Umzingelt von 32 neuen Wolkenkratzern: Bürgerinitiative wehrt sich gegen geplante Windkraftanlagen

Windkraft über alles? „Nein“, sagt die neu gegründete Bürgerinitiative Gegenwind Mecklenburgische Schweiz. Die Initiatoren der Bewegung sehen sich stark beeinträchtigt durch die Politik der Region. Epoch Times war vor Ort.
Umzingelt von 32 neuen Wolkenkratzern? Bürgerinitiative kämpft gegen geplante Windkraftanlagen
Die Bürgerinitiative Gegenwind Mecklenburgische Schweiz wehrt sich gegen den geplanten massiven Ausbau der Windkraft in der Mecklenburgischen Schweiz.Foto: Epoch Times
Von 21. März 2024

Es ist ein milder, bedeckter Februartag. Die Gemeinde Groß Wüstenfelde in der Mecklenburgischen Schweiz liegt rund 40 Kilometer südlich von Rostock. Das Landschaftsbild ist geprägt von weiten Feldern, dezenten Hügeln, kleinen Dörfern und einzelnen Höfen. Immer wieder sieht man Rehe, Kraniche oder – eingezäunt auf manchen Grundstücken – auch Ziegen, Schafe und Hühner.

Doch die Idylle trügt.

Hier und in den Nachbargemeinden ist jüngst ein Kampf entbrannt. Ein Kampf gegen moderne Windmühlen. Die Rede ist von Windkraftanlagen. Neun dieser Stahltürme stehen bereits seit gut zehn Jahren an der Nordgrenze von Groß Wüstenfelde und generieren elektrischen Strom.

Damit haben sich bisher alle Anwohner mehr oder weniger abgefunden. Auch die, die sich in den vergangenen Jahren in dieser Gegend niedergelassen haben.

Nachhaltige Schäden an Mensch und Natur?

Doch nun ändert sich die Situation schlagartig. Erst vor Kurzem ist bekannt geworden, dass der Planungsverband Region Rostock vorhat, hier 32 weitere, noch größere Windkraftanlagen zu bauen; eine davon soll in nur rund 800 Meter Entfernung vom Hof von Simone K. [Name von der Redaktion geändert] in allernächster Nähe zu einer geschützten Naturfläche der Kleingewässerlandschaft nördlich von Jördenstorf.

Sichtlich alarmiert fragt sich Simone, wie einige wenige Menschen solche Entscheidungen treffen können. Entscheidungen, die das Leben von anderen Menschen massiv beeinträchtigen.

Sie hatte wie auch andere Bürger von Groß Wüstenfelde kürzlich eine Einladung vom Bürgermeister und den Gemeindevertretern erhalten – für eine Infoveranstaltung zum geplanten Windkraftprojekt am 18. Februar 2024.

„Diese Einladung kam ein ganzes Jahr zu spät. Denn das Windkraftprojekt war schon im letzten Jahr bekannt.“ Sie hätten erst durch den potenziellen Investor, das Energieunternehmen VOSS Energy, davon erfahren. „Erste Gespräche fanden schon im Februar 2023 statt. Die nächsten waren im Juni mit einem auserwählten Kreis von ein paar Leuten. Die Gründe für die Auswahl der Personen sind nicht transparent. Die Bürger haben als Letztes davon erfahren.“

Epoch Times besuchte Simone auf ihrem Anwesen. Über die Entwicklung an ihrem Wohnort sie sich aus verschiedenen Gründen große Sorgen. Ihr wurde immer deutlicher, dass der massive Ausbau der Windkraft keinen Ausweg aus der Energiekrise bietet. „Man opfert die Natur für eine unsichere und extrem teure Stromversorgung. Noch dazu schafft man unübersehbare Abhängigkeitsstrukturen von den Großinvestoren.“

„Es wird zu viel Natur zerstört“, kritisiert sie. Nicht nur, weil eine „Schneise in den Wald geschnitten wird“. Zudem „versiegeln die Fundamente den Boden und belasten das Grundwasser. Der Rohstoffverbrauch an Balsahölzern für die Rotorblätter ist gewaltig. Bei deren Imprägnierung kommen hochgiftige Substanzen wie SF-6-Schwefelverbindungen zum Einsatz. Momentan werden solche Rotorblätter in Erdlöchern abgelegt. Insgesamt ist das Müllproblem der Windkraft nicht gelöst“, schildert Simone.

Die „Schäden an Natur und an den Menschen“ seien dauerhaft. An der Nachhaltigkeit der Windkraft bestünden erhebliche Zweifel. Auch angesichts ihrer geringen Energieeffizienz. Zudem würden sich die Windräder in immer größeren Windparks gegenseitig den Wind abgraben. Zu diesem Ergebnis kam auch eine Untersuchung des Max-Planck-Instituts Jena.

Rot-grüne Initiatoren

Kritisch äußert sich Simone auch zur Rechtslage und zum Verhalten der Politik. „Es ist leider so, dass die Gemeinden immer weniger Mitspracherecht haben, obwohl sie ja direkt betroffen sind. Sie nutzen immer weniger Möglichkeiten, mit den Bürgern zusammen eine Lösung zu finden“, schildert sie. Es herrsche „null Transparenz, null Aufklärung. Wie soll man da sein demokratisches Mitspracherecht realisieren?“.

Vor dem Hintergrund der Ausbaupläne hat Simone zusammen mit der Rechtsanwältin Viviane Fischer die Bürgerinitiative Gegenwind Mecklenburgische Schweiz ins Leben gerufen. Sie wollen die Menschen darüber aufklären, dass die Windkraft mit echtem Naturschutz in Konflikt steht. „Die Belange von Mensch, Natur und Energiesicherheit müssen vereint werden“, wie Fischer es beschreibt. „Der Debattenraum zum Thema Energiewende muss unbedingt neu eröffnet werden.“

Bei einem Informationsabend der Bürgerinitiative äußerte sich eine Gemeindevertreterin aus der benachbarten Gemeinde Schwasdorf. Sie sagte: „Wir stehen auch vor vollendeten Tatsachen. Wir geben alles, dass sich der Raumentwicklungsplan in dieser Form nicht umsetzt.“ Sie begrüßt die Bildung der Bürgerinitiative und eine mögliche Zusammenarbeit.

Auch Ernst Feldmann, der Bürgermeister von Groß Wüstenfelde, äußerte sich auf Anfrage der Epoch Times ähnlich. Selbst er habe nur grobe Informationen vom Planungsverband Region Rostock erhalten. Vor dem 4. Januar 2024, also dem Datum der Veröffentlichung des Entwurfs, habe Feldmann noch nichts Genaues davon gewusst. Als Gemeindevertreter habe er sich gegen das Windprojekt entschieden. Seine Begründung: „Die Gegenwehr von den betroffenen Bürgern ist zu groß. Schon 50 Prozent unserer Einwohner in der Gemeinde sprachen sich über Unterschriftenaktionen dagegen aus.“

Als Initiatoren hinter dem Projekt nennt Feldmann die SPD- und Grünen-Fraktionen in der Bundesregierung, die Landesregierung und den Planungsverband, die die Agenda der Energiewende durch- und umsetzen wollen. Die Zusage für die Windkraftanlagen sei bereits gegeben, aber es stünden noch einige Prüfungen wie Lärmmessungen aus. Die Bundesregierung sieht für Mecklenburg-Vorpommern nach dem Wind-an-Land-Gesetz ein Flächenziel von 2,1 Prozent an Windkraft vor, um die EU-weit angestrebte Klimaneutralität zu erreichen.

Mehr Windkraft für Wasserstoffproduktion?

Offensichtlich wird auch die Verbindung zwischen dem Ausbau der Windkraft und einem in der Region geplanten großflächigen Wasserstoffnetz. Der Regionalplan sieht vor, durch den gewonnenen Windstrom grünen Wasserstoff herzustellen. Simone teilt hierzu mit: „Warum sollen hier noch weitere 350 Windräder im Zweifel nutzlos in der Gegend herumstehen mit all den negativen Folgen für Mensch und Natur?“

Die EU-Kommission in Brüssel gab laut NDR inzwischen grünes Licht für mehrere große Wasserstoffprojekte in Mecklenburg-Vorpommern. Demnach darf etwa das Unternehmen Apex aus Teterow mit der Wasserstoffproduktion in Rostock-Laage beginnen. Damit der produzierte Wasserstoff als „grün“ gilt, muss der dafür eingesetzte Strom aus Wind-, Wasser- oder Solarkraftwerken kommen.

Lassen sich Immobilien noch verkaufen?

Die Bürgerinitiative Gegenwind Mecklenburgische Schweiz hielt den erwähnten Informationsabend am 15. Februar in der Gemeindehalle von Groß Wüstenfelde. Laut der Bürgerinitiative fanden sich rund 140 interessierte Anwohner ein. Unter anderem erklärte Fischer dem Publikum den zu erwartenden massiven Wertverlust der Immobilien in der Umgebung von Windkraftanlagen.

Laut einer Studie von Prof. Frondel aus dem Jahr 2019 vom RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung sei mit einem Absinken des Gebäudewertes von Häusern im Umkreis von einem Kilometer um eine Windkraftanlage regelmäßig um bis zu 7,1 Prozent zu rechnen. „Für die vom Rostocker Regionalplan betroffenen Anwohner dürfte der zu erwartende Wertverlust ihrer Immobilien aber bei deutlich über diesen 7 Prozent liegen“, so Fischer.

In einer Detailanalyse kommt das RWI für Häuser in landschaftlich reizvoller Umgebung, die vor 1950 gebaut wurden, auf einen Wertverlust von bis zu 23 Prozent. Und das schon bei den damals viel kleineren Windkraftanlagen (Datenbasis der Studie sind die Jahre 2011 bis 2015). Die Anzahl der Windräder hat seitdem bekanntlich stark zugenommen.

Die nun geplanten Windkraftanlagen sind circa 240 Meter hoch – genauso hoch wie der Frankfurter Main Tower mit Antenne. „So wie der Plan derzeit gestaltet ist, wird es geradezu zur Umzingelung von Siedlungen durch Windräder kommen. Das alles ist wohl kaum das, was Naturliebhaber und Touristen bei uns suchen. Neben solchen Industrieanlagen wird wohl kaum jemand zukünftig leben oder Urlaub machen wollen“, so Fischer.

Es sei wichtig, dass möglichst viele Bürger den Anspruch erheben würden, dass über die Planung neu diskutiert wird. Diese sei laut Herrn Fengler vom Regionalplanungsverband mit heißer Nadel und personeller Unterbesetzung gestrickt worden. Daher seien wichtige Punkte nicht berücksichtigt. Vor allem fehle aber das erforderliche Umweltverträglichkeitsgutachten.

Viele Wege des Widerstands

Anschließend trat Joachim Knauder vor das Publikum. Er ist von der Bürgerinitiative Recknitz, einige Kilometer nördlich von Groß Wüstenfelde gelegen. Er berichtet, wie er und seine Mitstreiter sich seit nunmehr 18 Jahren erfolgreich gegen den Bau von Windkraftanlagen wehren. „Bis jetzt stehen die Dinger immer noch nicht“, verkündet Knauder stolz.

Zu Beginn, im Jahr 2006, hatte seine Bürgerinitiative eine Unterschriftenaktion gestartet, um die Menschen über die Situation aufzuklären. Da hinter dem Windkraftprojekt eine illegale Genehmigung stand, konnten sie laut Knauder das Vorhaben schon bald stoppen. In den Folgejahren half der Bürgerinitiative auch, dass der Raum Recknitz ein Naturschutzgebiet geworden ist. Das habe die Bebauung mit Windrädern enorm erschwert bis unmöglich gemacht.

Zudem bestätigte er, dass die Entscheidungsträger dieser Windprojekte teils „geheime Versammlungen“ abhalten. Er habe beobachtet, dass eine teilweise zu enge Verbindung zwischen den Regierungsvertretern, den Behörden und Investoren besteht.

Knauders Initiative hat die ganzen Jahre über Widerstand geleistet. „Wenn etwas Neues bekannt wurde, haben wir alles angeschrieben, was man an politischen Institutionen anschreiben kann. Wir haben immer sofort reagiert. Wir haben den Planungsverband angeschrieben. Eine Bürgerinitiative muss da bestimmte Termine einhalten.“

Aber auch ohne diese lokale Erfolgsmeldung aus Sicht von Windkraftgegnern zeigen sich Simone K. und Fischer davon überzeugt, dass es bei ihnen zum Bau der geplanten Wolkenkratzer nicht kommen wird. Im ersten Schritt geht es darum, „Zeit zu gewinnen“, sagt Fischer. Wenn der Widerstand nur groß genug ist, werde das dann den Initiatoren zu anstrengend und sie würden das Projekt nicht weiterverfolgen.

Erste Erfolge

Tatsächlich kann die Initiative bereits erste Erfolge vermelden. Wie die Epoch Times erfuhr, hat die Gemeindevertretung Groß Wüstenfelde zunächst eine sogenannte Potenzialfläche, auf der freiwillig fünf zusätzliche Windkraftanlagen hätten gebaut werden können, abgelehnt. Ebenfalls hat sie vom Planungsverband ausgewiesene Windvorranggebiete abgelehnt.

Die Gemeinde Jördenstorf und drei weitere Gemeinden haben sich auch klar gegen die Windkraftanlagen ausgesprochen. Im benachbarten Altkalen fand Anfang März 2024 eine Bürgerversammlung statt, auf der Fischer erneut über die Windkraftthematik referierte. Auch dort wurde den Plänen im Anschluss eine Absage erteilt. In Summe haben die Gemeinden mindestens 50 geplante Windkraftanlagen abgelehnt.

Fischer sagte Epoch Times dazu im Nachgang:

Es gibt so viele Fragezeichen zum Thema Windkraft. Es werden Rückzugsräume für Mensch und Natur zerstört. Der Nahrungskreislauf wird durch das Zerschellen von Milliarden von Insekten an den Rotorblättern beeinträchtigt. Wertvolles Ackerland verwandelt sich in eine industriell anmutende Landschaft.“

Dabei würden Werte wie etwa im Immobilienbereich vernichtet. Zudem scheine die Industrie immer mehr Probleme nicht wirklich lösen zu können. Sie erwähnte, dass viele Windkrafthersteller über wirtschaftliche Probleme klagen. Vattenfall würde bereits die Erprobung der Gewinnung von Wasserstoff im Offshore-Bereich einstellen. Weiter sagte sie:

„Der Stromnetzausbau wird mit all seinen technischen Unwägbarkeiten Milliarden verschlingen. Wenn die Ableitung des Stromes mangels Stromnetz nicht erfolgen kann, fragt es sich, warum wir nutzlos unsere Landschaft für Windkraftruinen opfern sollen. Hier ist dringender Diskussionsbedarf. Solche Entscheidungen können in einer demokratischen Gesellschaft keinesfalls über die Köpfe der betroffenen Menschen hinweg gefällt werden.“

Brummende Wolkenkratzer

Epoch Times verschaffte sich vor Ort einen Eindruck von den bestehenden Windkraftanlagen: Nieselregen, schlammiger Boden. Doch das soll kein Hindernis sein. Am Grund weht ein mäßiger, kaum wahrnehmbarer Wind. Weiter oben weht er stärker. Das ist an der Drehung der Rotorblätter zu erkennen. Rund sieben Sekunden benötigen die Rotorblätter für eine vollständige Umdrehung.

Die Stahltürme erstrecken sich geschätzte 150 Meter gen Himmel. Die Rotorblätter erreichen wohl nochmals 50 Meter. Somit können diese Bauwerke definitiv als Wolkenkratzer bezeichnet werden.

Ein leichtes, stetes Brummen ist zu hören. Nicht wahrzunehmen ist der Infraschall, den diese Türme aussenden sollen. Einige Fachleute warnen vor gesundheitlichen Schäden. Das Umweltbundesamt sieht hierin allerdings keinen Grund zur Sorge.

Der Gegenwind weht.



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