Durch die Musik in den Westen

Der Geiger Alexander Scherbakov und die Pianistin Madalina Slav im Gespräch

Es war ein lauschiger Sommerabend, als der Geiger Alexander Scherbakov und seine Frau, die Pianistin Madalina Slav, in ihrem Garten mit uns zu einem Gespräch zusammen trafen.

Der Sohn des berühmten Pianisten Konstantin Scherbakov tritt als Solist und als Dirigent mit einem klassischen Repertoire auf, wie auch mit unbekannten und modernen Werken der Musikliteratur. Er studierte in Moskau, London, New York und Los Angeles und ist Preisträger internationaler Wettbewerbe.
Die musikalische Karriere von Madalina Slav begann, ebenso wie die ihres Mannes in jungen Jahren, sie war sieben Jahre alt, als sie zum ersten Mal als Solistin mit Orchesterbegleitung auftrat. Die Rumänin und der Russe sind nicht nur privat ein Paar, sondern sie treten auch gemeinsam auf internationalen Bühnen auf. Im Interview sprachen sie über ihr Leben und ihre Musik.
The Epoch Times: Sie wurden 1982 in Moskau geboren. Wie war es für Sie, dort aufzuwachsen?
Scherbakov: Ich wurde in einer Musikerfamilie geboren. Meine Mutter war damals Violinistin. Jetzt leitet sie eine Konzertagentur. Mein Vater ist Konzertpianist. So bin ich in einem sehr musikalischen Umfeld aufgewachsen. Anfangs musste ich auch Klavier spielen, was mir gar nicht gefallen hat. Ich konnte es nicht. Meine Hände waren unkontrolliert, und ich improvisierte stets, anstatt exakt das zu spielen, was in den Noten stand. Mein Vater hat  mich deshalb nicht weiter unter Druck gesetzt. Oft werde ich gefragt, weshalb ich mir die Violine ausgewählt habe. Ich habe sie mir nicht ausgewählt. Sie wurde mir in die Hände gegeben. Seit meinem vierten Lebensjahr spiele ich Violine.
In jenen Zeiten war es in den damaligen kommunistischen Ländern so, dass man entweder Sport oder Musik studierte. Das waren die einzigen Chancen, durch den eisernen Vorhang zu entfliehen und in den Westen zu gelangen. Das gilt genauso für meine Frau, Madalina Slav. Sie hat auch sehr früh begonnen Klavier zu spielen. Bei ihr waren es auch ihre Eltern, die für sie entschieden haben.
Als Kind wollte ich nie auf der Geige üben, denn ein Kind mit vier, fünf oder sechs Jahren möchte nicht den ganzen Tag im Zimmer stehen und Geige üben. Ich wurde regelrecht zum Üben gezwungen. Meine kleine Geige ist voller weisser Flecken, die von eingetrockneten Tränen stammen.

Das Musikerpaar hat sich in der Schweiz kennen gelernt und ist nun im Dörfchen Bischofszell Zuhause. (The Epoch Times)
Das Musikerpaar hat sich in der Schweiz kennen gelernt und ist nun im Dörfchen Bischofszell Zuhause. (The Epoch Times)

Madalina Slav: Bei mir war es ähnlich. Ich war kein Wunderkind. Ich kannte Kinder, die damals als Wunderkinder galten. Damals war der Status „Wunderkind“ etwas, das für mich erstrebenswert war; bis ich verstanden habe, dass ein Wunderkind zu sein nicht so gut ist, wie es scheint. Die sogenannten Wunderkinder sind in ihrer eigenen Welt gefangen. Sie sind sehr einsam und meistens haben sie sehr ehrgeizige Eltern.
The Epoch Times: Im Kommunismus gilt das Prinzip des willenlosen Gehorsams. Als Musiker aber müssen Sie stets eigene Entscheidungen treffen. Wie lösten Sie diesen Konflikt?
Scherbakov: Das ist eine interessante Frage. In jungen Jahren bin ich unter dem kommunistischen Regime aufgewachsen. Meine Familie war stets gegen diese Staatsdoktrin,  und so wurde auch ich erzogen. Ich kann mich noch an ein Ereignis in der Schule erinnern. Es wurde uns damals beigebracht, dass Lenin unser Grossvater ist. Ich stand im Unterricht auf und habe lauthals geschrien: „Nein, Lenin ist nicht mein Grossvater und ich möchte ihn auch nicht in meiner Nähe haben.“ Daraufhin wurde ich aus der Klasse verwiesen.
Bereits da habe ich meine eigene Entscheidung getroffen. Selbstverständlich war ich zuweilen auch gehorsam. Die Gehorsamkeit betrifft aber nur die persönliche Ebene innerhalb der Familie und hatte nichts mit der Umwelt und dem Regime zu tun.

Slav: Das Regime funktionierte nicht. Vielleicht war die ursprüngliche Idee nicht schlecht, aber es funktionierte einfach nicht. Menschen sind nun mal nicht gleich. Der Kommunismus herrschte in Rumänien bis 1989.
The Epoch Times: Verstehen Sie sich als Schweizer?
Slav: Ich lebe seit sieben Jahren in der Schweiz. Ich habe keinen Schweizer Pass aber ich denke nicht, dass ich mich anders fühlen würde, wenn ich einen hätte. Die Seele bleibt stets dieselbe, egal, welche Staatsbürgerschaft man annimmt.
Die Seele ist Schweizer, wenn man in der Schweiz geboren ist. Wenn man in einem anderen Land geboren ist, ist die Seele mit jenem Land und seiner Kultur und seinen Traditionen verbunden. Für uns ist die Schweiz ein wunderschönes Land, wo wir friedlich leben können. Hier können wir unser Leben besser gestalten und näher zu dem gelangen, was wir möchten.

Bereits seit Kindesalter spielen die Pianistin und der Geiger ihr Instrument. (The Epoch Times)Bereits seit Kindesalter spielen die Pianistin und der Geiger ihr Instrument. (The Epoch Times)

The Epoch Times: Frau Slav, wenn Sie nur einen einzigen Gegenstand aus Ihrer Heimat hätten mitbringen können, welcher wäre es gewesen?
Slav: Das ist schwierig zu sagen. Persönlich vertrete ich die Meinung, dass Gegenstände dorthin gehören, wo sie her kommen. Demzufolge würde ich zum Beispiel jene Kultur, die hier nicht verstanden werden würde, nicht hierher bringen. Wenn ich etwas mitbringen müsste, dann würde ich die rumänische Musik mitnehmen, weil ich es mir wünsche. Ich erwarte aber nicht, dass die Leute hier sie verstehen. Die Leute in Rumänien verstehen sie selber kaum.
The Epoch Times: Sie dozieren im Moment an der Zürcher Hochschule der Künste – können Sie die Unterschiede zwischen dem Konservatorium in Russland und der schweizerischen Ausbildungsstätte beschreiben?
Scherbakov: Es existieren definitiv sehr grosse Unterschiede. Hauptsächlich besteht der Unterschied in der mentalen Einstellung der Studenten, die am Konservatorium studieren. Hier in der Schweiz denken die Studenten, dass solch ein Studium leichter zu bewältigen ist als ein Jura-, Physik- oder Sprachstudium. Bei der Musik denkt man, dass es mehr Spass macht. Das Studium geht schnell und man braucht nicht sehr viel daran zu arbeiten. Was danach folgt, darum kümmert sich keiner wirklich.
In Russland werden Studenten nur zugelassen, wenn sie tatsächlich Interesse an einer weiteren Karriere als Musiker haben. Die Ausbildung ist viel härter. Man hat ein klares Tempo, und es werden ganz klare Limits gesetzt. Hier in der Schweiz ist fast alles freiwillig.
The Epoch Times: Sie haben bereits die halbe Welt mit Ihren Konzerten bereist. Wo treten Sie am liebsten auf?
Slav: Mit Abstand in New York. Wenn Sie fragen, wo wir in New York am liebsten auftreten würden… dann natürlich in der Carnegie Hall. (lachen)
The Epoch Times: Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?
Scherbakov: Beruflich gesehen, muss es sich stets weiterentwickeln. Wenn es auf einem Niveau stagniert, dann geht es mit der Karriere nur noch bergab. Wir dürfen nie stehen bleiben und müssen permanent hart daran arbeiten. Wenn wir nichts tun, gibt es auch keine Zukunft. Ich persönlich möchte mehr dirigieren. Jetzt bin ich Assistent von Justus Franz an der Philharmonie der Nationen. Später werde ich eventuell auch andere Orchester dirigieren. Ich erlerne jetzt das Handwerk als Dirigent. Weiterspielen auf meiner Geige werde ich aber trotzdem. Das gebe ich nicht auf.
Slav: Wir lassen die Zukunft für uns entscheiden. Auch wären wir bereit, alles hinter uns zu lassen und mit unserem Hund Fynn wegzufahren. Wo immer unser Schicksal uns auch hinführt, auch wenn es heisst, dass wir uns vielleicht am Mittelmeer wiederfinden würden.
The Epoch Times: Vielen Dank für das Gespräch.
Die Fragen stellte Chin-Sien Yang.
Erschienen in The Epoch TImes Deutschland Nr. 27/09

(The Epoch Times)
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