Exklusiv – Interview mit Chen Yizi, dem früheren Berater von Zhao Ziyang

Von 30. Januar 2005 Aktualisiert: 30. Januar 2005 15:01
„Eine Wirtschaftreform ohne Reform des politischen Systems kommt nicht voran“

Am 17. Januar starb Zhao Ziyang nach 15 Jahren Hausarrest in Peking. Den Hausarrest verhängte die chinesische KP über ihren vorherigen Generalsekretär nachdem er sich öffentlich gegen die militärische Niederschlagung der Studentenproteste im Jahr 1989 ausgesprochen hatte. Zhao Ziyang wurde auch viele Jahre nach dem Ende seiner politischen Karriere im chinesischen Volk hoch geschätzt als Reformer und als ausdrücklicher Gegner der blutigen Niederschlagung der Studenten auf dem Tiananmen.

Chen Yizi war während der Amtzeit von Zhao Ziyang als Premierminister dessen Berater und leitete das Forschungsinstitut für Wirtschaftssystemreform der chinesischen Zentralregierung. Nachdem Zhao im Juni 1989 aus seinen Partei-Ämtern entfernt wurde, ließ die chinesische KP nach Chen fahnden. Chen Yizi floh in die USA. Er war einer der ranghohen Beamten in der chinesischen KP, die wegen des Tiananmen Massakers aus China flüchteten. Er arbeitet zurzeit in New York im Forschungszentrum für das moderne China.

Epoch Times: Wie denken Sie über Zhao Ziyang?

Chen: Wir haben damals an der von Hu Yaobang (ehem. KP-Chef, Vorgänger von Zhao im Amt des Premierminister) und Zhao Ziyang durchgeführten Reform in China teilgenommen. Ich habe zuerst an der Reform auf dem Land und dann an der allgemeinen Wirtschaftreform gearbeitet. Später arbeitete ich im Büro für Reformpolitik und hatte daher viel Kontakt mit Zhao. Ich muss sagen, Zhao war wirklich ein großartiger Staatsführer und Gründer der Reform in China (in den 80iger Jahren). Er hat viel zur wirtschaftlichen Entwicklung, zur Hebung des Wohlstandes und zur Einführung der Marktwirtschaft in China beigetragen.

Nach dem Massaker auf dem Tiananmen am 04. Juni 1989 bestand Zhao entgegen der Entscheidung des totalitären Regimes immer auf der Feststellung, dass zum ersten die Studenten nicht die Absicht hatten, die Regierung zu stürzen, und zum zweiten man das Problem durch Dialog statt durch Gewalt hätte lösen können. Er hat sich nie dem totalitären Denken gebeugt. Ich denke, durch seinen Tod verliert China den Symbolträger der Reform und der Öffnung.

Ich meine, dass die chinesische Regierung ein Staatsbegräbnis anordnen und ihm eine umfassende und gerechte Würdigung zukommen lassen sollte.

Epoch Times: Wie schätzen Sie die Reaktion der chinesischen KP auf seinen Tod ein? Wie wird die KPC ihn bewerten?

Chen: Die Führung der KPC hat Zhao Ziyang in den letzen 15 Jahren ohne Gerichtsprozess gnadenlos unter Hausarrest gestellt, obwohl er ehemaliger KP-Chef und KP-Mitglied war. Er starb während des Hausarrests. Natürlich würde sich hier für die Hu-Wen Regierung (Hu Jintao und Wen Jiabao) eine letzte Gelegenheit bieten. Wenn es kein offizielles Staatsbegräbnis für Zhao gibt, werden sie die Verbindung zum Volk noch weiter verlieren.

Jetzt steht die chinesische KP-Führung vor zwei Problemen: 1. Wie beurteilt man Zhao Ziyang? Das bezieht sich auch auf die Einschätzung der Studentenbewegung von 1989;

2. Bei der Beerdigung von Zhao könnte es zum Ausbruch des Ärgers der Bevölkerung kommen.

Ich denke, wenn sie eine gerechte Würdigung von Zhao bieten können und ihm ein Staatsbegräbnis zukommen lassen, werden sie die Herzen der Menschen gewinnen und den Ärger des Volkes auflösen. Sonst wird sie in den Augen des chinesischen Volkes und der Weltöffentlichkeit ebenso erscheinen wie Jiang Zemin und Li Peng (die chinesischen Führer, die die Studentenbewegung niederschlugen).

Epoch Times: Der Tod von Hu Yaobang (Vorgänger von Zhao Ziyang im Amt des Generalsekretärs der KP) im Jahre 1989 löste die Studentenbewegung aus und stürzte die KPC in eine Krise. Wird die chinesische KP durch den Tod von Zhao wieder in eine Krise geraten? Wird sich die politischen Lage in China dadurch ändern?

Chen: Ich glaube, diese Möglichkeit ist nicht sehr groß. In den 80iger Jahren war die Situation in China relativ locker. Es bestand eine größere Freiheit seine Meinung zu äußern und man setzte auch größere Hoffnung auf die Reform und die Öffnung. Außerdem war das Volk sehr unzufrieden wegen der Korruption, die durch die Reform entstanden war. Dass Hu Yaobang wegen seines Liberalismus im Jahre 1986 sein Amt als KP-Chef verlor, empfanden viele Bürger und Studenten als ungerecht, und so löste sein Tod 1989 die (Protest-)Bewegung aus.

Nun sind 15 Jahre vergangen. Zhao Ziyang sagte damals, „eine Wirtschaftreform ohne Reform des politischen Systems kommt nicht voran“. Das ist eben genau die Realität in China. Die extreme Korruption, der riesige Unterschied zwischen Arm und Reich und der Niedergang des moralischen Niveaus im Reich der Mitte sind genau die Ergebnisse der fehlenden Reform des politischen Systems.

Nun ist die Situation in China nicht mehr so locker wie in der 80iger Jahren. Wenn eine der KPC unliebsame Meinung im Internet erscheint, wird sie sofort gelöscht und der Sender kann dafür sogleich in die Verantwortung genommen werden. Außerdem ist die ganze Gesellschaft von der Ideologie des Materiellen beherrscht und viele kümmern sich nur um ihre eigenen Interessen. Es fehlt an Gemeinschaftssinn, dass man auch an Land und Leute denken sollte. Die Regierung der KP verstärkt auch die Kontrolle über andere Meinungen und unterdrückt die bürgerlichen Rechte. Daher denke ich, dass es zu keiner großen Unruhe kommen wird.

Allerdings, wenn die Regierung nach dem Tod von Zhao Ziyang gegen den Willen des Volkes vorgehen und sich unmenschlich verhalten sollte, könnte sich die Unzufriedenheit der Bevölkerung zu einer landesweiten Unruhe entwickeln. Diese Möglichkeit ist nicht auszuschließen.

Epoch Times: Zur Zeit ist eine Austrittswelle aus der KP Chinas sowohl innerhalb als auch außerhalb Chinas zu verzeichnen. Wie schätzen Sie das ein?

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Chen: In fast allen Ländern, die von kommunistischen Parteien regiert werden oder wurden, fand eine Rückwärtsentwicklung statt. Lüge anstelle der Wahrheit. Was ist der Grund dafür? Ein hohes, reines Ziel kann niemals durch niederträchtige Tricks erreicht werden. Das System des Kollektiveigentums schwächt die Motivation des Volkes. Man gibt sich nicht mehr Mühe um zu mehr Eigentum zu kommen, weil es keines gibt. Im Kampf zwischen dem Ein-Parteien-System und den verschiedenen sozialen Schichten werden allmählich die Elite und die Intellektuellen, die eigene Gedanken haben, aussortiert. Und diejenigen, die sich bei den Machthabern gut einschmeicheln können, kommen nach oben.

So ein System ist natürlich nicht rational. Je besser man die KP kennt, desto logischer ist es aus der KP auszutreten. Ich wurde drei Mal aus der KP rausgeworfen. Damals dachte ich nur, die KP hätte eine falsche Linie. Ich schrieb an Mao Zedong und kritisierte die KP als undemokratisch und wünschte bei der KP mehr Demokratie. Später ging ich aufs Land und sah, dass die Bauern nichts zu essen hatten. Dann gab ich meine Hoffnung auf. Nach dem Massaker von 1989 trat ich aus der KPC aus.

Die kommunistischen Bewegungen haben das Leben von mindesten 150 Mio. Menschen auf der ganzen Welt gekostet. Im Vergleich dazu waren bei den zwei Weltkriegen „nur“ 30 Mio. Tote zu beklagen. So denke ich, dass die Austritte aus der KP ein Zeichen für das Erwachen der Menschen ist. Falls die KP sich nicht ändert, wird das Volk gewiss auf sie verzichten. Ich habe letztes Mal schon gesagt, die größte Krise der KP ist die KP selbst.

Epoch Times: Es ist oft zu hören: „Die KP ist nicht gut, aber was macht China ohne Führung der KP?“ Besteht die Gefahr, dass China in Chaos stürzt, wenn die KP die Kontrolle über China verliert?

Chen: Als ich an der Princeton University arbeitete, habe ich mit Professor Yu Yingshi darüber diskutiert. Yu Yingshi äußerte, dass die Geschichte leider nicht rückgängig gemacht werden kann. Hätte China damals nicht durch so viele Revolutionen gehen müssen und sich normal entwickeln können, wäre das heutige China jetzt absolut besser dran.

Die jetzige Reform in China ist ganz anders als die vor 1989. Das Resultat ist, wie manche sagen, ein Raubkapitalismus oder ein schlechter Kapitalismus. Manche nennen es totalitären Kapitalismus, eine Kombination der Abfälle aus Sozialismus und Kapitalismus. Egal was man sagt, auf jeden Fall steht die KP in China diesmal vor einer einmaligen Krise.

Die meisten Chinesen wünschen sich Veränderung, aber keine Unruhe. Obwohl ich nicht in China bin, wünsche ich mir auch eine friedliche und allmähliche Änderung in China. Falls es zu großen Unruhen kommen sollte, können die Reichen mit ihrem Geld schnell abhauen. Die einfache Bevölkerung muss leiden. So hoffen wir, und es wäre ideal, wenn die vernünftigen und aufgeschlossenen Führer in der chinesischen KP die Richtung der Entwicklung erkennen und sich aus sich selbst heraus verändern könnten.

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