INSA-Umfrage: Migranten, Studenten und SPD-Anhänger haben mehr Verständnis für Gewalt gegen Andersdenkende

Von 17. Januar 2019 Aktualisiert: 17. Januar 2019 16:54
Unter dem Eindruck des Angriffs auf den AfD-Bundestagsabgeordneten Frank Magnitz hat das Blog „Tichys Einblick“ eine INSA-Umfrage zur Akzeptanz von Gewalt gegen politisch Andersdenkende in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse sind wenig beruhigend.

Sozialwissenschaftler der „Frankfurter Schule“ wie Erich Fromm oder Theodor W. Adorno waren es, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs umfangreiche Studien zum Phänomen des, wie sie es nannten, „autoritären Charakters“ erarbeiteten.

Zu dessen typischen Kennzeichen gehören demnach unter anderem eine ausgeprägte Unterwürfigkeit gegenüber Autoritätspersonen, starre Konformität und die Neigung, Ideologien zu folgen. Seiner Freude an der Unterwerfung unter einen Stärkeren und einem Gefühl der Befriedigung durch Gehorsam stünden Freude an Beherrschung eines Schwächeren und Befriedigung durch Machtausübung gegenüber. Der autoritäre Charakter reagiere auf Normabweichungen aggressiv, bei extremer Ausprägung agiere er „potenziell faschistisch“ und destruktiv.

Die Frankfurter Schule versuchte mit dem Konzept des autoritären Charakters unter anderem zu erklären, wie es möglich war, dass die Gewaltherrschaft und Willkür des Nationalsozialismus nur geringen Widerstand aus der Bevölkerung erfuhren und ganz normale Bürger sogar bereit waren, sich aktiv an dessen Gewaltmaßnahmen zu beteiligen.

Konformismus und Moralismus begünstigen Ablegen zivilisatorischer Hemmungen

Ein diesbezüglicher Erklärungsansatz war dabei, dass Menschen, die einen autoritären Charakter aufweisen, bereit sind, zivilisatorische Hemmungen abzulegen und gegen sogenannte Out-Groups Gewalt anzuwenden, wenn sie der Überzeugung sind, damit im Einklang mit einer intuitiv erfassten vermeintlichen Überzeugung der Mehrheit („Volksgemeinschaft“) zu agieren und das moralisch Gute zu tun.

Die „Frankfurter Schule“ war der Überzeugung, dass der autoritäre Charakter in Deutschland eine bedeutende Rolle spiele und landestypische Eigenheiten diesen begünstigten. Dieser Umstand stelle demnach eine stetige Gefahr für die Demokratie dar.

Die Ergebnisse einer jüngst veröffentlichten INSA-Umfrage im Auftrag des Blogs Tichys Einblick (TE) erscheinen nicht zwingend als geeignet, diese Auffassung zu widerlegen. Offenbar unter dem Eindruck des Angriffs mutmaßlicher Linksextremisten auf den AfD-Bundestagsabgeordneten Frank Magnitz wollte TE wissen, wie es um die Akzeptanz von Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung – und damit ein typisches Merkmal autoritärer Gesellschaftskonzepte – in Deutschland insgesamt bestellt sei.

Insgesamt 2.018 Personen antworteten INSA zwischen dem 11. und 14. Januar 2019 auf die Frage, ob sie den Satz „Ich habe Verständnis dafür, wenn gegen Politiker der AfD Gewalt angewendet wird“ bejahen oder verneinen. Gleiches wurde auch mit Blick auf die Partei „Die Linke“ abgefragt.

Kritische Masse befürwortet Gewalt

Das Ergebnis: Zehn Prozent der Befragten erachten es als legitim, Gewalt gegen andere Menschen auf Grund deren politischer Meinungen und Überzeugungen auszuüben. Forschungen zufolge stellen zehn Prozent der Bevölkerung eine kritische Masse dar, die einen gesamtgesellschaftlichen Paradigmenwechsel erzwingen kann. Von allen Befragten zeigen demnach 7,7 Prozent „Verständnis“ für Gewalt gegen Mitglieder der AfD. Am stärksten ausgeprägt ist diese Billigung politisch motivierter Gewalt bei Anhängern der SPD mit 9,9 Prozent.

Sozialdemokraten zeigen damit sogar noch ein höheres Maß an Verständnis für Gewalt gegen AfD-Mitglieder als Anhänger der Grünen (sieben Prozent), der Linken (6,5 Prozent) oder der Union (ebenfalls 6,5 Prozent). Lediglich unter Anhängern der FDP ist der Anteil der Gewaltbefürworter gegen Anhänger der AfD mit zwei Prozent genauso niedrig wie unter den Anhängern der AfD selbst.

Gewalt gegen Mitglieder der Partei „Die Linke“ billigen demnach 4,7 Prozent aller Befragten. Bei 2,8 Prozent kam es zu einer Doppelnennung. Nur drei Prozent der AfD-Anhänger zeigten ihrerseits Verständnis für Gewalt gegen Anhänger der Linken.

Dass insgesamt zehn Prozent der Befragten ausdrücklich Verständnis für Gewalt gegen andere Menschen auf Grund deren politischer Überzeugung äußerten, wertet TE-Chefredakteur Roland Tichy als „bedenkliche Entwicklung“. Er schreibt:

„Meinungsfreiheit ist nicht allein die Freiheit, etwas sagen zu dürfen, ohne dafür bestraft zu werden. Meinungsfreiheit ist nur in einem gesellschaftlichen Klima möglich, in dem ein breites demokratisches Spektrum an Meinungen sagbar ist und von Andersdenkenden nicht diffamiert wird – schon gar nicht mit Gewalt.“

Kampagne gegen fiktive „Nazis“ senkt die Hemmschwelle

Tichy deutet – ähnlich wie bereits einige Tage zuvor der Extremismusforscher Klaus Schroeder im Schweizer „Blick“ – einen möglichen Zusammenhang der Billigung von Gewalt gegen Politiker und Mitglieder der AfD mit einer gegen diese gerichteten Dämonisierungskampagne an. Die permanente und aggressive öffentliche Stimmungsmache gegen angebliche „Nazis“, obwohl es nur wenige tatsächliche Befürworter des Nationalsozialismus gebe, verfolge das Ziel, Anhänger der AfD einzuschüchtern.

Dass diese durch den bewusst unzutreffenden Vergleich mit dem Nationalsozialismus in die Nähe von Massenmördern gerückt werden, bewirke zusätzlich jedoch einen Effekt der Dehumanisierung. Dieser wiederum lasse die Hemmschwelle zur Gewalt gegen ihre Politiker und Anhänger sinken. Im Sinne der Erkenntnisse der „Frankfurter Schule“ zum autoritären Charakter würde sich dieser demnach in Gestalt derjenigen offenbaren, die im Bewusstsein, damit das moralisch Gute zu tun und im Sinne der „Volksgemeinschaft“ zu handeln, bereit sind, gegen die „Out-Group“ der AfD Gewalt auszuüben.

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Dass Studenten mit 15,8 Prozent ein recht hohes Verständnis für Gewalt gegen AfD-Politiker aufweisen, illustriert wiederum Elemente des autoritären Charakters wie der Neigung, Ideologien zu folgen. Zudem sprach Fromm auch von einer Identifikation mit Machtträgern, die es Personen mit ausgeprägten Gefühlen der Nichtigkeit und Ohnmacht ermögliche, diese zu kompensieren.

Was allerdings nicht zu der These passen mag, wonach der autoritäre Charakter ein spezifisch deutsches Problem sei, ist das Ergebnis der INSA-Umfrage unter Befragten mit Migrationshintergrund. Sowohl bei Gewalt gegen AfD-Mitglieder (18,5 Prozent der Befragten mit Migrationshintergrund zu sechs Prozent der Befragten ohne Migrationshintergrund) als auch bei der Gewalt gegen Politiker der Linken (9,9 Prozent zu 3,9 Prozent) war das Verständnis für Gewalt unter Befragten mit Migrationshintergrund deutlich höher ausgeprägt als bei Befragten ohne Migrationshintergrund.

Flucht vor der Freiheit

Fast 20 Prozent der Bürger mit Migrationshintergrund hätten demnach also Verständnis für Gewalt in der politischen Auseinandersetzung; etwa drei Mal so viele wie unter autochthonen. Unter Befragten mit islamischer Religionszugehörigkeit zeigten 18,8 Prozent Verständnis für Gewalt. Frühere Umfragen hatten bereits zutage gefördert, dass in dieser Bevölkerungsgruppe auch ein überdurchschnittlich hohes Maß an Verständnis für Gewalt gegen Homosexuelle oder Juden herrscht. Der Lichtblick in der Umfrage: Frauen zeigen eine deutlich geringere Akzeptanz von politisch motivierter Gewalt.

Den tieferen Grund für Herausbildung der autoritären Charakterstruktur sah Fromm einst in der Unfähigkeit von Menschen, mit ihrer prinzipiellen Freiheit umzugehen. Sie fliehen vor dieser selbstverantwortlichen Freiheit in eine konforme Sicherheit und orientieren sich deshalb an der Autorität. Tichy wirft die Frage auf, ob es dabei auch einen Zusammenhang zwischen entfesselter öffentlicher Darstellung und Gewaltbereitschaft oder Toleranz gäbe. Er kommt zu einem beunruhigenden Schluss:

„Es gibt zwar keine ‚Nazis‘, aber wir jagen sie. Riesige Organisationen mit hunderten von Millionen aus der Steuerkasse wurden gegründet, um ‚Nazis‘ zu jagen, auch an Kindergärten und Schulen. Nur, dass die Folgen katastrophal für das Gemeinwesen sind. Denunziation und Spaltung werden gefördert und die Bereitschaft steigt, dass Zuschlagen akzeptiert wird und sich die Schweigespirale dreht. Auch die Gewalt gegen Linke zeigt: Die Gewaltfreiheit in der politischen Auseinandersetzung wird von zwei Seiten massiv in Frage gestellt und lässt wenig Gutes erwarten.“

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