Ökonom Stelter: Merkel weiß um krisenhafte Entwicklung der Autobranche – und tut nichts dagegen

Von 11. Oktober 2019 Aktualisiert: 11. Oktober 2019 14:52
Eine ideologische Klimapolitik und das Bestreben, den Wandel zum Elektroauto möglichst schnell übers Knie zu brechen, kommt einem Konjunkturprogramm für die Konkurrenz deutscher Autobauer gleich. Zu diesem Fazit kommt Ökonom Daniel Stelter.

In einem Interview mit dem Blog „Tichys Einblick“ bringt Ökonom Daniel Stelter tiefe Sorge um den gegenwärtigen Zustand und die Zukunft des deutschen Automobilsektors zum Ausdruck. Im Kern befürchtet er, dass die Qualität der deutschen Ingenieurskunst, die der heimischen Autoindustrie noch wesentliche Vorteile gegenüber der Konkurrenz aus dem Ausland verschafft, im Zeitalter des Elektroautos obsolet werden kann – ohne dass ein gleichwertiger Ersatz entstehen würde.

Wir erleben mehrere Krisen des Autos gleichzeitig in Deutschland“, diagnostiziert Stelter. „Unter anderem eine Strukturkrise, begründet durch den technologischen Wandel – weg vom Verbrennungsmotor hin zum Elektromotor. Jeder große Strukturwandel, das zeigt die Geschichte, bedeutet für bestehende Unternehmen die Gefahr, ihn nicht zu überleben.“

Die deutsche Autoindustrie habe es in mehr als einem Jahrhundert geschafft, die bestehende Technologie immer weiter zu optimieren. Nun stehe jedoch auch ihr ein „ungeheuer gefährlicher Strukturbruch“ bevor, der befürchten lasse, dass Deutschland diesen Industriezweig ebenso verliere wie Fotografie, Unterhaltungselektronik oder Computertechnologie.

Deutsche Ingenieurkunst wird zunehmend überflüssig

Einen zunehmenden Strukturwandel hin zum Elektroantrieb hätte es zwar ohnehin gegeben in der Automobilindustrie, der ideologische Kampf gegen den Verbrennungsmotor im eigenen Land verschärfe jedoch die Situation noch zusätzlich. Vor allem ist es der technologische Mehrwert, den Deutschland noch bieten konnte, den man einbüße. Im Grunde helfe man der ausländischen Konkurrenz, ihre Strategie erfolgreich umzusetzen:

„Die Wettbewerber außerhalb Deutschlands, nicht zuletzt in China aber auch zum Beispiel die französischen Hersteller, setzen auf Elektromobilität, weil sie unsere deutschen Hersteller in der Verbrennungstechnologie nicht schlagen können. Bei einem Elektro-Auto fallen alle die Elemente weg, die deutsche Autos relativ erfolgreich gemacht haben: die optimierten Verbrennungsmotoren und Getriebe etwa. Was also bisher differenzierend war, ist es künftig nicht mehr. Dazu kommt: Elektroautos sind auch kostengünstiger zu produzieren.“

Selbst wenn es den deutschen Anbietern gelänge, auch auf diesem Gebiet den Wandel zu meistern, wären Umsatzeinbußen und Arbeitsplatzverluste nicht vermeidbar. Die einfachere Konstruktion von Elektroautos führe dazu, dass Hersteller und Zulieferer auf Personal verzichten könnten. Wenn keine Verbrennungsmotoren mehr repariert werden müssten, verlören auch viele Werkstattbetriebe ihre Geschäftsgrundlage.

Investoren machen Bogen um technologiefeindliches Deutschland

Verschärft werde die Struktur- durch eine drohende Konjunkturkrise, deren Ausdruck die derzeitigen Entlassungswellen wären:

„Wir hatten in den vergangenen Jahren einen künstlichen Boom durch das billige Geld und eine weltweit steigende Verschuldung. Es ist nun klar sichtbar, dass wir eine weltweite Rezession bekommen. Und in Europa reagieren Deutschland, Schweden und die Schweiz nun mal am sensibelsten auf die Weltkonjunktur aufgrund ihrer Exportausrichtung. In diesen drei Ländern kollabieren gerade die Einkaufsmanagerindizes und andere Konjunkturindikatoren.“

In dieser Situation könnte auch die Nachfrage aus China wegbrechen, da das billige Geld auch dort die Verschuldung gefördert habe. Werde die Qualitätsarbeit im deutschen Automobilbau irrelevanter und zeichne sich das Land auch noch weiterhin durch Technologiefeindlichkeit aus, würden Investoren künftig auch immer weniger Anlass sehen, in Deutschland Kapazitäten zu erhalten oder neu zu schaffen. Sie könnten in die USA oder China ausweichen.

„Wenn wir also ein anderes Spielfeld haben, auf dem die besonderen deutschen Qualitäten im Automobilbau keine Rolle mehr spielen, dann geht es nur noch um die Mengen der Produktion. Und da sind China und die USA im Vorteil. Wenn die historischen Gründe dafür wegfallen, dass wir in Deutschland in dieser Industrie so stark waren, dann fällt auch der Grund weg, in Deutschland zu produzieren. Der Strukturbruch wird also auch bei den deutschen Herstellern zur Tendenz führen, die Produktion noch mehr ins Ausland zu verlagern.“

Energiewende schaffte Arbeitsplätze – in China

Neben einer Dämonisierung von Auto und individueller Mobilität und einer teuren, aber ineffizienten „Klimaschutzpolitik“ könnten auch die Folgen des Brexits und Komplikationen in der Eurozone die Lage weiter verschärfen.

Entspannungspotenziale seien demgegenüber nicht zu erkennen. Im Gegenteil: Die mit der „Energiewende“ verbundenen Hoffnungen, durch hohe Subventionen Deutschland zum Weltmarktführer im Bereich der erneuerbaren Energien aufbauen zu können, hätten sich schon früh zerschlagen. Nachdem kurzfristig der Beschäftigungsstand auf 130 000 Menschen gebracht werden konnte, seien es jetzt nicht einmal mehr 30 000:

„Die anderen Arbeitsplätze sind nun in China, wo man schneller auf Volumen und Skaleneffekte gesetzt hat. Für die Windenergie gilt dasselbe. Gerade baut ja auch Vestas 500 Arbeitsplätze ab. Die Idee der Politik, mit der Energiewende neue Arbeitsplätze zu schaffen, funktioniert also nicht.“

Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass auch die Innovationen in Deutschland nach wie vor primär im Automobilsektor stattfänden – und meist eher die Optimierung bestehender Produkte oder Verfahren denn die Entwicklung neuer umfassten –, sei auch nicht von einer absehbaren Trendwende auszugehen. Stelters Fazit ist düster:

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„Es kommt also alles zusammen: Konjunkturkrise, Strukturkrise, Eurokrise und eine Politik, die den Schaden größer macht, statt ihn zu minimieren. Merkel selbst hat bei einem Europäischen Rat einmal gesagt, sie sehe schwarz für die europäische Automobilindustrie. Aber dann sollte man doch was dagegen tun. Tut sie aber nicht.“