Newsroom statt Kampa: Die AfD ist ein Faktor, der die etablierten Parteien unter Zugzwang setzt

Von 25. April 2019 Aktualisiert: 25. April 2019 15:54
Ein Shitstorm nach einer missglückten Äußerung, Themen forcieren, die den Bürger nicht interessieren und eine in sozialen Medien stark präsente AfD: Um den Tücken der modernen Kommunikation zu begegnen, versuchen immer mehr Parteien nun selbst zu Onlinemedien zu werden.

Die Tage, da die „Kampa“, die Franz Müntefering einst für die Wahlkampagnen der SPD eingerichtet hatte, noch in der Lage war, Agenden zu setzen, sind vorüber. Die Digitalisierung und der Siegeszug der sozialen Medien haben die Parteien vor Herausforderungen gestellt, denen sich nicht alle in gleichem Maße als gewachsen erwiesen.

Wie die „Welt“ berichtet, versuchen die Parteien nun mithilfe eigener Newsrooms, die jenen der Onlineredaktionen großer Medien nachempfunden sind, ihre Kommunikation zu optimieren. Es sind demnach mehrere Faktoren, die sie dazu zwingen.

Algorithmen offenbaren, was Bürger tatsächlich bewegt

Die Dynamik, die soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter zu schaffen in der Lage sind, macht es erforderlich, rasch reagieren zu können. Shitstorms sind schnell entfacht und schwer im Zaum zu halten. Es genügen nicht selten missverständliche oder zweideutige Äußerungen, um die Massen digital in Bewegung zu setzen – manche Politiker wie Robert Habeck (Grüne) oder Sawsan Chebli (SPD) haben nach entsprechenden Erfahrungen bereits vollständige oder teilweise Rückzüge aus sozialen Medien vollzogen.

Auch wenn Twitter in Deutschland bislang nicht die Bedeutung erlangen konnte, die sich das Unternehmen gewünscht hätte: Nachrichtenwert erlangt, was dort geschieht, sobald ein traditionelles Medium sich eines Beitrages annimmt. Im Regelfall ist das dann der Fall, wenn ein Politiker oder Journalist, der Twitter nutzt, dort etwas potenziell Skandalträchtiges von sich gibt.

Die Parteien-Newsroom hingegen wollen helfen, auch Beiträge aufzuwerten, wie sie bislang oft unbeachtet blieben. Klassische Medien verlieren an Bedeutung und es wird für die Parteien auf diese Weise immer schwieriger, Agende zu setzen. Gab es zu „Kampa“-Hochzeiten in Zeiten der Dominanz traditioneller Publikationen noch ein fruchtbares Zusammenspiel von Politik und Medien, die es den Parteien erleichterte, Themen zu setzen, sind es heute die Algorithmen der Social Media, die wissen, welche Themen die Bürger tatsächlich interessieren.

„AfD-TV“ noch in den Kinderschuhen

Dies ändert auch die Aufgabenbeschreibung für die Parteien: Gab man einst noch selbst den Takt vor, geht es heute darum, im Idealfall die Bürger dort abzuholen, wo sie tatsächlich stehen, oder mindestens darum, nicht komplett an ihren Interessensfeldern vorbei zu agieren – und zu agitieren.

Außerdem ist die AfD ein Faktor, der die etablierten Parteien unter Zugzwang setzt. Zwar bleibt der eigene Newsroom im Bundestag, den die Partei als erste überhaupt eingerichtet hatte, noch weit hinter seinen Möglichkeiten zurück und von einem „AfD-TV“ kann erst recht keine Rede sein.

Dennoch ist die Partei eine Macht in den sozialen Medien. Sie profitiert davon, dass ihre Anhänger die unverblümte Ansprache dem Spindoktoren-Sprech der Presseabteilungen vorzieht und auch die Zuspitzung nicht scheut.

Weil die AfD-Anhänger dort so aktiv sind, sich in jede Schlacht stürzen, ziehen sich andere Parteigänger genervt aus diesen Foren zurück“, diagnostiziert „Die Welt“.

Solange die „Wir gegen die“-Konstellation bestehe, betrachten insbesondere die Anhänger der rechtskonservativen Partei die sozialen Medien als ihr Hauptagitationsfeld. Die anderen Parteien müssten hingegen darauf achten, nicht durch zu unsensible Inhalte auf Facebook und Twitter potenzielle Koalitionspartner zu verprellen.

„Werkstattgespräch“ mit neuem Ansatz

Bislang sind die Parteien-Newsrooms überschaubar bestückt. Die SPD beschäftigt darin gerade einmal sechs Personen. Allerdings handelt es sich bei einer davon um Carline Mohr. Diese war immerhin Social-Media-Leiterin von bild.de und steht nun hinter den Memes, die derzeit die sozialen Medien fluten und verkünden, dass „Europa die Antwort“ sei. Die Bundestagsfraktion hingegen arbeite erst am Aufbau einer solchen Medienlösung.

Hingegen will Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, der selbst vor seinem Wechsel in die Politik Volontär und Redakteur im Bayerischen Rundfunk war, in einem eigenen Newsroom in München Online-Kommunikation und Pressearbeit der CSU bündeln. Bei der Ausbildung von Journalisten, die auf Dauer diese Funktion ausüben sollen, will die parteinahe Hanns-Seidel-Stiftung die entscheidende Rolle spielen.

Die CDU hat mit ihren „Werkstattgesprächen“ einen Anfang hin zu einer professionellen Newsroom-Arbeit in Zeiten der Digitalisierung gemacht. Die Medienöffentlichkeit stellte sie dazu nicht im Adenauer-Haus als dem Veranstaltungsort her. Wer als Journalist dem Event folgen wollte, musste dies via Livestream tun.

Ob eine solche Strategie auf Dauer das Medieninteresse hoch halten wird, bleibt offen: Neben dem Thema und den Podiumsteilnehmern selbst sind es nicht selten die „inoffiziellen“ Gespräche am Rande solcher Veranstaltungen mit Spitzenpolitikern oder namhaften Gästen, die für politische Medienschaffende den entscheidenden Mehrwert beinhalten.

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