Das menschliche Dasein ist ein Gasthaus. Jeden Morgen ein neuer Gast.
Das menschliche Dasein ist ein Gasthaus. Jeden Morgen ein neuer Gast.
Foto: Albrecht E. Arnold / Pixelio

Kolumne: Ropers neue Welt der Etymosophie

HOSPIZ – Freude im Gasthaus des Lebens

von Roland R. Ropers / Gastautor, Montag, 10. Dezember 2012 07:30

Die Etymosophie-Kolumne von Roland R. Ropers erscheint wöchentlich exklusiv in der EPOCH TIMES Deutschland.

In der gängigen deutschen Umgangssprache liegt der Schwerpunkt in der Bezeichnung von Häusern zur Wiederherstellung der Gesundheit bevorzugt auf Krankheit: Krankenanstalt, Krankenhaus und leider viel zu wenig auf Hospital, die gastfreundliche Unterkunft (lat.: hospes = Gastfreund). Alle gebräuchlichen Worte wie Hotel, Hospital Hospiz gehen auf „hospes“ zurück, wo so viel Wärme und Liebevolles beinhaltet sind. Ein Hospiz sollte man nicht als Sterbeklinik bezeichnen, sondern als Haus der Lebensfreude.

Der persische Dichter und Mystiker Maulana Dschalal ad-Din Muhammad Rumi (1207 – 1273) hat über das Mysterium eines Hospizes etwas Großartiges und Überzeitliches der Nachwelt hinterlassen:

„Das menschliche Dasein ist ein Gasthaus. Jeden Morgen ein neuer Gast. Freude, Depression und Niedertracht – auch ein kurzer Moment von Achtsamkeit kommt als unverhoffter Besucher. Begrüße und bewirte sie alle! Selbst wenn es eine Schar von Sorgen ist, die gewaltsam Dein Haus seiner Möbel entledigt, selbst dann behandle jeden Gast ehrenvoll. Vielleicht bereitet er dich vor auf ganz neue Freuden. Dem dunklen Gedanken, der Scham, der Bosheit – begegne ihnen lachend an der Tür und lade sie zu Dir ein. Sei dankbar für jeden, der kommt, denn alle sind zu Deiner Führung geschickt worden aus einer anderen Welt.“

Dschalal ad-Din Muhammad Rumi wurde am 30. September 1207 in Balkh im damaligen Persien und heute in Afghanistan geboren und starb am 17. Dezember 1273 in Konya, heute Türkei. Er war einer der bekanntesten persischen und islamischen Mystiker und gilt als Gründer der Mevlevi-Tariqa (Mevlevi-Derwischorden). Von seinen Derwischen und auch späteren Anhängern wird er Moulana persisch/arabisch „unser Herr/Meister“ von arabisch: ‎ maulan, „Herr“) oder (in türkischer Aussprache) Mevlana genannt. Zu Zeiten Rumis wurde Anatolien von den Rum-Seldschuken regiert, daher der Beiname Rumi (= Oströmer, Byzantiner).

Als Maulana (Rumi) noch ein Kind war, fielen die Mongolen unter Dschingis Khan im Jahr 1219 in Balch ein. Das hatte sein Vater vorausgesehen, da der Khwarezmshah einige Kaufleute der Mongolen töten ließ und ein Racheakt zu befürchten war. So hatte er mit seiner Familie die Gegend schon verlassen, um nach Mekka zu pilgern. Dschalal ad-Din Muhammad Rumi studierte an der Madrasa-Universität von Konya unter seinem Vater Islamwissenschaften und übernahm nach dessen Tod im Jahr 1230 oder 1231 seinen Lehrstuhl. In den Sufismus wurde er von einem Murschid namens Sayyid Burhanuddin Muhaqqiq Tirmidhi eingeführt. Gemeinsam reisten sie nach Aleppo und Damaskus, wo sie Ibn Arabi von Murcia (Spanien), einem einflussreichen Sufi-Meister begegnet sein sollen.

Als Gelehrter erlangte Maulana Dschalal ad-Din große Berühmtheit und er lebte und handelte, wie es sich für einen gestandenen und hoch angesehenen Gelehrten traditionellerweise gehörte. Nach seinem Tod wurde er in einem Mausoleum beigesetzt, das dem Maulawi-Orden daraufhin ebenfalls als Versammlungsort diente. Dieses Mausoleum ist seitdem das Wahrzeichen von Konya und bis in die heutige Zeit dient es als Wallfahrtsort gläubiger Muslime und der Anhänger Maulanas. Als Mustafa Kemal Atatürk am 2. September 1925 im Zuge der Säkularisierung öffentliche religiöse Handlungen verbot, war auch der Mevlevi-Orden davon betroffen.

Die Lehre Maulanas basierte darauf, dass er die Liebe als die Hauptkraft des Universums ansah. Genauer gesagt ist das Universum ein harmonisches Ganzes, in dem jeder Teil mit allen anderen in einer Liebes-Beziehung steht, die wiederum einzig und allein auf Gott gerichtet ist und nur durch seine Liebe überhaupt Bestand haben kann. Der Mensch, der als ein Teil dieses harmonischen Ganzen geschaffen ist, kann die Harmonie mit sich selber und dem Universum nur dann erreichen, wenn er lernt, Gott zu lieben. Seine Liebe zu Gott wird ihn dann dazu befähigen, nicht nur seine Mitmenschen, sondern auch alle Dinge, die von Gott geschaffen sind, lieben zu können.

Gott durch Liebe näher zu kommen ist für Maulana, genau wie für die meisten Sufis, der Weg zur wahren Erfüllung im Leben. Der Grund für seine Berühmtheit ist, dass er die Fähigkeit besaß, diese Lehre in einer Poesie von unübertrefflicher Schönheit wiederzugeben. Er beschrieb mit derselben Eloquenz die Freude, Gott näher zu kommen, wie die Trauer, von Gott getrennt sein zu müssen. Wie auch andere mystische Dichter bezeichnete er Gott als den Geliebten und die menschliche Seele, die auf der Suche nach Gott ist, als den Liebenden.

„Ich versuchte GOTT zu finden am Kreuz der Christen, aber er war nicht dort. Ich ging zu den Tempeln der Hindus und zu den alten Pagoden, aber ich konnte nirgendwo eine Spur von ihm finden. Ich suchte in den Bergen und Tälern, aber weder in der Höhe noch in der Tiefe sah ich mich imstande ihn zu finden. Ich ging zur Kaaba in Mekka, aber dort war er auch nicht. Ich befragte die Gelehrten und Philosophen, aber er war jenseits ihres Verstehens. Ich prüfte mein Herz und dort verweilte er, als ich ihn sah. Er ist nirgends sonst zu finden.“

In einem Hospiz öffnet sich das Tor zum Leben (lat.: mors porta vitae). Mit einer bewusstseinsverarmten Sprache beschreiben wir die Pole von Geburt & Tod einerseits aktivisch sowie andererseits passivisch. „Ich werde geboren“ (lat.: nascor) leuchtet insofern ein, weil die Mutter die aktiv Gebärende ist. Aber das Sterben, das ja ein oft bewusster Leidensvorgang ist, mit einer Aktiv-Verbform zu konjugieren, ist doch sehr unlogisch. Hier ist der Lateiner konsequent und benutzt abermals die Passivform: morior = ich sterbe (wörtlich: „ich werde gestorben“); das Verb moriri (sterben) ist ein so genanntes Deponens, das passivisch konjugiert und als Aktivform verstanden wird. Nur ein Anderer kann über mich die Aussage treffen, dass ich gestorben bin. Diese Selbstaussage könnte man für die wenigen Erleuchteten akzeptieren, die ihr Ego überwunden haben und zum eigentlichen göttlichen Wesenskern vorgedrungen sind, wo das berühmte Pauluswort Bedeutung bekommt: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Galater 2,20).

Hier wird die Sterbebegleitung in der Aufgabe des Egos zur Auferstehungserfahrung im Hier & Jetzt. Dann erleben wir „mors porta vitae“, den Tod als Pforte zum Leben. Dieser lateinische Spruch ist ein klassisches Beispiel für den „genitivus obiectivus“, der auch bei „amor dei“ (die Liebe zu Gott) zum Tragen kommt. In der lateinischen Sprache Unkundige erkennen nur den „genitivus partitivus“ als Liebe Gottes und übersehen die andere Richtungsmöglichkeit. Es ist ein Unterschied, ob ich sage: „Tor des Lebens“ (genitivus partitivus) oder „Tor zum Leben“ (genitivus obiectivus).

Das 7. Kapitel in Lao Tse's „Tao Te King" lehrt uns:

„Himmel und Erde überdauern alle Zeit.
Sie überdauern alle Zeit, weil sie nicht um ihrer selbst leben.
Deshalb können sie immer leben.
Der Weise tritt zurück,
und gerade ist er deshalb so weit voraus.
Er gibt sein Selbst auf, und gerade deshalb bleibt es erhalten.
Weil er sein Selbst vergisst,
kann er sein Selbst finden".

 

Der Religionsphilosoph Roland R. Ropers ist Autor und Herausgeber etlicher Bücher:

Was unsere Welt im Innersten zusammenhält: Hans-Peter Dürr im Gespräch mit bedeutenden Vordenkern, Philosophen und Wissenschaftlern von Roland R. Ropers und Thomas Arzt; 2012 im Scorpio Verlag

Eine Welt - Eine Menschheit - Eine Religion von Bede Griffiths und Roland R. Ropers

Gott, Mensch und Welt. Die Drei-Einheit der Wirklichkeit von Raimon Panikkar und Roland R. Ropers

Die Hochzeit von Ost und West: Hoffnung für die Menschheit von Bede Griffiths und Roland R. Ropers

Geburtsstunde des neuen Menschen. Hugo Makibi Enomiya-Lassalle zum 100. Geburtstag von Roland R. Ropers

 

 



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