen, was sie dem Bannfluch des Publikums aussetzt, welches seinen Neidgefühlen freien Lauf lässt und darin von den Massenmedien lauthals unterstützt wird. Das Gegenmittel ist ein direktdemokratisches Bremssystem in Verbindung mit konkurrierenden Steuersubjekten, welche die Transparenz von Staatsaufgaben, Staatsausgaben und Staatseinnahmen herstellen und die Überwälzung von Kosten auf wohlhabende Minderheiten und auf die nächste Generation institutionell einschränken.

Die Formel könnte lauten: „Limited government“ plus „limited taxation“, plus „flat taxes“, plus „limited representation“ und dies alles in Kombination mit „local government“ und direktdemokratischer Mitbestimmung und Kontrolle. Die Schweiz hat damit – vor allem im letzten Jahrhundert – gute Erfahrungen gemacht. Wir sind allerdings leider kontinuierlich daran, die unbestreitbaren Vorzüge eines solchen Systems durch weitere Zentralisierung und Bürokratisierung und durch die Alimentierung einer riesigen Maschinerie der Intervention, der Kontrolle und der Umverteilung zunichte zu machen.

Robert Nef, geboren 1942, war Mitbegründer und langjähriger Leiter des Liberalen Instituts der Schweiz, Chefredaktor der „Schweizer Monatshefte” (heute „Schweizer Monat”), Publizist und Buchautor. Er lebt in St. Gallen in der Schweiz.

Der obige Text ist ein freundlich genehmigter Auszug aus dem Buch: „Neidökonomie”, Hrsg. Von Gerhard Schwarz und Robert Nef, NZZ Verlag, Zürich, 2. Aufl. 2002.

Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise der Epoch Times Deutschland wiedergeben.