Foto: Jason Wang/The Epoch Times

Traum von China

Lung Ying Tai: „Ich habe einen Traum“

Epoch Times, Mittwoch, 8. September 2010 08:34

Lung Ying Tai – deren Name übersetzt heißt „Drache, der über Taiwan nachdenkt“, ist eine bekannte Schriftstellerin aus Taiwan. Dieser Name wurde ihr im Jahre 1952 von ihrem Vater gegeben.

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Am 1. August hielt Lung Ying Tai an der Universität Peking eine Vorlesung.

Am Tage zuvor hatte sie dort die Auszeichnung „Diejenige, die den Traum von China im Jahre 2010 ins Leben rief“ erhalten. „Weekend South“, eine von den Intellektuellen des Festlands China respektierte und viel beachtete Zeitung, verlieh diese Auszeichnung.

Mehr als eintausend Zuhörer waren zur Vorlesung gekommen. In ihrer Vorlesung beschrieb sie auf Wunsch der „Weekend South“ ihr Streben nach dem Traum von China. Sie berichtete von den zerbrochenen Träumen der Taiwaner nach 1949 und sprach über die Hoffnung für ein zukünftiges, friedliches und zivilisiertes China. Wir dokumentieren die Vorlesung in ganzer Länge.

Unsere „Träume von China“ - Eine Vorlesung zur Einhundertjahrfeier der Republik China, gehalten von Lung Ying Tai an der Universität Peking.

Als ich zum ersten Mal einen Anruf erhielt, bei dem man mich bat, über den „Traum von China“ zu sprechen, war meine erste Reaktion: „Wie kann ich über den ‚Traum von China‘ sprechen, wenn Tausende von Raketen auf mein Haus gerichtet sind?“ Nachdem ich mich etwas beruhigt hatte, fing ich an nachzudenken. Ich wurde im Jahre 1952 in Taiwan geboren. Eine Generation vor der meinigen und eine danach war in der Tat während der Zeit chinesischer Träume aufgewachsen.

Was war mein erster Traum von China?

Wir waren im Kindergarten, waren mit Militäruniformen bekleidet, trugen Holzgewehre und waren jederzeit bereit, die kommunistischen Banditen zu töten. Wir sangen kriegerische Lieder. Jedes Kind im Kindergarten kannte und sang das Kriegslied: Schlag das Festland China zurück!

Schlag, schlag, schlag das Festland China zurück

Das Festland ist unser Grund und Boden

Das Festland ist unser Land

Unser Grund und Boden, unser Land.

Wir können es nicht zulassen, dass die Kommunisten unser Land besetzen.

Wir können es nicht zulassen, dass die Hunde von Russen uns übervorteilen.

Wir schlagen zurück. Wir schlagen zurück.

Das Festland China. Das Festland China.

Wir werden unser Land zurückerobern.

Ist das die Art eines Traumes von China? Dieser Traum dauerte lange Zeit an. Über viele Jahrzehnte lebte dieser Traum und es war der Traum vieler Millionen Menschen.

Die schrecklichen 1950er-Jahre gingen in die 1960er über, als der Traum von China intensiver wurde. Das Lied „Vier Kapitel des Heimwehs“ wurde von Yu Kung Chung gesungen, einem Sänger und Schriftsteller. Aber auch Millionen auf Taiwan sangen dieses Lied.

Gib mir einen Schluck Wasser aus dem Jangtse, oh, dem Jangtse.

Das Wasser schmeckt wie Wein

Der Geschmack des Weines ist der der Heimwehkranken.

Gib mir einen Schluck Wasser aus dem Jangtse, oh, dem Jangtse.

Gib mit eine Handvoll vom Rot der Ahornblätter, oh, das Rot der Ahornblätter.

Die Farbe des Blutes ist das Rot der Ahornblätter.

Der brennende Schmerz des Blutes ist der brennende Schmerz des Heimwehkranken.

Gib mir eine Handvoll vom Rot der Ahornblätter, oh, vom Rot der Ahornblätter.

Im Jahre 1949 verloren zwei Millionen Menschen durch den Bürgerkrieg plötzlich ihre Wurzeln. Sie flohen auf eine Insel, die ihnen fremd und nicht vertraut war. Nie zuvor hatten sie von dieser Insel gehört. Während der Krieg tobte, verließen sie ihre Heimat und gingen auf diese Insel. Das Heimweh hatte sich in ihren Herzen eingenistet und quälte sie. Die Qual war tief und allgegenwärtig. Ist der Traum, nach Hause zurückzukehren, ein echter Traum von China?

Die Werte sind die Grundlage dieses Traums

Das Leben der Generation meiner Eltern war von „Trauer und Wut“ geprägt. Unsere Generation wuchs in den Vorstellungen ihrer heimwehkranken Träume auf. Aber trotz der nationalen Tragödie gab es Grundlagen, die diese Tragödie milderten. Sie waren hilfreich und bestimmend für diejenigen, die diese harte Zeit durchleben mussten. Es waren die moralischen Werte.

Was ist die Zentralbedeutung von moralischen Werten? Vor jeder Grundschule gab es ein hölzernes Schild, auf dem vier Worte eingraviert waren:

Respekt, Loyalität, Bescheidenheit, Scham. Wenn ich die Grundbedeutung von tausend alten

chinesischen Prinzipien nennen sollte, so würde ich sagen, dass sie in diesen vier Worten liegt.

Respekt: das Verhalten steht im Mittelpunkt

Loyalität: eine offene, nach vorn gerichtete Handlung

Bescheidenheit: der Ausdruck ist klar

Scham: die Gedanken sind ehrlich

Als ich in die Mittelstufe kam, lernte ich weitere Erklärungen dieser vier Worte kennen:

Respekt, Loyalität, Bescheidenheit, Scham sind die vier Prinzipien einer Nation. Wenn diese vier Prinzipien nicht beachtet werden, wird die Nation sterben (Guang Chung, Philosoph im alten China).

Unter diesen vier Worten ist Scham das Wichtigste. Wenn sich jemand nicht schämt, wird er respektlos und illoyal. Die Wurzeln liegen in dem Begriff: keine Scham. Die Scham des Individuums wird nach den Worten von Gu Yan Wu zur Scham der Nation.

„Die Scham eines Individuums wird zur Scham einer Nation.“ Dieser Satz prägte sich tief in unsere Kinderherzen ein.

Im Jahre 2006 trugen Millionen von Menschen rote T-Shirts und demonstrierten auf dem Platz des Präsidenten. Sie forderten den Rücktritt des Präsidenten Taiwans, Chen Shui Bien. Hunderte von Ballons flogen an jenem Abend über den Himmel der Stadt Taipeh. Auf jedem Ballon standen die vier Worte: Respekt, Loyalität, Bescheidenheit, Scham. Als ich auf dem Platz ankam und die Ballons sah, fühlte ich mich in meine Kindheit zurückversetzt, in dem Augenblick, als ich die Grundschule betrat. Als ich diese vier Worte sah, wurde mir klar, wie sehr die Gesellschaft Taiwans an diesen Werten festhält.

Neben diesen Werten brachte man uns auch ein fundamentales „Verhalten“ bei. Wir waren jung aber man lehrte uns, stolz zu sein. Man lehrte uns, dass wir eine Gruppe von Bürgern seien, die stark und stolz sind.

Was für eine Verantwortung hatte diese Gruppe von Bürgern?

„Ein Bürger muss aufgeschlossen sein. Er muss auf dem langen Weg Verantwortung übernehmen. Freundlich zu sein bedeutet verantwortlich zu sein. Wie kann man das nicht ernst nehmen? Wenn man gestorben ist, gibt es jemand anderen, der diese Verantwortung übernimmt. Strebt man dieses Ziel intensiv genug an?“ „Lunyu“ von Konfuzius.

In der Mittelschule hatte ich einen Lehrer namens Lin Open (breit) Will und einen anderen namens Chen Open (breit) Will. Viele Kinder vom Festland China, die nach Taiwan gekommen waren, hießen „Liebe das Land“ oder „Bau die Nation auf“. Viele von uns wurden auch „Open (breit) Will genannt. Wir alle wollten aufgeschlossen und willensstark sein, als wir heranwuchsen.

Wir fühlten uns als Bürger. Unserer Nation gegenüber waren wir alle loyal. Chiang Kai-Sheks berühmte Worte kannten wir auswendig: „Das Überleben der Nation ist mein eigenes Überleben. Wenn wir nicht so denken, werden Leben und Tod eine Bindung eingehen und wir werden aus dem Leben ausscheiden wollen.“ Von einem elf- bis -zwölfjährigen Kind zu verlangen, diesen Satz auswendig zu lernen, ist sehr beängstigend. Er bedeutet, dass du für die Nation sterben wirst.

Aber es gibt noch einen anderen Ausspruch über die „Nation“: „Das Herz für Himmel und Erde öffnen, das Leben der Menschen aufbauen, den Worten des Propheten folgen, Frieden für die Zukunft schaffen.“ – von Chang Dai.

Für ein kleines Kind war dieser Ausspruch beängstigend. Wenn man jedoch darüber nachdenkt, was Chang Dai gesagt hat, so versteht man, dass es neben der Nation Himmel und Erde und Menschen gibt. Damit wurde das Konzept der „Nation“ korrigiert; denn Himmel und Erde und Menschen stehen über der „Nation“.

Als ich 14 Jahre alt war, las ich zum ersten Male „Guoyu“ (die Sprache der Nation). Ein Kapitel in diesem Buch, das vor zweitausend Jahren geschrieben worden war, berührte mich besonders.

„Ein Diktator war grausam und das Volk verfluchte den Diktator. Der General sagte zu ihm: Das Leben der Menschen ist voller Leid.“ Der Diktator war wütend und ließ alle die ins Gefängnis werfen, die ihn verflucht hatten. Auch diejenigen, die ihr Wort an den Diktator richteten, verloren ihr Leben. Die Menschen im Lande wagten es nicht mehr, sich zu äußern. Der Diktator war glücklich. Er sagte: „Jetzt kann ich die Gerüchte richtigstellen, weil niemand mehr wagt, Gerüchte zu verbreiten.“ Der General sagte zu ihm: „Hier aber liegen deine Einkünfte. Wenn du die Menschen daran hinderst, frei zu sprechen, so ist das schlimmer, als wenn du einen Fluss daran hinderst zu fließen. Wenn ein Fluss in seinem Lauf gestoppt wird, kommen Überschwemmungen und das Land wird verwüstet. Daraufhin leiden die Menschen. Genauso ist es, wenn die Menschen nicht mehr reden dürfen ...“ Doch der Diktator wollte diese Worte nicht hören. Niemand wagte es mehr zu sprechen. Drei Jahre später ging das Volk in einer Revolution unter und der Diktator starb, ohne dass noch jemand lebte.

Diese letzten einfachen Worte berührten ein 14-jähriges Mädchen und tun es heute noch. Es ist das System dieses Wertes in Taiwan, das sich durchgesetzt hat. Für mich hat diese Durchsetzung der Redefreiheit den Traum von China geschaffen.

Wer bin ich?

Dieser Traum veränderte sich im Jahre 1970.

Im Jahre 1971 wurde die Republik China von den Vereinten Nationen ausgeschlossen. Die Taiwaner hatten ein Gefühl, als ob sie Waisen geworden wären. Aber das war nicht das Schlimmste. Am 1. Januar 1971 brachen die Vereinigten Staaten ihre Beziehungen zur Republik China ab. Das bedeutete, dass die Vereinigten Staaten ihre Beziehungen zu Taiwan abbrachen und Beziehungen zum Festland China aufnahmen. Die langen Jahre der „Protektion“ durch die Amerikaner waren vorüber. Die Taiwaner verfielen in Depression und in Panik. Es war gerade so, als ob das Land im Sturm versinken würde. Doch in diesem Gefühl der Verlassenheit verstärkte sich der Wille zum Überleben. Diese Umstände waren es, die zum Erstarken des ursprünglichen Traums von China führten. Die Gefahr brachte auch größere Traurigkeit und Wut mit sich und stärkte die Verbundenheit der Menschen untereinander.

Das bekannte Lied der Festlandchinesen auf Taiwan „Nachkommen des Drachen“ wurde in dieser traurigen Atmosphäre geschrieben. Jeder auf Taiwan sang es in den 1970er-Jahren. Im Jahre 1983 jedoch setzte sich der Verfasser auf das „Festland der kommunistischen Banditen“ ab. Das Lied wurde von der taiwanischen Regierung verboten und wurde zu einem beliebten Lied auf dem Festland China. Als die Umgebung sich änderte, änderten sich auch die Bedeutung und der Inhalt des Liedes.

Kennst du die Bedeutung vom Rot der Ahornblätter in Yu Kung Chungs Lied „Vier Kapitel der Heimwehkranken“?

Als wir aufwuchsen, sah die Karte der Republik China wie das Abbild eines Ahornblattes aus (einschließlich der äußeren Mongolei). Ich war so sehr an die Karte gewöhnt, mit der ich aufwuchs, dass ich heute, wenn ich die gegenwärtige sehe, denke, dass es vielleicht ein Fehler ist.

Nach 1970 verlief der Traum von China in viele Richtungen. Für einige blieb der Traum vom Ahornblatt unverändert, für andere hatte er sich gewandelt.

Der Traum folgte auch seinem eigenen Weg und änderte sich, wenn der Einfluss der Umgebung sich verstärkte. Die Menschen, die entwurzelt wurden und auf die Insel kamen, wurden zur älteren Generation. Sie hatten Kinder. Ihre Kinder wuchsen heran. Das fremde Land wurde für ihre Kinder zur Heimat. Die Zeit verging und die Kinder entwickelten eine besondere Bindung an dieses fremde Land und ihre emotionale Bindung wurde immer stärker. Falls Sie Yu Kung Chungs „Vier Kapitel der Heimwehkranken“ kennen, kennen Sie aber vielleicht nicht sein anderes Lied. Fung Liao. Er schrieb es im Jahre 1972 über eine kleine Stadt an der Ostküste Taiwans:

Du fliegst über Fung Liao (eine Stadt)

Regentropfen auf das Feld mit Zuckerrohr in Ping Dong (eine Stadt)

Süßes Zuckerrohr, süßer Regen

vom Flugzeug auf den Hügel.

Wie viel süßes Zuckerrohr? Wie viele süße Träume?

Auf der Reise im Flugzeug meiner Jugend

betrachte ich das grüne Land des Zuckerrohrs.

In Herrn Yus Gedicht liegt eine symbolische Bedeutung unseres Traumes von China. Aber ich möchte Sie an einem anderen Gedicht teilhaben lassen. Es heißt: „Die Schönheit der Insel“. Es wurde von Lee Shaun Tze geschrieben

Lee machte sein Examen an der Dan Shui Universität. Er gehörte zu all‘ den jungen Menschen aus den 1970ern, die keine Nation hatten, die sie repräsentierte, die an den Rand der Welt gedrängt wurden und in Einsamkeit und Gefahr lebten. Die junge Generation begann sich zu fragen: Warum hat man uns gelehrt, den Jangtse zu lieben? Den Gelben Fluss zu lieben? Warum besingen und preisen wir ein Land, das wir nie gesehen und in dem wir nie gelebt haben? Warum können wir nicht den Dan Shui besingen, an dem wir aufwuchsen? Und an dem wir leben? Wo wir jeden Stein und jeden Grashalm kennen? Auch in Taiwan gibt es Flüsse und Berge. Und darum fingen wir jungen Leute damit an, „unser Lied“ zu singen, begannen damit, „unsere Stimme“ aufzuzeichnen. Lee schrieb ein Lied „Die Schönheit der Insel“ Alle besangen die Schönheit dieser Insel.

„Die Schönheit der Insel“ war ein Lied, das dem Traum Taiwans Ausdruck verlieh und sich aus Chinas Traum heraus entwickelt hatte.

Wir liegen in der Wiege der Schönheit der Insel.

Es ist die Wärme unseres Mutterlandes

Unsere stolzen Vorfahren schauen uns in die Augen.

Sie achten auf unsere Schritte.

Sie erinnern uns immer wieder daran

Vergesst nicht! Vergesst nicht!

Sie erinnern uns immer wieder an die grünen Berge,

den blauen Himmel und den endlosen Pazifischen Ozean.

Wir liegen in der Wiege des Landes der Freiheit.

Die warme Sonne scheint auf uns.

Der Sonnenschein beleuchtet unsere Berge und Felder

Wir sind tapfere Menschen,

die in den grünen Bergen und unter dem blauen Himmel leben.

Es gibt keine Grenzen für das ewige Leben der Büffel,

des Reis, der Bananen und Obstgärten.

Im Jahr 1975 war ich 23 Jahre alt. Zur Weiterbildung ging ich in die Vereinigten Staaten. Von acht Uhr morgens bis Mitternacht saß ich in der Bibliothek, bis ich nachts im Schnee nach Hause ging.

Neben meinem Studium beschäftigte ich mit der gegenwärtigen chinesischen Geschichte. Zum ersten Mal lernte ich die Kluft zwischen Kommunismus und Nationalismus kennen. Zum ersten Mal hörte ich vom Massaker der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) durch die Kuomintang (KMT) im Jahre 1927. Ich fing an zu begreifen. Ich sah endlich, wie mich die Erziehung durch die Nation und die Partei betrogen hatte. Das Ganze war eine politische Lüge und ich war erschüttert. Zehn Jahre später schrieb ich „Das wilde Feuer“, in dem ich die Lügen bloßstellte, die man mir erzählt hatte.

Im Jahr 1979 erlebte mein persönlicher Traum Chinas eine Veränderung. In Taiwan, unter dem Traum Chinas, redeten wir als Mandarin-Kinder über die „ursprüngliche Provinz“, aus der wir kamen. Natürlich antwortete ich, wenn man mich fragte, woher ich käme, „aus der Provinz Hunan“.

Also war ich 30 Jahre lang eine Hunanesin. Als das Festland China sich öffnete, fuhr ich schließlich nach Hunan. Am Bahnhof stand ein echter kommunistischer Bandit vor mir. Diese einfache Person fragte mich mit einem sehr starken hunanesischen Akzent: „Woher kommst Du?“ Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Ich konnte ihm nicht antworten. Ich konnte nicht hunanesisch sprechen. Ich war noch nie in Hunan gewesen. Ich wusste nichts über Hunan. Vor diesem Vertreter meines vermutlichen alten Volkes verlor ich die Sprache. In genau dem Augenblick und an der Stelle verwirrte sich der Traum China und verlor sich. Oh, über so viele Jahre war mir nie bewusst gewesen, dass ich Taiwanerin bin.

Zusammen in derselben Klasse, zusammen träumen

In den 1980er-Jahren begannen die Taiwaner, die sich vom übergroßen Traum China dem winzigen Traum Taiwan zuwandten, sich zu fragen: „Wer bin ich?“ Nach den 1980ern stellten zwanzig Millionen Taiwaner fest, dass ihr Selbstwertgefühl mehr und mehr schwand. Alles musste von vorn beginnen, alles musste in kleinsten Schritten getan werden. Und darum begann das taiwanische Volk in den 1980er-Jahren damit, das Land zu demokratisieren. Es war eine schwierige Lektion.

Das Lied „Schönheit der Insel“ wurde zum zweiten Namen für die Partei und trat in Opposition zu dem einstimmigen Gesang der Partei. Am 10. Dezember 1979 verklagte das Kriegsgericht der taiwanischen Regierung die Oppositionspolitiker. Das war ein außerordentlicher Fall vor dem Gericht für die Kuomintang. Er wurde angefochten.

Das Foto sprach für sich.

Shi Ming De (in der Mitte) wurde der Prozess gemacht. Seine Strafe lautete lebenslänglich. Chen Chu (die Frau links) wurde zu zwanzig Jahren verurteilt und ist jetzt Bürgermeisterin der Stadt Gao Shun in Taiwan. Niu Shiu Lian (rechts) wurde damals auch verurteilt und wurde zur ehemaligen Vizepräsidentin.
Shi Ming De (in der Mitte) wurde der Prozess gemacht. Seine Strafe lautete lebenslänglich. Chen Chu (die Frau links) wurde zu zwanzig Jahren verurteilt und ist jetzt Bürgermeisterin der Stadt Gao Shun in Taiwan. Niu Shiu Lian (rechts) wurde damals auch verurteilt und wurde zur ehemaligen Vizepräsidentin.
Foto: Privat / Anklicken zum Vergrößern.

Shi Ming De (in der Mitte) wurde der Prozess gemacht. Seine Strafe lautete lebenslänglich. Chen Chu (die Frau links) wurde zu zwanzig Jahren verurteilt und ist jetzt Bürgermeisterin der Stadt Gao Shun in Taiwan. Niu Shiu Lian (rechts) wurde damals auch verurteilt und wurde zur ehemaligen Vizepräsidentin.

Ich möchte dieses Bild dazu benutzen, um auszudrücken, wie Traum und Hoffnung im taiwanischen Herzen und in ihrer Lebenserfahrung aussehen. Wir können dieses Bild in drei Typen von Menschen aufteilen. Die ersten sind Verräter. Dazu gehören Shi, Liu und Chen. Die zweiten sind die Helden, die die Verräter verteidigt haben. Dazu gehören Chen Bien Shui (ehemaliger Präsident Taiwans, der im Jahre 2006 wegen Korruption und Bestechung verurteilt wurde), Shien Chang Ting, Sue Tzen Chang. Die dritten sind diejenigen, die an der Macht sind. Zu ihnen gehört Präsident Chiang und der Leiter des Ministeriums für Medien. Aus dem Wandel in der Geschichte ist ersichtlich, dass die Verräter zu Machthabern wurden und die Machthaber zu Oppositionellen. Wenn alle diese Leute als Helden der Nation gefeiert wurden, während sie Verräter waren, was wurde dann aus ihnen? Einige von ihnen wurden korrupt, sobald sie die Macht in ihren Händen hatten.

Findet in Taiwan eine große Veränderung statt? Wenn man das Leben des taiwanischen Volkes betrachtet, versteht man vielleicht die Größe der Veränderung.

Diese Veränderung ist eine Lektion in Demokratie und das Abstürzen hat seinen eigenen Verlauf. Nur wenn man lernt zu fallen, kann man lernen wieder aufzustehen. Das Fallen selber ist ein Lernprozess. Es ist ein Test. Darum möchte ich sagen, dass diese Veränderung keine wirkliche Veränderung ist. Es ist einfach eine Lektion, die man lernen muss.

Oberflächlich betrachtet, ist Taiwan tief zerrissen. Aber man lasse sich nicht von dem täuschen, was oberflächlich zu sehen ist. Wenn man zu den Grundlagen und dem Innersten dessen zurückgeht, was den Wert des Lebens ausmacht, so kommt zum Vorschein, dass der Traum China zerschlagen wurde und ein kleiner Traum Taiwan in einer schweren und sehr schwierigen Art und Weise entstanden ist. Jeder, der in Taiwan aufgewachsen ist, erkennt dieselben Prinzipien an:

Die Nation belügt dich.

Die Machthaber sind korrupt.

Die Opposition wird umgedreht.

Politische Unterdrückung ist nicht die einzige Quelle von Unterdrückungen.

Vermögen kann Grund für Unterdrückung sein.

Die politische Unterdrückung der Rechte des Individuums wie die des Rechtes der Redefreiheit lässt keinen Kompromiss zu.

Weil für jeden diese Rechte an erster Stelle stehen, kann man Debatten verfolgen, in denen gerufen, geschrieen wird, man rauft sich die Haare und bewirft sich mit Schuhen. Diese Debatten finden vor dem Obersten Gerichtshof in Taiwan statt. Jeder jedoch versteht die Prinzipien, mit denen er aufgewachsen ist.

Habe ich einen Traum China?

Wenn es um das Thema „Traum China“ geht, würden einige von uns aufspringen und rufen: China ist nicht mein Traum. In meinem Traum gibt es China nicht.

Aber wenn man fragt, ob Lung Ying Tai einen Traum China hat? Dann frage ich dich, was verstehst du unter China. Wenn du mich nach der Regierung fragst, nach der Nation, so würde ich sagen, dass die Regierung nur eine Organisation ist. Es tut mir leid, aber eine Organisation gehört nicht zu meinem Traum. Die Regierung lügt und wird weiter lügen. Wenn du China als Land siehst und als Volk, das in diesem Lande lebt, wie könnte ich nicht einen Traum für diese Gesellschaft haben? Für die Menschen in diesem Land? Mein geliebter Vater und meine Mutter kamen aus diesem schönen Land. Es ist ihre Heimat. Dieses Land kann Taiwan in so vielen bedeutenden Bereichen beeinflussen, seien sie nun gut oder schlecht. Das Glück und die Tragödie dieses Landes werden zukunftsweisend für die gesamte menschliche Gesellschaft sein. Wie könnte ich keine Träume für China haben?

Lasst uns den Gesichtspunkt „Eine sehr große Nation wieder aufbauen“ betrachten. Ich bin durchaus gewillt, dieses Konzept des Wiederaufbaus einer sehr großen Nation zu betrachten, wenn es auf der Macht seiner Kultur beruht.

Wie evaluiert man Kultur? Ich bin durchaus gewillt, meine eigenen Begriffe der Evaluierung mit jedermann zu teilen. Es ist nicht zu schwer. Wenn man sehen will, wie zivilisiert eine Stadt ist, sollte man darauf achten, wie diese Stadt mit ihren geistig und körperlich Behinderten umgeht, wie sie sich um ihre alten und einsamen Witwen und Witwer kümmert und wie ihr Verhältnis zu den Analphabeten der unteren Schichten aussieht. So kann man meiner Ansicht nach den Stand ihrer Kultur messen.

Eine kultivierte und zivilisierte Nation behandelt ihre Immigranten mit Respekt, ist freundlich, aufgeschlossen und offenherzig gegenüber anderen Minderheiten. Ich habe gesehen, wie Minderheiten in diesem Land behandelt wurden – dazu gehört natürlich, wie ein Drittel einer Milliarde Han-Chinesen dreiundzwanzig Millionen Zugehörige von Minderheiten behandeln.

Wen kümmert es, ob die Riesennation wieder aufgebaut wird? Mich jedenfalls kümmert es nicht. Was mich bekümmert, sind die Stufen der Zivilisation und die kulturellen Fähigkeiten – wie behandelst du, du große Nation, deine Minderheiten? Wie sieht es mit deiner Toleranz aus, wenn jemand eine andere Meinung hat und einen anderen kulturellen Hintergrund? Kannst du jemanden akzeptieren, der anders denkt und es auch sagt? Die Toleranzgrenze ist für mich äußerst wichtig. Wenn das, was du „Wiederaufbau einer Riesennation“ nennst, nur bedeutet, dass eure Leute stolz auf ihre eigene Macht und auf ihr Auftreten sind, wenn es nur mit Hilfe militärischer Macht geschieht, wenn es nur um wirtschaftlichen Aufstieg geht und du weiterhin den Anspruch auf politische Diktatur erhebst, dann sehe ich keinen Wiederaufbau vor mir. Denn am Ende wird es nur Unsicherheit und Leid über die Menschen bringen.

Wen kümmert es, wenn man sagt: Blut ist dicker als Wasser? Mich jedenfalls kümmert es nicht. Wenn wir den kulturellen und zivilisierten Standard nicht zusammenhalten können, warum sollte ich dann glauben, dass es sich um etwas Bedeutungsvolles und Wahres handelt?

Mein Vater fuhr als Fünfzehnjähriger mit einem Bambusstab und zwei Körben zum Bahnhof in Hunan, um Gemüse zu kaufen. Er wollte sich gerade auf den Heimweg machen, als die Kuomintang ihn in die Armee einzog.

Mein Vater wurde 1919 geboren. Im Jahr 2004 brachte ich die Asche meines Vaters nach Hunan zurück, in das Dorf der Drachenfamilie. Die ganze Familie stand an der Bergstraße und ließ Feuerwerkskörper hochgehen, um ihren Sohn zu begrüßen, der nach siebzig Jahren heimkehrte.

Zu Hause hörte ich, wie ein alter Mann das älteste Volkslied aus der Zeit des Konfuzius sang. Bis zu dem Augenblick hatte ich meine Tränen zurückhalten können, aber jetzt konnte ich mein Schluchzen nicht mehr unterdrücken.

Das Volkslied aus der Zeit des Konfuzius vertiefte mein Verständnis für meinen Vater, der gezwungen worden war, seine eigene Kultur zu verlassen. Erst nachdem ich seine Asche zu dem Ort zurückgebracht hatte, den er als Kind verlassen hatte, fing ich an, das Leid in seinem Leben zu verstehen. Wie sah das Leben aus, das der junge Mann im Verlauf der jüngsten chinesischen Geschichte führte? Und wie sehr vermisste meine Mutter, die in der Nähe des Jangtse aufwuchs, ihr ganzes Leben lang den Fisch aus diesem Fluss?

Ein offenes, tolerantes China

Man muss mir bitte glauben, dass meine Hoffnungen und Träume für China ehrlich sind. Aber erzähle mir nichts von einem „Wiederaufbau einer sehr großen Nation“; erzähle mir nicht, dass Blut dicker als Wasser sei. Tief in meinem Herzen hege ich die Hoffnung, eine Nation zu sehen, die es wagt, sich an den Standards von Zivilisation und Kultur zu messen, die zu ihren traditionellen Werten gehören. Nur ein solches China mit offener Denkweise kann tolerant sein. Und wenn es gewillt ist, tolerant zu sein, verschwindet seine Härte und es wird sicher. Seine Kraft wird sich dann noch weiter ausbreiten. Es wird in Zukunft zum Wohle der ganzen menschlichen Rasse Frieden bringen.

Im Jahr 1985 schrieb ich „Das wilde Feuer“. Es wurde im Januar 1986 veröffentlicht. Im August ging ich nach Europa. Bevor ich Taiwan verließ, hielt ich meine letzte Rede. Es war die einzige Rede, die ich während der Zeit gehalten hatte. Ich hatte große Angst. Ich hatte Angst, dass man mich an einem bestimmten Punkt meiner Rede zwingen würde aufzuhören. Ich möchte Sie den letzten Absatz hören lassen, den ich in jener Rede sprach:

„Heute sage ich Ihnen Lebewohl. Vielleicht wollen Sie mich fragen, welchen Traum ich für Taiwan habe. Ja, ich habe einen Traum.

Während ich hier stehe und zu Ihnen spreche, ist mein Herz voller Furcht. Ich habe Angst davor, dass es nach meiner Rede zu Konsequenzen kommen wird. Mein Traum besteht darin, dass unsere nächste Generation das sagen kann, was sie denkt und fühlt – und zwar ohne jede Angst. Von dem, was wir in unserer Generation zu erreichen versucht haben, können wir nur hoffen, dass es die Freiheit für unsere nächste Generation bringt, sich ohne Furcht zu äußern.“

Das war am 11. August 1986.

 

Lung Ying Tai bei einer Rede auf der Frankfurter Buchmesse 2009.
Lung Ying Tai bei einer Rede auf der Frankfurter Buchmesse 2009.
Foto: Jason Wang/The Epoch Times


Schlagworte

china, taiwan, Traum
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