Karin Peschkas Roman „Dschomba“ – Plädoyer für ein aufrichtiges Miteinander

Um nichts Geringeres als die eigenen Wurzeln geht es in dem Buch von Karin Peschka, erschienen im Otto-Müller-Verlag, Salzburg. Auf der internationalen Buchmesse „Buch Wien“ wird die Autorin diesen Freitag und Samstag daraus lesen.
Titelbild
Autorin Karin Peschka.Foto: Walter Pobaschnig
Von 7. November 2023

Im Roman „Dschomba“ von Karin Peschka wird „das Beheimatetsein in der Fremde“ verhandelt. So heißt es auf dem Buchrücken. Ein Lebensgefühl, welches heute vielen vertraut sein dürfte, betrachtet man die Migrationsströme des letzten Jahrhunderts, die bis heute nicht abreißen.

Spielort der Geschichte, die Peschka über rund 370 Seiten wie mit Mosaiksteinen aufbaut, ist Österreich. Genauer gesagt Eferding, eine Kleinstadt an der Donau unweit von Linz. Detailreich und mit dem Blick für das scheinbar Unwesentliche beschreibt die Autorin Situationen, die bald wie ein Film vor dem inneren Auge vorbeiziehen.

Was liegt darunter

Da ist die jüngste Wirtshaustochter, ein Kind noch, deren Beschreibung der Leser förmlich lauscht, ohne ein einziges Mal das Wort ich zu lesen. Trotzdem weiß man, dass sie aus der Ich-Perspektive erzählt. Es ist ein telegrafischer Stil, in sich sehr konzentriert, ohne bruchstückhaft zu werden. Im Gegenteil – die Situationen wirken plastisch und sind lebendig: wie sie den Großeltern zur Hand geht, in diesem Kosmos, der sich Gasthaus nennt, voller kleiner Handgriffe, voller Beziehungen, voller Gewohnheiten.

„Und Herr Dschomba? Das ist keiner, dem man vors Gesicht springt und sagt: ‚Erzählen sie uns etwas.‘ Und darum geht’s doch, dass jemand erzählt. Nicht von dem, das wir kennen oder kennenlernen könnten von selbst, sondern vom Unerreichbaren, weil zu weit weg, zu lang vergangen.“

Der Roman wechselt leichtfüßig zwischen den 1950er- und 1970er-Jahren und erzählt die Geschichte des Serben Dragan Dschomba und der Kleinstadt Eferding. Allein der sogenannte Serben-Friedhof legt Zeugnis ab von dem großen Kriegsgefangenenlager während des 1. Weltkriegs von 1915 bis 1918. In seinem Ausmaß so groß, dass es damals mit seinen Baracken und Lagerstraßen eine Stadt neben der Stadt bildete.

Heute liegt an jener Stelle die Erde wieder in Schollen gebrochen und wartet darauf, Pflanzen und damit Nahrung wachsen zu lassen. Doch ebendort sucht Dschomba Kontakt zu seinen familiären Wurzeln.

Differenzierte Beobachtung

Trotz dieser schweren Vergangenheit versöhnt der Roman den Leser mit dem Menschsein. Denn die Stärke des Romans von Karin Peschka besteht in der einfühlsamen Beobachtung menschlicher Beziehungsgeflechte. Jedes hartherzige Verhalten gegenüber den Mitmenschen zieht Kreise gleich einem ins Wasser geworfenen Stein, berührt andere Kreise, setzt sich fort. Unvermutet tritt das Resultat an anderer Stelle wieder zutage, verhärtet sich, verletzt wieder andere.

Doch gibt es immer wieder mutige Menschen, die diese unglückselige Kette durchbrechen. Einer von ihnen ist Dragan Dschomba, ein anderer der Dechant Herbert Genzl – betraut mit den seelsorgerischen Belangen der Kleinstadteinwohner –, und dessen Haushälterin Agnes sowie viele weitere Eferdinger.

Die Charaktere des Romans werden für den Leser Weggefährten, die zeitlebens begleiten können – und erinnern, dass alles Geschichte und Geschichten in sich trägt. Erst durch deren behutsames Freilegen ist eine Annäherung an so etwas wie Wahrheit möglich. Es ist die Offenheit gegenüber dem Neuen, dem Anderen, ohne die eigene Identität dabei zu verlieren, die durch die Zeilen spricht.

Vielfach beachtet

So nimmt es nicht Wunder, dass dieser Roman auf der Longlist für den österreichischen Buchpreis 2023 nominiert war. Auf der ORF-Bestenliste fand sich „Dschomba“ im Mai und Juni dieses Jahres auf Platz eins und für die Hotlist 2023, die unabhängige Verlage auszeichnet, wurde er ebenfalls nominiert. Außerdem setzte es der „Deutschlandfunk Kultur“ im September 2023 auf seine Buchempfehlungsliste.

Für ihre Arbeit am Roman „Dschomba“ erkannte die Stadt Wien Karin Peschka von 2020 bis 2023 das Robert-Musil-Stipendium zu. Wer sie bei Lesungen aus eben diesem Roman, der durchaus auch biographische Elemente enthält, erleben möchte, kann dies am:

10. November 2023: Buch Wien, 17:00 Uhr, „3sat“-Bühne, Halle D

11. November 2023: Buch Wien, 17:00 Uhr, „Der Standard“-Bühne, Halle D

28. November 2023: Kulturverein KiK, Ried im Innkreis/Österreich

„Dschomba“
Roman (2023 / 2. Aufl.)
376 Seiten, gebunden, Otto-Müller-Verlag, Salzburg
26,- € (E-Book: 21,99 €)
ISBN 978-3-7013-1303-7

 

 

 

 

 



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