Die „Venus“ von Willendorf – Doch kein Fruchtbarkeitssymbol?

Von 10. Juni 2015 Aktualisiert: 10. Juni 2015 17:15
Antikes Fruchtbarkeitsidol oder „Statue des Konsums“ ?

Die Forscher sind sich bei Forschungsprojekten nicht immer in allen Dingen einig. Bei der „Venus“ von Willendorf jedoch spricht nahezu jeder von einem Fruchtbarkeitssymbol. Manche sprechen sogar von einer Göttin, andere von der „Urfrau“ oder der Verkörperung der Mutter Erde. Ähnliche Beurteilungen werden über andere Statuetten der gleichen Zeit gemacht. Wieso wählte aber der Künstler keine jugendliche, wohlgeformte Figur, wenn sie ein Fruchtbarkeitssymbol darstellen sollte oder war die Aussageabsicht gar eine völlig andere?

Die Welt vor 25.000 Jahren

Nun wird es sicher nicht einfach sein, aus so weit zurück liegenden Zeiten nachzuempfinden, was die Menschen damals mit solchen Darstellungen meinten. Immerhin stammt diese „Venus“ aus einer Zeit, die ca. 25.000 bis 26.000 Jahre zurückliegt. Wenn wir uns jedoch diese Statuette ansehen, dann fallen dabei einige besondere Merkmale auf.

Das auffallendste Merkmal ist sicherlich, dass diese Frau ungewöhnlich dick ist. Ferner ist ihr Genitalbereich deutlich erkennbar, jedoch hat sie kein Gesicht. Ihr Kopf ist über die Hälfte mit etwas bedeckt, das manche Forscher als geflochtene Haare, andere als eine Art von Mütze werten. Die Figur hat zwar dicke Oberschenkel, die Unterschenkel sind jedoch dünn und die Füße fehlen ganz, ihre Arme sind nur angedeutet. Doch was bedeuten diese scheinbar zufälligen Besonderheiten?

Fettleibigkeit im Detail

Obwohl die Figur nur 11 cm groß ist, hat man bei der Bearbeitung größten Wert auf Genauigkeit der Details gelegt, jedoch nur im Rumpfbereich. Im Gegensatz dazu sind die Extremitäten und der Kopf sehr ungenau dargestellt. Die Rundungen sind auffallend naturgetreu. Die Falten und Fettpolster sind so detailgetreu und naturalistisch dargestellt, dass kein Zweifel bestehen kann, dass dies keine stilisierte Darstellung ist. Diese Genauigkeit der Darstellung lässt die hier abgebildete Frau als eine nicht mehr ganz junge und in extremer Weise fettleibige Person erkennen.

Nun gibt es heute in unserer Gesellschaft, in der mehr als reichlich Nahrungsmittel zur Verfügung stehen, ganz besonders viele Menschen, die an Fettleibigkeit leiden, manche davon im Krankheitszustand. Zum Beispiel ist in den USA die Zahl fettleibiger Menschen besonders hoch. Die USA sind ein wohlhabendes und vielleicht das konsumfreudigste Land der Welt. Stellt die „Venus“ von Willendorf eine extrem dicke oder sogar krankhaft fettleibige Frau dar? Die Falten, der tiefliegende Nabel, jedes Detail ist eine fettleibige Frau, wie sie heute in den Praxen der Ärzte nur allzu bekannt sind.

Auch medizinisch gesehen steht Fettleibigkeit eigentlich nicht für Fruchtbarkeit. Ob bei Mann oder Frau, das Interesse an Sex wird mit den Möglichkeiten zur Ausführung im Widerspruch stehen. Das Sexualleben extrem dicker Menschen ist im Vergleich zu normalgewichtigen Personen verschwindend gering. Eine erfolgreiche Schwangerschaft fettleibiger Menschen ist selten und wenn sie vorkommt, nicht ungefährlich. Doch wieso wurden die Genitalien so detailliert geformt?

Fruchtbarkeitssymbole aus Holz, Stein, gemalt oder aus Ton geformt sind bei indigenen Völkern überall auf der Welt zu finden. Diese Abbildungen sind jedoch völlig anders als die „Venus“ von Willendorf. Sie zeigen die Genitalien offen und nicht verschlossen. In der mittel- und nordeuropäischen Kulturgruppe ist die wohl am besten bekannte Darstellung die der Sheila-na-gig, eine keltische Muttergöttin in Kilpeck/England.

Auch in der neuseeländischen Maori-Kultur gibt es zahlreiche Schnitzereien, die Vorfahren darstellen und deren Genitalien deutlich als sexuell aktiv gezeigt werden. Männer mit erigiertem Penis, Frauen mit gespreizten Beinen, kleinen Schamlippen und Klitoris deutlich erkennbar. Dies werten wir oft als obszön. Jedoch sollen diese Darstellungen die Kraft und Energie des spendenden Lebens zeigen. Die „Venus“ von Willendorf jedoch zeigt sich verschlossen.

Haare oder Kopfbedeckung?

Dass dieses Gebilde auf dem Kopf eine „Frisur“ sein soll, scheint fraglich. Auf der Rückseite der Figur kann man erkennen, dass eine Haarsträhne aus diesem vermeintlichen Flechtwerk herauskommt und über dem Rücken liegt. Diese Haarsträhne weist darauf hin, dass diese Frau zwar Haare hat, die jedoch durch die Kopfbedeckung verdeckt werden sollen. Und selbst wenn es keine Kappe oder Mütze wäre und die Haare in Flechten gebündelt wären, dann hat doch auch dies eine bestimmte Bedeutung: die Haare sind nicht offen wallend und somit als deutliches Kennzeichen und sexuell stimulierendes Mittel einer erwachsenen und sexuell aktiven Frau erkennbar. Die geflochtenen Haare wären „gebändigt“. Nun stellt sich die Frage, warum diese Frau ihre Haare verstecken muss.

Um diese Frage zu betrachten, muss man wissen, dass den Haaren bei vielen indigenen Völkern eine besondere Bedeutung zukommt. Oft wird bei Naturvölkern langes und wallendes Haar als Zeichen der Spiritualität betrachtet. Außerdem haben besonders die Haare der Frau eine nicht zu unterschätzende sexuelle Bedeutung und Wirkung, man kann sie durchaus als sekundäres Geschlechtsmerkmal betrachten, ähnlich wie die Brüste, die Rundungen und die spezielle Form der Hüften, die Form der Beine (besonders der Oberschenkel) und die höhere Stimme. Warum sollte also ein typisches weibliches Merkmal einer sexuell aktiven Frau verdeckt werden?

Bei den Kelten kam es vor, dass eine Witwe ihre Haare abschnitt um zum Ausdruck zu bringen, dass sie für einige Zeit auf sexuelle Annäherungen nicht reagieren würde. Haare haben also mit Sexualität, mit Lebenskraft und spiritueller Energie etwas zu tun. Warum soll dann eine Statue, die ein Fruchtbarkeitssymbol sein soll, ihre Haare verstecken?

Fehlende Füße, kleine Arme

Alle Figuren aus dieser Epoche haben keine Füße. Ferner ist auffallend, dass auch die Unterschenkel sehr schwach sind und den schweren Körper der Frau kaum mehr tragen können. Das Fehlen der Füße und die schwach ausgeprägten Unterschenkel sind offensichtlich beabsichtigt in dieser Weise dargestellt: Die Füße dienen uns zum Gehen, zur Fortbewegung. Ohne Füße sind wir unbeweglich, was bei der dargestellten übertriebenen Fettleibigkeit kein Wunder ist.

Das Fehlen der Füße unterstreicht also noch die Unbeweglichkeit dieser Person. Ferner stehen wir fest mit beiden Füssen auf der Erde, sind mit der Mutter Erde verbunden und spüren sie mit den Füßen. Das Fehlen der Füße zeigt das Fehlen der Verbindung zur Erde. Somit kann man diese Statue ohne Füße entgegen manchen wissenschaftlichen Theorien nicht als die Verkörperung der Mutter Erde betrachten, womit sie auch das Ur-Weibliche nicht zum Ausdruck bringen kann.

Auch die kleinen, fast lächerlich wirkenden Arme der Statuette müssen dem Beobachter auffallen: Wozu brauchen wir die Arme und Hände? Die Hände brauchen wir, um etwas zu „handhaben“, um etwas zu tun, um uns mit der Umwelt zu be-„fassen“, sie zu er-„fassen“. Und wozu brauchen wir die Arme? Nun, zum einen auch zur Kommunikation mit der Umwelt. Aber mit den Armen können wir andere Menschen umarmen. Kinder können wir in den Arm nehmen, sie hegen und pflegen, sie trösten, ihnen Geborgenheit und Liebe geben. Dies sind die urweiblichen und mütterlichen Eigenschaften!

Das Urbild des Egoismus und die Gesichtslosigkeit

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Wie könnte die dargestellte Frau Liebe und Geborgenheit geben können, wenn sie nicht einmal fähig ist, ihre Kinder in den Arm zu nehmen? Statt dessen hält sie ihren dicken Brüste fest. Sie ist ganz auf sich selbst ausgerichtet. Somit ist sie auch nicht das Urbild des Weiblichen, sondern das Gegenteil: Sie ist das Urbild des Egoismus. Sie zeigt eine Frau, die nur konsumiert, die so viel Nahrung in sich hineinstopft, dass sie nicht einmal mehr gehen kann und auch nicht mehr fähig ist, andere Menschen zu umarmen. Ist das nicht ein typisches Merkmal unserer heutigen dekadenten Gesellschaft?

Und so wie die Menschen bei den Jagddarstellungen der Höhlenmalereien keine Gesichter tragen, da sie den Jäger als das Prinzip des jagenden Menschen darstellen und ein Individuum, keinen bestimmten Menschen, so deutet die Tatsache, dass diese „Venus“ kein Gesicht hat an, dass es sich nicht um die Nachformung oder Darstellung eines Individuums handelt, sondern dass ein Prinzip dargestellt werden soll.

Bei Forschungsprojekten sind sich Forscher nicht immer in allen Dingen einig. Bei der „Venus“ von Willendorf jedoch spricht nahezu jeder von einem Fruchtbarkeitssymbol. Manche sprechen sogar von einer Göttin, andere von der „Urfrau“ oder der Verkörperung der Mutter Erde. Ähnliche Beurteilungen werden über andere Statuetten der gleichen Zeit gemacht. Wieso aber wählte der Künstler keine jugendliche, wohlgeformte Figur, wenn es ein Fruchtbarkeitssymbol darstellen sollte oder war die Aussageabsicht vor ca. 26.000 Jahren gar eine völlig andere?

Auffallend ist die Körperhaltung dieser Fraufigur; von der Rückseite und von der Seite betrachtet, erkennt man, dass der Kopf nach vorne geneigt ist. Dies ist keineswegs die Körperhaltung einer selbstbewussten und starken Frau und die Haltung der an den Knien zusammengepressten Beine ist typisch für eine verschämte Frau.

Doch wenn die Venus von Willendorf (und auch andere Statuetten aus dieser Zeit) kein Fruchtbarkeitssymbol und auch nicht das Ur-Weibliche darstellt, was bedeutet sie dann? Das auffälligste Merkmal ist das extreme Übergewicht. Was soll diese Darstellung von Fettleibigkeit vor Jahrtausenden bedeuten?

Bei Naturvölkern findet man kaum extrem dicke Menschen, schon gar nicht vor 26.000 Jahren: anstrengende Arbeit mit einfachen Werkzeugen, großer Kraft- und Zeitaufwand für Nahrungserwerb und -zubereitung, die Sorge um Behausung, Kleidung oder Brennmaterial. Ein Hauptfaktor für das Auftreten von Fettleibigkeit scheint dann zu existieren, wenn die Menschen mehr haben, als sie zum Leben brauchen.

Eine Statue des Wohlstandes?

Vor 26.000 Jahren zogen noch große Herden von Mammuts durch Europa. Fleisch war reichlich vorhanden, denn solch ein Mammut bot für lange Zeit Nahrung im Überfluss. Als die Mammutherden vor etwa 10.000 Jahren verschwanden, tauchten auch diese extrem fettleibigen Statuen nicht mehr auf. Für einige Menschen könnte es eine Art antiken Wohlstand gegeben haben. Die Körperfülle könnte sogar zu einem erstrebenswerten Statussymbol geworden sein, einem Symbol für den materiellen Wohlstand. Kritisch betrachtet würde es sich aber eher um eine Art ungebremst ausgelebten Wohlstand handeln.

Der Zyklus des Konsums?

Auch heute leben wir in einer modernen Welt des Materialismus. Konsum wird verehrt und in jedem Lebensbereich überbietet sich die Werbung, um diesen Konsum auf Höchstmaß zu halten. Da unsere Erde keine exakte Kugelform aufweist, erzeugen die Gezeitenkräfte eine Art Drehmoment. Daraus resultiert eine kegelförmige Kreiselbewegung (Präzision) der Erdachse. Für eine vollständige Kegeldrehung benötigt die Erde 25.750 Jahre. Interessanterweise stehen wir heute im Zyklus der Kreiselbewegung der Erde an derselben Stelle wie vor ca. 26.000 Jahren, als diese derart geformten Figuren geschaffen wurden! Gefunden wurden diese Art Statuen übrigens erst vor etwa 100 Jahren. Könnte dies eine Warnung aus der Vergangenheit sein? Eine Warnung, die sich in Form eines wiederkehrenden Zyklus offenbart? Doch auch damals hielten die Jahre der Fülle durch die Mammutherden nicht ewig. Was uns die Zukunft bringen wird, wissen wir nicht, aber eigentlich wissen es schon viele: Die fetten Jahre sind vorbei. Wie schwer ist es doch, das rechte Maß zu halten!