Symbolbild.Foto: Julian Stratenschulte/dpa/dpa

Wirtschaftsethiker: „Erosion der Moral durch Moralisieren zerstört wechselseitiges Vertrauen“

Von 2. März 2020
Im Gespräch mit dem Publizisten Gabor Steingart beklagt Wirtschaftsethiker Prof. Andreas Suchanek, dass in Politik und Wirtschaft das Vertrauen in die Lauterkeit der Motive Andersdenkender verloren gegangen sei. Das habe auch mit dem Drang zum Moralisieren zu tun.

Am Sonntag (1.3.) stand der Wirtschaftsethiker Prof. Andreas Suchanek dem bekannten Publizisten Gabor Steingart zu einem Gespräch im Rahmen des von diesem betriebenen Formats „Morning Briefing“ zur Verfügung. Dabei diagnostizierte Suchanek, der an der HHL Leipzig Graduate School of Management Wirtschafts- und Unternehmensethik lehrt, einen Verlust an Vertrauen zwischen den Akteuren in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft, der auch mit einer „Erosion der Moral durch das Moralisieren“ zusammenhänge.

Suchanek, dessen Forschungsschwerpunkt das „Glaubwürdigkeitsmanagement“ ist, ist ein Schüler des bekannten Ökonomen und Unternehmensethikers Karl Homann. Schon dieser hatte das seit 30 oder 40 Jahren zu beobachtende Phänomen angesprochen, dass

Menschen, denen man zubilligt, für moralische Vorstellungen […] oder die Verbesserung der Welt zu stehen, Forderungen an Führungskräfte oder Politiker richten, und dann aber Dinge einfordern, die gar nicht so durchdacht sind.“

Moral und Ethik nicht losgelöst von Wirklichkeit denken

Ein Beispiel dafür seien jene, die eine politisch erzwungene Reduktion der Mieten einfordern, um armen Menschen günstigen Wohnraum zu sichern, aber am Ende politische Maßnahmen träfen, die genau jenen schadeten, denen sie nützen sollten. Auch Forderungen wie eine vollständige Ökologisierung der Landwirtschaft oder ein Verbot von Pestiziden hätten gravierende Verwerfungen – vor allem in ärmeren Ländern – zur Folge.

Moral und die Reflexionsform der Ethik sollten sich mit den Bedingungen der Wirklichkeit auseinandersetzen, betont Suchanek, der als Vorstandsvorsitzender des Wittenberg-Zentrums für Globale Ethik auch zahlreiche Unternehmen berät. Sie sollen nach den Folgen, auch den Sekundärfolgen, der eigenen Handlungen fragen. Dies sei gerade in Wirtschaft und Politik sehr wichtig.

Es sei eine gefestigte und über Jahrzehnte hinweg bestätigte Erkenntnis und Erfahrung, dass Privateigentum Menschen dazu bringe, mit diesem sorgsam umzugehen, man könne es auch jederzeit noch tauschen. Wäre alles nur Allgemeineigentum, stellte sich die Frage, warum man sich um etwas scheren solle, was man gerade benutze. Dies sehe man auch mit Blick auf die Natur:

Wenn wir keine Eigentumsrechte an der Natur haben, gehen wir sorglos damit um.“

Wirtschaftsethik widerspiegele ebenfalls zeitlose Weisheiten

Natürlich bräuchte auch Privateigentum Regeln, Gesetze und einen Verantwortungssinn, weil es Fälle gäbe, in denen ohne Rücksicht auf andere Interessen Kapital akkumuliert werde. Missbrauch sei in jedem System möglich, deshalb seien auch hier Recht und Ethik nötig, aber keine umfassende Durchregulierung.

Forschungsschwerpunkte Suchaneks sind die Frage nach Verhältnis zwischen Gewinn und Glaubwürdigkeit sowie das, was er als „Vertrauensmanagement“ bezeichnet. Es gehe dabei um eine Ethik, in der sich betriebswirtschaftliche Ziele, gesellschaftliche Erwartungen und individuelle Moral nicht länger feindlich gegenüber stünden.

Ethik, so Suchanek, wechsele auch nicht nach Tagesform. Sie spiegele vielmehr einige sehr tiefgründige Weisheiten wider, die sich über alle Zeiten und in allen Kulturen wiederfänden. Das sei der Grundstock. Diese Weisheiten müsse sie in konkreten und zum Teil komplexen Fragestellungen anwenden – in denen etwa bislang noch nicht bekannte Nebenwirkungen auftreten oder etwas nur anfänglich gut laufe.

Um praktikable Lösungen zu finden, müsse man sich an die Theorie des kommunikativen Handelns halten. Es sei wichtig, eine respektvolle und sachorientierte Gesprächsbasis zu schaffen, was nicht immer der Fall sei. Dialog als Verfahren zur Lösungsfindung sei ein wesentlicher Aspekt. Dieser respektvolle Umgang erlebe seine Feuerprobe im tatsächlichen Konfliktfall und im Alltagsstress, wo psychologische Routinen einkehren, die Druck erzeugen.

Ohne Vertrauen keine Lösungskompetenz

Was heute vielfach fehle, sei die Fähigkeit, dem anderen zu unterstellen, an der Wahrhaftigkeit orientiert zu sein – auch wenn man nicht davon ausgehen könne, dass jeder immer die Wahrheit sage. Die eigene Rede, so Suchanek, solle mit dem eigenen Tun im Einklang stehen und den anderen nicht gezielt in die Irre führen oder schädigen. Gelänge es, dies sicherzustellen, könnte man auch etwa im Verhältnis zwischen stark entgegengesetzten Akteuren wie Monsanto und Nichtregierungsorganisationen viel schneller zu Lösungen finden.

Immerhin verfolge auch Monsanto legitime Ziele, nämlich Geld zu verdienen mit Produkten, die vielen Menschen helfen. Aber auch die Bedenken der Gegenseite beruhten auf berechtigten Werten.

„In Vertrauen investieren“ sollte auch für Shareholder als Imperativ gelten, macht Suchanek deutlich. Compliance sei dabei ein wichtiger Weg, um Vertrauen aufzubauen. Zudem müsse es darum gehen, auch in zukunftsentscheidenden Bereichen wie der Innovation das „Dringliche nicht vor das Wichtige“ zu setzen.



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