„Faszinierendes soziales Experiment“? – Schulen verbieten Kindern beste Freunde

Von 16. April 2019 Aktualisiert: 16. April 2019 10:36
Freundschaften verbieten, um Freundschaft zu ermöglichen: Vor zehn Jahren war es eine Schule in Missouri, die sich dazu bekannte, Einfluss auf das soziale Kontaktverhalten ihrer Schüler zu nehmen. Die Schule von Prinz George in Großbritannien greift das Thema auf – nun ziehen auch andere nach.

„Ein Freund, ein guter Freund“ wäre das „Beste, was es gibt auf der Welt“, heißt es in dem bekannten Schlager, den Werner Richard Heymann 1930 für den damaligen Kino-Kassenschlager „Die Drei von der Tankstelle“ geschrieben hatte.

Im Zeichen des Social Engineerings, das immer mehr Bildungseinrichtungen als eine ihrer Kernaufgaben zu begreifen scheinen, dürfte diese Einschätzung zunehmend auf Widerspruch stoßen. Bereits vor knapp zehn Jahren berichtete die „New York Times“ darüber, dass an der Einrichtung „Mary Institute und St. Louis Country Day School“ in Ladue, Missouri, Kinder dazu angehalten wurden, keinen „besten Freund“ zu haben.

„Ich denke, es ist eine Vorliebe von Kindern, Pärchen zu bilden und diesen einen besten Freund zu haben“, erklärte damals die Leiterin des Beratungsstabes der Einrichtung, Christine Laycob. „Wir versuchen, sie dazu zu ermuntern, dies nicht zu tun. Wir versuchen, mit den Kindern darüber zu sprechen und daran zu arbeiten, dass sie große Gruppen von Freunden haben und nicht so besitzergreifend sind.“ Eltern würden zwar manchmal sagen, ihr Kind brauche diesen einen besonderen Freund, „wir aber sagen, er braucht ihn nicht“.

Ferienlager sprengte Pärchenbildung durch bewusste Separation

Auch das Timber Lake Camp im Bundesstaat New York hatte bereits damals sogenannte „Freundschafts-Coaches“ beschäftigt, die damit beauftragt waren, die Struktur der Freundschaften, die sich in den Ferienlagern bildeten, zu beobachten und notfalls zu intervenieren. Wenn zwei Kinder allzu stark aufeinander fokussiert waren, sorgte die Campleitung dafür, dass sie in verschiedene Sportgruppen kamen, weit voneinander entfernt in den Speisesälen platziert wurden oder gar von Betreuern dazu angehalten wurden, mit Kindern etwas zu unternehmen, die sie noch nicht kannten.

Auf diese Weise wollte man verhindern, dass „die Fähigkeit eines Kindes beschränkt wird, die Welt zu erkunden“.

Mittlerweile scheint der Trend der gelenkten Sozialisation – auf dem Umweg über Großbritannien – auch in hiesigen Breiten angekommen zu sein. Das Magazin „Brigitte“ schreibt von einem „weltweiten Trend“, wonach immer mehr Schulen Kindern verbieten würden, andere Kinder zu ihren engsten Freunden zu erklären.

Zitiert wird die US-amerikanische Kinderpsychologin Barbara Greenberg, die von einem „sehr faszinierenden sozialen Experiment“ spricht. Offenbar in Unkenntnis der bereits vor zehn Jahren durch die „New York Times“ gegangenen Berichte lokalisiert „Brigitte“ den Ursprung der Idee in der Schule des britischen Thronfolgers Prinz George, dem – wie dem Rest der Schülerschaft – dort die Vorgabe gesetzt wurde, keinen „besten Freund“ haben zu dürfen.

„Kontrolliertes Sozialisieren statt jeder, wie er will“

Die Kontrolle geht dabei offenbar so weit, dass sogar geprüft wird, ob auch wirklich alle Schüler einer Klasse zu Geburtstagsfeiern eingeladen werden. So soll sichergestellt werden, dass alle Kinder „gleichgestellt“ wären und sich niemand ausgegrenzt fühlen müsse. Greenberg zufolge würden so Freundschaften „nicht verhindert, sondern sogar gefördert“.

Psychologieprofessor Brett Laursen von der Florida Atlantic University fand dieses „soziale Experiment“ schon gruselig, als es erst in einzelnen Einrichtungen der USA durchgeführt wurde. Er fragte: „Wollen wir Kinder wirklich zu oberflächlichen Beziehungen aller Art ermuntern? Wollen wir wirklich unsere Kinder dazu heranziehen?“

Für spätere romantische Beziehungen könnte diese Strategie Gift sein. „Wir sollten daran interessiert sein, dass unsere Kinder in der Lage sind, enge Beziehungen gut zu führen, nicht oberflächliche.“

Abgesehen von dem Fehlen einer Rechtsgrundlage, die es Schulen oder Erziehern an öffentlichen Einrichtungen gestatten würde, durch so weitreichende Interventionen in private Lebensbereiche von Kindern und ihren Erziehungsberechtigten einzudringen, halten viele Fachleute den Ansatz des „sozialen Experiments“ für verfehlt.

Spätestens bei Facebook ist mit der Gleichmacherei Schluss

Psychologen gehen in ihrer überwiegenden Mehrheit davon aus, dass enge Freundschaften in der Kindheit nicht nur Selbstvertrauen und Zuversicht bei Kindern stärken, sondern diesen auch helfen, die Fähigkeiten zu erlernen, die auch gesunde Beziehungen im Erwachsenenalter brauchen: von der Empathie über die Fähigkeit, zuzuhören und zu trösten, bis hin zum Streiten und sich wieder Versöhnen. Von Erwachsenen choreografierte und gelenkte Kinderfreundschaften würden dies nicht leisten können.

Im Übrigen könnte die Mühe der selbstberufenen Sozialingenieure ohnehin spätestens in dem Alter umsonst gewesen sein, da die Kinder beginnen, sich in sozialen Medien anzumelden: So gibt etwa Facebook jedem Nutzer die Möglichkeit, bei seinen anfänglich gleichen „Freunden“ schon bald zwischen Familie, engen Freunden und bloßen Bekannten zu unterscheiden – und nach Belieben zusätzlich Gruppen und Listen anzulegen, um zu gewährleisten, dass nicht jeder jeden Inhalt, den er postet, zu Gesicht bekommt.


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