Das Wirtschaftswachstum schwächelt – sind die guten Zeiten jetzt vorbei?

Bürokratisierung, Verknöcherung, Überwachung und Co: Langsam, aber sicher wird die Wirtschaft immer schwerer mit Ballast beladen, sodass ihr irgendwann die Luft ausgeht. Die Phase des Aufstiegs dürfte vorbei sein. Mit etwas Glück können wir das erreichte Niveau vielleicht noch ein paar Jahrzehnte halten. Eine Analyse.
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Die guten Zeiten sind vorbei.Foto: Sean Gallup/Getty Images
Von 30. August 2023

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Die schlechten Konjunkturdaten zu Deutschland wollen nicht abreißen. Am 25. August meldete das Münchner ifo-Institut, dass sich die Stimmung in der deutschen Wirtschaft weiter eingetrübt habe. Sie sei nun vier Monate in Folge zurückgegangen.

Die Einschätzung der aktuellen Lage werde von den Chefetagen der deutschen Wirtschaft nun so schlecht eingeschätzt wie zuletzt im August 2020. Der Pessimismus habe in den Unternehmen zugenommen, „die Durststrecke der deutschen Wirtschaft verlängert sich.“ 

Das reale deutsche Sozialprodukt lag im zweiten Quartal 2023 leicht unter dem Wert vom ersten Quartal 2022. Seit fünf Quartalen stagniert also die deutsche Wirtschaft.

Für das Gesamtjahr 2023 wird von Experten eine leichte Wirtschaftsschrumpfung von 0,3 Prozent erwartet, für 2024 ein reales Wachstum von 1,2 Prozent. Der Euroraum soll 2023 um 0,9 und 2024 um 1,5 Prozent wachsen, die Weltwirtschaft um 2,1 Prozent 2023 und 2,4 Prozent 2024.

Wird bald wieder alles gut? Kommt bald wieder das langjährige Wirtschaftswachstum?

Das Ende des Wirtschaftswachstums

Nein. Die Zeiten ständigen realen Wirtschaftswachstums dürften in den meisten Industrieländern und einigen Entwicklungsländern vorbei sein. Wir sind schon längst in einer säkularen Wende.

Für den Großteil der Bevölkerung dürfte es künftig kaum mehr reales, wohlfahrtssteigerndes Wirtschaftswachstum geben, vermutlich sogar eine Schrumpfung. In einigen Industrie- und Entwicklungsländern ist dies bereits seit etwa 10 bis 20 Jahren für einen Großteil der Bevölkerung der Fall. Dazu zählen beispielsweise Großbritannien, Italien, Brasilien, Südafrika, Japan, Mexiko, Deutschland und den USA und sicher auch in einigen anderen Ländern.

Im Wesentlichen gibt es dafür drei Gründe: erstens abnehmende Gesundheit, vor allem wegen zunehmender Zivilisationskrankheiten und steigender Umweltbelastungen. Das zweite ist die zunehmende Ungleichverteilung, das dritte sinkende Moral- und Ethikstandards beziehungsweise abnehmendes Vertrauen.

Gesundheit und Umwelt

Ein Blick auf die Entwicklung der Zivilisationskrankheiten in den letzten Jahrzehnten sowie insbesondere auf die Gesundheit unserer Kinder zeigt uns erschreckend, wie stark chronische Krankheiten auf dem Vormarsch sind, wie sehr die Resilienz, die körperliche und geistig-seelische Widerstandskraft der Menschen abnimmt. Dadurch müssen wir immer mehr Ressourcen dafür aufwenden, gesund zu bleiben oder wieder gesund zu werden. 

In Deutschland stieg der Anteil der Gesundheitsausgaben am BIP von 10 Prozent 1997 auf 13,2 Prozent 2021. In den USA steigerte es sich von 5 Prozent 1960 auf 18,3 Prozent 2021. Das Bundesgesundheitsministerium führt aus, dass in Deutschland in einer erweiterten Abgrenzung derzeit etwa 7,7 Millionen Beschäftigte oder etwa jeder sechste Erwerbstätige im Gesundheitswesen arbeiten. 

Was heißt das? Je mehr Zeit, Geld und Kraft wir für den Gesundheitssektor aufwenden müssen, um unsere Gesundheit aufrechtzuerhalten oder wiederherzustellen, desto geringer wird unser realer Wohlstand. Das Gleiche gilt für unsere Umwelt und das Klima.

Je mehr Ressourcen wir aufwenden müssen, um eine gesunde Umwelt wiederherzustellen und schädliche Klimaauswirkungen abzuwenden, desto mehr vermindert sich unser realer Wohlstand. Ein Großteil des Zuwachses an Gesundheitsausgaben der letzten Jahrzehnte hat letztlich nicht unseren Wohlstand erhöht, sondern vermindert.

Ungleichverteilung

Laut einem Artikel der sehr einflussreichen, konservativen Brookings Institution von Mai 2023 steigt die Ungleichverteilung auf der Erde seit etwa 1980 in fast allen Ländern an. Die Ungleichverteilung sei heute ähnlich hoch wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Besonders bei den Top 10-Prozent und noch stärker den Top 1-Prozent sei der Einkommenszuwachs stark gestiegen. Das sei Hand in Hand gegangen mit Verlusten bei den unteren 50 Prozent. Es habe zu einer Erosion der Mittelklasse und zu einer größeren Polarisierung in der Einkommensverteilung geführt. Die Vermögensverteilung sei noch deutlich ungleicher als die Einkommensverteilung. 

Zu einem ganz ähnlichen Ergebnis kommt das World Economic Forum (WEF) von Davos in einer Analyse von Januar 2023. Es lohnt sich, einige Passagen der WEF-Analyse im Wortlaut zu lesen: 

„Die globale Ungleichheit hat sich verschlimmert, und das reichste 1 Prozent verfügt über fast zwei Drittel der 42 Billionen Dollar, die seit 2020 neu geschaffen wurden. Ungleichheit zerstört die Gesellschaft, und das ist nicht unvermeidlich; es ist eine Entscheidung, die zeigt, dass es uns sowohl an Empathie als auch an Vorstellungskraft mangelt. […]

Ungleichheit ist die Anhäufung von Reichtum und Macht in wenigen Händen. Sie hat unsere Politik und Medien korrumpiert und polarisiert. Sie zersetzt unsere Demokratien. Sie vergrößert die Kluft zwischen Rassen und Geschlechtern. Sie treibt die unablässige Ausbeutung und Monetarisierung unserer natürlichen Ressourcen voran und treibt Konflikte und den Klimawandel voran. […]

Arme Länder sind mittlerweile so stark verschuldet, auch bei räuberischen („predatory“) privaten Kreditgebern, dass sie viermal mehr für die Schuldentilgung als für die Gesundheitsversorgung ausgeben müssen.“

Die Elite setzt ihre Regeln …

Als Ursachen nennt das World Economic Forum Davos folgende Faktoren:

„Wir können nur zu dem Schluss kommen, dass die Elite die Regeln setzt und ihre Funktionäre darum kämpfen, sie in ihren Interessen zu manipulieren, insbesondere in Bezug auf Steuern, Arbeitsrechte, Monopole und geistiges Eigentum; zu Bodenkontrolle, Planungs- und Abbaurechten und Gewerkschaftsbekämpfung. Eigentlich alles, was dazu dient, die Gewinne zu maximieren, die Kontrolle zu festigen, die Kosten zu minimieren und das Risiko auf andere abzuwälzen. Alles, was Verantwortung und abweichende Meinungen zunichtemacht. Sie verkaufen uns die Geschichte, dass dieser Reichtum irgendwie zu allen ‚herabrieselt‘ (‚trickling down‘). Sie propagieren ‚selbstauferlegte Sparmaßnahmen‘ (austerity) als unvermeidliches Heilmittel.“

Bei einem großen Teil der Bevölkerung, der ärmeren Hälfte oder gar den unteren 80 Prozent kommt von dem offiziellen Wirtschaftswachstum daher schon seit Jahren oder Jahrzehnten wenig oder nichts an. Für breite Bevölkerungskreise hat in einigen Ländern schon vor vielen Jahren das Ende des Wirtschaftswachstums stattgefunden.

Sinkende Moral- und Ethikstandards

Moral- und Ethikstandards sind äußerst schwer empirisch zu messen, deshalb kann man versuchen, ihre Entwicklung über einige Indikatoren abzuschätzen.

Die Ausgaben für Überwachung und Security nehmen in vielen Ländern in den letzten Jahrzehnten dramatisch zu. In Deutschland hat sich der Umsatz von Wach- und Sicherheitsunternehmen von 2,4 Milliarden Euro 1995 auf 9,85 Milliarden 2021 mehr als vervierfacht. Wann muss man mehr überwachen und mehr Security-Personal einstellen? Sicherlich nicht, wenn die Menschen immer anständiger und ehrlicher werden. 

Ähnliches gilt für die Arbeit von Rechtsanwälten, Steuerberatern und Wirtschaftsprüfern, deren Zahl sich in Deutschland in der Nachkriegszeit vervielfacht hat:

1) Die Zahl der Steuerberater in der deutschen Bundessteuerberaterkammer hat sich von 1962 bis 2022 von knapp 24.000 auf 89.800, also um 275 Prozent erhöht.

2) 1961 gab es in Deutschland 1.590 Wirtschaftsprüfer,  2022 waren es 14.653. Zwischen 1961 und 2022 hat sich die Zahl der Wirtschaftsprüfer um über 820 Prozent erhöht. Es gibt heute 9,2-Mal so viele wie vor 60 Jahren.

3) 1950 gab es in Deutschland 12.800 zugelassene Rechtsanwälte, heute gibt es 165.587. Von 1950 bis heute ist die Zahl der Rechtsanwälte um etwa 1.200 Prozent gewachsen. Ihre Verbreitung hat sich beinahe ver-13-facht.

Je geringer das Vertrauen, umso stärker der Egoismus und je geringer der Altruismus in einer Gesellschaft wird, desto mehr solcher Tätigkeiten brauchen wir.

Diese drei Berufsgruppen bewirken keine reale gesellschaftliche Wertschöpfung. Sie führen zu keiner gesamtwirtschaftlichen Nutzenerhöhung, sie erhöhen daher nicht den realen Wohlstand, im Gegenteil.

Bürokratie, Zertifizierungen, Akkreditierungen usw. haben in den letzten Jahrzehnten in fast allen Branchen dramatisch zugenommen. Die Klagen darüber quer durch das ganze Gesellschaftsspektrum sind ausführlich und lang.

Wann muss man mehr und gründlicher verwalten, zertifizieren, kontrollieren, akkreditieren usw.? Sicherlich nicht, wenn das Vertrauen zunimmt, wenn Ehrlichkeit und Verlässlichkeit, wenn Treu und Glauben zunehmen. Deshalb dürfte die starke Ausbreitung dieser Tätigkeiten ein Indikator für abnehmende Ethik sein.

Fazit

Abnehmende Moralstandards führen dazu, dass wir immer mehr Kontroll-, Überwachungs- und Bürokratieaufwand brauchen, der keinen Wohlstand schafft, sondern nur immer mehr Ressourcen unproduktiv aufsaugt. Die seit Jahrzehnten steigende Ungleichverteilung sorgt dafür, dass von einem etwaigen realen Wirtschaftswachstum wenig oder nichts bei dem unteren Teil der Bevölkerung ankommt.

Zunehmende Zivilisationskrankheiten bewirken, dass wir immer mehr Ressourcen, Arbeit und Kapital dafür verwenden müssen, unsere Gesundheit zu erhalten oder wiederherzustellen, anstatt neue, zusätzliche Güter oder Dienstleistungen herzustellen.

Daher sind die Zeiten ständigen realen Wirtschaftswachstums in vielen Industrieländern und einigen Entwicklungsländern für den Großteil der Bevölkerung vermutlich schon lange vorbei. Und auch künftig dürfte es kaum mehr reales, wohlfahrtssteigerndes Wirtschaftswachstum in vielen Ländern für den Großteil der Bevölkerung geben – vermutlich sogar eine Schrumpfung.

Mehr davon im neuen Buch „Das Ende des Wirtschaftswachstums – Die ökonomischen und sozialen Folgen mangelnder Ethik und Moral“.

Zum Autor

Prof. Dr. Christian Kreiß (geb. 1962): Studium und Promotion in Volkswirtschaftslehre und Wirtschaftsgeschichte an der LMU München. Neun Jahre Berufstätigkeit als Bankier, davon sieben Jahre als Investment Banker. Seit 2002 Professor für BWL mit Schwerpunkt Investition, Finanzierung und Volkswirtschaftslehre. Autor von sieben Büchern. Weitere Informationen auf www.menschengerechtewirtschaft.de 

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ISBN: Hardcover 978-3-384-00466-6, auch als Softcover und E-Book erhältlich,

216 Seiten, 16,00 Euro, deutsch

https://shop.tredition.com/booktitle/Das_Ende_des_Wirtschaftswachstums/W-728-968-490

 



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