Schwarzbuch der Massenentlassungen

Von 24. Oktober 2019 Aktualisiert: 24. Oktober 2019 17:41
Experten rechnen mit großem Jobabbau und schmerzhaftem Strukturwandel – hinter den Kündigungen stehen Schicksale einzelner oder ganzer Familien. Ein Überblick über die angedrohten und schon vollzogenen Massenentlassungen der letzten Monate.

Die letzten Wochen und Monaten zeigten keine guten Signale vom deutschen Arbeitsmarkt. Viele Unternehmen haben bereits mit Stellenabbau begonnen oder Massenentlassungen angekündigt. Neben Andreas Manuel Gruss (Dozent, Buchautor, Psychologe und Gründer vom Internetportal „sokraton“) hat auch die Redaktion von Tichy’s Einblick eine Sammlung von drohenden und schon erfolgten Entlassungen zusammengestellt. Tichy schreibt:

Mit ‚Klimaschutz‘ und Wirtschaftskrise kommt nun der große Stellenabbau. (…) Insgesamt eine Großstadt mit sehr gut bezahlten Jobs geht dem Steuer- und Sozialsystem bald verloren und macht viele Familien betroffen“, so eine erste Einschätzung von Tichys.

Nicht nur die Automobilbranche wird mit Entlassungen überflutet, auch die Stahlindustrie, die Chemiebranche oder das Banksystem. Hier eine vermutlich unvollständige Sammlung:

Automobilbranche wird mit Entlassungen überflutet

  • Audi: Bis 2025 könnten laut einem Insider bis zu 10.000 der aktuell 60.000 Arbeitsplätze an den Standorten Ingolstadt und Neckarsulm wegfallen, berichtete der Bayerische Rundfunk im Juni.
  • BMW: Der Autobauer will bei mehr als 5.000 hochqualifizierten Mitarbeitern Arbeitszeit und Gehalt reduzieren, was sich in Reduzierung der 40-Stunden-Verträge und in Einschnitten beim Jahresbonus bemerkbar macht. Daneben soll Zeitarbeit abgebaut werden. Die Epoch Times berichtete im Oktober.
  • Bosch: Der Autozulieferer und Hersteller will 1.600 Arbeitsplätze in 2020 und 2021 an den Standorten in Feuerbach und Schwieberdingen in Baden-Württemberg abbauen – jeweils rund 800 Stellen in Verwaltung, Vertrieb und Forschung. Die Epoch Times berichtete im Oktober. Im Jahr 2018 hat Bosch bereits 600 Stellen abgebaut.
  • Brose: Der Autozulieferer und Hersteller aus Coburg plant einen Abbau von 2.000 Stellen bis Ende 2022, mehrheitlich in den Zentral- und Geschäftsbereichen. Im Wesentlichen sind die Standorte Bamberg, Hallstadt, Coburg und Würzburg betroffen. Die Epoch Times berichtete im Oktober.
  • Continental: In den kommenden zehn Jahren sollen weltweit voraussichtlich bis zu 20.000 Arbeitsplätze von derzeit insgesamt mehr als 244.000 Stellen von Veränderungen betroffen sein, darunter etwa 7.000 von mehr als 62.000 in Deutschland. Bis Ende 2023 sollen rund 15.000 Arbeitsplätze betroffen sein, davon etwa 5.000 in Deutschland. Die Mitarbeiterzahl soll aber stabil bleiben. Es sollen künftig lediglich andere Mitarbeiter eingesetzt werden (vor allem Softwareentwickler und Mechatroniker), heißt es in einer Pressemitteilung vom September.
  • Daimler: Im April 2019 kündigte der Autobauer einen möglichen Stellenabbau von 10.000 von insgesamt 298.700 Stellen an. Zu Kündigungen soll es nicht kommen. Frei werdende Stellen sollen nicht neu besetzt werden. Zugleich sollen Softwareexperten eingestellt werden. Im August ergänzte der Autobauer, dass es zu viele Managerpositionen gäbe. Im Juni hat Daimler rund 690 von 950 Zeitarbeitsverträgen auslaufen lassen.
  • Ford: Der Autobauer will 12.000 Jobs in Europa streichen, davon 5.400 von 24.000 Stellen in Deutschland. Es sind bereits mehr als 3.200 Mitarbeiter ausgeschieden oder wollen dies tun, etwa weil sie Abfindungen angenommen haben. Die Epoch Times berichtete im Juni.
  • Opel: Der Autobauer führt ab Oktober im Stammwerk Rüsselsheim Kurzarbeit ein. Rund 2600 Beschäftigte sollen betroffen sein. Die Epoch Times berichtete im Oktober.
  • Porsche: Möglicherweise sollen 2.000 Zeitarbeitsstellen gestrichen werden, Stand 19.3.2019.
  • Schaeffler: Der Automobil- und Industriezulieferer kündigte bereits im März an, weltweit 900 Stellen abzubauen, 700 davon in Deutschland. Betriebsbedingte Kündigungen und Standortschließungen sollen jedoch vermieden werden. Jetzt sollen weitere 1.300 Arbeitsplätze auf freiwilliger Basis abgebaut werden. Die Epoch Times berichtete im Oktober.
  • Volkswagen: Zwar will der Autobauer 1.000 neue Jobs für die Batteriezellfertigung schaffen, doch im Gegenzug  5.000 bis 7.000 Stellen bis zum Jahr 2023 abschaffen. Diese sollen beim altersbedingten Ausscheiden von Mitarbeitern nicht neu besetzt werden. Bislang hatte Volkswagen schon mehr als 6.000 Stellen abgebaut. Die Epoch Times berichtete im September.
  • Weiterer geplanter Stellenabbau: Autozulieferer Allgaier-Group (umfangreicher Stellenabbau), Autozulieferer Mahle (380 Stellen), Autozulieferer Marquart (600 Stellen), Filtrationsexperte Mann + Hummel (1.200 Stellen weltweit, deutschlandweit 300 Stellen), Autozulieferer Schuler (500 Stellen), Autozulieferer Antolin (200 Stellen), französische Reifenhersteller Michelin (Werksschließung Bamberg mit 858 Mitarbeitern), Autozulieferer Borg Warner (zahlreiche weitere Stellen).

Stahlindustrie

  • Dillinger Hüttenwerke und Saarstahl: In den kommenden drei Jahren sollen etwa 1500 Stellen wegfallen. Für die beiden Unternehmen arbeiten weltweit derzeit rund 14.000 Beschäftigte. Zudem sollen weitere 1.000 Arbeitsplätze an externe Dienstleister ausgelagert werden. Bei Einigung mit Arbeitnehmervertretern über den Stellenabbau, könne auf betriebsbedingte Kündigungen verzichtet werden. Die Epoch Times berichtete im Oktober.
  • Thyssenkrupp: Der Industriekonzern ließ im Oktober einen signifikanten Stellenabbau verlauten. Zahlen gibt es nicht. Kürzungen in der Verwaltung werden erwartet. Ehemaliger Thyssenkrupp-Chef Guido Kerkhoff lies noch im Mai verlauten, dass in den kommenden drei Jahren 6.000 der insgesamt 27.000 Stellen abgebaut werden sollen, davon  4.000 Stellen in Deutschland.
  • Weitere geplante Kündigungen: ArcelorMittal-Gruppe (260 Kündigungen und Kurzarbeit) und Hydro Aluminium (226 Stellen in Deutschland).

Handelsunternehmen und übrige Industrie

  • Siemens: Der Technologiekonzern will 1.100 Stellen abschaffen. Betroffen sind die Standorte Erlangen, Berlin, Nürnberg und Dresden. Betriebsbedingte Kündigungen soll es nicht geben. Es soll auf Weiterbildung, Versetzung, Abfindungszahlungen sowie Vorruhestands- und Altersteilzeitmodelle gesetzt werden, berichtete das Portal „in Franken“ im September.
  • Linde: Der Industriekonzern, der Industriegase herstellt, plant den Abbau mehrerer Hundert Arbeitsplätze bis Ende 2021. Demzufolge sollen 850 Vollzeitstellen konkret zur Diskussion stehen. Zudem löst Linde seine alte Zentrale in München auf. Die Beschäftigten ziehen um den Jahreswechsel herum an einen bestehenden Standort im Vorort Pullach um, wie Linde bestätigte. Bereits vor der Fusion mit dem US-Konkurrenten Praxair im vergangenen Jahr hatte Linde ein Sparprogramm mit dem Abbau von bis zu 975 Stellen gestartet.
  • Weiterer geplanter Stellenabbau: Medizin- und Sicherheitstechnikkonzern Dräger (50 Stellen), Lackieranlagenhersteller Eisenmann (aufgrund Insolvenz ungewisse Zukunft für 3.000 Mitarbeiter), Automatisierungsspezialist Festo (Kurzarbeit), Zughersteller Bombardier (2.200 Stellen), Miele (580 Stellen), Spezialanlagenbauer GEA Group (800 Stellen weltweit), Maschinen- und Anlagenbauer Voith Turbo (550 Stellen) und Möbelhauskette Roller (Zukunft von 130 Filialen unklar).

Pharma-Riesen auch betroffen

  • BASF: Der Chemiekonzern will 6.000 Verwaltungsstellen, davon 3.000 in Deutschland, bis 2021 abbauen. Am stärksten ist Ludwigshafen betroffen. Die Jobs sollen über die natürliche Fluktuation und Freiwilligen-Angebote abgebaut werden. Betriebsbedingte Kündigungen schließt das Unternehmen aus. Auch der Vorstand wird zum 1.1.2020 von 7 auf 6 Mitglieder verkleinert. Asien-Chef Sanjeev Gandhi scheidet auf eigenen Wunsch aus.
  • Bayer: Der Pharma- und Agrarchemie-Konzern will in Deutschland 4.500 von 32.100 Stellen bis Ende 2021 streichen. Weltweit sollen 12 000 Stellen von insgesamt 118.000 Arbeitsstellen wegfallen. Dabei soll auf Abfindungen, Frühverrentungen und Fluktuation gesetzt werden. Betriebsbedingte Kündigungen sind in Deutschland bis Ende 2025 ausgeschlossen, teilte dpa Ende April 2019 mit.

Luftfahrt schwächelt

  • Airbus: Im März plante Airbustochter Premium Aerotec einen Abbau von 1.100 Stellen bis 2023. Zwischenzeitlich gibt es Entwarnungen. Ein Neuer Airbus-Auftrag rettet hunderte Arbeitsplätze bei der Tochter, berichtete die Augsburger Allgemeine im September 2019.
  • Diehl Aviation: Der Airbuszulieferer will in Hamburg 240 Arbeitsplätze bis zum Jahr 2023 abbauen. 50 Arbeitsplätze sollen nach Ungarn verlagert und weitere 190 gestrichen werden. Stand Oktober 2019.

Dienstleistungssektor steckt sich langsam an

  • Hewlett-Packard: US-Computer- und Druckerhersteller will in den kommenden  drei Jahren weltweit rund 7.000 bis 9.000 Stellen streichen. Geplant sind freiwillige Frühverrentungen und Entlassungen. Die Epoch Times berichtete im Oktober 2019.
  • Paypal: Von den 355 Stellen am Standort Wilmersdorf sollen kurzfristig 309 abgebaut werden, kündigte Paypal im Juni 2019 an. Das entspricht fast 90 Prozent der Arbeitsplätze.
  • Springer: Infolge der Umstrukturierungen sollen Stellen abgebaut werden. Der Deutsche Journalisten-Verband rechnet mit einem Abbau von 20 Prozent der Arbeitsplätze in den betroffenen Unternehmensbereichen. Die Epoch Times berichtete im Oktober 2019.

Energiesektor bekommt „Klimakrise“ zu spüren

  • RWE: Der Energieversorgungskonzern rechnet mit signifikantem Stellenabbau bis 2023. Dies betrifft unmittelbar bis Ende 2022 die Mitarbeiter der zu schließenden Kraftwerke. Die Epoch Times berichtete im Januar 2019.
  • Senvion: Bislang war für hunderte Mitarbeiter des insolventen Windenergiekonzerns ungeklärt, ob es zu Kündigungen kommt. Durch durch jüngste Übernahmen von Teilbereichen durch Siemens Gamesa sind rund 500 der ehemals 1800 in Deutschland angestellten Senvion-Mitarbeiter wieder im Job.
  • Weitere geplante Kündigungen: Energiedienstleister Techem (300 Stellen), Energiesdienstleister Vestas (500 Stellen), Mibrag (330), Vattenfall-Tochter Gasag (300 Stellen) und Gaskonzern Linde (Hunderte von Stellen).

Die EZB-Krise ist bei den Bankangestellten angekommen

  • Commerzbank: Auch die Commerzbank will radikal umbauen. Geplant ist ein Stellenabbau in vierstelliger Höhe. Älteren Angaben zufolge sollen 4.300 Vollzeitstellen gestrichen und 2.000 Stellen im Vertrieb aufgebaut werden. Die Epoch Times berichtete im Oktober 2019.
  • Deutsche Bank: Die Deutsche Bank will bis Ende 2022 weltweit rund 18.000 von zuletzt rund 91.000 Vollzeitstellen streichen. Der Konzern soll radikal umgebaut werden. Erste Kündigungen erfolgten bereits in Asien. London und New York werden besonders betroffen sein. Eine Zahl für Deutschland nannte das Kreditinstitut nicht. Die Epoch Times berichtete im Juli 2019.
  • Hessische Landesbank: Auch die Helaba rechnet mit spürbarem Personalabbau. Konkrete Zahlen wurden nicht genannt. Aber betriebsbedingte Kündigungen soll es nicht geben. Bei der Helaba sind rund 6.100 Mitarbeiter beschäftigt. Stand September 2019.
  • Postbank: Bis Ende 2020 sollen 750 Vollzeitstellen gestrichen werden. Mit Wegfall von weiteren 1.200 Stellen ist zu rechnen, berichtete dpa Ende Juni 2019.

Diagnose: Von schmerzhaftem Strukturwandel bis Massenkündigungen

Henrik Müller, Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund, vermutet einen schmerzhaften Strukturwandel und schrieb im Manager-Magazin:

Menschen verlieren ihre Jobs, finden neue, verlassen ihren Wohnort, ziehen anderswohin. Unternehmen werden umgebaut, neu sortiert, einige Branchen schrumpfen, andere wachsen. Strukturwandel ist eine schmerzhafte Angelegenheit.“

Nach erster Einschätzung von Tichy’s Einblick und der Anlageexperten Friedrich & Weik beginnt darüber hinaus gerade eine Phase der Massenentlassungen.

Andreas Manuel Gruss von ’sokraton.de‘ fragt, ob denn Deutschland noch ein Land ist, wo man gerne lebt, in dem

„Ellenbogenmentalität mehr zählen als Sachverstand und Vernunft (…), die Bundeskanzlerin das Grundgesetz beugt und ihren Eid, vom Deutschen Volk Schaden abzuwenden, bricht (…) und die Meinungsfreiheit immer mehr beschnitten und einer Staatsmeinung unterworfen wird“.

(mit Material von AFP, dpa und dts)


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