Tod in Peking – Warum starb Bernhard Wilden

Von 10. Januar 2007 Aktualisiert: 10. Januar 2007 1:54
Deutscher Student stirbt unter ominösen Umständen

Sein nächster planmäßiger Nachhauseflug nach Köln wäre zu Semester-Ende Mitte Januar gewesen. Das Ticket lag schon bereit. Doch am Abend des 21. Dezember 2006 ruft der 24-jährige Bernhard Wilden zu Hause an, seine Mutter vermutet, aus einer Telefonzelle. Er sagt, dass er sich bedroht fühle und dass diese Bedrohung eher politischer Art sei. Seine Eltern sind überrascht, sie telefonieren sonst nie miteinander. „Wir haben uns alle zwei, drei Tage E-Mails geschrieben“, sagt seine Mutter in einem Interview dem Kölner Stadtanzeiger. „In den Semesterferien ist er immer nach Hause gekommen. Wir haben ihn außerdem zweimal im Jahr besucht.“

Sie einigen sich darauf, dass er am nächsten Tag nach Köln fliegen soll. Am nächsten Morgen schreibt Bernhard seiner Mutter, dass sein Flugticket verschwunden sei. In einer weiteren Email am 22.12. schreibt er: „Ich glaube, dass ich schon seit vielen Jahren beobachtet werde, was durch eine Kette von Ereignissen immer weiter verstärkt wurde, so dass jetzt ein Heer von Geheimdienstmitarbeitern um mich herum ist.“ Es war der letzte Kontakt zwischen Mutter und Sohn.

Regina Wilden teilt sich einem Freund per Email mit: „Unser Sohn hat in Peking zur Zeit ein bisschen Probleme. Er glaubt, dass er von Geheimdienstmitarbeitern auf Schritt und Tritt überwacht wird, und das kann gut möglich sein. Jetzt fliegt mein Mann entweder in Kürze hin, um sich darum zu kümmern, oder wir müssen warten, bis der Sohn im Januar nachhause kommt, wenn seine Semesterferien beginnen und wir ihn dann einmal fragen können, was los ist. Wird schon gut gehen …“

Traurige Gewissheit

Am Weihnachtsmorgen erhält die Familie traurigen Besuch: „Ich hatte tagelang ein unruhiges Gefühl und heute morgen klingelten drei Personen an unserer Haustür, Polizisten und ein Seelsorger.“ Regina Wilden spricht mit Freunden im Internet offen darüber: „Bernhard wurde gestern aus einem Hochhaus im Universitätsviertel Haidian in Peking aus dem Fenster gestürzt.“ „Ich stehe im Moment unter Schock. Es ist alles wahr. … Ich habe diesen Staat immer verteidigt …. es ist entsetzlich, entsetzlich, entsetzlich. Bitte verbreitet diese Nachricht – aber es nutzt jetzt nichts mehr.“

Es ist Weihnachten, der 24. Dezember 2006: eine Traueranzeige in einer Kölner Zeitung weist auf den noch ungeklärten Tod des jungen Deutschen in Peking hin: „Mit tiefer Bestürzung und unendlicher Trauer geben wir den Tod unseres innigst geliebten Sohnes Bernhard Wilden bekannt.“ Ihr Sohn Bernhard wurde ermordet, seine Eltern sind sich sicher: „Die chinesischen Behörden haben meinen Sohn umgebracht“, schreibt die Mutter weiter im Forum.

Wo ist das Tagebuch, wo das Ticket?

Am 26. Dezember fliegt Dr. Gerhard Wilden nach Peking. Der Vater betritt in Begleitung eines Beamten der Deutschen Botschaft das Studentenzimmer seines Sohnes. Er findet den Pass und das Handy. Es scheint alles normal, keine Kampfspuren sind zu sehen, kein Abschiedsbrief zu finden. Vom Flugticket und Bernhards Tagebuch jedoch fehlt jede Spur.

Mauern aus Schweigen

Die Kommilitonen, die den toten Studenten identifiziert hatten, waren für den Vater an der Uni nicht zu sprechen, ebenso wenig wie ein ehemaliger Professor von Bernhard, der mit ihm zusammen auf einem Foto bei der Abschlussfeier im Juni 2005 zu sehen war. Regina Wilden schreibt dazu im Internet: „Der Mann von der Universität sagte, er kennt diesen Professor nicht und deshalb kann mein Mann ihn nicht sprechen.“

Überall Mauern aus Schweigen, wie eine eiserne Tür darin die offizielle chinesische Antwort, kalt und knapp: „Was found dead“ – keine weiteren Untersuchungen, keine Erklärungen, nur dieses keine weiteren Fragen zulassende „Was found dead“. Was geschah in jener Vorweihnachts-Nacht, nach der ein junger deutscher Student vor einem Pekinger Hochhaus Tod aufgefunden wurde?

Merkwürdiges Verhalten der Behörden

{Q} In der Sterbebescheinigung des „Forensic Medical Examination Center“ ist zu lesen: „Bernhard Wilden starb an einem akuten traumatischen hämorrhagischen Schock durch Sturz aus großer Höhe.“, d.h. durch großen Blutverlust. Er starb in der Nacht vom 22. auf den 23. Dezember 2006. Ein genauer Todeszeitpunkt wird in der Autopsie jedoch nicht genannt, sagt Mutter Regina gegenüber der Neuen Epoche, lediglich der Zeitpunkt des Auffindens der Leiche wird mit 6 Uhr morgens benannt. Die Obduktion in China war abgeschlossen: es seien keine Alkohol- oder Drogenspuren gefunden worden, es gäbe auch keine Anzeichen von Infektionskrankheiten. Eine zweite Untersuchung in Deutschland hätte dann ja das gleiche ergeben müssen …

Gern hätte der Vater den Leichnam seines Sohnes mit nach Hause genommen, doch da gab es dann einige „Probleme“: Als erstes musste der Vater den chinesischen Behörden unterschreiben, keine weiteren Fragen mehr zum Tod seines Sohnes zu stellen. Im Fall einer Strafanzeige gegen den chinesischen Staat könne der Leichnam auf „unabsehbare Zeit“ nicht freigegeben werden. Eine Überführung nach Deutschland wäre auch nicht gleich möglich gewesen und nur unter der Bedingung einer „Einbalsamierung“ und „Wiederherstellung“ des Körpers, was zusätzliche Kosten von ca. 20.000 Euro und weitere Schwierigkeiten verursachen würde. Bernhards Mutter sagt dazu: „Der Gedanke, den Leichnam Bernhards in China zu wissen und nicht zu wissen, was mit ihm geschieht, wäre für mich unerträglich gewesen.“ Die Familie entscheidet sich schweren Herzens für eine Urnenüberführung.

Regina Wilden ist resigniert: „Es wird niemals aufzuklären sein. Manchmal stürzen Menschen vom Himmel … Bernhard war ein gläubiger Katholik und gegen Abtreibung. Vermutlich hat er in Peking öfter zu dieser Sache den Mund aufgemacht in Unkenntnis darüber, was in einem totalitären Staat möglich ist. Und so haben sie ihn beseitigt.“

Turm des Todes

Ein Kind an einer Universität studieren zu lassen, bedeutet für viele chinesische Familien eine Investition in die Zukunft der ganzen Familie und für die Jugendlichen eine Chance auf ein besseres Leben. Dementsprechend groß ist die mentale Belastung eines chinesischen Studenten, die in ihn gesetzten Erwartungen zu erfüllen.

Wenn neue Studenten an die Uni kommen, sagt man ihnen, dass sie sich nicht unter dieses oder jenes Hochhaus setzen sollen…was sie dann auch bald verstehen. Von diesem Hochhaus stürzen sich dann regelmäßig Studenten, die dem Leistungsdruck nicht standhalten konnten, schlechte Noten bekamen und somit ihr Gesicht verloren. An fast jeder Uni in China gibt es einen so genannten „Turm des Todes“. Und es wäre für Chinesen schon fast als „normal“ anzusehen, einen toten Studenten darunter zu finden. Niemand würde sich wundern, niemand Fragen stellen …

Doch Bernhard war diesem Druck nicht ausgesetzt. Er war in Deutschland Mitglied im Mensa-Club für Hochbegabte, dessen einzigstes Aufnahmekriterium ein Mindest-IQ von 130 ist. Er lernte seit seinem 13. Lebensjahr chinesisch, sprach es nahezu perfekt. Nach dem Abi 2002 beginnt er in Peking ein Bachelor-Studium für chinesischen Sprache, Geschichte und Kultur, das er 2005 mit Erfolg beendete. In Deutschland machte er noch sein Examen als staatlich geprüfter Dolmetscher und Übersetzer für Chinesisch. Normalerweise endet hier das Stipendium und der Studienaufenthalt europäischer Studenten in China. Unterstützt durch seine Eltern studiert der junge katholische Student Internationale Wirtschaft im Master-Studiengang weiter.

Selbstmord ausgeschlossen

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Einen Selbstmord schließen die Eltern aus: „Er war nicht depressiv. Im Gegenteil: Ihm ging es gut, er war zufrieden und er hatte seinen Glauben. Warum sollte er sich das Leben nehmen?“ Auch Pfarrer Zhang von der „South Cathedral of Beijing“, die Bernhard oft besuchte, hält einen Selbstmord für ausgeschlossen, als Bernhards Vater mit ihm spricht.

Mutter Regina resümiert im Internet: „…Leben und der Tod von Bernhard waren ein Zeugnis für seinen Glauben, und er soll zugleich eine Mahnung sein gegen unmenschliche Diktaturen, für die Freiheit, für die Menschenrechte. Ich denke, dass das im Sinne unseres Sohnes wäre. Vielleicht ist er dann nicht ganz umsonst gestorben.“

„…aber wir fanden es nicht gefährlich“

Regina Wilden erinnert sich im Internet-Forum an eine Begebenheit vor ein paar Jahren: „Wir selbst, d.h. mein Mann und ich und natürlich auch Bernhard wurden vor wenigen Jahren in Peking auch von zwei Männern verfolgt. Wir wohnten im Hotel Kempinsky, und zur gleichen Zeit war zufällig dort der damalige Bundeskanzler Schröder zu Besuch. Wir standen im Foyer und warteten auf ihn, um ihn zu sehen, wie ein paar andere Leute auch.

Zwei Tage lang haben uns dann zwei Männer (Chinesen) immer wieder verfolgt, das war uns aufgefallen. Wir lachten darüber – wir waren ja zu dritt, und wir hatten ja unserer Meinung nach überhaupt nichts zu befürchten, weil wir ja nur ganz harmlose Touristen waren – und machten uns einen Spaß daraus, sie immer wieder abzuhängen, z.B. indem wir in dem Aufzug in dem Hochhaus-Hotel immer wieder auf einer anderen Etage ausstiegen oder unvermutet um eine Ecke bogen, wie sie es nicht erwartet hätten. Sie waren immer wieder hinter uns her, aber wir fanden es nicht gefährlich.“

Prinzipielle Überwachung für Ausländer

Die regime-kritische Nachrichtenseite www.china-intern.de berichtet zum Tod von Bernhard Wilden: „Prinzipiell wird jeder in China lebende westliche Ausländer lückenlos überwacht, sein Leben bis in intimste Details zu den Akten gebracht. Allerdings merken Ausländer davon nichts, wenn jemand dies bemerkt, muss die Überwachung bereits massiv sein und evtl. eine Botschaft vermitteln oder er als akute Bedrohung für die KP gesehen werden. Irgendetwas davon war im vorliegenden Fall offensichtlich gegeben.

Bei solchen, plötzlich wichtig gewordenen Personen sind meistens über 50 Agenten auf sie angesetzt, offensichtlich handelte es sich bei ihm um eine aus KP-Sicht wichtige Person. Vermutlich hatte er durch seine perfekten Chinesisch-Kenntnisse etwas erfahren, was Ausländern normalerweise durch die Sprachbarriere verborgen bleibt.“

Das Heer namenloser Agenten im Polizeistaat China ist groß, ebenso groß wie die Angst die hier herrscht. Wie Schatten verfolgen sie alles und jeden, der auch nur ansatzweise von der genormten Masse abhebt, sammeln alle möglichen Informationen, wie z.B. Tagesablauf, Essgewohnheiten, Kleidungsvorlieben, Gesundheitszustand, Hobby, Charakterschwächen usw., machen Bilder und filmen, stellen delikate Fallen für spätere Erpressungen oder Spitzeltätigkeiten, lassen auch mal den einen oder anderen verschwinden. Bei all dem versucht man möglichst dezent vorzugehen. Bis zu den Olympischen Spielen ist es nur noch ein Jahr. Es werden viele Gäste erwartet. Sie sollen das Gefühl der Unbefangenheit behalten in der Stadt.

Deutschland beginnt nachzudenken

Am Anfang war es der Kölner Stadtanzeiger, der mutig und ausführlich am 29.12. darüber berichtete. Es folgten Nachrichtenportale wie z.B. das katholische www.kath.net oder www.chinaintern.de. Am 07. Januar sind es schon über 300 Einträge im Internet. Noch ist der Fokus der Berichterstattung auf den Nahen Osten gelenkt, doch die Menschen, die von der Geschichte erfahren wundern sich: ein Internet-Diskussionspartner von Regina Wilden bemerkt: „Ich mein, SPON [Spiegel Online, Anm. Red.] bringt heute einen langen Bericht über einen deutschen Häftling in Teheran, aber der lebt noch. Und ein mysteriöser Tod in China bleibt unerwähnt? Komisch.“.

Die Beisetzung der Urne von Bernhard Wilden fand am 9. Januar in Köln statt.