Hüter trifft Hüther: Ein Gespräch über Liebe, Angst und wie Eltern die Welt verändern können

„Liebe ist das unbedingte Interesse an der Entfaltung des Anderen“ – doch viele Kinder werden von Eltern verbogen, um in einer von Angst getriebenen, funktionierenden Gesellschaft zurechtzukommen. Für den renommierten Hirnforscher Prof. Dr. Gerald Hüther ist klar, dass es so nicht mehr weitergeht.
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„In dieser Welt gibt es für eigensinnige Menschen keinen Platz und deshalb werden die regelrecht bekämpft", so der Hirnforscher Professor Dr. Gerald Hüther in einem Interview mit dem Kindheitsforscher Michael Hüter.Foto: LIEBE. bedingungslos – Michael Hüter im Gespräch mit Gerald Hüther / Ein Filmportrait von Johannes Ziegler
Von 30. Januar 2024

Wo sind die großen Dichter und Gelehrten? Wo sind Persönlichkeiten wie Maria Montessori, die erste Ärztin Italiens, die als Reformpädagogin großen Ruhm erlangte? Was ist zu tun, um Größen wie Goethe, Mozart und da Vinci in einer Gesellschaft hervorzubringen?

Zu diesem spannenden Thema hat der bekannte Österreicher, Kindheitsforscher und Autor Michael Hüter ein Interview mit dem renommierten Hirnforscher Professor Dr. Gerald Hüther im Rahmen eines Filmprojekts geführt. Beide stehen erstmals gemeinsam vor der Kamera. Aus ihrem Gespräch über das Gelingen des Menschseins wird schnell klar: Ohne Liebe geht es nicht, und zwar bedingungslose Liebe. Denn die Menschheit wird immer liebloser.

Das Potenzial der Familien

„Je mehr sich Menschen anstrengen, die Welt zu beherrschen, um so liebloser wird das alles“, stellt Hüther mit einem Blick auf die heutige Gesellschaft fest. Doch dem Neurobiologen geht es nicht um die Macht von Eliten, sondern die Macht, die schon in der kleinsten gesellschaftlichen Zelle zum Tragen kommt – innerhalb der Familie.

Wie groß das Potenzial einer Familie ist, veranschaulicht der Kindheitsforscher Michael Hüter am Beispiel der Italienerin Maria Montessori. Schon mit sieben oder acht Jahren hatte Maria den Wunsch geäußert, Ärztin zu werden. Ein Unikum, denn in Italien gab es bis zu dieser Zeit keine Ärztin, sodass es gar kein Vorbild gab. Es war zu dieser Zeit undenkbar, dass eine Frau im Land Medizin studierte. Wie Hüter weiter schildert, nahm Marias Mutter den Wunsch ihrer Tochter jedoch sehr ernst – mit großem Erfolg. 1896 absolvierte sie ihr Medizinstudium und wurde die erste Italienerin, die offiziell als Ärztin praktizieren durfte.

Aus Sicht des Hirnforschers ist es entscheidend, dass Eltern ihre Kinder bedingungslos lieben. Aber was ist Liebe? Hüthers Definition dazu lautet:

Liebe ist das unbedingte Interesse an der Entfaltung des Anderen.“

Wenn dies von der Gesellschaft, von Lehrern und Eltern und allen anderen berücksichtigt würde, könne sich jeder gemäß seiner Interessen und Veranlagung frei entfallen. Dann würde den Kindern die ureigenste subjektive Entdeckerfreude erhalten bleiben. „Ich bin auch davon überzeugt, die einzige Form, wie Menschen lernen können, also auch nachhaltig lernen können, wie etwas geht, ist spielerisches Ausprobieren“, so Hüther.

Kinder nach Schablone

Die Realität jedoch sieht in den meisten Fällen ganz anders aus. Kindern wird stetig gesagt, was sie zu tun und zu lassen haben. Obwohl Erwachsene es nicht deutlich sagen, spüren sie den Erwartungsdruck der Erwachsenen.

„Die gegenwärtige Welt, in der wir unsere Kinder großziehen, ist eine sehr, sehr lieblose Welt geworden“, schildert der renommierte Professor.

Nicht alle Eltern seien in der Lage, ihrem Kind diese besondere Art von Interesses entgegenzubringen, damit sie sich frei entfalten können. Vielmehr liege das Augenmerk darauf, dass alles funktioniert und sich die Kinder auch später zurechtfinden. Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder erfolgreich werden und das verwirklichen, was den Eltern vorschwebt.

„Deshalb fangen sie dann an, das Kind spätestens in dem Alter mit zwei, drei [Jahren] in die Schablonen zu pressen, die automatisch entstehen, wenn man so bestimmte Vorstellungen hat“, warnt Hüther. Noch deutlicher ausgedrückt: Sie machen das Kind zum Objekt ihrer eigenen Erwartungen.

Angst und ihre Folgen

Wenn ein Kind sich nicht frei entfalten kann und stattdessen immer mehr die Erwartungen anderer erfüllen muss, komme es laut Hüther im Gehirn zu einer Inkohärenz. „Das heißt, man hat ein Problem, man weiß nicht, wie man das lösen soll.“

Unspezifische Erregungen würden sich auch in tief liegende Bereiche ausbreiten, die für die Regulation von körperlichen Prozessen zuständig sind. Daraus entstehe dann das, was „Angst“ genannt werde – Angst, der Mama nicht zu gefallen und dem nicht zu genügen, was da an Erwartungen an einen gerichtet wird.

Am Ende dieses Prozesses stehe dann ein Mensch, der vorsichtig ist und alles kontrollieren möchte, also Menschen, die ihre Angst beherrschen wollen, sowie „brave Kinder“, die alles tun, was man ihnen sagt. Kinder, denen ihre ursprüngliche Lebendigkeit, Entdeckerfreude und Gestaltungslust abhandengekommen sind.

Auf diese Weise werde Kindern der Raum genommen, Dinge auszuprobieren. Erforderliche Kompetenzen und Fähigkeiten könnten sie dann nicht entfalten, warnt der Professor.

Stolpersteine fördern die kindliche Entwicklung

„Wenn mir im Leben alle Steine beiseite geräumt werden, lerne ich nicht, wie ich da drüber steige“, so Hüther. Später im Erwachsenenalter zeige sich das, indem man über jeden kleinen Stein falle und immer Angst habe, weil man mit den Anforderungen des Lebens nicht zu Recht kommt.

Denselben Fehler würden Erwachsene bei ihren eigenen Kindern wiederholen. „Sie versuchen aus guter Absicht, dem Kind zu helfen, nicht zu stolpern, und vergessen dabei, dass das Stolpern eine notwendige Voraussetzung für das Laufen lernen ist.“

Von Funktionalität zur wahren Entwicklung

Heutzutage stehe die Funktionalität des Menschen im Vordergrund. In einer Welt, die so konstruiert ist, dass immer alles perfekt ablaufen müsse, könne man mit Menschen wie Maria Montessori, Leonardo da Vinci oder Albert Einstein nichts anfangen.

Durch „Abrichtung und Dressur“ werden Menschen laut Hüther dazu erzogen, den Ablauf von Wirtschaftsprozessen oder anderen Abläufen aufrechtzuerhalten. „In dieser Welt gibt es für eigensinnige Menschen keinen Platz und deshalb werden die regelrecht bekämpft.“ Aus seiner Sicht „eine Katastrophe“.

Andererseits sei aber dieser Zeitabschnitt sehr bedeutsam: „Wir erleben im Augenblick die letzten Züge dieses alten Systems, in dem Menschen sich immer wieder gegenseitig zu Objekten gemacht haben.“

Für Hüther ist auch jetzt schon klar, dass nicht die „Experten“ und Politiker das Ruder herumreißen, die selbst in „irgendwelche Theorien und Vorstellungen verwickelt“ sind. Nur diejenigen, „die wir als Kinder noch nicht verwickelt haben“, könnten die Welt ändern.

Eltern könnten nun plötzlich ein Kind ins Leben begleiten, dass ihnen zeigt, „wie ein Leben aussehen könnte, wenn man nicht verwickelt ist“ – ein „unglaubliches Glück“, das den meisten Eltern gar nicht bewusst sei.

Das Interview ist Teil eines Filmprojekts „Der große Mythos – Erziehung und Bildung“ des Kindheitsforschers Michael Hüter. Aufgrund der inhaltlichen Bedeutung hat er dieses Gespräch „LIEBE. bedingungslos“ schon vorab, zur Gänze und kostenlos in seinem YouTube-Kanal veröffentlicht.

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