Wird Tönnies notfalls nach China abwandern?

Von 24. Juni 2020 Aktualisiert: 2. Juli 2020 8:57
Der infolge des Corona-Ausbruchs an seinem Hauptsitz ins Gerede geratene Fleischkonzern Tönnies will mit gutem Beispiel vorangehen und die umstrittene Praxis der Werkverträge abschaffen. Andere Unternehmen wollen nachziehen. Bislang galt dies als unwirtschaftlich.

Der Skandal um den massiven Corona-Ausbruch im Schlacht- und Zerlegebetrieb des Fleischriesen Tönnies in Rheda-Wiedenbrück scheint einen absehbaren Kollateralschaden zu fordern.

Wie Geschäftsführer Clemens Tönnies angekündigt hat, will das Unternehmen bis Jahresende sämtliche Werkverträge „in allen Kernbereichen der Fleischgewinnung“ abschaffen. Mitarbeiter sollen, so berichtet die „Welt“, künftig festangestellt werden.

Wiesenhof nun auch betroffen

Nachdem mehr als 1.550 Beschäftigte des Unternehmens positiv auf Corona getestet wurden, hat die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen über die Kreise Gütersloh und Warendorf, wo viele Beschäftigte leben, einen regionalen Lockdown verhängt. Auch Österreichs Bundesregierung hat für die betroffenen Teile des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen eine Reisewarnung ausgesprochen.

Tönnies ist nicht das erste Unternehmen der Branche, in dem es zu einem gehäuften Auftreten von Corona-Infektionen gekommen war. Bereits im Mai hatte es hunderte Fälle bei Westfleisch, Vion oder Müller Fleisch gegeben. Mittlerweile wird auch aus Niedersachsen gemeldet, dass es zu 23 Corona-Infektionen bei einem Betrieb von Wiesenhof gekommen sei.

Tönnies will allerdings nun die Flucht nach vorn antreten und einen Schritt setzen, den Bundesarbeitsminister Hubertus Heil spätestens ab Anfang 2021 auf gesetzlichem Wege erzwingen wollte: das Ende der Praxis der deutschen Fleischindustrie, primär auf Werkverträge für Beschäftigte in den Schlacht- und Zerlegebetrieben zu setzen.

„Auch künftig in Deutschland Fleisch produzieren“

Bis Jahresende will Tönnies die viel kritisierte Praxis komplett abschaffen. Auch die PHW-Gruppe, Eigentümerin der Marke „Wiesenhof“, will nachziehen und die bisherigen Werkvertragsnehmer in die Festanstellung übernehmen.

Westfleisch-Vorstandsmitglied Johannes Steinhoff hat der „Welt“ zufolge ebenfalls angekündigt, unabhängig von allfälligen gesetzlichen Vorgaben die Werkvertragspraxis zu beenden, die Minister Heil zuvor als „System organisierter Verantwortungslosigkeit“ bezeichnet hatte.

Bis dato hatte die Fleischindustrie die Werkvertragspraxis stets als alternativlos dargestellt. Der enorme Preisdruck in der Branche und die Standortkonkurrenz aus Osteuropa oder Asien würden ohne diese Konstruktion keine marktfähigen Preise ermöglichen. Der Preis für Billigfleisch aus dem Discounterregal bestehe eben in wenig komfortablen Bedingungen für Mensch und Tier.

Clemens Tönnies will nun jedoch mit gutem Beispiel vorangehen, weil das Unternehmen „in Zukunft in Deutschland Fleisch produzieren“ wolle. Dazu bedürfe es der „gesellschaftlichen Akzeptanz“. Ein Sprecher des Unternehmens geht davon aus, dass der „gesellschaftliche Druck“ zurzeit so groß sei, dass auch der Rest der Branche folgen werde.

Auch große Handelsketten wollten künftig auf Zulieferer setzen, die von Werkverträgen als Regelform der Beschäftigung Abstand nehmen.

Ende der Werkverträge würde Personalvermittler unter Druck setzen

Zudem wolle Tönnies in die „zügige Bereitstellung von ausreichendem und angemessenem Wohnraum für die Beschäftigten“ investieren und an allen Standorten digitale Zeiterfassung und Fortbildungsprogramme einrichten.

Die Umsetzung der Ankündigungen könnte jedoch schwieriger werden als angedacht. Immerhin werden die Personaldienstleister und Zeitarbeitsfirmen, die in der bisherigen Praxis eine tragende Rolle gespielt hatten, eine Übernahme ihres Personals durch die Fleischindustrie nicht ohne Weiteres akzeptieren.

Viele Personaldienstleister vermitteln nur temporär in die Schlacht- und Zerlegebetriebe, etwa in sommerlichen Stoßzeiten, in denen der Fleischkonsum durch Grillabende stark ansteigt. In der kälteren Jahreszeit werden dieselben Arbeiter wiederum in anderen Produktionsbranchen eingesetzt – etwa der Herstellung von Lebkuchen.

Wird Tönnies notfalls nach China abwandern?

Tönnies wolle dennoch jetzt offensiv werben. Bereits vor einem Jahr habe man dazu eine eigene Personalgesellschaft für die Produktion gegründet, so ein Sprecher gegenüber der „Welt“. Diese solle nun künftige Festangestellte werben und Wohnungen vermieten. Auch deren Angebot und Ausstattung soll ausgebaut werden, derzeit verfüge man über 200 Objekte.

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Ebenfalls im Vorjahr hat Tönnies jedoch auch einen anderen vielbeachteten Schritt gesetzt. Wie Fachmedien berichten, hat der größte Schlachtkonzern Deutschlands rund 500 Millionen Euro in China investiert, um künftig zusammen mit einem dortigen Partner jährlich sechs Millionen Schweine zu schlachten.

Sollte sich der Rauch um den nunmehrigen Corona-Ausbruch verzogen haben und die Charmeoffensive den Gewinnmargen zu deutlich schaden, könnte dies erst der Anfang des dortigen Engagements gewesen sein.