Falun Gong: Der Mann, der Chinas Zensur durchbrach (Teil 2)

Von und 25. April 2017 Aktualisiert: 25. April 2017 14:47
Anlässlich des 18. Jahrestags der friedlichen Demonstration von Falun Gong Praktizierenden im Pekinger Regierungsviertel Zhongnanhai veröffentlichen wir die Artikelserie „Falun Gong: Der Mann, der Chinas Zensur durchbrach“ erneut. Yu Chao war zu der großen Demonstration in Peking gegangen und wusste nicht, was ihn dort erwartet. Doch innerlich hatte er mit seinem Leben abgeschlossen.

Zehn Jahre verbrachte der Informatiker Yu Chao (43) in Pekinger Gefängnissen, weil er Berichte über die Folter an Falun Gong-Praktizierenden ins Ausland geschleust hatte. Seinen gefährlichen Wettlauf gegen den allgegenwärtigen Überwachungsstaat schilderten wir bereits in Teil 1. Warum er sich dazu entschloss und was er im Gefängnis erlebte, erzählt er hier.

Rückblick: Wie Yu dazu kam, sein Leben zu riskieren

„Falls ich heute erschossen werde, sollte ich wenigstens frische Kleidung tragen“, dachte Yu Chao am 25. April 1999, als er sich morgens anzog. Dass jemand am Ende des Tages seine Leiche wegräumen musste, war für den 27-jährigen Pekinger ein realistisches Szenario: Freunde von ihm waren im Kugelhagel des Tiananmen-Massakers von 1989 gestorben.

Er würde am Protest vor der Verbotenen Stadt teilnehmen, zu dem sich an diesem Tag 10.000 Menschen versammeln sollten. Leute aus unterschiedlichen sozialen Schichten, die eines verband: Sie wollten Falun Gong, eine buddhistische Meditationsübung, unbehelligt praktizieren dürfen.

Freiheit inmitten der Diktatur

1992 war diese spezielle Form von Qigong in China veröffentlicht worden und hatte rasant an Popularität gewonnen. Wegen der außergewöhnlich positiven Wirkungen auf Körper und Geist bildeten sich Falun Gong-Übungsplätze im ganzen Land, wo sich hunderte – und in Großstädten manchmal tausende Chinesen – täglich trafen. In der Morgendämmerung, den Mittagspausen oder nach der Arbeit machten sie die energetisierenden Übungen. Gemeinsam, freiwillig, in friedlichen Massen – und dies alles unter den Argusaugen der Diktatur.

Die Bewegung hatte zu diesem Zeitpunkt 100 Millionen Anhänger in ganz China und damit eine Dimension erreicht, die den Machthabern Angst einflößte. Die 65 Millionen registrierten Mitglieder der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) waren auf einmal in der Minderzahl.

Ein junger Mann riskiert alles

Kurz vor dem 25. April 1999 hatte es erstmals Übergriffe auf Falun Gong-Praktizierende gegeben, mit Wasserwerfern und Festnahmen. Yu wollte etwas dagegen tun. Und das, obwohl er keine Lust hatte, sein Leben zu verlieren: Er war 27, hatte die Tsinghua-Universität absolviert und einen Karriere-Traumstart hingelegt, als IT-Spezialist eines internationalen Unternehmens.

Yu war ein Denker. Ein Typ, mit eigenen Ansichten. Keiner, der unbedacht Dinge unternahm oder sich von der Masse mitreißen ließ. Er wusste, wäre er erst einmal als „Staatsfeind“ gebrandmarkt, würde er alle Annehmlichkeiten verlieren – und vielleicht noch mehr. Die Geschichte hatte bereits gezeigt, wie das Regime seine erklärten Feinde behandelte: „Erbarmungslos wie der kalte Winter“.

Doch für Yu war es, als ging er an diesem Frühlingstag für den Sinn des Lebens auf die Straße: Er war einer von Millionen Chinesen, der durch Falun Gong seine Wurzeln wiedergefunden hatte.

Er wuchs als „Maos braves Kind“ auf

Mit drei Jahren hatte Yu sich zum ersten Mal melancholisch und leer gefühlt. Damals im Kindergarten, als man ihn und die anderen mit dem Spruch zur Mittagsruhe schickte: „Seid die braven Kinder des Vorsitzenden Mao und schlaft!“ Yu erinnert sich noch genau an diesen Moment. Er konnte nicht schlafen, beobachtete das Wandern der Sonnenstrahlen und fragte sich: „Maos braves Kind sein … War das alles?“

Die stille Trostlosigkeit begleitete ihn ständig – bis er mit 21 Jahren zufällig auf Falun Gong stieß. Von sich aus hätte er sich nie mit Qigong beschäftigt. Doch Yu litt damals an chronischen Magenschmerzen und gab viel Geld für Medikamente aus, weshalb ihn seine Mutter überredete, es mit den Übungen zu versuchen. Falun Gong war damals ganz neu und eine Art alternativer Trend.

Es kombinierte uralte Weisheiten über die Eigenschaften des Universums mit leicht erlernbaren Meditationsübungen. Für die Chinesen wirkte Falun Gong wie das fehlende Bindeglied zwischen Tradition und moderner Wissenschaft.

Für Yu ein Schlüsselerlebnis. „Ich fühlte mich, als hätte ich 21 Jahre lang mit verbundenen Augen gelebt.“ Er fing an, die Prinzipien „Wahrhaftigkeit, Barmherzigkeit und Nachsicht“ in sein Leben zu integrieren und Fehler nicht mehr bei anderen, sondern bei sich selbst zu suchen. Auf einmal fühlte sich sein Leben sinnerfüllt an, Neid und negative Gedanken traten zurück.

Mit Fokus auf dem eigenen inneren Frieden sollte Yu die kommende, jahrelange Extremsituation überstehen.

Nachdem Falun Gong vom damaligen Staatschef Jiang Zemin verboten worden war, ging Yu zum Protestieren auf den Platz des Himmlischen Friedens. „Die Übungen machte ich nicht mal regelmäßig, wollte aber unbedingt demonstrieren“, sagte er.

„Sinnstiftende Dinge sind selten, vor allem in einer Gesellschaft wie China. Der Gefahr war ich mir jedes Mal bewusst“.

Die erste Festnahme

Mögen Sie unsere Artikel?
Unterstützen Sie EPOCH TIMES
HIER SPENDEN

Das erste Mal wurde Yu am 15. Oktober 1999 verhaftet, als er am Amt für Öffentliche Sicherheit eine Petition gegen die Verfolgung einreichte. „Nach chinesischem Gesetz mein Recht – aber sie verhafteten mich trotzdem.“

Zwei Wochen später wurde seine Frau verhaftet, weil sie im Büro für Öffentliche Sicherheit für ihr Recht auf Falun Gong pochte. Danach musste ihr kleiner Sohn von den Großeltern betreut werden.

38 Tage war Yu in Gefangenschaft, zuerst im Pekinger Haidan-Gefängnis, danach im Arbeitslager. Bei seiner Freilassung hatte er am ganzen Körper Krätzmilben. Auch Yus Angehörige wurden einer nach dem anderen wegen Falun Gong verhaftet. Seine Schwester, eine Dozentin für Wirtschaft und Management der Tsinghua-Universität, wurde zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt.

Im August 2001 war der Druck so groß, dass Yu und seine Frau in die Obdachlosigkeit untertauchten, um erneuter Verhaftung zu entgehen. Sie verließen nachts die Wohnung und brachten ihren 3-jährigen Sohn zu einer Freundin. Bei ihr lebte der Kleine zehn Monate und begann, sie für seine Mama zu halten.

Ein Todesfall ließ ihn die Angst vergessen

„Von 1999 bis Mitte 2000 war ich vor Angst wie gelähmt“, sagt Yu.

Mit seinem Knowhow hätte er verschlüsselte Mails programmieren können, um mit ausländischen Medien Kontakt aufzunehmen. Aber er zögerte. „Weil ich wusste, wozu die Regierung in der Lage war. Weil ich ihre Brutalität selbst erlebt hatte.“

Dann kam eine Erfahrung, die ihn die Angst vergessen ließ: Eine junge Frau aus seinem Bekanntenkreis starb an den Folgen von Folter. Zhao Xin war erst 32 Jahre alt und bereits Wirtschaftsprofessorin der Pekinger Uni gewesen.

Ihre Halswirbel waren durch Prügel gebrochen worden, wodurch sie querschnittsgelähmt war. Im Zuge der anschließenden Operation entfernte man ihr einen Teil der Speiseröhre, wodurch sie die Stimme verlor. Yu ist sich sicher: „Das taten sie, um sie zum Schweigen zu bringen.“

Mit einem Plastikrohr im Hals rang sie immer wieder keuchend nach Worten. Sie wollte mit dem Rollstuhl zum Tiananmen-Platz geschoben werden, um dort zu protestieren. Doch sie war körperlich zu schwach. Sechs Monate später erlag sie ihren Verletzungen.

„Danach wollte ich Zhao Xins Geschichte an die Öffentlichkeit bringen. Die Welt da draußen musste von diesem Verbrechen erfahren“, sagt Yu. Er begann mit einem Team von fünf anderen, heimliche Treffen zwischen Folteropfern und westlichen Korrespondenten zu arrangieren. Die Arbeit lief einige Monate gut. Dann wurde das Team der Reihe nach verhaftet.

Zehn Jahre Gefängnis und Folter

Yu wurde zu 10 Jahren Haft verurteilt, die in einer sogenannten „Rechtserziehungsanstalt“ begannen – einem Gehirnwäschezentrum, speziell für Falun Gong-Praktizierende. Elf Monate Folter am Stück.

„Die Wärter kickten mich brutal in die Rippen … ihre Wut war rasend, geradezu delirisch“, sagte Yu. „Aber ich war in diesem Moment innerlich gelassen und glücklich mit mir selbst. Ich wusste, was ich getan hatte, war für die Verfolgung ein Schlag gewesen.“

Die Wärter wechselten sich ab, als sie Yu ins Gesicht schlugen, bis seine Ohren betäubt brummten. Er aber schaute ihnen freundlich in die Augen und fragte sie nach ihren Namen. Keiner antwortete.

„Ihr traut euch, mich zu schlagen, wollt mir aber nicht eure Namen verraten?“, lachte Yu. „Wissen eure Mütter, wie ihr euer Geld verdient? Habt ihr eine Freundin? Weiß die, was ihr hier tut?“

Wieder antwortete niemand. Aber die Wachen schien sein Blick zu beängstigen und sie begannen, ihm die Finger in die Augen zu bohren. Trotz der starken Schmerzen schaute Yu sie weiter an. Einige schlugen weniger hart zu.

„In diesem Augenblick erkannte ich, wie bedauernswert sie waren. Unfähig, eigene Entscheidungen zu treffen, konnten sie nichts anderes als Befehle befolgen“, so Yu. Danach begannen die Wachen, Beleidigungen auf Zettel zu schreiben und mit Spucke in sein Gesicht zu kleben.

Im Gehirnwäschezentrum war Yu von August 2002 bis Juli 2003. „Oft konnte ich Traum und Realität nicht mehr unterscheiden“, sagt er. „Zwei Monate lang durfte ich täglich nur eine Stunde schlafen.“

100 Tage am „Totenbett“

Er wurde an ein „Totenbett“ gefesselt, das aus einer Holzplanke anstatt einer Matratze bestand. Obwohl sein linker Ellenbogen durch Prügel ausgerenkt war, bogen ihn die Wachen noch hinter seinen Rücken, um ihn mit Handschellen anzuketten. „Es war extrem schmerzhaft. Ich schwitzte kalten Schweiß am ganzen Körper.“ Seine Füße waren mit einem Strick gefesselt. Vier Tage lang war er in dieser Position gefangen und war gezwungen, sich an Ort und Stelle zu erleichtern.

Über 100 Tage verbrachte er auf dem „Totenbett“ und wurde nur gelegentlich abgekettet. Er durfte sich nicht waschen und bekam pro Tag nur 2 Tassen Wasser zu trinken. Einen Schluck davon spuckte er sich in die Hand, um sein Gesicht damit zu waschen. Jeden Morgen wachte er mit tränenden Augen auf. „Weil mein Gesicht so lange nicht gereinigt worden war, sammelte sich verhärteter Eiter um die Augen.“ Und weil er fünf Monate lang nicht duschen durfte, schuppte sich seine Haut.

Das Jahr von Juli 2003 bis Juli 2004 verbrachte er in verschiedenen Zellen. Einige waren so überfüllt, dass er und 50 andere sich eine Fläche von 40 Quadratmetern teilten. Bis zum 20. Februar 2012 war er im Pekinger Tianjin-Gefängnis. Hier begann der Tag um 4:30 Uhr und selbst im eisigen Winter mit „Jogging“. Danach wurden „Umerziehungs-Materialien studiert“.

Und obwohl sie auch dort nicht duschen durften, waren sie gezwungen, mit Nahrungsmitteln zu hantieren. Laut Yu eine Standardarbeit für Gefangene: Einige platzierten Kuchen auf Papptellern, die in Plastik verpackt wurden. Yu musste Bonbons einwickeln – und zwar so stramm, dass es maschinell aussah. Einige seiner Mitgefangenen verloren dadurch ihre Fingernägel.

Eine andere Foltermethode war die Beschallung mit Lautsprechern, die so extrem aufgedreht waren, dass ihm Ekel und Übelkeit die Brust zuschnürten. Die Beschallung erlitt er eine Woche lang, täglich von 6.00 bis 22.00 Uhr. Auch das Reinigen von Klärgruben gehörte zu seinen Erfahrungen. „Mit dieser Arbeit wollte man meine Würde und Selbstachtung zerstören“, so Yu.

Wie die Flucht in die USA gelang

Nachdem er 2012 entlassen worden war, beantragte er einen Reisepass.

„Unter normalen Bedingungen hätte ich nie einen bekommen“, so Yu. „Mein Glück war, dass sie es bei gebildeten Menschen lockerer handhaben. Man will nicht, dass Tsinghua-Absolventen, die im Gefängnis waren, den Rest der Bevölkerung informieren …“

Im Mai 2013 kam der mittlerweile 41-jährige Yu mit seiner Frau und seinem 15-jährigen Sohn in New York an. Als er sich am Flughafen zwischen Urlaubern und Geschäftsleuten hindurchschlängelte, war er innerlich wie tot. Erst nach fünf Tagen begriff er, dass er frei war.

„Die größte Herausforderung ist, was danach kommt“, sagt er. Bis zum heutigen Tag kann er nicht auf dem Rücken schlafen, wegen der schweren Rippenverletzungen. Trotzdem will er nicht an Rache denken.

„Ich erinnere mich ständig daran, dass die eigentlichen Folterer diejenigen sind, die die Verfolgung inszeniert haben – nicht unbedingt ihre Handlanger. Die wurden nur zum gedankenlosen Gehorsam gedrillt.“

„Ich glaube, der einzige Weg, um Menschen zu verändern, ist ihr Herz zu berühren: Zu zeigen, dass es möglich ist, NICHT zu hassen.“