Max und Moritz: ... gleich ist man mit Freudigkeit dienstbeflissen und bereit.
Max und Moritz: ... gleich ist man mit Freudigkeit dienstbeflissen und bereit.
Foto: Erich Keppler / Pixelio

Kolumne: Ropers neue Welt der Etymosophie

JALOUSIE – Fleiß oder Eifersucht?

von Roland R. Ropers, Montag, 17. Dezember 2012 11:10


„Wer im Dorfe oder Stadt
einen Onkel wohnen hat,
der sei höflich und bescheiden,
denn das mag der Onkel leiden.
Morgens sagt man: "Guten Morgen!
Haben Sie was zu besorgen?"
Bringt ihm, was er haben muss:
Zeitung, Pfeife, Fidibus.
Oder sollt` es wo im Rücken
drücken, beißen oder zwicken,
gleich ist man mit Freudigkeit
dienstbeflissen und bereit".

Im 5. Streich von „Max und Moritz“ aus der Feder des humoristischen Dichters und Philosophen Wilhelm Busch (1832 – 1908) werden wir mit dem deutschen Qualitätsmerkmal „Fleiß“ (lat.: industria) konfrontiert. Das Wort geflissentlich leitet sich wie Fleiß vom mittelhochdeutschen Verb vlizen ab, das streben, trachten oder sich bemühen bedeutete. Und so war auch die ursprüngliche Bedeutung von geflissentlich: eifrig (lat.: studiosus) oder sorgfältig (lat.: diligens). Der Eifer (lat.: zelus, engl.: zeal, frz.: zèle, ital.: zelo) führt leider oft zur Eifersucht (engl.: jealousy, frz.: jalousie, ital.: gelosia).

Wir müssen sehr achtsam sein, dass in der modernen vom Fleiß geprägten Industriegesellschaft der Mensch nicht auf der Strecke bleibt. Gier und Eifersucht sind zu motivierenden Kräften auf dem krisenhaften Gipfelpunkt angekommen, wo dringend Veränderung und Neuorientierung notwendig werden.

Schon in der Schule lernten wir: „Ohne Fleiß kein Preis“, das die Lateiner etwas eleganter formulierten: „per aspera ad astra“ (wörtlich: durch das Rauhe zu den Sternen), während der Engländer sagt: „no pain – no gain“ (ohne Schmerz lässt sich nichts erreichen).

Im Englischen und Italienischen bevorzugt man für „Fleiß“ die Worte „diligence“ und „diligenza“. Diese Begriffe haben mit dem lat. Verb: „diligere“= klug auswählen, wertschätzen, zu tun. Der Fleißige ist in der Lage, aufmerksam und sorgfältig auszuwählen und wird nicht Opfer eines blindwütigen Aktivismus.

Der Begriff Jalousie bezeichnete in Frankreich zunächst Fenstergitter, die so beschaffen waren, dass sie den Blick nach außen ermöglichten und gleichzeitig von dort aus die Sicht ins Innere verhinderten. Der Begriff der Jalousie erklärt sich dabei aus der Nachbildung dieser Gitter nach orientalischen Vorbildern aus Harems, in denen der Hausherr eifersüchtig darüber wachte, dass die Gemächer der Frauen gegenüber der Außenwelt abgeschirmt wurden. Ebenso wie diese orientalischen Gitter waren auch die ersten Jalousie-Einsätze für europäische Fensterläden anfangs nicht verstellbar. Erst am 14. April 1812 meldete der Tischler Cochot in Paris seine Erfindung zum Patent an: eine mit verstellbaren und wendbaren Brettchen Lamellen versehene Jalousie, die dem heute noch verwendeten Prinzip entspricht.

„Müßiggang ist aller Laster Anfang!“ ist ein irreführendes Sprichwort. Wir benötigen die Balance von Otium & Neg-Otium, Muße & Beschäftigung

Wer lange Zeit im „International Business“ in verantwortlicher Funktion als Top-Manager tätig gewesen ist, kennt den ständigen Druck, erfolgreich in Aktion zu sein. Das tägliche Berufsleben besteht dann hauptsächlich darin: „how to negotiate big deals“.

Das englische Wörterbuch deutet das Verbum „to negotiate“ als „handeln, bewältigen“.

In dieser Übersetzung liegt ein fundamentaler Irrtum. „to negotiate“ heißt wortwörtlich: „keine Muße haben!“

Das lat. Substantiv „otium“ bedeutet: Muße, Ruhe, Privatleben.

Das Gegenteil davon, die Negation, ist: „negotium“.

Sinnvolle Tätigkeit ist stets von Kreativität geprägt, aber niemals von einem dauerhaften Beschäftigtsein, das uns in die Falle der absurden Wachstumsbeschleunigung geführt hat.

Im japanischen ZEN gibt es einen wichtigen Terminus: „munen muso“ = nicht-aktive Aktivität, die höchste Form von Achtsam- und Wachsamkeit; chinesisch: „wu-wei“.

Der englische Philosoph und Mathematiker Bertrand Arthur William Russell (1872 – 1970, viermal verheiratet), hatte 1932 mit seinem Essay „In Praise of Idleness“ („Lob des Müßiggangs“) einen literarischen Kontrapunkt gesetzt. 1950 erhielt er den „Nobelpreis für Literatur“; 1955 formulierte er als engagierter Friedensaktivist das berühmte „Russel-Einstein-Manifest“, das die Folgen des Einsatzes von Nuklearwaffen thematisierte. Dieses Manifest war die spätere Grundlage zur Gründung der „Pugwash-Conference on Science and World Affairs“ in dem kleinen Fischerdorf Pugwash in Nova Scotia/Canada. Der Atom- und Quantenphysiker Hans-Peter Dürr gehört zu den Mitgliedern, die 1995 mit dem Friedens-Nobelpreis ausgezeichnet worden sind.

Im 5. Kapitel in Lao Tse’s „Tao Te King“ lesen wir:

„Himmel und Erde nehmen keine Rücksicht
und behandeln die zehntausend Dinge
wie Opfertiere aus Stroh.
Der Weise nimmt keine Rücksicht
und behandelt die Menschen wie Opfertiere aus Stroh.
Der Raum zwischen Himmel und Erde ist wie ein Blasebalg:
Leer und doch unerschöpflich.
Je mehr man drückt, desto mehr kommt heraus.
Viele Worte führen unweigerlich zum Schweigen.
Es ist besser, beim Nichts zu bleiben."

 

Roland R. Ropers
Roland R. Ropers
Foto: The Epoch Times
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Der Religionsphilosoph Roland R. Ropers ist Autor und Herausgeber etlicher Bücher:

Was unsere Welt im Innersten zusammenhält: Hans-Peter Dürr im Gespräch mit bedeutenden Vordenkern, Philosophen und Wissenschaftlern von Roland R. Ropers und Thomas Arzt; 2012 im Scorpio Verlag

Eine Welt - Eine Menschheit - Eine Religion von Bede Griffiths und Roland R. Ropers

Gott, Mensch und Welt. Die Drei-Einheit der Wirklichkeit von Raimon Panikkar und Roland R. Ropers

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