Niederlande: Angst vor dem „Narco-Staat“ – Drogen-Mafia setzt jährlich bis zu 20 Milliarden Euro um

Von 22. Juli 2020 Aktualisiert: 22. Juli 2020 11:51
Lange Zeit hielt sich die Ansicht, die Niederlande hätten vorgezeigt, wie man mithilfe einer liberalen Drogenpolitik der Mafia den Boden entziehe. Dies erweist sich immer mehr als Mythos. Die Kriminalität boomt – und Cannabis ist dabei das geringste Problem.

Der Fund eines aus sieben Containern zusammengesetzten mutmaßlichen Folterkammer-Komplexes in der Gemeinde Wouwse Plantage Anfang des Monats, den eine Drogenbande errichtet haben soll, hat die öffentliche Aufmerksamkeit in den Niederlanden wieder auf ein Problem gelenkt, das im Land zunehmend eskaliert: den Drogenkrieg, der zunehmend Verhältnisse wie in Mexiko oder Kolumbien an die Polder zu bringen droht.

Mythen der Generation Interrail

Lange Zeit wurden die Niederlande als ein Land verklärt, das durch eine liberale Drogenpolitik der Kriminalität, die sich überall dort ausbreite, wo strikte Prohibition an der Tagesordnung sei, erfolgreich den Boden entzogen habe. Die Reise nach Amsterdam zum Zweck des Besuchs eines Coffeeshops wurde zum Lifestyle-Element für die Generation Interrail.

Dabei war selbst Cannabis in den Niederlanden zu keiner Zeit vollständig legalisiert. Es war lediglich seit 1976 nicht mehr strafbar, kleine Mengen davon zu konsumieren, zu produzieren oder zu verkaufen – was den Betrieb solcher Coffeeshops oder den Anbau auf dem eigenen Balkon möglich machte.

Allerdings war der Umgang mit größeren Mengen zu keiner Zeit legalisiert, was entweder die Shop-Besitzer zu einem Just-In-Time-Ankauf für den individuellen Kundenbedarf zwang oder aber dem Risiko aussetzte, mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten, weil der Einkauf von Stoff zur Vorratshaltung immer noch illegal ist.

Niederlande hinken bei Cannabis-Legalisierung mittlerweile hinterher

Beide Varianten spielen jedoch der organisierten Kriminalität in die Hände und tragen zum Ausbau und zur Festigung ihrer Strukturen bei – während gleichzeitig die niederländischen Cannabis-Erzeuger auf dem internationalen Markt das Nachsehen haben, obwohl sie qualitativ gute Ware herstellen, die in vielen Ländern, in denen das Kraut mittlerweile in stärkerem Maße legalisiert ist, marktfähig wäre. Beispielsweise im Bereich therapeutischer Anwendungen.

Wie n-tv in einem Podcast deutlich macht, erzielen die etwa 160 Coffeeshops in Amsterdam offiziell rund 300 Millionen Euro Umsatz im Jahr – nicht alles davon mit Cannabis-Tüten, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem Umfang, der nicht allein durch kleinteilige Lieferungen von Fahrradkurieren zu bewerkstelligen ist.

Bereits im Vorjahr warnte Jan Struijs von der Polizeigewerkschaft NPB gegenüber BBC, die Niederlande drohten zu einem „Narco-Staat“ zu werden. Damals hatte ein Mord an einem bekannten Rechtsanwalt die Nation erschüttert. Journalist Rob Savelberg erklärt gegenüber n-tv, die Bezeichnung als Narco-Staat treffe auf die Niederlande längst zu.

Jährlich mindestens 75 Millionen Euro für Kokain ausgegeben

Der Sozialwissenschaftler Pieter Tops und der Journalist Jan Tromp hatten in einem aufwändig recherchierten Buch, das im Vorjahr erschienen war, nachgewiesen, dass die Drogenkartelle, die von schwerreichen Bossen angeführt werden, längst die Gesellschaft unterminieren und den Staat unterwandern.

Eine europäische Abwasser-Studie ließ erkennen, dass Cannabis auch quantitativ nicht mehr die geringste Sorge der niederländischen Drogenpolitik sein dürfte: Den ausgewerteten Proben zufolge sei Amsterdam nach Antwerpen die Stadt mit dem zweithöchsten Kokainkonsum, bei Ecstasy ist man sogar unangefochten auf Platz 1.

Savelberg meint, es würden in Amsterdam häufiger Drogen per Kurier bestellt als Pizza – und einige von ihnen hätten einen festen Kundenstamm von bis zu 300 Personen. Der tägliche Drogenumsatz in der Stadt belaufe sich Hochrechnungen zufolge auf 200.000 Euro, aufs Jahr gerechnet würden mindestens 75 Millionen Euro für Kokain ausgegeben.

„Mocro-Mafia“, Clans und Motorradbanden

Die etwa 20 Milliarden Euro, die der Drogenhandel in den Niederlanden insgesamt pro Jahr einbringe, werde auf vielfältige Weise reingewaschen. Ein Viertel aller Häuser, die in Amsterdam erworben werden, würde in bar erworben – und das bei einem Durchschnittspreis von zwei Millionen. Es werden Immobilien angeschafft, Lokale eröffnet, Agenturen aller Art unterhalten und ein Netz aus Notaren, Buchhaltern, Anwälten und Maklern versorgt.

Tops und Tromp sprechen von eher losen Netzwerken ohne feste Hierarchien und einem harten Kern von etwa 20 kleinen, flexiblen Gruppierungen von ungefähr fünf Personen, die gleichsam die Geschäfte führen. Alle anderen werden bei Bedarf mit Einzelaufträgen versorgt – von Dealern über Spähposten, Schläger, korrupte Polizei- und Zollbeamte bis hin zu Auftragskillern. Einige der Banden sind auch entlang ethnischer Linien organisiert, etwa die sogenannte Mocro-Mafia, die von marokkanischen Einwanderern dominiert wird.

Sie stützen sich vielfach auf Clan-Strukturen. Gleichzeitig reichen ihre Kontakte auch nach Übersee, wo Geschäftsbeziehungen nicht nur nach Mexiko oder Kolumbien bestehen, sondern auch in die früheren niederländischen Kolonien wie Surinam oder Guyana. Neben Drogen wird auch mit Waffen und Sprengstoff gehandelt.

Bauern entdecken Drogen-Scheunen als Zubrot

Auch in ländlichen Regionen haben niederländische Drogenmafia-Banden Fuß gefasst. Im Süden des Landes werden synthetische Drogen mit einem Gesamtmarktwert von etwa 19 Milliarden Euro produziert.

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Auch örtliche Bauern optimieren häufig ihre Einkünfte, indem sie Scheunen für Produktion und Lagerung von Drogen zur Verfügung stellen. Immerhin verdienen sie damit mehr Geld als mit ihrer konventionellen Landwirtschaft. Bürgermeister oder Polizeibeamte, die nicht gewillt sind, wegzusehen, werden mit unverhohlenen Drohungen eingeschüchtert oder gar zum Ziel von Anschlägen.

Friedlich geht die Revierverteilung selten vonstatten. Dies hat zur Folge, dass Schießereien, Auftragsmorde, Entführungen und Sprengstoffanschläge immer häufiger zum Alltag in den Niederlanden gehören.

Auch Medien, die sich des Themas annehmen, bezahlen dafür zunehmend einen Preis: So soll Drogenboss Ridouan Taghi hinter einem Sprengstoffanschlag mit einem Auto auf die Tageszeitung „De Telegraaf“ sowie einen Panzerfaustangriff auf das Redaktionsgebäude des Magazins „Panorama“ stehen.

Taghi sitzt derzeit in Haft. Sein Netzwerk scheint jedoch die Geschäfte weitgehend reibungslos weiterzuführen. Erst im Mai wurden mehr als vier Tonnen Kokain im Hafen von Antwerpen beschlagnahmt, deren Zielort in den Niederlanden gewesen sein soll.