Arnulf Baring und sein Verleger Christian Strasser bei der Buchpräsentation in BerlinFoto: Margit Lesemann

In Memoriam Arnulf Baring: Autobiografische Notizen eines Unbequemen

Von 3. März 2019 Aktualisiert: 3. März 2019 21:20
Am Samstag, den 2. März, starb in Berlin der Historiker und Publizist Prof. Arnulf Baring. Zur Würdigung dieses großen Zeitgenossen, der immer mit vollem Engagement und einem wachen Geist die politische Szene bereicherte, wiederholen wir die Besprechung seiner Autobiografie von 2013.

Es mag sein Humor sein und sein klarer Verstand, dass Arnulf Baring sich nicht um den Schlaf bringen lässt, wenn er an Deutschland denkt in der Nacht. Sicherlich ist es auch sein Temperament und seine Wissbegier, die ihn wach halten und immer noch zu einem Unbequemen machen für die politische Kaste, die Medien und die gebildeten Bürger. Ihnen allen – und auch der Bundeskanzlerin – wirft er seit längerer Zeit schon vor, dass sie Ruhe für eine wichtigere Bürgerpflicht halten als inhaltsreiche Debatten und konkrete Standpunkte.

So auch in seinen autobiografischen Notizen, die  Arnulf Baring in seinem gerade im Europa Verlag erschienenen Buch „Der Unbequeme“ vorlegt.

Auf 400 überaus abwechslungsreichen Seiten durchwandert Baring die 81 Jahre seines Lebens. Erschütternd schon das erste Kapitel, in dem er schildert, wie er im Alter von fast 13 Jahren im Februar 1945 die Bombenangriffe auf Dresden und den anschließenden Feuersturm nur durch das beherzte Eingreifen seiner Großmutter überlebt hat. Zurückgekehrt nach Berlin übersteht er im April in Zehlendorf und Kleinmachnow den von brutaler Gewalt bestimmten Einmarsch der Russen. Selbst im Abstand der Jahrzehnte ist das Grauen noch zu spüren. Gleichzeitig gibt der Politikwissenschaftler und Zeithistoriker eine klare Sicht sowohl auf sein Erleben und seine Gedanken zu dieser Zeit, als auch seine aus heutiger Betrachtung distanzierte Einordnung in historische Zusammenhänge.

Wer sich nie für Geschichte interessiert hat, kann in diesem Buch Geschichten hautnah erleben aus den über sechs Jahrzehnten der Bundesrepublik, die alles andere als trocken sind. Man kann an der drängenden Wissbegier des Arnulf Baring teilhaben und an seinen Begegnungen mit den Figuren der Zeitgeschichte, ohne in Fakten zu ersticken. Und man wird immer Barings Meinung erkennen. Ob man sie teilt oder nicht, ist ihm auch in öffentlichen Debatten weniger wichtig, als die Möglichkeit des freien Meinungsaustausches, der für ihn die wesentlichste Komponente einer Demokratie ist.

Und so schreibt er, was ihn umtreibt: „Die repräsentative Demokratie hat den Sinn, komplexe Sachverhalte zu filtern und dann in alternativen Modellen zu einer gewissen Anschaulichkeit zu verhelfen, sodass der Bürger zwischen verschiedenen Modellen wählen kann. Diese wichtige Aufgabe wird praktisch kaum noch von den Politikern erfüllt. Bei großen Fragen breitet sich allgemeine Ratlosigkeit aus, auch die Neigung, sich wie ängstliche Schafe  aneinanderzudrängen. Echten Meinungspluralismus trifft man kaum noch an. Die Repräsentanten des Volkes tun nicht mehr das, was sie eigentlich tun müssten – den Bürgern durch eine verantwortungsbewusste Vereinfachung der Fragestellung eine vernünftige Willensbildung zu ermöglichen. Stattdessen verfahren die Politiker genau umgekehrt: Sie halten es für ausgeschlossen, den Wählern eine sachdienliche Entscheidung zuzutrauen.“

Und er wird noch deutlicher: „Die Uniformität, auch die Denkfaulheit und Ängstlichkeit, die unsere politische Kultur untergräbt, ist gefährlich. Nur durch offene Kontroversen erfahren wir etwas über unsere Wirklichkeit und ihre Widersprüche.“

Kapitel für Kapitel ist angereichert mit persönlichem Erleben und eigener Einschätzung, ob das die deutsche Wunde ist im ersten Kapitel, die Mangeljahre, der beruflichen Kurswechsel, die Politik aus der Nähe oder Kapitel 5, Was mich bewegt und Kapitel 6, Glaube, Liebe, Hoffnung. Immer bleibt Baring offen, nahezu ungeschützt, obwohl er bis zur Rufmordkampagne alles erlebt hat, was innerlich verletzen kann. Dem Verleger Christian Strasser sei Dank, dass er Baring trotzdem zu diesem Buch überreden konnte.

Bewegend das letzte Kapitel mit den Abschnitten Protestant im Zweifel, Schweigend glauben, Ehe und Freundschaft, Die Untiefen der Liebe und Das Ich altert nicht. Wie Baring diese Wanderung seines persönlichsten Lebens und Erlebens selbstkritisch, dankbar und auch hoffnungsvoll schildert, das ist ebenso lesenswert wie sein imponierender beruflicher Lebensweg und seine politischen Einschätzungen.

Hoffnungsvoll wirkt es, weil Arnulf Baring durchaus nicht vergreist ist und weil seine Kinder das schönste Geschenk seines Lebens sind, für deren Zukunft er sicherlich weiterhin meinungsstark in den Ring steigen wird.

Arnulf Baring
Der Unbequeme
Autobiografische Notizen
Europa Verlag Berlin
ISBN 978-3-944305-12-7
400 Seiten, Format 13,7 x 21,7 cm
€ 21,90 (D) / € 22,60 (A) / CHF 31,50


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