Das nächste Unheil kommt bestimmt

Epoch Times9. Oktober 2008 Aktualisiert: 9. Oktober 2008 20:37
Die Chinesen sagen: „Das Essen ist der Himmel des Volkes“. Die einfachen Menschen haben den letzten Rest an Sicherheitsgefühl verloren – eine Situation, in der es wohl nicht übertrieben ist, von „Lebensmittelpanik“ zu sprechen.

Einen Namen machte sich Zhou Qing mit einer Reportage über die Lebensmittelsicherheit in China im Jahr 2006. Die Veröffentlichung des in mehrere Sprachen übersetzten Buches machte ihn in der Weltöffentlichkeit bekannt. Im Interview mit der Epoch Times führt er aus, weshalb die Verantwortung für den Melamin-Milchskandal rund um die Firma Sanlu nicht bei den chinesischen Bauern endet, warum noch mehr solcher Skandale auf China und die Welt warten – und warum diese Skandale politischen Zündstoff für Chinas Regime bergen.

Epoch Times: Wer ist Ihrer Meinung nach Schuld am Sanlu-Milchpulverskandal?

Zhou Qing: Gleich nach dem Ausbruch des Skandals wurde die Frage gestellt, wer in welcher Phase der Produktion das Melamin beigemischt hatte. Sanlu hatte sofort die Schuld auf die Molkereien und die Milchsammelstellen geschoben. In kürzester Zeit gaben die Behörden Festnahmen von 19 Bauern bekannt. Aber sind die Bauern wirklich die Hauptverantwortlichen?

In China sind die Molkereien normalerweise Familienbetriebe, wobei eine Familie nur ein paar Milchkühe züchtet. Die Milchsammelstellen kaufen die Frischmilch von den Bauern und liefern sie an den Milchpulverhersteller.

Allgemein wird nun angenommen, dass die Bauern Wasser in die Frischmilch eingemischt hätten, um durch den Einsatz von Melamin den Proteinanteil zu erhöhen. Würde aber jeder Bauer die gleiche Menge Wasser und die gleiche Menge Melamin in die Frischmilch einmischen? Höchst unwahrscheinlich. Wenn man diese unterschiedliche Milch zusammen mischt, würden Probleme auftauchen, die die Milchsammelstelle sofort bemerkt. Zudem verfügen die meisten Bauern auch nicht über  ausreichende chemische Kenntnisse und die technischen Möglichkeiten, das passende Verhältnis zwischen Wasser und Melamin festzustellen. Es lohnt sich von den Kosten her auch nicht für eine Bauernfamilie, die nur ein paar Milchkühe gezüchtet hat, das zu tun. Meiner Meinung nach ist der Milchpulverhersteller am stärksten verdächtig.

Epoch Times: Hat Sanlu wirklich vorsätzlich Melamin in das Milchpulver gemischt — was bedeuten würde, dass das Unternehmen seinen neuseeländischen Partnern diese Tat verheimlicht hat?

Zhou: Nicht nur Sanlu, sondern der ganze Sektor macht das vorsätzlich. Um die Kosten zu reduzieren, hat Sanlu Melamin in das Milchpulver gemischt. Sanlu ist nicht nur gegenüber seinen Kunden untreu geworden, sondern auch gegenüber seinem Partner. Die Unternehmen möchten einerseits die Produktionskosten reduzieren, andererseits müssen die Produkte die behördliche Qualitätskontrolle bestehen, daher müssen sie billigere Chemikalien einsetzen.

Die Unternehmen entwickeln die Techniken, um neue Kontrollmethoden zu umgehen, auch ständig weiter. Wenn wir die Beziehung zwischen den betrügerischen Unternehmen und den Kontrollbehörden mit dem Verhältnis zwischen Mäusen und Katzen vergleichen, sollten die Behörden die Katzen sein, die die Mäuse fleißig fangen. Aber aufgrund der System-Korruption sind die Behörden in der Tat nur faule und feige Katzen, dagegen werden die Mäuse immer mutiger und skrupelloser in der Zerstörung der Lebensmittelsicherheit.

Epoch Times: Wie geht es im Melamin-Skandal weiter?

Zhou: Das Pekinger Regime versucht bei jedem Skandal so schnell wie möglich die Sache aus der öffentlichen Aufmerksamkeit zu entfernen. Dieser Skandal bildet da keine Ausnahme. Die chinesischen Medien haben kurz nach dem Ausbruch des Sanlu-Skandals schon die Propaganda in diese Richtung gestartet. Die Konsequenz dieser Vorgehensweise ist, dass das nächste Unheil noch schneller und auf noch schlimmere Weise kommen wird. Es heißt oft: Papier kann Feuer nicht einpacken. Dabei würde nicht nur das Papier verbrannt, sondern auch die Hände der Person, die mit dem Papier das Feuer einpackt.

Epoch Times: Welche Rolle spielt dabei das Propagandaministerium?

Zhou: Nach dem Skandal des „Zhi Baozi“ (Dampfbrot mit Pappkarton-Füllung statt Fleischfüllung) hat das Propagandaministerium den Begriff „Du Shiping“ (vergiftetes Lebensmittel) als „Min Gai Ci“ (sensibles Wort) eingestuft. Seitdem gibt es keinen Medienbericht über vergiftete Lebensmittel mehr. Ich habe damals schon vorher gesagt, dass aufgrund dieser Entscheidung des Propagandaministeriums das Lebensmittelsicherheitsproblem immer schlimmer werden würde. Der Sanlu-Skandal war für mich überhaupt nicht überraschend.

Das Propagandaministerium hat nicht nur zum Unheil mit dem verunreinigten Milchpulver beigetragen. Es ist immer noch dabei, der bösen Tat Vorschub zu leisten.

Ich habe mich hoffnungslos gefühlt, als ich die so genannten Medizinexperten im Fernsehen sah. Sie sprachen, anscheinend überzeugt,  zu den Zuschauern, dass die Nierensteine nicht so schmerzhaft seien. Man müsse nur viel Wasser trinken, und die Steine würden schon ausgeschieden, wenn man öfter mal hüpft. Hätten die Kinder Gift getrunken, wären sie sofort gestorben. Aber nun haben die Kinder nicht direkt Gift zu sich genommen, sondern kontaminiertes Milchpulver. Sie sterben zwar nicht, bekommen aber Nierensteine. Man weiß nicht, was mit dieser Chemikalie in dem kleinen Körper passieren wird? Passiert etwas in zwei, drei Jahren, wer trägt dann noch die Verantwortung? Wer kümmert sich noch darum, wie es den Kindern geht, die vor drei Jahren wegen schlechten Milchpulvers dick gschwollene Köpfe bekommen haben? Nichts wird mehr von ihnen berichtet werden.

Epoch Times: In mehreren Ländern wurde Melamin in Milchprodukten aus China gefunden. Die Waren werden zurückgerufen. Was können die westlichen Länder Ihrer Meinung nach noch tun?

Zhou: Wenn die Maßnahmen der westlichen Ländern sich nur darauf beschränken, die Milchprodukte aus China nach Melamin zu testen, finde ich sie zu oberflächlich. Das ist nur eine kurzsichtige und gegenüber den Verbrauchern auch keine verantwortungsvolle Handlung. In der modernen Lebensmittelindustrie wird es allgemein anerkannt, dass das Sicherheitsproblem nicht an den Lebensmitteln liegt, sondern an den chemischen Zusatzstoffen, die in unserem jetzigen Leben unvermeidbar sind.

Weil die Produktion der meisten chemischen Zusatzstoffe schwere Umweltverschmutzungen verursacht und keinen großen Profit gebracht hat, werden 80 Prozent der chemischen Lebensmittelzusatzstoffe der Welt in China hergestellt. Oft werden diese Zusatzstoffe sogar von den westlichen Importeuren mit westlichen Etiketten beklebt. Selbst wenn die westlichen Länder keine Lebensmittel aus China importieren, aber die in China hergestellten unsicheren Zusatzstoffe benutzen würden, wären die so genannten westlichen Lebensmittel auch nicht sicher.

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Vor vier Jahren habe ich bereits in meinem Buch auf diese versteckte ernsthafte Gefahr hingewiesen und an die westlichen Regierungen appelliert, dem Aufmerksamkeit zu schenken. Ich sage immer, dass die riesigen Investitionen westlichen Kapitals in China, in ein Land mit einer völlig chaotischen und korrupten Regierung ohne jeglichen funktionierenden Kontrollmechanismus, den Schaden auf die ganze Welt ausgeweitet hat. In ihrem eigenen Interesse sollten die westlichen Regierungen zumindest das chinesische Regime auffordern, die Pressefreiheit für den Lebensmittelbereich einzuführen.

Epoch Times: Gibt es in China beim Essen eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, also bessere Nahrungsmittel für den Export und schlechteres Essen für die Chinesen?

Zhou: Nicht nur zwei Klassen, sondern fünf Klassen. Das beste Essen wird nach Nordamerika und Europa exportiert, das zweitbeste geht nach Japan, Korea und andere asiatische Länder, das drittbeste wird nach Shanghai, Peking und einige weitere große Städte gebracht, das viertbeste in die Mittel- und Kleinstädte, und das allerletzte landet auf dem Land.

Epoch Times: Leben die Chinesen jetzt besser und gesünder als früher?

Zhou: Menschen unterscheiden sich dadurch von den Tieren, dass sie einen menschlichen Geist besitzen. Wenn man nicht frei denken darf, kann das Leben der Menschen nicht als „Leben“ angesehen werden, sondern nur als „Überleben“. Etwas mehr zu Essen zu haben, bedeutet nicht, besser zu leben.

Neben dem gesunden Körper finde ich den gesunden Geist noch wichtiger. Laut aktuellen Angaben des chinesischen Gesundheitsministeriums begehen jährlich rund 400.000 Menschen in China Selbstmord. Der nicht gesunde Geist ist auch ein wichtiger Faktor, der den alarmierenden Lebensmittelsicherheitszustand herbeiführt.

In meiner Kindheit habe ich selten von Krebskranken gehört, aber jetzt hört man überall von ihnen. Die verunreinigten Lebensmittel sind eine der größten Ursachen für die Krebserkrankungen.

Epoch Times: Gibt es in China denn noch essen, das man bedenkenlos zu sich nehmen kann?

Zhou: Die Chinesen sagen: „Das Essen ist der Himmel des Volkes“. Die einfachen Menschen haben den letzten Rest an Sicherheitsgefühl verloren – eine Situation, in der es wohl nicht übertrieben ist, von „Lebensmittelpanik“ zu sprechen: Der Perlreis wird mit Mineralöl zum Glänzen gebracht dem Mehl wird Chemie beigemischt, beim Obst werden Reifungs- und Wachstumsmittel verwendet, das Gemüse wird überspritzt – wer kann da angesichts der Lage bei der Lebensmittelsicherheit noch in aller Ruhe seine Stäbchen zücken?

Epoch Times: Was bedeutet das für die Zukunft der chinesischen Gesellschaft?

Zhou: Ein chinesischer Spruch lautet: „Das Wasser kann das Schiff befördern, es kann auch das Schiff umstürzen.“ Das Lebensmittelsicherheitsproblem könnte der Zündstoff für die nächsten großen Unruhen der chinesischen Gesellschaft sein. Das Lebensmittel ist die allerletzte Toleranzgrenze des Volks gegenüber diesem diktatorischen Regime. Die Menschen können ohne Gedanken, ohne Meinungsfreiheit wie Schweine leben. Wenn aber die Schweine ständig giftiges Futter bekämen, würden sie doch auch aus dem Stall flüchten, geschweige denn die Menschen!

In der Geschichte gab es dafür nicht wenige Beispiele, wobei es mehrere Machtwechsel aufgrund der schlechten Versorgungslage mit Lebensmitteln gab. Dazu zählt der Kollaps des Zarentums in Russland im Jahr 1918 und der Erfolg des friedlichen landesweiten Widerstandes in Polen im Jahr 1981.

Das Interview führte Maria Zheng.

(Kai Horstmann)
(Kai Horstmann)