Bundeswehr-General kontert Von der Leyen: „Wehrmacht ignorieren“ ist falsch

Einer der ranghöchsten Bundeswehr-Generäle hat sich in der Traditionsdebatte gegen Ursula von der Leyen gestellt. Viele Entwicklungen in der Truppe könne man nur vor dem Hintergrund der Wehrmacht verstehen, meint Richard Roßmanith.

Eine „Nulllinie“ im Umgang mit Wehrmachts-Gedankengut hatte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) im Mai nach der Affäre um Oberleutnant Franco A. angeordnet. Im Zuge dessen waren 41 Objekte entfernt worden, darunter ein Foto von Helmut Schmidt in Wehrmachtsuniform, dass in der Hamburger „Helmut-Schmidt-Universität“ der Bundeswehr hing.

Am Mittwoch äußerte sich einmal mehr Generalleutnant Richard Roßmanith dazu. Anlass war die Verkündigung seines Ruhestandes im Januar 2018.

Seine Ansichten

„Es hat keine Stunde Null in der Bundeswehr gegeben“, so Roßmanith laut Schwäbischer Zeitung. „Wer das behauptet, denkt a-historisch.“

Eine „Nulllinie“ im Umgang mit der militärischen Tradition, wie sie Von der Leyen gefordert hatte, lehnt er ab. Die Diskussion um das Erbe der Bundeswehr könne weder „funktional noch prozessorientiert“ geführt werden, so der Drei-Sterne-General. Er sagt: „Auch Streitkräfte haben eine Seele.“ Und diese Seele sei beschädigt worden.

„Wehrmacht ignorieren“ ist falsch

„Ich halte ein Vorgehen, bei dem wir die Wehrmacht ignorieren, für falsch.“ Der Blick auf die Wehrmacht eröffne zwar nicht alleine das Verständnis für die Bundeswehr: „Aber den militärischen Widerstand um Oberst Graf von Stauffenberg können Sie nur begreifen, wenn sie auf die Wehrmacht blicken.“ Und Roßmanith betont: „Damit bewege ich mich auf dem Boden des bestehenden Traditionserlasses von 1982.“

Schon bei einer Feierstunde am 20. Juli, dem Gedenktag des misslungenen Attentats auf Hitler, hatte Roßmanith gesagt: Nur in der Auseinandersetzung, nicht aber in der Leugnung, könnten die „Gespenster der Vergangenheit“ vertrieben werden. Am Mittwoch fügte er hinzu: „Die Wehrmachtsführung war schuldhaft verstrickt.“

Am neuen Traditionserlass, den Ursula von der Leyen anstrebt, wird Roßmanith nicht mehr mitarbeiten.

„Projektionsfläche“ für Selbstverständnis der Bundeswehr

Roßmanith ruft zu einer überlegten, kritischen und fundierten Aufarbeitung der Geschichte der Wehrmacht auf – Leistungen und Verbrechen inbegriffen. Deshalb vertritt er auch die These, die Wehrmacht sei „Projektionsfläche, auf der das Selbstverständnis der Bundeswehr entwickelt wurde und vor der es auch heute noch verstanden werden sollte“. Von sich allein heraus könne die Bundeswehr keine Tradition begründen. Sie sei „Teil einer unteilbaren, aber von tiefen Brüchen gekennzeichneten Geschichte.“

Am 13.September kommt Von der Leyen im Rahmen des Wahlkampfs nach Ulm. Dennoch wird sie nicht die Ulmer Kaserne besuchen: Nach einer ersten Zusage habe es eine endgültige Absage gegeben, heißt es bedauernd aus Bundeswehr-Kreisen.

Wer ist General Roßmanith?

Der Befehlshaber des Ulmer Multinationalen Kommandos Operative Führung ist einer der ranghöchsten Bundeswehr-Generäle und hat 44 Jahre als Soldat hinter sich. Am Mittwoch wurde bekannt, dass er schon im Januar 2018 in den Ruhestand versetzt wird – früher als erwartet. An der großen Nato-Übung „Trident Jaguar“ wird er deshalb nicht mehr teilnehmen können. „Das hat man mir plötzlich mitgeteilt“, so Roßmanith laut Südwestpresse. Als Nachfolger gilt der Kommandeur des Kommandos Territoriale Aufgaben, Generalmajor Jürgen Knappe.

Von der Leyen hatte postuliert:

„Die Wehrmacht ist in keiner Form traditionsstiftend für die Bundeswehr. Einzige Ausnahme sind einige herausragende Einzeltaten im Widerstand. Aber sonst hat die Wehrmacht nichts mit der Bundeswehr gemein.“ (rf)