0,37 Prozent Sterberate: Diskussion um erste Teilergebnisse der Corona-Studie in Heinsberg

Von 17. April 2020 Aktualisiert: 17. April 2020 15:24
14 Prozent Immunität, 0,37 Prozent Sterberate: Der Virologe Hendrick Streeck präsentierte in einer Pressekonferenz erste Zwischenergebnisse aus der von ihm geleiteten Heinsberg-Studie. Nun melden sich immer mehr kritische Stimmen, darunter Virologe Christian Drosten, der skeptisch gegenüber der berechneten Immunität und der frühen Datenpräsentation ist.

Für die erste repräsentative Feldstudie in Deutschland testete der Bonner Virologe Professor Hendrick Streeck und sein Team 1000 Personen in 400 Haushalten in der Gemeinde Gangelt im Kreis Heinsberg. Dieses Gebiet war vom Ausbruch des neuartigen Coronavirus stark betroffen. Bei einer Pressekonferenz zu den ersten 509 ausgewerteten Ergebnissen, spricht Professor Streeck von einer Infektionsrate von 15 Prozent, einer Immunität von 14 Prozent und einer Sterberate von 0,37 Prozent.

Die Daten wurden von manchen als Grund zur Diskussion über die Lockerung der aktuell geltenden Maßnahmen angesehen. Allerdings sorgt auch die Studie selbst in verschiedenen Bereichen für Diskussionen.

Virologe Drosten vorerst skeptisch

Professor Christian Drosten, der regelmäßig über das Virus informiert, zeigt sich von den präsentierten Teilergebnissen nicht überzeugt. Seiner Einschätzung nach war die Veröffentlichung der Daten zu früh. „Ich kann daraus überhaupt nichts ableiten. Das war alles so ein bisschen wage“, sagte er während eines Online-Seminars des Kölner Science Media Center.

Drosten sagte, dass solche Daten üblicherweise zuerst in einem wissenschaftlichen Manuskript zusammengefasst würden. Erst dann präsentiere man sie in der Öffentlichkeit und der Politik. Zudem habe er Bedenken bezüglich der Richtigkeit der Antikörpertests.

„Diese Labortests haben eine hohe Rate an falsch positiven Signalen, rein technisch. Sie schlagen auch bei herkömmlichen, saisonalen Coronaviren an, die für rund ein Drittel aller Erkältungskrankheiten verantwortlich sind“, sagt er im „heute journal“. Um einschätzen zu können, wie häufig derartige Verwechslungen bei den Tests waren, brauche man laut Drosten Bestätigungsuntersuchungen aus dem Labor. Im Moment ist nicht klar, ob diese  gemacht wurden. Hätte es bei den Tests Reaktionen auf andere Coronaviren gegeben, könnten in Wirklichkeit wesentlich weniger Menschen eine Immunität aufweisen.

Einen weiteren Punkt wirft der Epidemiologe Gérard Krause vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig ein: Aus Haushalten könne man nicht so einfach hochrechnen. Ob man 1000 Menschen aus 1000 Haushalten untersucht oder 1000 Menschen aus 400 Haushalten, ergebe einen Unterschied, was die Zahl der Immunisierten betrifft, weil die Menschen sich in einem Haushalt schneller gegenseitig anstecken würden. Dadurch erscheine die Immunitätszahl größer, als sie eigentlich ist.

Streeck verteidigt Studienergebnisse

Der Virologe und Studienleiter Streeck verteidigt die Vorgehensweise bei der Datenpräsentation und die Antikörpertests in einem Interview mit dem „Tagesspiegel“. „Die Veröffentlichung ist keinesfalls leichtfertig erfolgt. Wir haben bis in die Nacht auf Donnerstag darüber diskutiert, ob wir jetzt erste Daten präsentieren sollen. Wir entschieden uns dazu aus ethischen Gründen, und weil wir uns verpflichtet fühlten, einen nach wissenschaftlichen Kriterien erhobenen validen Zwischenstand vor Publikation mitzuteilen“, sagt Streeck.

Zudem sei eine Präsentation von Daten vor der schriftlichen Veröffentlichung auf wissenschaftlichen Konferenzen durchaus üblich. Nur dadurch sei eine aktuelle wissenschaftliche Diskussion möglich. Es sei laut Streeck wichtig, die Öffentlichkeit transparent und schnell über die Zwischenschritte zu informieren. Die vollständigen Daten würden gerade zusammengeschrieben und dann wie üblich in einem Peer-Review Journal eingereicht.

„Die verwendeten Antikörpertests der Firma Euroimmun in Lübeck, weisen laut Hersteller eine Spezifität von mehr als 99 Prozent auf,“ sagt Streeck. Die Firma hat bisher noch kein öffentliches Statement dazu abgegeben.

Bei der Anzahl der Haushalte übertrifft die Studie die Vorgaben der WHO, die nur 100 Haushalte für die Untersuchung fordert. Im Rahmen der Studie wählte man die vierfache Anzahl. Ob man die Art der Hochrechnung ändere wird gerade besprochen.

Drosten erklärt daraufhin auf Twitter, dass seine Äußerungen keine Vorwürfe an die Kollegen waren, sondern nur eine Nachfrage nach dem Manuskript. Zudem ermögliche laut Drosten erst der Diskurs eine wissenschaftliche Meinungsbildung.

Niedrige Sterberate als Grundlage für Lockerung der Maßnahmen?

Die Sterberate der Teilergebnisse liegt bei 0,37 Prozent bezogen auf die Gesamtzahl der Infizierten und ist daher niedriger als bisher angenommen.

Ob man die Ergebnisse in Heinsberg direkt auf die Gesamtpopulation übertragen kann, ist jedoch fraglich. Professor Streeck sagt, dass in stark betroffenen Gebieten, die Infektionszahl oftmals überschätzt wird, während man sie in anderen Gebieten teilweise zu niedrig ansetzt. Die Unterschiede seien bedingt durch die Dunkelziffer und der speziellen Situation in Heinsberg.

Auf die Frage, ob man aufgrund der Zahlen die derzeitigen Maßnahmen lockern kann, verweist Professor Streeck darauf, dass die Entscheidung der Politik obliege. Er selbst habe kein Interesse daran, die Meinung in Richtung pro oder kontra zur Lockerung der Maßnahmen zu bewegen. Für ihn stehen gute Arbeit und valide Ergebnisse im Vordergrund, die zur Entscheidungsfindung beitragen könnten.

Zusammenarbeit mit Storymachine

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Ein Punkt der im Zusammenhang mit der durchgeführten Studie immer wieder hinterfragt wird, ist die Zusammenarbeit mit der Social-Media-Agentur Storymachine. Eine solche Kooperation mit einer PR-Firma ist beim Durchführen einer Studie im Wissenschaftsbereich unüblich.

Streeck erklärt, dass das Angebot von Storymachine stamme, die Arbeit an der Studie zu beobachten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Streeck selbst findet es wichtig, Forschung offen zu dokumentieren. Er stellt klar, dass für die Öffentlichkeitsarbeit weder von der Forschungsgruppe, noch von der Universität oder dem Ministerium Geld bezahlt wurde. Die einzig staatliche Unterstützung für die Studie, die von Steuergeldern bezahlt werde, stamme vom Land Nordrhein-Westfalen in Höhe von 65.000 Euro.

Die Gründer von Storymachine, der ehemalige Chef der „Bild-Zeitung“ Kai Diekmann, der ehemalige „stern.de“-Chef Philipp Jessen und der Event-Manager Michael Mronz, halten sich bedeckt und geben an von Partnern in dieser Sache finanziert zu werden. Wer die Partner sind, gaben sie nicht bekannt.

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