Ein Foto, das am 23. Mai 2021 von der italienischen Nachrichtenagentur Ansa veröffentlicht wurde, zeigt eine Seilbahngondel, die im Ferienort Stresa am Lago Maggiore in der Region Piemont zu Boden stürzte.Foto: STRINGER/ANSA/AFP via Getty Images

Seilbahn-Unglück: Notbremssystem absichtlich abgeschaltet

Epoch Times27. Mai 2021 Aktualisiert: 27. Mai 2021 13:42
Nach dem tödlichen Seilbahnunglück in Italien sind am Mittwoch drei Männer festgenommen worden, die von einer absichtlichen Abschaltung des Notbremssystems gewusst haben sollen. Es handelt sich um drei hochrangige Vertreter der Seilbahn-Betreiberfirma.

Das tödliche Seilbahnunglück am Lago Maggiore ist offenbar durch die absichtliche Abschaltung eines Sicherheitssystems verursacht worden. Wie die italienische Polizei am Mittwoch (26. Mai) mitteilte, wurden drei hochrangige Vertreter der Seilbahn-Betreiberfirma festgenommen, die für die absichtliche Abschaltung des Notbremssystems verantwortlich sein sollen.

Die Bremsvorrichtung war Medienberichten zufolge bereits seit dem 26. April, dem Tag der Wiederaufnahme des Seilbahnbetriebs, wegen eines technischen Problems außer Betrieb.

„Das Büro der Staatsanwaltschaft hat drei Festnahmen wegen Entfernung oder Unterlassung von Sicherheitsvorkehrungen gegen Unfälle im Betrieb angeordnet“, sagte ein Sprecher der Carabinieri der Nachrichtenagentur AFP. Bei den Festgenommenen handele es sich um den Chef und zwei weitere hochrangige Vertreter der Seilbahn-Betreiberfirma Ferrovie del Mottarone.

Bei dem Seilbahnunglück in Stresa am Berg Mottarone am Lago Maggiore waren am Sonntag 14 Menschen ums Leben gekommen, darunter fünf Israelis. Eine Seilbahn-Kabine war kurz vor Erreichen der Gipfelstation abgestürzt, nachdem ein Seilbahn-Kabel gerissen war. Nur ein Insasse, ein fünfjähriger Junge, überlebte schwer verletzt.

Carabinieri-Vertreter Alberto Cicognani erläuterte nach Angaben italienischer Nachrichtenagenturen dem Sender Radiotre die Gründe für die folgenschwere Bremssystem-Abschaltung.

„Es gab eine Störung an der Seilbahn, das Beförderungsteam hat das Problem nicht oder nur teilweise gelöst“, sagte Cicognani. „Um die Verbindung nicht zu unterbrechen, entschieden sie sich, die ‚Gabel‘, die verhindert, dass die Notbremse in Kraft tritt, an Ort und Stelle zu lassen.“

Firmenchef Luigi Nerini, Seilbahn-Direktor Gabriele Tadini und Seilbahn-Einsatzleiter Enrico Perocchio gaben nach Cicognanis Angaben zu, dass die Notbremse absichtlich ausgeschaltet wurde.

Die zuständige Staatsanwältin der benachbarten Stadt Verbania, Olimpia Bossi, sagte bei einer Pressekonferenz, es habe sich um eine „absolut absichtliche“ Entscheidung gehandelt, um den Betrieb der Seilbahn aufrecht zu erhalten. Die Gabel zum Außerkraftsetzen der Notbremse sei am Sonntag sicherlich nicht zum ersten Mal eingesetzt worden.

Betreiber überzeugt, „dass das Kabel niemals reissen würde“

Italienischen Medien zufolge sagte Bossi, die Beschuldigten hätten gewusst, dass die Notbremse bereits seit dem 26. April, dem Tag der Wiederaufnahme des Seilbahnbetriebs, abgeschaltet gewesen sei. Die Abschaltung sei in der Überzeugung beschlossen worden, „dass das Kabel niemals reißen würde“.

Seilbahnen haben ein Zugseil und ein oder mehrere Fangseile. Wenn das Zugseil reißt, kommt die sogenannte Fangbremse zum Einsatz. Sie wirkt mithilfe von Bremszangen auf das Tragseil und verhindert einen Absturz der Seilbahn-Gondel.

Am Dienstag hatten die Carabinieri mehrere Menschen verhört und die vor Ort gefundenen Trümmer untersucht. Daraus ging hervor, dass „das Notbremssystem der abgestürzten Kabine manipuliert worden war“.

Laut den Ermittlern ging es darum, „Unterbrechungen und das Anhalten der Seilbahn zu vermeiden“. Dabei sei ignoriert worden, dass die technischen Probleme an der Seilbahn tatsächlich „einen radikaleren Eingriff mit einem konsequenten Anhalten“ der Anlage erfordert hätten.

Laut Staatsanwaltschaft waren technische Eingriffe „angefordert und durchgeführt worden“, darunter einer am 3. Mai, aber „sie haben das Problem nicht gelöst“.

Der einzige Überlebende des Unglücks wird in einem Krankenhaus in Turin behandelt. Der fünfjährige Israeli, der bei dem Unglück seine Eltern, seinen zweijährigen Bruder und zwei Urgroßeltern verlor, komme schrittweise zu sich und sei nicht mehr intubiert, teilte Klinik-Chef Giovanni La Valle mit. Der Zustand des Kindes sei aber weiter „heikel“. Die Leichen der verstorbenen Angehörigen des Jungen wurden zum Mailänder Flughafen gebracht, um nach Israel überführt zu werden.

In den vergangenen Jahrzehnten gab es in Europa wiederholt schwere Seilbahn-Unglücke. Zuletzt waren im September 2005 neun deutsche Skifahrer im österreichischen Sölden ums Leben gekommen, als ein Lastenhubschrauber einen Betonklotz verloren hatte, der auf eine Seilbahn stürzte. (afp)



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