Ab nach Paris.Foto: Stefan Noir

Auf der Suche nach der Muse, mitten in Paris

Von 25. Januar 2022 Aktualisiert: 28. Januar 2022 7:31

Ich befinde mich mitten in Paris, in einem kleinen Café und bin wieder am Anfang von etwas, das sehr unterschwellig versucht in mein Leben zu rücken. Wird es mich diesmal auch wieder erdrücken und mir nur noch die Flucht nach innen als einzigen möglichen Ausweg offenbleiben? Menschen kommen, Menschen gehen, Freunde kommen, Freunde gehen, die Vertrautheit mit ihrem damit verbundenen warmen Band des Familiengefühls, alles ist so zerbrechlich, wie dünnes Glas im Glanz der Sonne. – Ist dies der unvermeidbare Lauf all derer Dinge, die uns umgeben, die uns wichtig und teuer wurden?

Aber jetzt sitze ich hier – mitten in Paris. Es ist ein Moment, in dem ich es wieder sehr deutlich spüre, eine Wahrnehmung; vielleicht ist es auch nur der Wunsch aus einem von äußeren Zwängen dominierten Leben zu fliehen? Nein, ich sitze hier, mitten in Paris, die Stadt der Künste und wie gern‘ wäre ich einer von ihnen.

Wann ist man denn einer, einer von ihnen? Wer legt das überhaupt fest? Ich selbst oder ist es durch die Wahrnehmung von außen bestimmt? Irgendwie scheinen wir immer das sein zu wollen, was wir gerade nicht sind und der Wunsch nach mehr ist wohl das ständige Streben, das jeder kennt.

Egal, ich sitze hier, mitten in Paris, bin wieder einmal im Leben am Start von etwas, von dem ich weder das Ziel noch die Richtung kenne, aber diesmal bin ich offen – offen, wie man offener nicht sein kann und vor allem bin ich jetzt frei – jetzt bin ich nur noch für mich selbst verantwortlich – aber wohin mit all dieser Freiheit? Ich muss niemanden fragen, ob ich etwas machen kann, machen darf, wie schön – und total ungewohnt.

Kann gehen, wohin ich will und wann ich will und so sitze ich nun hier mit meiner gesamten Freiheit, mitten in Paris. Ich spüre deutlich den Moment, beobachte die Menschen, rieche die Stadt mit all ihren Düften und sehe viele Menschen, die scheinbar im Automatismus ihres Lebens gefangen zu sein scheinen. Was nehmen sie wahr? Denken all diese Menschen auch so oft nach über ihr Empfinden, über Dinge, die größer sind als sie selbst?

Mitten in Paris, ich habe es gewagt und ich sitze jetzt hier und warte auf etwas. Im Moment spüre ich es ganz deutlich. Ich fühle die Sehnsucht nach irgendetwas, jedoch fehlt mir noch ein passender Name, ein konkreter Sinn und ein konkretes Gespür, um es benennen zu können. Im Moment habe ich noch kein Wort, das dieses Gefühl, diesen Eindruck beschreiben könnte. Es ist irgendetwas, das nicht greifbar, aber dennoch intuitiv spürbar und existent ist.

Ich vernehme meine innere Stimme, die sehr unklar mit mir zu kommunizieren versucht. Diese spezielle Situation, mitten in Paris, dieses Gefühl, ist einerseits anregend, aber zugleich auch etwas seltsam, denn obwohl ich ein neugieriger und interessierter Mensch bin, mag ich das Ungewisse, das Ungreifbare, eigentlich überhaupt nicht. Ich sitze hier, mitten in Paris, im Café und habe all meinen Mut zusammengenommen und bin ganz alleine hierhergefahren, um etwas zu finden, wovon ich noch nicht einmal weiß, ob es das überhaupt gibt – für mich gibt.

Ich kann im Prinzip nur abwarten und schauen, zugegeben, was hier im Café nicht allzu schwerfällt, ich genieße meinen Café, natürlich schwarz, wie immer, mein Skizzenbuch ist aufgeschlagen und der Bleistift liegt – noch unbenutzt – oben auf. Wie es sich wohl entwickeln wird? Gerade in diesem Augenblick weiß ich nur, dass ich hier im Café, mitten in Paris, sitze und bereit bin für das, was auf mich zukommt. Dieser Moment ist greifbar, fassbar, real, echt, mitten im Leben, mitten in meinem Leben, ein kurzer Augenblick, aber er ist real und greifbar.

Vielleicht ist es die Muse, die in mein Leben rückt, diese unbekannte Macht der Inspiration, die schon große Werke ermöglichte und viele Schriftsteller auf den literarischen Olymp katapultierte und wie schön wäre es, wenn die Texte fließen könnten, aber ich kann im Moment nur beobachten und es geistern auch viele – zu viele – Gedanken umher, so dass ich keinen Text zu Papier bringen kann.

Das Kreative will stimuliert werden, so dachte ich mir und wagte den Schritt nach Paris, jetzt sitze ich hier im Café, mitten in Paris, und genieße den Café, aber der Trubel hier und jetzt vor Ort, der lässt mich einfach nicht zur Ruhe kommen und keinen klaren Gedanken fassen. Das normale Leben ist mir fremd – jetzt fremd – da ich hier bin, in der Stadt der Künste, und ich warte auf sie, auf die Muse. Ja, auf die Muse! Falls es sie ist, dann scheint mir, dass sie bei Laune gehalten werden will, vielleicht braucht sie auch das Feuer des Augenblicks, um zu erscheinen – aber all diese Dinge sind jetzt und hier – bei mir, mitten in Paris – in weiter Ferne gerückt.

Wie schön wäre es, wenn die Inspiration bereits hinter der nächsten Häuserecke auf mich warten würde, es könnte auch die Muse sein, die mich wach küsst, aber ich sitze hier in Paris und es kommen nur Gedanken an alle möglichen Dinge; aber nichts von literarischer Bedeutung. Die Suche nach der Muse ist auf einer gewissen Art eine schöne, eine sehr romantische, Vorstellung, ein Traum, der zum Nachdenken und zum Innehalten einlädt.

Manchmal bin ich mir im Leben nicht so sicher, ob man immer den nächsten Schritt auch wirklich gehen sollte, denn ich habe bereits Situationen erlebt, an denen man hätte besser stehen bleiben sollen. Die Frage ist immer, wann hat man den perfekten Punkt erreicht – jetzt sitze ich hier, mitten in Paris und trinke Café und ich bringe keinen klaren Gedanken zu Papier.

Wie gerne würde ich einmal so richtige gute Literatur schreiben, so etwas Richtiges, etwas Großes. Aber vielleicht ist die Vorstellung als Autor sein Dasein zu fristen auch nur eine poetische Vorstellung, die wenig mit der Realität zu tun hat, so eine idealisierte Wunschvorstellung. Viele Dinge im Leben, die man möchte, verlieren ihren Reiz, wenn man sie dann letztendlich bekommt.

Vielleicht ist dieses Habenwollen, dieses Streben, alles nur eine Kompensation. Wie oft träumte ich von einem Leben als bekannter Schriftsteller und wie ungern spiele ich die Rolle eines Realisten – was ist schon real? Zumindest ist im Moment diese Situation in diesem Café, mitten in Paris, real; real ist aber auch, dass ich eine Schreibblockade habe, die schon seit Wochen andauert und Paris meine letzte Hoffnung war, ich bin nun hier und es ist alles beim Alten.

Wo bist du nur, du Muse? Ich bemerke soeben, dass es mich hier in ein Café verschlagen hat, wo überhaupt keine Touristen ihr Unwesen treiben. Ich bemerke dieses ganz besondere Flair dieser Stadt. Ich befinde mich im Paris der Liebe, im Paris der Künste und im Paris der Inspiration.

Plötzlich sitze ich hier am Tisch, der Ort ist noch derselbe, nur irgendwie hat sich schlagartig meine Wahrnehmung verändert, ich beobachte die Menschen, still und unauffällig, höre zu, was sie zu sagen haben, was sie bewegt, was sie erfreut, welche Schicksale und Dramen, welche Freuden und Momente sie erlebten – was sie wohl noch zukünftig erleben werden? Sie sprechen über ihre Vorhaben, ich sitze hier, trinke meinen fast schon kalten Café, immer noch mitten in Paris, und inhaliere den Puls der Zeit.

Ich spüre plötzlich diesen kreativen Nährboden, sauge ihn förmlich auf und habe, fast unbemerkt, den Bleistift ergriffen und schreibe. Mein Blick schweift jetzt im kleinen romantischen Pariser Café umher, das im Stil der 60er seinen ganz speziellen Charme versprüht und ich sitze auf einem abgewetzten und durchgesessenen alten Holzstuhl, der mit Leder besetzt ist, der selbst schon viele bessere Tage erlebt hat, aber ich genieße diesen Charme und es ist jetzt alles so lebendig, es ist so frei und inspirierend, es ist eine andere Welt, mitten in Paris, in diesem Café. Und wie sprach einst der Herr in Goethes Faust: „Es irrt der Mensch so lang er strebt.“ – Ja, ohne Streben kommt alles von selbst, selbst die Muse, mitten in Paris.

Lyrik: Paris (Lutetia)

Die Straßen der Stadt – belebt;
die Rufe nach Freiheit hallen
in allen Gassen.
Sie schallen so mächtig
und so kräftig
wie einst zurück: Liberté, Liberté, Liberté –
ein Sturm,
der Sturm auf die Bastille.
Die Zeichen der Zeit im Bann der Unendlichkeit.
Das alte heilige Gemäuer: abgebrannt.
Notre-Dame
war nicht nur aus Holz;
es war der große Stolz
einer ganzen Nation.
Jetzt herrscht
ein nachdenklicher,
ganz and‘rer Ton.
Wohin ist es entschwunden,
all das große Glück?
Doch auch die schönen Seiten
gab es in all den Zeiten.
Im Café de Flore: philosophiert.
Café de la Paix: den Café probiert –
nur hier schmeckt er nach
dem alten Seelenhafen,
nach der Heimat im fremden Land.
Au revoir – doch stets verbunden
mit dem blau – weiß – roten Band.



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