Wie die Herrschaft über den öffentlichen Raum allmählich verloren geht

Von 13. Dezember 2019 Aktualisiert: 13. Dezember 2019 15:36
Polizisten können nicht immer wegrennen. Ihre Aufgabe ist es ja gerade da hinzugehen, wo es gefährlich ist, wo Recht und Gesetz gebrochen werden, wo Personen anderen gegenüber rohe Gewalt ausüben.

Das wirkliche Schlimme bei all diesen Vorfällen mit Schwerverletzten oder gar Toten auf offener Straße, bei all diesen Gewaltverbrechen, wenn Menschen einfach mal so zusammengeschlagen, zusammengetreten oder abgestochen werden, ist, dass dadurch die friedlichen, zivilisierten Bürger immer mehr eingeschüchtert werden und letztlich die Kontrolle des öffentlichen Raumes allmählich verloren geht an diejenigen, die ihn sich mit nackter Gewalt erobern. Dadurch aber werden die Friedlichen zu Bürgern zweiter Klasse im eigenen Land.

Was auf individueller Ebene völlig rational ist, hat auf gesellschaftlicher Ebene verheerende Auswirkungen

Im Selbstverteidigungstraining lernt man im ersten Jahr meist gleich: die beste Selbstverteidigung ist, dem körperlichen Konflikt aus dem Weg zu gehen, wenn es irgendwie geht, es nie selbst darauf anzulegen, sondern wenn möglich, den Rückzug anzutreten, zumal wenn der andere bewaffnet ist oder wenn es gar mehrere sind und man selbst alleine ist.

Polizisten können natürlich nicht immer wegrennen. Ihre Aufgabe ist es ja gerade da hinzugehen, wo es gefährlich ist, wo Recht und Gesetz gebrochen werden, wo Personen anderen gegenüber rohe Gewalt ausüben. Wobei sogar viele Polizisten inzwischen wohl oft einfach Angst haben, wenn sie nicht gleich mit sechs, acht oder zehn Mann anrücken, da auch sie längst wissen, dass ihr neues Gegenüber eine völlig andere Gewaltbereitschaft und Rücksichtslosigkeit, ja Brutalität und völlige Entgrenzung an den Tag legen, sobald sie sich auch nur ein wenig gereizt fühlen.

Alle anderen aber, die nicht im Polizeidienst, die nicht dafür ausgebildet, entsprechend bewaffnet sind und mehrere Kollegen an ihrer Seite haben, ziehen sich im Grunde immer besser zurück und gehen jeder Auseinandersetzung mit bestimmten Typen wenn irgend möglich aus dem Weg – rein aus Selbstschutz, weil man ja tatsächlich Angst haben muss, selbst einfachste Konflikte nicht zu überleben oder zumindest nicht mehr gesund rauszukommen. Auf individueller Ebene ist dies völlig rational, auf gesellschaftlicher Ebene aber hat dies verheerende Auswirkungen.

Wie die Herrschaft über den öffentlichen Raum allmählich verloren geht und die Menschen im eigenen Land Bürger zweiter Klasse werden

Denn das bedeutet, dass just diese Typen den öffentlichen Raum kontrollieren und dort zunehmend die Herrschaft übernehmen, weil sich keiner mehr traut, sie auch nur zurechtzuweisen. Selbst das kann ja schon gefährlich werden für einen selbst, wenn dies Personen von Grund auf andere Konfliktmuster internalisiert haben – den anderen einschüchtern und sofort zu Gewalt greifen, wenn das nicht reicht, und dabei Exempel statuieren, insbesondere andere, die bereits am Boden liegen, zusammentreten, damit zukünftig jeder weiß, was ihm blüht, wenn er sich mit diesen Leuten anlegt.

Hinzu kommt, dass der Anteil dieser hochgradig Gewaltaffinen in der Bevölkerung auch noch immer größer wird. Damit geht der öffentliche Raum für die friedlichen Menschen, die gelernt haben, Konflikte zumindest halbwegs zivilisiert auszutragen, zunehmend verloren. Sie werden im eigenen Land zu Bürgern zweiter Klasse, die sich nicht mehr überall angstfrei bewegen können.

Auch wenn der einzelne Gewalttäter meist kaum so weit denken wird, er sieht in der Regel nur sich selbst, so hat das Ganze doch System, welches sich ganz von selbst rein funktional ergibt: Die Gewalttätigen drängen die Friedlichen, die völlig verlernt haben, sich in solchen Konflikten mit roher Gewalt durchzusetzen, immer mehr zurück. Das aber heißt, unser Land, ja die gesamte westliche Welt, unsere Kultur wird sich zunehmend verändern.

P.S.

„Zivilisation, von jedem möglichen Gesichtspunkt aus betrachtet, ist die Bekämpfung der animalischen Triebe.“

„Die Menschen handeln nicht schlecht, weil ihre Leidenschaften stark sind, sondern weil ihr Gewissen schwach ist.“

„Gutes und Böses hat die natürliche Tendenz, ein jedes sich in seiner Weise fruchtbar zu erweisen, indem Gutes Gutes und Böses Böses hervorbringt.“

John Stuart Mill (1806 – 1873)

Zuerst erschienen auf JFB, dem Blog von Jürgen Fritz

Jürgen Fritz studierte in Heidelberg Philosophie, Erziehungswissenschaft, Mathematik, Physik und Geschichte (Lehramt). Nach dem zweiten Staatsexamen absolvierte er eine zusätzliche Ausbildung zum Financial Consultant unter anderem an der heutigen MLP Corporate University. Er ist seit Jahren als freier Autor tätig. Sein Blog: JFB

 

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