Chinas Rolle in der Finanzkrise / Teil I

Epoch Times28. Oktober 2008 Aktualisiert: 28. Oktober 2008 21:28
China-Experte Jörg Rudolph sieht China in einer Wirtschaftskrise. Die Devisenreserven von 1,9 Billionen Dollar werden laut Rudolph zum Großteil zur Rettung der Banken gebraucht - viele stünden vor der Pleite. Die Chinesen hätten jahrelang "gezockt".

Der Ludwigshafener Professor Jörg Rudolph, profunder China- und Wirtschaftexperte, glaubt nicht, dass China eine Rolle in der Bewältigung der weltweiten Finanzkrise spielen kann. Das Reich der Mitte habe selbst mit einer veritablen Wirtschaftskrise zu kämpfen, so die für manche Ohren ungewöhnlich klingende Einschätzung Rudolphs. Die 1,9 Billionen Dollar an Devisenreserven, die China gehortet hat, werde zum Großteil „in China gebraucht, um die Banken wieder mit Geld auszustatten“ — denn von ihnen stünden mehrere vor der Pleite. „Ich glaube nicht, dass die chinesischen Devisenreserven international irgendeine Rolle spielen können“, lautet die Einschätzung Rudolphs, Dozent am Ostasieninstiut der Fachhochschule für Wirtschaft in Ludwigshafen.

Im Interview mit der Epoch Times Deutschland sieht er in China eine ähnliche Entwicklung wie bei der Subprime-Kreditvergabe in den USA — nur zeitverzögert. Dass die chinesischen Banken im Zuge der Hypothekenkrise in den USA kaum Verluste gemacht hätten, glaubt er nicht. Die Chinesen hätten „jahrelang gezockt“, sagt Rudolph. Mit dem Staatsfonds CIC neben dem Milliardenengagement bei den mittlerweile verstaatlichten Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac auch bei Morgan Stanley und in Europa bei der insolventen Fortis Bank.

Epoch Times: Bundeskanzlerin Merkel ist in China. Beim ASEM-Gipfel wurde eine Finanzreform beschlossen. Welche Rolle spielt China in dieser Reform?

Jörg Rudolph: Ich glaube, China kann da keine Rolle spielen. Zumindest nicht die Rolle, die von vielen erwartet wird, denn China hat ja selbst eine Wirtschaftskrise, die sich langsam aufbaut. Ich glaube nicht, dass die chinesischen Institutionen zur Finanzwirtschaft in der Welt irgendetwas beitragen können.

Epoch Times: Auch nicht mit den großen Devisenreserven des Landes?

Rudolph: Also, die Devisenreserven, das sollen 1.900 Milliarden Dollar sein, nicht wahr? Die sind zum größten Teil, also 1.000 Milliarden, in den USA und Europa angelegt, und zwar an den Börsen oder in Staatsverschuldung. Ein Großteil dieses Geldes wird in China gebraucht, um die Banken wieder mit Geld auszustatten, zum Beispiel die „Nong Ye Yinhang“ (Anm.: Agricultural Bank of China), die kriegt ja auch wieder Geld. Ich glaube nicht, dass diese Devisenreserven irgendeine Rolle spielen können, um die Finanzkrise abzuschwächen, geschweige denn, zu lösen.

Das ganze Geld ist angelegt. Die chinesische Regierung oder das Politbüro, wer immer darüber entscheidet, kann dieses Geld nirgends hintun. Dann müssen wir noch eines bedenken: Es gibt den chinesischen Staats-Investitionsfonds CIC, der in den vergangenen Jahren international Käufe gemacht hat, zum Beispiel bei Morgan Stanley oder bei Fortis in Belgien. Er hat große Verluste gemacht und es würde nicht wundern, wenn sie auch bei Lehman Brothers noch Geld angelegt haben. Niemand dort wird sich trauen, so etwas noch mal zu machen, das wäre politisch sehr unsicher. Ich glaube nicht, dass die chinesischen Devisenreserven international irgendeine Rolle spielen können.

Glaubt nicht, dass China eine Rolle bei der Lösung der weltweiten Finanzkrise spielen kann: China- und Wirtschaftsexperte Jörg Rudolph. (Matthias Kehrein/The Epoch Times)Glaubt nicht, dass China eine Rolle bei der Lösung der weltweiten Finanzkrise spielen kann: China- und Wirtschaftsexperte Jörg Rudolph. (Matthias Kehrein/The Epoch Times)

Epoch Times: Welche Banken sind das, die gestützt werden müssten?

Rudolph: Das ist schwer zu sagen. Wir wissen, dass 400 Milliarden Dollar bei den Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac angelegt wurden. Das sind jene US-Banken, die jetzt verstaatlicht worden sind und die sonst bankrott wären. Viele hundert Milliarden Dollar chinesischer Devisenreserven wären weg, wenn sie pleite gegangen wären. Doch dann hat sie ja der amerikanische Staat übernommen.

Epoch Times: Hat diese Verstaatlichung von Fannie Mae und Freddie Mac auf Druck Chinas stattgefunden?

Rudolph: Das kann man vermuten, nicht wahr? Die amerikanische Regierung und die chinesische Regierung – die chinesische Partei, wenn Sie so wollen, das ist vielleicht deutlicher – beide sind hier eng verbunden und stark aufeinander angewiesen, deshalb sind sie auch so freundlich miteinander. Die chinesische Regierung hat viel Geld in Amerika angelegt und Schulden in Amerika finanziert. Sie kann dieses Geld auch nicht einfach abziehen, denn die chinesische Regierung muss auch den amerikanischen Markt sicher erhalten. Das ist der wichtigste Exportmarkt für chinesische Güter, nach Europa. Also, die beiden sind sehr aufeinander angewiesen. Sie werden sich nicht beißen und sich nichts Böses tun. Und deswegen können wir davon ausgehen, dass sie miteinander reden und versuchen, gemeinsam aus dieser Krise herauszukommen.

Epoch Times: Es wird viel Geld versprochen, aber kaum jemand scheint begriffen zu haben, was das bedeutet. Noch sind es einfach große Zahlen.

Rudolph: Und es kommt immer noch Neues. Sehen Sie, das nächste, was jetzt kommt, sind die amerikanischen Kreditkartenfirmen. Sie haben riesige Beträge von Schulden aufgehäuft. — Laut FAZ sind das 900 Milliarden Dollar. Diese haben sie dann verbrieft, also weiterverkauft an andere Leute, die sie wieder weiterverkauft haben. Wenn die amerikanischen Kreditkarteninhaber jetzt nicht mehr zahlen können, dann wird das das nächste Problem geben.

Epoch Times: Von Problemen mit Kreditkartenschulden wird doch schon eine Zeit lang gesprochen. Will das keiner wahrhaben?

Rudolph: Nein. Wer bezahlt letzten Endes? Irgendjemand muss es letzten Endes bezahlen, und wer wird das sein? Na wir (lacht) – die Steuerzahler. Das ist das Prinzip der Wirtschaft: Drehe ein so großes Rad, dass, wenn es an die Wand fährt, andere ein Problem haben. Sie kennen das doch von der Bank: Wenn Sie 10.000 Euro Schulden haben und nicht mehr bezahlen können, dann haben Sie ein Problem. Wenn Sie zehn Millionen Euro Schulden haben und Sie können nicht mehr zahlen, dann hat die Bank ein Problem.

In China – schauen Sie sich einmal um – gibt es momentan sehr viele Probleme. In Dongguan gehen die Firmen reihenweise Pleite, die Leute werden entlassen oder können nicht mehr bezahlt werden. Ich habe gehört, der Staatsrat hätte ein 200-Milliarden-Dollar-Programm aufgelegt, um Eisenbahnstrecken zu bauen, damit die Leute etwas zu tun haben. China steht vor ziemlich großen wirtschaftlichen Problemen.

Epoch Times: Welche sind das?

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Rudolph: Wenn die Europäer und die Amerikaner viele Exportartikel nicht mehr kaufen, und es sieht danach aus – das sind ja größtenteils Dinge, die kaum einer braucht. Der dritte Tortenheber für Schwarzwälder-Kirsch-Torte … Solche Dinge kauft doch keiner mehr. Also, wenn die Exporte aus China einbrechen, dann wird das Problem noch weiter verschärft.

Ich glaube, die chinesische Regierung oder Führung – ich mag sie gar nicht „Führung“ nennen, denn ich habe Zweifel, ob sie jemanden führen. Jedenfalls die, die die Macht haben in China haben ziemlich viele Probleme in ihrem eigenen Land. Sie wollen, dass es ruhig bleibt und wollen sich nicht auch noch um internationale Dinge kümmern. Ich persönlich bin sicher, dass die Spitze der Partei, oder die meisten Chinesen, davon überzeugt sind, dass die bösen Westleute und die Imperialisten, sowieso nur das chinesische Geld haben wollen (lacht). Und dass sie China sowieso nur betrügen wollen. Die Chinesen lieben Verschwörungstheorien noch mehr als wir! Also meine Aussage ist, dass von China nichts zu erwarten ist.

Epoch Times: Wenn es faule Kredite in den USA gibt, die an einem großen Aufsichtsapparat vorbeigeschmuggelt wurden, was heißt das dann für die chinesischen Banken?

Rudolph: Die chinesischen Banken sind doch alle Pleite! Die Regierung pumpt jetzt 20 Milliarden Dollar in die Agricultural Bank of China, die Landwirtschaftsbank. Woher nehmen sie das Geld? Die drucken das Geld, oder?

Epoch Times: Um noch einmal auf die Devisenreserven zurückzukommen. Kann man denn nicht zumindest mit denen etwas anfangen?

Rudolph: Die chinesischen Devisenreserven, die können sie in China gar nicht einsetzen. Die stammen von den Exporteuren. Sie kommen mit Dollars oder Euro zurück nach China, und dort tauschen sie sie um in Yuan. Die Zentralbank hat dann die Dollars und Euros, und die Leute haben die Yuan. Das heißt, das Geld ist in die chinesische Wirtschaft geflossen. Man kann die Dollars nicht noch einmal ausgeben, außer, man druckt Geld.

Epoch Times: Wenn dieses Geld eventuell in den USA und Europa ausgegeben wird, kann es zu einer erhöhten Inflation bei uns führen?

Rudolph: In den USA ist es angelegt als Staatsschulden der amerikanischen Regierung. Und in Europa liegt auch etwas, aber das meiste ist in den USA.

Epoch Times: Kann man beziffern, wie hoch die faulen Kredite der chinesischen Banken sind?

Rudolph: Die faulen Kredite in China? Darüber wird viel spekuliert. Ernst & Young hat einmal etwas gebracht. Dann gab es Protest und sie haben den Bericht schnell zurückgezogen. 900 Milliarden Dollar waren das. Genau weiß das wahrscheinlich keiner. Ich glaube nicht einmal, dass das geheim gehalten wird. Wir dürfen bei China nicht vergessen, dass die Regierung doch überhaupt keine Erfahrung hat. Sehen Sie sich die Leute an, Hu Jintao, Wen Jiabao, wovon haben die eine Ahnung – außer an der Macht zu bleiben. Die werden sich überhaupt nicht engagieren bei solchen Sachen. Dazu noch die vielen Verluste, die sie eingefahren haben, da war Morgan Stanley, Fortis … Da war noch mehr: Blackstone …

Epoch Times: Es wird jedoch gesagt, die chinesischen Banken hätten im Zuge der Krise der US-Hypothekenbanken überhaupt keine Verluste gemacht.

Rudolph: Da kommt aber im Augenblick einiges zutage. Die haben natürlich genauso gezockt. Chinesen sind doch Spieler, die gehen gerne ins Casino. Und wenn sie eine Bank haben, dann machen sie es gerne in noch größerem Stil. Davon können wir ausgehen. Wir wissen es zwar nicht, aber wir sind gut beraten, davon auszugehen, dass sie Geld in größerem Stil verbrannt haben.

Epoch Times: Hu Jintao wird in deutschen Medien derzeit gerne zitiert mit dem Satz: „Die Zuversicht ist wichtiger als alles andere“.

Rudolph: Und die Moral, nicht zu vergessen (lacht). Da gibt es aber keine Moral in der Wirtschaft. Weder in China noch sonst wo.

Epoch Times: Sollte es die nicht geben?

Rudolph: Wirtschaft ist moralfrei. In der Wirtschaft geht es ums Gewinne machen. Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg. China hat riesengroße Probleme im Augenblick. Die kommen jetzt gerade alle raus. Die Stahlfirmen können ihren Stahl nicht mehr verkaufen, weil die Autoindustrie auch abwärts geht. Die Hauspreise fallen, haben Sie das gesehen?

Epoch Times: Ja.

Rudolph: Sie sind jahrelang immer gestiegen. Jetzt fallen sie ein bisschen. Die Regierung hat die Eigeneinlagen runtergesetzt. Die machen jetzt das, was die Amerikaner mit den Subprime-Krediten gemacht haben. Die Chinesen gehen jetzt in die gleiche Richtung. Wenn die chinesische sogenannte Mittelschicht ihre Kredite für die Häuser nicht mehr bezahlen kann, für die Wohnungen, die Autos – dann gibt es ein Problem.

Das Interview führten Maria Zheng und Florian Godovits.

Lesen Sie hier in Teil zwei die Ansichten Jörg Rudolphs über vermeintliche Chinaexperten, die chinesischen Machthaber und die „moralfreie Wirtschaft“.

Zur Person:

Professor Dr. Jörg-M. Rudolph (1951) ist Dozent und Geschäftsführer des Ostasieninstituts der Fachhochschule für Wirtschaft in Ludwigshafen. Er beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit den Themen chinesische Geschichte und Landeskunde sowie mit aktuellen politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen. Er ist Herausgeber des China-Dienstes Sju Tsai — Die Welt der Chinesen (www.xiucai.oai.de). Von 1997 bis 2002 war er Delegierter der Deutschen Wirtschaft in Peking und Gründungspräsident der Deutschen Handelskammer in China. Er studierte von 1974 bis 1979 Sinologie am Ostasiatischen Seminar der Freien Universität Berlin.

(Pool/Getty Images)
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