Eine Studie zeigt das Ost-West-Gefälle unter dem Hintergrund der Migration.Foto: Sean Gallup/Getty Images

Studie: „Jammerossis“ und muslimische Migranten sind „Bürger zweiter Klasse“

Epoch Times2. April 2019 Aktualisiert: 2. April 2019 17:41
Eine wissenschaftliche Studie verglich die Aussagen von über 7.000 Deutschen und muslimischen Zuwanderern aus Ost- und Westdeutschland. Demnach fühlen sich Ostdeutsche gegenüber den Westdeutschen ebenso benachteiligt wie Muslime.

30 Jahre nach dem Mauerfall sind die Ostdeutschen ähnlich benachteiligt wie die in Deutschland lebenden muslimischen Migranten. Dies hat eine Studie des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM-Institut) unter Leitung der Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan ergeben. Die Studie lag der „Zeit-Online“ bereits vor Veröffentlichung vor.

Die These, dass die Situation von Ostdeutschen und muslimischen Migranten sich ähnelt, wird durch die Befragung des Instituts bestätigt. Insgesamt nahmen 7.233 deutschsprachige Menschen im Alter ab 14 Jahren an der Studie teil.

Demnach sind Befragte in Ostdeutschland mit 26,5 Prozent und Migranten mit 29,5 Prozent tendenziell stärker im untersten Einkommenssegment vertreten als Westdeutsche mit 18,8 Prozent. Im oberen Einkommensbereich stehen 13,2 Prozent der Westdeutschen deutlich vor der Gruppe der Migranten mit 8,9 Prozent und den Ostdeutschen mit 8,1 Prozent.

„Bürger zweiter Klasse“

Der Studie zufolge betrachten sich 35,3 Prozent der Ostdeutschen und 33,8 Prozent der Muslime als „Bürger zweiter Klasse“.

In einem Interview mit der „Zeit“ sagte Foroutan: bereits vor der Studie wäre es für sie offensichtlich gewesen, dass Ostdeutsche und Migranten ähnlich benachteiligt würden.

Wer wie ich mit solchen Daten arbeitet, konnte die Benachteiligung von Ostdeutschen schon immer sehen. Ich hatte also kein besonderes Aha-Erlebnis.“

Zudem finde sie „es komisch“, dass so eine vergleichende Studie erst jetzt gemacht worden sei. „Diese Untersuchung ist so naheliegend, sie hätte schon viel früher durchgeführt werden müssen,“ so die Wissenschaftlerin.

Bisher seien die Ostdeutschen vor allem aus der Perspektive der Ungleichheitsforschung betrachtet worden, strukturelle und soziale Fragen seien in den Mittelpunkt gerückt worden. Über gesunkene Arbeitslosenzahlen und zurückgehende Armutsraten gebe es Fakten und Zahlen. Aber, symbolische, emotionale und identifikative Fragen seien genauso wichtig, betonte Foroutan.

Je stärker man im Vergleich zur Mehrheitsgesellschaft aufholt, umso größer wird zu Recht die Unzufriedenheit darüber, was noch nicht aufgeholt ist. Das nennt man Emanzipation. Und dadurch fragen sich auch im Osten immer mehr Menschen, wie kann es sein, dass wir strukturell aufholen, man uns kulturell aber noch immer als nicht zugehörig betrachtet?“

Auf die Äußerung der „Zeit“, dass die Forscherin sich damit von einer Leitidee der deutschen Einheit verabschieden würde, sagte sie: „Diese Idee hat den deutsch-deutschen Heilungsprozess lange Zeit befördert. Die Ostdeutschen hatten zwar vieles nicht, aber immerhin waren sie auch deutsch. Das Ethnische hält Gesellschaften zusammen. Wenn wir daran jetzt rühren und die Ostdeutschen in die Nähe der Migranten rücken, reagieren viele widerspenstig. Sie versuchen, diesen Identitätsanker zu schützen.“

„Ihr jammert ja nur!“

Migranten und Ostdeutsche seien zahlenmäßig den Westdeutschen unterlegen, betonte Foroutan. Zudem habe die Studie gezeigt, dass Ostdeutsche mehr Konkurrenzangst hätten als Westdeutsche. „Fast jeder zweite Ostdeutsche sagt, ich hätte ein schlechtes Gefühl, wenn immer mehr Muslime in Führungspositionen gelangten. Und das, obwohl eigentlich der Gruppe der Muslime seit Jahren vorgeworfen wird, sich nicht genügend zu integrieren“, so Foroutan.

Beide Gruppen seien aber „auf unterschiedlichen Niveaus gegenüber der Mehrheitsgesellschaft von der Armut betroffen“.

Migranten wie auch Ostdeutsche werden in der Kritik an ihrer Benachteiligung nicht ernst genommen, sondern im Gegenteil zu Jammerossis oder Opfern degradiert. Das sagen mehr als 40 Prozent der Westdeutschen von den Ostdeutschen – womit sie die bestehende Ungleichheit nicht nur relativieren, sondern das ernsthafte Sprechen darüber verunmöglichen“, so Foroutan.

Die Wissenschaftlerin warnte, dass mit einer solchen Kritik die eigene Machtposition geschützt werde. „Man behauptet einfach: Ihr jammert ja nur!“ Wenn Analysen und Studien das Ost-West-Gefälle sichtbar machen, werde argumentiert: „Ihr seid selbst schuld!“

Es scheint, dass nun ein Höhepunkt erreicht sei, so die Wissenschaftlerin. Nach 30 Jahren Einheit hieße es nun scheinbar: „Sie haben es verdient, dass sie nicht mit uns am selben Tisch sitzen.“

Muslimische Migranten und Ostdeutsche würden eine ähnliche Benachteiligung erleben, sich aber als „Konkurrenten“ empfinden. Die sich daraus ergebenden Konflikte würden dadurch verschärft, „wenn Migranten nicht mehr unten bleiben wollen“, so Foroutan. „Im Moment brechen sowohl die Frauen als auch die Muslime und die Ostdeutschen aus ihren vorherbestimmten Rollen aus. Sie weigern sich, den ihnen zugewiesenen Platz länger auszufüllen.“ (sua)

„Zeit-online: Das nennt man Emanzipation“


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