Hauptfeind „Populismus“: Katholische Kirche in Deutschland wettert weiter gegen die AfD

Von 26. November 2018 Aktualisiert: 26. November 2018 18:50
Der Mitgliederschwund in Deutschlands Katholischer Kirche schreitet weiter rapide voran. Vielen ist die vom staatlichen Einzug der Kirchensteuer profitierende Kirche zu weltlich und zu politisch. Hinterfragen will sie dies aber nicht: Der Kampf gegen den „Populismus“ bleibt Priorität für eine Volkskirche mit immer weniger Volk.

Nachdem während der Amtszeiten der Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. vielerorts der Eindruck aufgekommen war, der Hauptfeind des deutschen Katholizismus sitze im Vatikan, der für die Belange der hiesigen Kirche zu wenig Feingefühl aufbringe, scheint sich diese Funktion mittlerweile vollständig auf den „Populismus“ verlagert zu haben.

Ob Fürbitten und Predigten gegen Donald Trump, irritierte Berichte über Jair Bolsonaros Bemühungen um eine neutrale Schule oder wortgewaltige Warnungen vor der AfD: Wenn es darum geht, frei nach Martin Luther dem „Volk aufs Maul“ zu schauen, ist man immer noch im Modus der Gegenreformation – und das, obwohl auch die deutschen Protestanten zu diesem längst selbst ein gebrochenes Verhältnis haben.

Wo nicht wenige Katholiken angesichts ungebrochener Kirchenaustrittszahlen meinen, der betont staatsnahe Kurs deutscher Bischöfe habe die Kirche in Deutschland an den Abgrund gebracht, ist deren noch fortschrittlichere Avantgarde in Form des „Zentralkomitees der deutschen Katholiken“ (ZdK) stets einige Schritte voraus.

Kollektives Selbstgespräch über die AfD

Am Freitagnachmittag hat sich die Vollversammlung dieses „Zentralkomitees“ – nur Spötter denken angesichts dieser Namenswahl unwillkürlich an das gleichnamige Gremium der früheren KPdSU – an der Sprachkritik versucht. Dazu lud man Heinrich Detering, Professor für Literaturwissenschaft in Göttingen, ein, dessen Urangst vor dem Populismus so groß ist, dass er meinte, gar Thomas Mann als frühen Kronzeugen gegen diesen in den USA bemühen zu müssen. Das „Domradio“ berichtete über die Veranstaltung.

Dieser sollte „Äußerungen der AfD und ihre Wirkung“ analysieren – selbstverständlich, ohne einen aus deren Reihen selbst dazu Stellung nehmen zu lassen. So wurde aus der Veranstaltung ein kollektives Selbstgespräch, das im Wesentlichen der wechselseitigen Bestätigung darin gedient haben dürfte, auf der Seite des moralisch Guten zu stehen.

Ausgangspunkt des Vortrages war dem Bericht zufolge das gemeinsame Unbehagen an dem – mittlerweile wohl nur noch wenigen erinnerlichen – Antworttweet der AfD-Bundestagsabgeordneten Beatrix von Storch auf die arabischen Neujahrsgrüße der Kölner Polizei vom Silvesterabend 2017. Darin warf diese die Frage auf:
„Meinen Sie, die barbarischen, muslimischen, gruppenvergewaltigenden Männerhorden zu besänftigen?“

Der Tweet, ob dessen die Politikerin auf dem Kurznachrichtendienst kurzzeitig gesperrt wurde, sei, so Detering, „offensichtlich beleidigend und verletzend“. Als bemerkenswert empfand er jedoch vor allem, dass von Storch den Begriff „muslimisch“ zwischen „barbarisch“ und „gruppenvergewaltigend“ eingeschoben habe, „als gehöre es zum selben Begriffsfeld“. Dass „barbarische Gruppenvergewaltigungen“ auch von jemand anderem als Muslimen begangen werden könnten, liege bei von Storch unterhalb der Wahrnehmungsschwelle.

Gesamtzusammenhänge werden überbewertet

Nun mag dieser Tweet tatsächlich Geschmackssache gewesen sein, ebenso wie sich die Frage stellt, ob es eine Notwendigkeit aufseiten der Polizei gab, Neujahrsgrüße auf Arabisch zu versenden – zumal die meisten von ihnen ihr Neujahrsfest zum 1. Muharram 2017 bereits in der Nacht vom 21. auf den 22. September gefeiert haben dürften.

Allerdings wäre es möglicherweise zur Einordnung des Tweets der Parlamentarierin nützlich gewesen, daran zu erinnern, dass Köln zwei Jahre zuvor in der Silvesternacht tatsächlich Schauplatz organisierter sexueller Übergriffe gewesen war – und die Täter weder aufgepeitschte indische Hindus noch kanadische Scientologen waren.

Dass ein Polizei-Tweet der genannten Art also durchaus geeignet sein konnte, einen Antwort-Tweet der angesprochenen Art zu provozieren, lag möglicherweise durchaus im Bereich der Lebenserfahrung. Hätte am gleichen Abend etwa die Polizei im niederbayerischen Mainburg, einer Kleinstadt mit hohem Anteil türkischer Einwanderer, ihre Neujahrsgrüße neben Deutsch auch auf Türkisch an die Öffentlichkeit gerichtet, wäre eine ähnlich harsche Reaktion möglicherweise unterblieben.

Auch mit Blick auf andere Äußerungen von AfD-Politikern, die Detering zitierte, und sogar Horst Seehofer, der nach dessen Maßstab wohl ebenfalls als „Populist“ gilt, fiel auf, dass der Belastungseifer in der Interpretation ihres Wortlauts offenbar deutlich stärker ausgeprägt war als die Bereitschaft, diese in ihren jeweiligen Gesamtzusammenhang einzubetten.

Ideologisches Gaslighting als Deutungsinstrument

So nahm er Anstoß an Alexander Gaulands Satz aus der Kyffhäuser-Rede 2017, in der dieser sagte:

Wenn die Franzosen zu Recht stolz auf ihren Kaiser sind und die Briten auf Nelson und Churchill, haben wir das Recht, stolz zu sein auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen.“

Hier irritierte ihn die „semantische Asymmetrie“ auf, so Detering. „Auf der einen Seite stehen drei Personen, Napoleon, Lord Nelson und Churchill; auf der anderen Seite hingegen steht ein Abstraktum, nämlich eine Gesamtheit von Leistungen.“ Eine wie von Gauland gewünschte Analogie ergäbe sich freilich erst, „wenn auf der einen Seite die britische Armee im Zweiten Weltkrieg stünde und auf der anderen die deutsche Wehrmacht“.

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Das hieße dann, „dass die Leistungen in der Niederschlagung des Nationalsozialismus ebenso bewundernswürdig seien wie die Taten der Kämpfer für den Nationalsozialismus selbst“, unterstellt Detering Gauland im Wissen um die Dämonisierungsfunktion solcher Rabulistik. „Oder es stünde, falls es beim Vergleich historischer Personen bleiben sollte, auf der einen Seite der Oberbefehlshaber Winston Churchill und auf der anderen der Oberbefehlshaber Adolf Hitler.“

Die nahe liegende Annahme, dass ein Politiker mit dicht befülltem Terminkalender nicht jeden Satz jeder Rede einer Exegese durch Philologen unterziehen lässt, scheint Detering nicht in den Sinn gekommen zu sein. Ebenso wenig wie die Deutung, wonach Gauland einfach nur zum Ausdruck bringen wollte, dass manche historische Akteure – ob individuell oder kollektiv – komplexe Persönlichkeiten oder Gebilde waren, die Licht und Schatten aufwiesen, es aber je nach Perspektive dennoch auch legitime Formen eines Identifikationsbedürfnisses geben könnte. Und dass Gauland im Fall der deutschen Soldaten deren Leistungen sogar bewusst und gezielt von ihrer politischen Führung getrennt beurteilt sehen wollte, liegt eigentlich auf der Hand – zumindest wenn man sich nicht einer parteilichen, gegen die AfD gerichteten Agenda verpflichtet sieht.

Warnung vor „billiger Polemik“

Dass, was die Lektion daraus darstellen sollte, Sprache „Befindlichkeiten konstruieren“ könne, die „nicht zwingend mit der Realität übereinstimmen“, zeigte der Referent entsprechend auch unfreiwillig an sich selbst auf.

Sprachliche Mehrdeutigkeiten und Radikalisierungen fänden sich inzwischen jedoch, so betonte Detering weiter, nicht mehr nur am äußeren Rand, sondern auch in der Mitte der Politik.

Sprache sei jedoch der wichtigste Träger von nationaler Einheit und kultureller Identität. Umso wichtiger sei es, sorgsam mit ihr umzugehen, anstatt mit billiger Polemik oder wüsten Beschimpfungen andere Menschen auszugrenzen. Widrigenfalls werde aus der Sprache Goethes, Lessings oder Fontanes bloß „der schlecht verkleidete Jargon von Gangstern“. Möglicherweise würde es jedoch auch helfen, einer solche Entwicklung vorzubeugen, wenn man sich darum bemühen würde, dem Sinngehalt von Aussagen auf den Grund zu gehen, ohne in ideologisches Gaslighting zu verfallen.