Antisemit gegen rechts: Halle-Attentäter fühlte sich von Juden „aus dem Leben gedrängt“

Von 15. Oktober 2019 Aktualisiert: 15. Oktober 2019 15:07
Interviews mit Anwalt und Mutter des mutmaßlichen Todesschützen von Halle offenbaren, dass sich der sozial isolierte Stephan B. online in einen wahnhaften Antisemitismus hineingesteigert hat. „Rechts“ oder „Neonazi“ will er dennoch nicht sein.

„Sind Sie Jude?“, soll die erste Frage gelautet haben, die der mutmaßliche Todesschütze von Halle/Saale, Stephan B., an seinen Pflichtverteidiger Hans-Dieter Weber gerichtet habe. Allerdings habe B., so erklärt Weber im Interview mit „Focus online“ weiter, nach dessen Antwort gesagt: „Auch wenn Sie Jude wären, würde ich Sie jetzt nicht ablehnen.“

Knapp eine Woche nach dem Terrorakt vom vergangenen Mittwoch (9.10.) äußert sich der Anwalt über den Inhalt seines ersten Gesprächs mit dem 27-jährigen Beschuldigten und von der Anhörung vor dem zuständigen Ermittlungsrichter am BGH, der nach derzeitigem Erkenntnisstand zwei Menschen tötete, nachdem sein ursprünglicher Plan, ein Massaker in der Synagoge der Stadt anzurichten, an einer verschlossenen Tür gescheitert war.

Die Beweisaufnahme selbst dürfte im Strafverfahren, das auf B. zukommen werde, wenig komplex werden, meint Weber. Immerhin habe der Tatverdächtige, indem er seine Tat selbst gefilmt und kommentiert habe, „die Beweisführung selbst übernommen“.

Zu klären blieben hingegen noch Fragen rund um die Tat – von der konkreten Motivation oder möglichen Inspiration durch vorangegangene Verbrechen über mögliche Helfer und Mitwisser bis hin zum Ablauf des Radikalisierungsprozesses. Wie auch bereits die Mutter des Tatverdächtigen in einem Gespräch mit dem „Spiegel“ anklingen ließ, hatte der zuletzt in deren Haushalt in der 2000-Seelen-Gemeinde Benndorf lebende Stephan B. nach dem gesundheitsbedingten Abbruch seines Chemiestudiums von Leistungen nach dem SGB XII („Hartz IV“) gelebt und sich in völliger Isolation befunden.

Scheidungswaise, Drogenkarriere und abgebrochenes Studium

Ihr Sohn sei, nachdem er mit Anfang zwanzig mit Drogen experimentiert und dies beinahe nicht überlebt habe, „ein anderer Mensch gewesen“. Seine Zimmertüre sei stets verschlossen gewesen und er habe dort „seine Privatsphäre gehabt“. Dies hat Stephan B. offenbar auch Anwalt Weber gegenüber zum Ausdruck gebracht. Er habe keine wirklichen Kumpels oder Freunde gehabt, selbst den Freundeskreis seiner Schwester habe er am Ende gemieden.

Nachbarn und der ehrenamtliche Bürgermeister des Ortes erklären gegenüber dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“, dass Stephan B. keinerlei Anhaltspunkte für die Annahme geliefert hätte, er wäre in extremistische oder terroristische Umtriebe verwickelt oder würde mit solchen sympathisieren. 

Es fiel in Benndorf lediglich auf, dass B. in sich gekehrt wäre und kaum am Dorfleben teilnahm. Sein Vater, der nach der Scheidung von B.s Mutter, die vor 13 Jahren stattfand, im benachbarten Helbra wohnte, schilderte gegenüber „Bild“ ebenfalls, dass sein Sohn stetig online und „nicht im Reinen mit sich und der Welt“ gewesen wäre.

Keine Mitwisser oder Helfer

Wie es dazu kam, dass der durchaus intelligente Einzelgänger, der schon in seiner Jugend Schach spielte, ausgerechnet Juden als vermeintlich Verantwortliche für seine existenzielle Ausweglosigkeit ausmachte, ist noch unklar. Tatsächlich sei es von irgendeinem Zeitpunkt an seine fixe Idee gewesen, dass Juden, wie er es gegenüber seinem Anwalt formulierte, ihn „aus seinem Leben drängen“ würden.

Im Internet, wo er sich in einschlägigen Chaträumen und einem Imageboard der „chan-Foren“ bewegte, erfuhr er in dieser Einschätzung jedoch Bestätigung und Ermutigung.

Ebenso, wie B. auch in den Foren nicht allzu aktiv am Gedankenaustausch teilgenommen haben soll, habe er sich sein Weltbild in Eigenregie gebastelt – und seinen Tatentschluss in Eigenregie gefasst. Über ein mögliches Attentat habe er sich schon seit längerer Zeit Gedanken gemacht und dieses auch vorbereitet – etwa durch die Anfertigung von Waffen, die teils unter Zuhilfenahme eines 3D-Druckers vonstattengegangen sein soll, oder das Verfassen eines Manifests in englischer Sprache, das seine Botschaft an die Welt sein sollte.

Einen bestimmten Anlass zur konkreten Tatausführung habe es nicht gegeben, der Entschluss sei, so B. vor dem Ermittlungsrichter, dieser sei „erst gefasst, wenn Du losfährst und nicht mehr umkehrst“. Die Videoübertragung zu seinem Attentat habe er via Twitch als „Live-Test“ seiner selbstgebauten Waffen deklariert.

„Er hat nichts gegen Juden in dem Sinne“

Offen bleibt bislang, was es mit den 0,1 Bitcoin (ca. 750 Euro) auf sich hat, die ein Unbekannter, mit dem B. online kommuniziert habe, diesem angeblich zukommen ließ. Die Attentate von Anders Breivik 2011 in Norwegen und Brenton Tarrant in Christchurch habe B. zwar „wahrgenommen“ und „verfolgt“, will sich aber nicht konkret an ihnen orientiert haben.

Allerdings will er kein „Neonazi“ sein, seiner Mutter zufolge sei er nicht einmal „rechts“ orientiert gewesen. „Man muss nicht Neonazi sein, um Antisemit zu sein“, soll B. seinem Anwalt gegenüber geäußert haben. Seiner Mutter zufolge sei er nicht einmal das: „Er hat nichts gegen Juden in dem Sinne. Er hat was gegen die Leute, die hinter der finanziellen Macht stehen – wer hat das nicht?“

Diese Darstellung im „Spiegel“ hat die deutsch-jüdische Bloggerin und Autorin Mirjam Lübke auf Facebook zu einem sarkastischen Kommentar veranlasst, in dem es hieß:

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„Da weht ein Hauch von verpassten Chancen an der Kunstakademie durch die Redaktion. Und die Erinnerung an so manchen Spiegel-Artikel, zum Beispiel an den über eine angebliche Israel-Lobby im Bundestag. […] Vielleicht hätte man dem jungen Attentäter frühzeitig ein Praktikum in der Spiegelredaktion anbieten sollen. Unter Jakob Augsteins Leitung wäre er ein spiegelkompatibler Israelkorrespondent geworden.“