Rassismusdebatte nun auch in IT-Branche: Änderung der Programmiersprache gefordert

Von 18. Juni 2020 Aktualisiert: 19. Juni 2020 11:18
Hat die IT-Branche ein Rassismus-Problem? Begriffe wie "Master" und "Slave" oder Black- und Whitelist müssten dringend durch eine neutrale Terminologie ersetzt werden, heißt es angesichts von "Black Lives Matter".

Meister und Sklaven, Blacklist und Whitelist oder Black Hat und White Hat – es heißt, die IT- und Technologiebranche habe ein Rassismus-Problem. Derartige, über Jahrzehnte gewachsene, Begriffe müssten angesichts der Black Lives Matter (BLM)-Proteste aus der Programmier- und  Alltagssprache verbannt werden.

IT-Branche hat ein „hässliches Problem“

Sinclair Im, graduierter Student der Yale University und Stipendiat der Yale Law School, schrieb in einem Gastbeitrag für die US-amerikanische „Washington Post“ von einem „hässlichen Problem“. „Es gibt eine Industrie, die täglich von ‚Herren‘ und ‚Sklaven‘ spricht. Es muss aufhören.“ Weiter heißt es in dem Artikel:

„Wie zahllose US-Unternehmen haben auch Technologieunternehmen in letzter Zeit ihre Unterstützung für Rassengerechtigkeit gezeigt und ihre Websites und Social-Media-Feeds mit aufmunternden Black Lives Matter-Botschaften gefüllt. Im Gegensatz zu anderen US-Unternehmen hat die Tech-Industrie [jedoch] ein ‚Master‘- und ‚Slave‘-Problem.“

Die Begriffe beschreiben in der IT-Branche eine Abhängigkeit zwischen zwei sonst gleichberechtigten Dingen oder Diensten wie Festplatten, Programmen oder Blitzlichtern beim Fotografieren. Werden mehrere dieser Geräte zusammengeschaltet, bestimmen Programmierer (oder Fotografen), wer den Ton angibt („Master“) und wer folgen muss („Slave“).

Verschiedene Unternehmen, darunter IBM, Microsoft, Amazon, Google und Apple sowie die Programmiersprache Python und das Open-Source-Software-Projekt Kubernetes verzichten (teilweise) auf die Begriffe. Angesichts der verschiedenen Bedeutungen von „Meister“ verwenden einige Software-Entwickler den Term immer noch – auch bei den oben genannten Unternehmen.

Durch die Software-Integration arbeiten oft jedoch mehrere Firmen zusammen. Ganz gleich, wie sehr ein Teilnehmer eines Software-Projekts die Master/Slave-Konstruktion vermeiden möchte, die Arbeit mit einem anderen Teilnehmer bedeutet oft, auf eine gemeinsame – etablierte – Programmiersprache zurückzugreifen. Das bedeutet wiederum, dass es keinen wirklichen Unterschied zwischen „Rassismus-Code“ und „Nicht-Rassismus-Code“ gibt.

Sklaven der aktuellen Rassismus-Debatte

Neben „Meistern“ und „Sklaven“, die an sich keine Rassenbedeutung haben, verwenden Programmierer auch die Begriffe „Blacklist“ und „Whitelist“. Sie bezeichnen eine Liste böser, unerlaubter beziehungsweise guter, erlaubter Anwendungen oder (Web-)Adressen. Auch Hacker werden mitunter in Black Hat- und White Hat-Hacker unterteilt. Erstere sind böse Hacker, die Schaden anrichten, während die „weißen“ Hacker gut sind und beispielsweise helfen Sicherheitslücken zu finden, um sie zu schließen.

In beiden Fällen gibt es Alternativen, die die schwarz-weiß-Sprache verhindern. So spricht Google von „Blocklist“ und „Allowlist“ und Hacker werden in Ethische und unethische unterteilt. Auch die Begriffe „Exclude“ oder „Denylist“ und „Include“ oder „Safelist“ finden vermehrt Anwendung.

Der Gastautor der „Washington Post“ schreibt angesichts dieser Alternativen: „Die Technologieindustrie sollte sich dazu verpflichten, die Master/Slave-Terminologie in aller zukünftigen Software – und Hardware zu verbieten.“ Darüber hinaus sei die veraltete Konvention „nicht nur ein Software-Problem.“ Die Begriffe spiegeln sich auch in der Anwendersprache wider, wenn Unternehmen beispielsweise Hilfe zur „Fehlerbehebung bei Master/Slave-Problemen“ anbieten.

„Viele Technologieunternehmen geben ihr Interesse an Einstellungen von unterrepräsentierten Gruppen bekannt, aber welches Signal senden sie aus, indem sie ‚Master‘ und ‚Slave‘ in ihrem Quellcode verwenden?“, fragt der Autor am Ende seines Beitrags. Daher sollten die Unternehmen „ihre Bemühungen verdoppeln, schwarze Mitarbeiter zu rekrutieren, technische Schulungszentren einrichten und kostenlose Kurse in schwarzen Gemeinden anbieten – und sich von abstoßender Terminologie befreien.“

Von Menschen anderer Hautfarben – einschließlich Lateinamerikanern, Ureinwohnern, Asiaten, Südeuropäern, Inuit oder Menschen aus dem Nahen Osten – wird nicht gesprochen. „cnet“ fragt zudem, ob eine Änderung der Programmiersprache zu Rassengleichheit in der Welt führen kann.

„Böses Schwarz“ an sich ohne Rassenbedeutung

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Die Begriffe „Blacklist“ und „Black Hat Hacker“ scheinen „schwarz“ mit dem „bösen“ gleichzusetzen. Schwarze Menschen würden damit automatisch als böse gelten. Die negative Assoziation von Schwarz hat jedoch überhaupt nichts mit der Hautfarbe zu tun. Die Bedeutung stammt aus einer Zeit lange vor den ersten Computern und bevor die meisten Menschen der heutigen westlichen Welt überhaupt von andersfarbigen Menschen wussten.

Schwarz als Farbe wird spätesten seit dem Mittelalter mit etwas Schlechtem oder Bösen assoziiert. So zeigten Pestkranke schwarze Flecken bevor sie verstarben. Beobachtungen von Leichen zeigten zudem, dass verwesende Körper – egal ob Mensch oder Tier und unabhängig von Haut- oder Fellfarbe – sich schwarz färbten. Schwarz ist daher in Europa meist die Farbe des Todes.

Um den Computer-Tod – durch Chaos in der Technik oder durch unerwünschte Anwendungen von außen – zu verhindern, griffen die Erfinder der Programmiersprachen auf etablierte Begrifflichkeiten zurück, die auch der „DAU“ (= Daily Average User oder alltäglicher Durchschnitts-Nutzer) verstehen kann.

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